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Mikropolitik – Verstehen oder Erklären? Der Erkenntnisgewinn der Strategischen Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Strategische Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg

3. Die Erklärungskraft des Ansatzes

4. Schlussfolgerungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Organisationen sind heute ein zentrales, wenn nicht sogar das konstituierende Element moderner Gesellschaften. Charles Perrow ging bereits 1991 soweit zu behaupten, dass große Organisationen die Gesellschaft absorbiert hätten und als ihr Surrogat fungierten. Obwohl diese weitreichende These, die auf Lohnabhängigkeit, der Externalitätenlogik und auf hierarchischer Bürokratie basiert, kaum noch zeitgemäß und daher diskussionswürdig ist, kann doch jeder Einzelne leicht die herausragende gesellschaftliche Stellung von Organisationen nachvollziehen. Indem man sich überlegt, welchen und vor allem wie vielen Organisationen man selbst angehört oder verbunden ist, wird deutlich, wie weitgehend der individuelle Alltag strukturiert bzw. „organisiert“ ist. Zu denken sei zum Beispiel an den jeweiligen Arbeitgeber oder die Gemeinde, an das Land und den Staat, in dem man lebt. In Betracht zu ziehen sind auch Parteien, Verbände oder Sport- und sonstige Vereine. Zu betonen ist weiterhin, dass man sich einer solchen „Organisiertheit“ kaum entziehen kann, da häufig Zwangs- oder zumindest wenig selbst bestimmte Mitgliedschaften bestehen. Ein Beispiel dafür ist u.a. die Krankenversicherungspflicht.

Alle beispielhaft aufgeführten Systeme – die Liste ließe sich beliebig erweitern – zeichnen sich durch spezifische Ziele, eine geregelte Arbeits- bzw. Beitragsteilung und mehr oder weniger feste Grenzen aus. Ohne theoriegeleitenden Definitionen vorweggreifen zu wollen, lassen sie sich somit im allgemeinen Sinne als Organisationen begreifen (vgl. Schreyögg 1996: 9-11).

Es ist also kaum verwunderlich, dass Organisationen das Interesse der Sozialwissenschaften – in der weitesten Bedeutung dieser Kategorisierung – erwecken. Im Sinne des methodologischen Individualismus und vielleicht auch vor dem Hintergrund der Olson’schen Erkenntnis, dass sich individuelles und kollektives Interesse fundamental unterscheiden, richtet sich der Blick dabei vermehrt auf die Zusammenhänge von Individuum und Organisation. Ein dem entsprechender Forschungszweig kann unter dem Etikett Mikropolitik zusammengefasst werden (siehe dazu die Einführung von Bogumil und Schmid 2001). Hierbei wird versucht, Politikwissenschaft und Organisationstheorie zu verbinden, indem davon ausgegangen wird, dass organisatorische Prozesse als Ausgleichs- und Aushandlungsprozesse, also als Wege zur individuellen Interessendurchsetzung zu verstehen sind (Bogumil und Schmid 2001: 29). Mikro-Politik meint folglich nicht die Größe des Phänomens sondern vielmehr die Perspektive aus der es betrachtet wird. Durch das Aufdecken der Phänomene auf der Mikroebene soll die Dynamik auf der Makroebene verständlich gemacht werden (Neuberger 1995: 14-15). Anders gesagt wird organisationales Handeln als Ergebnis der Politik innerhalb der Organisation veranschaulicht. Folglich basieren mikropolitische Ansätze auf einer akteurszentrierten Perspektive ohne die Zweckorientierung der Organisation grundsätzlich in Frage zu stellen. Um es in den Worten von Willi Küpper und Günther Ortman (1988/1992: 7) auszudrücken:

„Dass es ihnen [den innerorganisatorischen Akteuren, Anm. des Autors] um die Sache nicht ginge, läßt sich nicht behaupten; aber immer läuft mit: der Kampf um Positionen und Besitzstände, Ressourcen und Karrieren, Einfluß und Macht.“

Eine Studie die im Rahmen dieses Forschungszweiges Resonanz gefunden hat, ist die Analyse der Wahlkampfstrategiebildung der SPD 1965 und 1986/87 von Thomas Krebs (1996). Krebs benutzt die sog. Strategische Organisationsanalyse, einen Ansatz von Michel Crozier und Erhard Friedberg, um die Wahlkampfstrategien akteurszentriert als das Ergebnis innerorganisatorischer politischer Prozesse zu erklären[1]. Vor diesem Hintergrund möchte die vorliegende Arbeit die Erklärungskraft des Ansatzes von Crozier und Friedberg zur Diskussion stellen. Indem die herausragende gesellschaftliche Bedeutung von Organisationen und die Notwendigkeit einer akteurszentrierten Betrachtungsweise als gegeben betrachtet wird, stelle ich die Frage, ob und welcher Erkenntnisgewinn durch die Strategische Organisationsanalyse erzielt werden kann.

Dazu wird der nachfolgende Abschnitt diesen Ansatz im Detail vorstellen, woraufhin im dritten Abschnitt seine Grenzen aufgezeigt werden. Im abschließenden Teil sollen diese Ergebnisse zusammengefasst und kommentiert werden.

2. Die Strategische Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg

Die Publikation, in der Michel Crozier und Erhard Friedberg ihren Ansatz zum Verständnis der Funktionsweise von Organisationen darlegen, wird heute zumeist als Klassiker der Organisationstheorie gewertet. Dies mag daran liegen, das es sich dabei um ein frühes Werk handelt, dass von einer systemischen und funktionalistischen Sichtweise der Organisationtstheorie, wie sie zum Beispiel von Frederick Taylor vertreten wurde, abweicht (Crozier und Friedberg 1979/1993: 56). Der Fokus der Autoren liegt vielmehr auf dem einzelnen Akteur innerhalb der Organisation, was durch den Titel der Originalausgabe L’Acteur et le Systéme verdeutlicht wird.

Behauptet man allerdings die Notwendigkeit einer Konzentration auf Individuen, unterstellt man natürlich das Vorhandensein unterschiedlicher Individualziele. Nach Bogumil und Schmid (2001: 56, Fußnote) stellt die Aushandlung bzw. der Ausgleich solcher variierender Individualpräferenzen die Essenz des politischen Prozesses dar. Gerade wegen der Fokussierung auf den individuellen Akteur, kann der Ansatz von Crozier und Friedberg also als mikropolitisch im oben dargelegten Sinne qualifiziert werden. Obwohl die Autoren einen ausschweifenden, schon fast als narrativ zu bezeichnenden Stil pflegen, lässt sich ihr Ansatz relativ systematisch anhand drei zentraler Konzepte darstellen.

Das grundlegende, konstituierende Konzept des Ansatzes ist das der Macht. Für Michel Crozier und Erhard Friedberg, deren Forschungs- und Interessengebiete sich weitgehend auf dem Feld der Soziologie bewegen, ist Macht der wesentliche Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Beziehung (sehr deutlich bei Friedberg 1988: 41). Zieht man nun die akteurszentrierte Perspektive auf die Organisation in Betracht, wird deutlich, welche essentielle Stellung dieses Konzept innehat:

„Jede ernstzunehmende Analyse kollektiven Handelns muß also Macht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen, denn kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik. Macht ist ihr ‚Rohstoff’.“ (Croizier und Friedberg 1979/1992: 14).

Auf den ersten Blick mag das auf eine kulturpessimistische Sichtweise der Autoren hindeuten. So wird der Begriff Macht und entsprechende Zusammensetzungen wie Machtpoker oder Machtspiele im Alltagsgebrauch mit deutlich negativen Konnotationen verbunden. Um sich allerdings der strategischen Organisationsanalyse zu nähern, ist es notwendig, den Begriff der Macht zu „enttabuisieren“ (Friedberg 1988/1992: 40). Dazu abstrahieren Crozier und Friedberg die Macht von ihrer Quelle[2]. Macht wird im weiten Sinne aufgefasst als die Möglichkeit von einzelnen Menschen oder Koalitionen auf andere Menschen Einfluss zu nehmen (Crozier und Friedberg 1979/1992: 39). Es wird deutlich, dass sich Macht folglich nur dort ergibt, wo Menschen miteinander in Beziehung treten (ibid.). Anders gesagt, wenn es niemanden gibt, der beeinflusst werden kann, hat der Einzelne auch keine Macht. Indem sie diesen Grundgedanken – Macht kann nicht als Eigenschaft begriffen werden – mit der Annahme verbinden, dass keine Beziehung ohne Austausch existiert, ist das Machtkonzept für Crozier und Friedberg immer zweiseitig. (ibid.: 40-41; Friedberg 1988/1992: 41). Die Beziehung generiert irgendeine Form von Nutzen für alle Beteiligten wobei einzelne Akteure strukturell begünstigt sind, im Austausch also von positiven ‚terms of trade’ begünstigt und somit im Sinne des Ansatzes mächtig sind.

Letzteres sollte allerdings nicht zu der Ansicht verleiten, dass die Autoren dem einzelnen Akteur vollkommene Rationalität unterstellen. Vielmehr gehen sie von der begrenzten Rationalität nach Herbert Simon aus (Crozier und Friedberg 1979/1992: 33). Diese Idee widerspricht der klassischen ökonomischen Sichtweise, indem sie dem Menschen die Fähigkeit abspricht zu optimieren. Begründet wird das mit begrenzter Handlungsfreiheit und vor allem begrenzten Wissen über alle möglichen Entscheidungsalternativen. Als Folge dieser ‚Mängel’ wird angenommen, dass der einzelne Akteur sequentiell entscheidet und nicht die optimale, sondern die erste befriedigende Problemlösung wählt (das sog. ‚satisficing’). Basierend auf dieser Argumentation bauen Crozier und Friedberg ihr zweites zentrales Konzept auf. Mit der Strategie bzw. dem strategischen Verhalten richtet sich der Fokus auf den individuellen Akteur innerhalb der Organisation.

Sowohl die Definition der zweiseitigen Macht als auch das Rekurrieren auf Simon zeigen, dass Crozier und Friedberg dem Akteur dabei ein Grundmaß an Autonomie unterstellen – prinzipiell kann er also aktiv entscheiden. Auch wenn er in einer sozialen Beziehung strukturell benachteiligt ist, ist sein Verhalten niemals vollständig determiniert, selbst Passivität ist folglich als gewählt zu betrachten (Crozier und Friedberg 1979/1992: 33 sowie 25-27). Nichtsdestotrotz schränken die Autoren das Rationalitätskonzept noch weitaus mehr ein als es Herbert Simon getan hat. Indem dem Individuum kohärente und konsistente Ziele abgesprochen werden, wird Zweckrationalität nahezu vollkommen verneint. Individuelle Planungen, d.h. Ziele und einzusetzende Mittel seien „vielfältig, mehr oder weniger vieldeutig, explizit und widersprüchlich“ und änderten sich zudem im Zeitverlauf (Crozier und Friedberg 1979/1992: 33). Dennoch wird von einem „sinnvollen Verhalten“ (ibid) des Akteurs ausgegangen. Dieser sei zwar nicht in Bezug auf Ziele aber in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten (begrenzt) rational. Für eine individuelle Entscheidung sei der wahrgenommene Kontext dieser Handlungsmöglichkeiten maßgeblich, der sich durch das Verhalten der anderen Akteure und die strukturellen Bedingungen der Beziehungen zu Ihnen ergibt (ibid: 33-34). Das resultierende Verhalten ist dabei offensiv und defensiv zugleich. Der Akteur versucht Handlungsmöglichkeiten so zu nutzen, dass er seinen bestehenden Handlungsspielraum verteidigt und erweitert (ibid.: 34).

[...]


[1] Zwei Anmerkungen sind an dieser Stelle notwendig. Erstens sollte dem Faktum, dass es sich bei der SPD natürlich um eine an sich politische Organisation handelt, keine zu große Bedeutung beigemessen werden. Der Anspruch mikropolitischer Ansätze geht weit darüber hinaus und sollte nicht mit dem klassischen Gegenstandsbereich der Politikwissenschaft verwechselt werden. So wenden z.B. Ortmann et al. (1990) den Ansatz von Crozier und Friedberg auf den Computereinsatz in der Privatindustrie an.

Zweitens muss angemerkt werden, dass die Anwendung des Ansatzes auf die umfangreichen Fakten aus der Empirie bei Krebs kaum bis gar nicht erfolgt. Obwohl er diesen Anspruch hat und den Ansatz auch umfangreich und nachvollziehbar darlegt, spielen die theoretischen Begriffe im empirischen Teil so gut wie keine Rolle.

[2] Diese Vorgehendweise entspricht im Prinzip den Machtdefinitionen von Max Weber und Robert A. Dahl – wobei hier Macht konsequenterweise nicht als Attribut eines Akteurs, sondern als „wesensgleich“ mit zwischenmenschlicher Beziehungen verstanden wird.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638516723
ISBN (Buch)
9783638742122
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57150
Note
1,0
Schlagworte
Mikropolitik Verstehen Erklären Erkenntnisgewinn Strategischen Organisationsanalyse Crozier Friedberg Machtprozesse Organisationen

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Titel: Mikropolitik – Verstehen oder Erklären? Der Erkenntnisgewinn der Strategischen Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg