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Religion in einer differenzierten Gesellschaft

Wissenschaftlicher Aufsatz 2002 11 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Funktionale Differenzierung

3. Individualisierte Religion

4. Funktion oder Leistung

5. Schlußbetrachtung

Literatur

1. Einführung

Ich möchte mich in dieser Arbeit mit Bezug auf Niklas Luhmann der Situation der Religion bzw. des Religionssystems in einer funktional differenzierten Gesellschaft widmen.

Im Titel des Hauptseminars wird die Frage gestellt, wie viel „Staat“ die Religionen brauchen. Ich denke, daß eine Positionsbestimmung der Religion in der Gesellschaft zur Beantwortung dieser Frage beiträgt. Es sollte geklärt werden, welche Funktionen von den Religionen wahrgenommen werden oder welche Anforderungen an sie gestellt werden. Religion muß beschrieben werden können, braucht also eine Identität. Erst durch eine Trennung von „Staat“ und Religion kann eine Wechselwirkung zwischen diesen beiden untersucht werden.

Da der Prozeß der funktionalen Differenzierung ein zunächst abendländisches Phänomen war, will ich mich hier auch auf die Entwicklung im christlichen Bereich beschränken. Auch wenn es sich in erster Linie um theoretische Überlegungen handelt, so sind konkrete Entwicklungen doch dem okzidentalen Raum entnommen.

2. Funktionale Differenzierung

Eine funktional differenzierte Gesellschaft zeichnet sich durch eine Einteilung in verschiedene Funktionssysteme aus. Diese nehmen in der Gesellschaft oder dem Gesellschaftssystem jeweils verschiedene Funktionen war. Es handelt sich hierbei um in sich geschlossene Systeme, die „ihre Operationen autopoietisch schließen, indem sie sich an ihrer Funktion und an ihrem Code orientieren und andere kognitive oder normative Gesichtspunkte nur auf der Ebene ihrer Programme berücksichtigen.“[1]

Da Funktionssysteme autonome, operativ geschlossene Gebilde sind, sehen wir in einer funktional differenzierten Gesellschaft ein innen/außen-Schema verwirklicht. Für ein spezielles Funktionssystem, z.B. das Religionssystem, stellen sich andere Funktionssysteme „nur“ als äußere Umwelt dar. Für die Selbstbeschreibung und, um die eigene Funktion zu konkretisieren, ist es jedoch wichtig zu klären, welche Bereiche der Gesellschaft zu dem jeweilig eigenen System gehören und welche innergesellschaftliche Umwelt sind. Luhmann schreibt hierzu mit Blick auf das Religionssystem:

„Denn offensichtlich kann die Religion für ihre Selbstbeschreibung Bestimmtheitsgewinne nur erzielen, wenn sie genauer angeben kann, was damit ein- und was ausgeschlossen ist.“[2]

In speziellem Bezug auf das Religionssystem benutzt Luhmann für die Trennung und (Selbst-)Beschreibung dieses Funktionssystems und der innergesellschaftlicher Umwelt den Begriff Säkularisierung.

Die Grenzziehungen in einer funktional differenzierten Gesellschaft bedeuten auch einen Verlust von Möglichkeiten der Einflußnahme auf andere Funktionssysteme. Es können also verschiedene, zuvor ausgefüllte Funktionen nicht mehr wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund ist es besonders nötig, daß sich ein Funktionssystem auf seine eigene Funktion besinnt.

Luhmann sieht die Religion bzw. das Religionssystem seit der Mitte des 16. Jahrhunderts mit dem Prozeß der funktionalen Differenzierung konfrontiert. Auch wenn dieser Prozeß von Seiten der Religion nicht betrieben, sondern eher erlitten wurde, mußte sie doch auf verschiedene neue Situationen reagieren. Ich möchte hier nur auf ein paar Aspekte eingehen.[3]

Zum einen wurde eine Nichtidentität von Gesellschaftssystem und Religionssystem deutlich. Es fehlte also von Seiten des Religionssystems eine klare Grenzziehung zwischen Religion und Umwelt. Als eine erste Reaktion sieht Luhmann eine Verfestigung der Orthodoxie.

„Die Orthodoxie muß die gleichbleibenden oder nur wenig gewandelten Inhalte jetzt unabhängig davon behaupten, ob sie auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens benutzt und in Anspruch genommen werden.“[4]

Ferner werden, zur Bewahrung der Offenbarung, Glaubensmittel nicht mehr nur tradiert, sondern, um den veränderten Umständen stand zu halten, reproduziert. Dies wiederum hat eine Straffung der organisatorischen Mittel (wie z.B. in der katholischen Kirche der klerikalen Ausbildung) zur Folge.

Das Religionssystem sieht sich zum anderen einer zunehmende Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems gegenüber individuellen Personen konfrontiert. Hierin findet sich wohl einer der entscheidenden Unterschiede zwischen funktional und traditional differenzierten Gesellschaften.

In segmentierten und stratifizierten Gesellschaften sind Personen bestimmten Teilsystemen der Gesellschaft, wie Verwandtschaftsgruppen, Haushalten oder Schichten fest zugeordnet. Eine solche feste Zuordnung ist in funktional differenzierten Gesellschaften nicht möglich.

„Personen lassen sich nicht funktionalisieren im Sinne einer festen und exklusiven Zuordnung zu bestimmten gesellschaftlichen Funktionen.“[5]

Jedes Funktionssystem muß grundsätzlich für jede Person zugänglich sein. Außerdem ist man nicht mehr automatisch Teil eines bestimmten Teilsystems der Gesellschaft. Das bedeutet jedoch, daß die Entscheidung zur Teilnahme an einem Funktionssystem bei einer Person liegt.

Das Religionssystem steht nun vor dem Problem, daß eine fehlende oder vorhandene Mitgliedschaft in demselben weder positive noch negative Folgen für eine gewünschte Mitgliedschaft in einem anderen Funktionssystem hat. Eine fehlende Teilnahme z.B. am Erziehungssystem würde sich auf den Eintritt in diverse andere Funktionssysteme recht negativ auswirken.

[...]


[1] Luhmann, Niklas: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt am Main 2000, S. 286

[2] Ebda.: S. 282

[3] Vgl.: Luhmann, Niklas: Funktion der Religion. 5.Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 256 ff

[4] Ebda.: S. 257

[5] Ebda.: S. 236

Details

Seiten
11
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638135177
ISBN (Buch)
9783656203704
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5720
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Religionswissenschaftliches Seminar
Note
3
Schlagworte
Religion Gesellschaft Hauptseminar Politik Staat Religionen Beispiele Probleme

Autor

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