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Die zeitgenössische Rezeption von Thomas Manns "Buddenbrooks"

Seminararbeit 2006 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Buddenbrooks in ihrem literarischen Umfeld
2.1 Der Versuch einer literarischen Klassifizierung
2.2 Jörn Uhl vs. Buddenbrooks – Zeitgenössische Romanvorstellungen im Vergleich
2.3 Kritikerstimmen zum Verhältnis Jörn Uhl vs. Buddenbrooks bzw. Frenssen vs. Mann

3. Positive Rezeption
3.1 Otto Grautoff in den Münchner Neuesten Nachrichten
3.2 Samuel Lublinski im Berliner Tageblatt und in Die Bilanz der Moderne
3.3 Rainer Maria Rilke im Bremer Tageblatt und im Generalanzeiger
3.4 Kurt Martens im Literarischen Echo
3.5 Max Lorenz in den Preußischen Jahrbüchern

4. Negative Rezeption
Hermann Anders Krüger in Die Schöne Literatur
Alois Stockmann in Stimmen aus Maria Laach
Artur Eloesser in der Neuen Rundschau

5. Schlusswort

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit der zeitgenössischen Rezeption des Romans Buddenbrooks von Thomas Mann beschäftigen. Der Zeitraum, den ich insbesondere behandeln werde, liegt zwischen dem Jahr 1902 und dem Jahr 1904. Danach kann die erste und entscheidende Phase der Buddenbrooks-Kritik als abgeschlossen gelten. Nach 1904 wurde der Roman zwar noch - nachdem sich ein Publikumserfolg bereits abgezeichnet hatte - von zweitrangigen Kritikern kleinerer Blätter rezensiert, die große Presse allerdings wandte sich bereits Thomas Manns nächsten wichtigen Publikationen zu (Tristan 1903, Fiorenza 1906).[1] Interessant erscheint mir gerade die frühe Rezeption deshalb, weil Thomas Mann zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch ein unbekannter Schriftsteller war und sich die Rezensionen deswegen fast ausschließlich auf das Werk selbst beziehen, ohne dabei den Ruhm des Autors zu berücksichtigen. Viele der ersten Rezensionen sind deshalb besonders neutral bzw. ehrlich gegenüber der schriftstellerischen Leistung des Autors – manchmal erscheinen sie auch ein wenig naiv bzw. respektlos. Die Rezensenten trauten sich zu Beginn von Thomas Manns Karriere noch Dinge beim Namen zu nennen, was sie später, nachdem Thomas Mann bereits große Erfolge gefeiert hatte, eher vermieden.

Im Allgemeinen wurde die frühe Rezeption der Buddenbrooks nicht intensiv in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert, und erst das neu aufkommende Interesse an Rezeptionsgeschichte als Wissenschaftsgebiet hat dazu geführt, dass man sich verstärkt mit den frühen Rezensionen der Buddenbrooks befasst hat.[2]

Die erste Auflage der Buddenbrooks bei S. Fischer wurde auf 1000 Exemplare bemessen und erschien im Oktober 1901 zu einem Preis von geheftet 12 Mark und gebunden 14 Mark. Während des ersten Jahres wurden alle Exemplare abgesetzt. Doch erst mit der zweiten Edition von 1903 wurde der große Durchbruch erzielt. Sie erschien einbändig, auf dünn gedrucktem Papier und zum halben Ladenpreis für 5 bzw. 6 Mark. Diese Auflage war so schnell vergriffen, dass Nachdrucke produziert werden mussten. Bis Anfang 1904 wurden insgesamt 18000 Exemplare verkauft.[3] Bereits 1903 bzw. 1904 lag der Roman in dänischer bzw. schwedischer Übersetzung vor.[4]

Die Anzahl der Rezensionen in der literarischen Tageskritik war zu Beginn noch gering, denn der Roman litt unter dem Handicap der Detailfülle, und viele Rezensenten schreckten vor dem „Mammut-Roman“ eines literarischen Neulings zurück.[5] Während des ersten Jahres, bis Ende 1902, sind nur 18 Besprechungen der Buddenbrooks nachgewiesen, nach dem Erscheinen von Heinrich Manns Schlaraffenland jedoch waren bereits wenige Wochen später 30 Rezensionen über die Buddenbrooks gedruckt worden[6], was sich sicherlich auch auf die damalige Popularität von Thomas Manns Bruder zurückführen lässt.

Besonders dem renommierten Namen von S. Fischer und Thomas Manns Freunden unter den Rezensenten ist es zu verdanken, dass in den ersten drei Jahren nach Erscheinen immerhin insgesamt 37 Besprechungen in der Presse erschienen sind.[7]

In meiner Arbeit möchte ich mich zunächst mit dem literarischen Umfeld der Buddenbrooks beschäftigen. Dabei werde ich auf die Romane verweisen, die am Anfang des letzten Jahrhunderts bei den Kritikern und den Lesern besonders beliebt waren. Außerdem werde ich auf die literarische Klassifizierung des Romans in dieser Zeit eingehen. Stichworte hier sind der Roman Jörn Uhl von Gustav Frenssen und die Einordnung der Buddenbrooks in die Epoche des Naturalismus. Mit zwei ausgewählten Rezensionen werde ich im zweiten Kapitel außerdem die Rezensenten Gertrud Bäumer und Paul Raché zu Wort kommen lassen, die sich zur Beziehung Mann - Frenssen bzw. Buddenbrooks - Jörn Uhl geäußert haben.

Das dritte Kapitel soll sich mit den positiven Rezensionen der Buddenbrooks befassen. Ich habe mich dabei auf die mir am wichtigsten erscheinenden und auch populärsten Besprechungen von Otto Grautoff, Samuel Lublinski, Rainer Maria Rilke und Kurt Martens konzentriert. Auch die Rezension von Max Lorenz soll erörtert werden, da er sich, anders als die anderen Kritiker, mehr den inhaltlichen Aspekten der Buddenbrooks zugewandt hat und somit einen ebenso wichtigen wie interessanten Blickwinkel vertritt.

Im vierten Kapitel werde ich die negativen Kritiken von Hermann Anders Krüger, Alois Stockmann und Arthur Eloesser beleuchten. Auch sie spiegeln verschiedene Ansätze der Kritik wieder – argumentieren wissenschaftlich und ideologisch. Die Rezension von Alois Stockmann vertritt z.B. eine christlich begründete Ablehnung des Romans. Die Besprechung stammt zwar schon aus dem Jahre 1905, sie erschien mir jedoch, da sie einen weiteren Zugang zum Roman darstellt, erwähnenswert.

2. Die Buddenbrooks in ihrem literarischen Umfeld

Um die frühe Kritik der Buddenbrooks vollständig nachvollziehen zu können, ist es nötig, einen Blick auf den zeitgenössischen Kontext zu werfen bzw. zu hinterfragen, in welchem literarischen Umfeld und Genre die Buddenbrooks gesehen wurden. Was las man 1901, als der Roman erschien? Welche Bücher waren besonders beliebt und hatten den größten Erfolg?

2.1 Der Versuch einer literarischen Klassifizierung

Eine charakteristische Debatte war die der literarischen Klassifizierung des Romans. Die Leser wollten wissen, mit was für einem Roman sie es zu tun hatten und in welche ihnen bekannten Kategorien er passen würde. Die Diskussion über den naturalistischen Aspekt des Romans hängt teilweise mit diesem Orientierungsgedanken zusammen. Naturalismus sagte den Lesern etwas, in stilistischer Hinsicht, hinsichtlich des Fehlens von ästhetischer Bearbeitung und auf ideologischer Ebene, wie z. B. der besonderen Beachtung der Arbeiterklasse (was ja auf die Buddenbrooks überhaupt nicht zutraf). Alois Stockmann z. B. sieht in den Buddenbrooks einen „hoffnungs- und ideenlosen Naturalismus“, den auch andere Kritiker erwähnten. Wenige waren so schnell wie Arthur Eloesser, der das Naturalistische des Romans primär in der speziellen Schreibtechnik sah, nämlich in der „fast wissenschaftlichen Methode der Beobachtung“.[8] Niemand war sich komplett im Klaren über das Verhältnis des Romans zur naturalistischen Bewegung, wobei man sich über den Stellenwert des Naturalismus zu der Zeit generell nicht sehr sicher war, so Hugh Ridley. Schließlich war er in seinen extremen Formen, wie man sie z. B. bei Gerhart Hauptmann findet, schon länger von der Bildfläche verschwunden.[9]

Es gibt nur wenige Zeitzeugnisse im Sinne von frühen Rezensionen und auch frühen Lesermeinungen, die eine Art „Insider-Zugang“ zu dem Roman geben, der für die moderne Kritik von besonderem Interesse wäre. Viele gänzlich unliterarische Leserreaktionen gab es allerdings aus Thomas Manns Heimatstadt Lübeck. Die Lübecker standen dem Roman anfangs überwiegend negativ gegenüber, da sie ihn als Schlüsselroman verstanden und in jeder Figur nach dem realen Äquivalent suchten. Viele, die sich in den Romanfiguren wieder erkannten, fühlten sich vom Autor verspottet und vorgeführt. Bei einem Lübecker Buchhändler konnte man sogar eine Liste kaufen, die die einzelnen Charakteren und deren Vorbilder entschlüsselte. Thomas Mann hat diese Vergleiche jedoch als „recht dumm und falsch“ bezeichnet“.[10]

Besonders die Reaktionen der Leser auf Manns oft verwirrenden Gebrauch der indirekten, freien Rede, der Ironie und die Antwort auf die Frage, ob sich die zeitgenössischen Leser mit den Figuren identifizieren konnten, sind nur wenig bekannt.[11] Leser von beschaulichen Geschichten waren wahrscheinlich nicht unbedingt an den Kornpreisen der 1860er Jahre oder anderen Details des öffentlichen Lebens interessiert, die Mann in seinem Roman beschreibt. Auch die, die sich gerne an die heldenhaften Figuren aus der post-napoleonischen Generation erinnerten, mochten weniger begeistert sein von der Gleichgültigkeit, mit der die Naturalisten den Verfall der historisch antiquierten Klasse beschrieben haben. Diese Vorlieben haben die normalen Leser sowie auch die professionellen Kritiker in ihrer Meinung beeinflusst. Fast keiner der Rezensenten war bereit, den Befreiungsgedanken des Romans zu erkennen, der die typischen bürgerlichen Werte hinter sich ließ. Diese Befreiung findet weniger aus dem Gefängnis der Individualität statt (wie es Thomas Buddenbrook in Kapitel 10, 5 erfährt), sondern eher von den immer bedeutungsloseren Einengungen von sozialen Richtlinien.

Auch wenn der Naturalismus in damaliger Zeit nicht immer negativ betrachtet wurde, überrascht es kaum, dass Thomas Mann nicht sehr darauf aus war, seinen Roman als naturalistisch beschrieben zu wissen.[12]

2.2 Jörn Uhl vs. Buddenbrooks – Zeitgenössische Romanvorstellungen im Vergleich

Vergleichbare Romane, die im Zusammenhang mit Buddenbrooks am häufigsten genannt worden sind, sind Kurt Martens „neuer, sehr ambitionierter und preziöser, aber recht unerheblicher“ Roman Die Vollendung und Gustav Frenssens „gewaltig umfangreicher Bauernroman“Jörn Uhl.[13]

Der Name Gustav Frenssen ist heute wahrscheinlich den meisten Menschen unbekannt. 1901 allerdings war sein Roman Jörn Uhl[14], und nicht Buddenbrooks, der Roman der Saison.

Frenssen wurde am 19.10.1863 in Barlt, Dithmarschen geboren und war somit 12 Jahre älter als Thomas Mann. Nach seinem Theologiestudium in Tübingen und Kiel war er einige Jahre Pfarrer, kam jedoch immer öfter in Konflikt mit der orthodoxen Amtskirche und wandte sich mehr dem Schreiben zu. Mit Jörn Uhl feierte er dann 1901 seinen Durchbruch und wurde zu einem der am meisten gelesenen deutschen Schriftsteller. Bald darauf legte er sein Pfarramt nieder. 1912 wurde Gustav Frenssen sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen. Später wurde er ein Sympathisant der Nationalsozialisten und war ein guter Freund des in Norwegen mit den deutschen Besatzern zusammenarbeitenden norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun.[15]

Bei Jörn Uhl handelt es sich wie bei den Buddenbrooks um eine Familiengeschichte. Die Hauptfigur ist Jörn Uhl, der als jüngster Sohn auf einem holsteinischen Bauernhof aufwächst. Er wird von seinem Vater und seinen Brüdern, die dem Alkohol mehr zugeneigt sind als der Landwirtschaft, vernachlässigt und wächst einsam und alleine auf. Er träumt von dem Besuch des Gymnasiums und kümmert sich doch als einziger darum den Hof vor dem Ruin zu bewahren. Nach einer gescheiterten Beziehung wird Jörn Uhl zu einem zurückgezogenen Außenseiter, erst sein Kriegseinsatz und die darauf folgende Übernahme des Hofes und Heirat lässt ihn wieder zuversichtlicher werden. Es ereilen ihn jedoch noch einige Schicksalsschläge. Seine Frau stirbt im Kindbett, eine Mäuseplage vernichtet die gesamte Weizenernte, seine Schwester flieht nach Amerika, und ein Bruder begeht Selbstmord. Dann vernichtet ein Brand den gesamten Hof, und Jörn fühlt sich auf einmal befreit von all seinen Lastern. Er trifft seine Jugendliebe wieder, studiert Deich- und Kanalbau und Landvermesserei und wird Landvogt, der er schon als Kind hatte werden wollen. Am Ende ist Jörn Uhl doch noch glücklich geworden, weil er, wie es der Erzähler formuliert, „demütig war und Vertrauen hatte“.[16]

Obwohl sich bei Jörn Uhl ähnlich viele, wenn nicht noch schlimmere Schicksalsschläge wie bei den Buddenbrooks ereignen, haben sie doch eine bestimmte Funktion. Sie sind Prüfungen, die der Held besteht, um am Ende sein Lebensziel zu erreichen. Der Roman ist in keiner Weise objektiv, sondern wird vom Erzähler immer wieder auf eine „mystisch-religiöse“ Art kommentiert und mit einer positiven Lebensweisheit unterlegt.

Wenn man bedenkt, dass Gustav Frenssen ein ebenso unbekannter Schriftsteller wie Thomas Mann war, als die Buddenbrooks veröffentlicht wurden, sind die vielen positiven Kritiken und sein durchschlagender Erfolg umso verwunderlicher. Frenssen hatte bis Ende 1902 schon 140.000 Romane verkauft, während es bei den Buddenbrooks lediglich 1000 Exemplare waren.[17]

Die Kritiker lobten besonders die Identität von Literatur und deutscher Volksseele: „Jörn Uhl ist echte Natur, echte Volkspoesie, und darum deutsch, so deutsch, daß wer nicht tief in der germanischen Volksseele wurzelt oder schon vom keltischen und slawischen Geiste angekränkelt ist, die Größe und Eigenart dieser Anschauung niemals zu würdigen wissen wird.“[18]

Nach Hans Wißkirchen handelt es sich bei den Reaktionen auf Jörn Uhl nicht um eine primär ästhetisch orientierte Wahrnehmung, sondern um ganz handfeste weltanschauliche Interessen, die in das Buch hineingelesen und mit Lob verknüpft werden.[19]

[...]


[1] Vgl. Gero von Wilpert (Hrsg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1988, 328f.

[2] Vgl. Hugh Ridley: The Problematic Bourgeois. Twentieth Century Criticism on Thomas Mann’s Buddenbrooks and The magic mountain. Columbia, SC: Camden House 1994, 18

[3] Vgl. Von Wilpert, 319f.

[4] Vgl. Volkmar Hansen: Thomas Mann. Romane und Erzählungen. Stuttgart: Reclam 1993, 13

[5] Vgl. Von Wilpert, 325

[6] Vgl. Peter De Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Erster Teil 1875-1918. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1975, 464

[7] Vgl. Von Wilpert, 325

[8] Vgl. Ridley, 23

[9] Ebd., 30

[10] Hans Wysling und Marianne Fischer (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen: Thomas Mann. Bd. 1 1889-1917. München: Heimeran, 1975, 133 zitiert nach von Wilpert, 323

[11] Vgl. Ridley, 19

[12] Ebd., 24f.

[13] Vgl. De Mendelssohn, 463

[14] Gustav Frenssen: Jörn Uhl. Grote: Berlin 1901

[15] Vgl. Hans Wißkirchen: Die frühe Rezeption von Thomas Manns Buddenbrooks. In: „In Spuren gehen…“. Festschrift für Helmut Koopmann. Hrsg. Von Andrea Bartl, Jürgen Eder [u. a]. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1998, 304f

[16] Vgl. Wißkirchen, 305f.

[17] Ebd., 306

[18] Viktor von Kleinenberg: Jörn Uhl. Roman von Gustav Frenssen. – Ein Begleitwort zur dritten Auflage, in: Hamburger Nachrichten (11.5.1902). Zitiert nach Wißkirchen, 306f.

[19] Vgl. Wißkirchen, 307

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638516068
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57068
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik-Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Rezeption Thomas Manns Buddenbrooks Hauptseminar

Autor

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