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Die Neurobiologie der Emotionen

Hausarbeit 2006 14 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Emotion und körperliche Prozesse
2.1 Phineas Gage
2.2 Elliot

3. Ein Blick in das Gehirn
3.1 Methoden der Gehirnforschung
3.2 Aufbau des Gehirns

4. Der Kurzschlussweg der Angst
4.1 Die Zwei-Wege-Theorie nach Joseph LeDoux

5. Konditionierung der Angst
5.1 Angstreaktionen nach unbewusst wahrgenommenen Reizen
5.2 Die Willensfreiheit des Menschen

6. Unterschiede in der Emotionalität der Menschen
6.1 Individuelle Unterschiede in der Emotionalität
6.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Emotionalität

7. Schluss

8. Bibliographie

1. Einleitung

„Nie zuvor studierten so viele Denker weltweit das kunterbunte Reich der Gefühle. Auf den Fluren philosophischer Institute herrscht derzeit Aufbruchstimmung wie lange nicht mehr: endlich ein Thema, das alle interessiert und jeden beschäftigt.“[1]

Das momentane Interesse an der Erkundung von Phänomenen rund um die Emotionen ist so groß wie nie. In der Anfangszeit der institutionalisierten Psychologie um 1900 war die Beschäftigung mit der Emotion ein beliebtes Themengebiet. John B. Watson, William James, Wilhelm Wundt, Alexius Meinong, Carl Stumpf und William McDougall entwickelten unter anderem Theorien, die bis heute Einfluss haben. Im Zeitraum um 1950 ließ das Interesse der wissenschaftlichen Psychologie an der Emotion deutlich nach, da in dieser Phase die amerikanische Psychologie von den behavioristischen Positionen dominiert wurde. Dabei wurden ausschließlich beobachtbare Reize und Reaktionen als legitimer Gegenstand der Psychologie erachtet. Für den subjektiven Aspekt von Emotionen schien es keinen Platz mehr zu geben. In dieser Zeit sind so gut wie keine Lehrbücher der Emotionspsychologie oder Beiträge in der Fachliteratur erschienen. Jedoch nach dem Niedergang des Behaviorismus und mit der neuen kognitiven Reform der 60er Jahre wurde die Emotionspsychologie spätestens 1980 wieder zentraler Forschungsgegenstand.

Zur Zeit greifen sogar Nachrichtenmagazine und Zeitungen solche Themen auf wie „Das Ich hinter der Stirn“, ein Artikel der Süddeutschen Zeitung in der Rubrik Wissen, in dem anhand der neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften die Frage beantwortet wird, „ob sich in dem Nervenzellgeflecht ein „Ich“ finden lässt, das die geistigen Prozesse steuert.“[2] Auch im Spiegel erschien am 6. März dieses Jahres unter der Überschrift „Zellen zum Gedankenlesen“ ein Interview mit dem amerikanischen Neurologen Vilayanur Ramachandran, der „die Entdeckung der Spiegelneuronen zur Grundlage der Psychologie [erklärt]“[3]. Während diesem Spiegel-Gespräch erläutert Ramachandran seine Ansichten von der Funktion der Spiegelneuronen. Wir bräuchten sie, meint er, um uns in andere Menschen einzufühlen und ihre Absichten ahnen zu können. Diese Einschätzung läuft automatisch und vom Verstand unbemerkt in unserem Gehirn ab. Der Artikel über unser scheinbar unbewusstes inneres Navigationssystem traf offensichtlich auf ein reges Interesse, so dass der Spiegel seine momentan aktuelle Ausgabe mit dem Titel “Gefühltes Wissen – Die Erforschung der Intuition“[4] verzieren ließ und somit den zwei Artikeln „Stimme aus dem Nichts“ und „Noch mal mit Gefühl“ das Titelthema widmete. In ersterem erklärt Gerald Traufetter: „Das Bewusstsein schafft es gerade einmal 40 Sinneseindrücke gleichzeitig zu verwalten. Der Rest muss schon aus purem Mangel dem Autopiloten im Kopf überlassen werden.“[5] Unsere Emotionen wirken also nicht nur, wenn wir es zulassen auf uns ein, sie beeinflussen unser alltägliches Handeln, unsere soziale Interaktivität und unseren Lebenserhaltungstrieb in jedem Moment unseres Daseins. Wie das zustande kommen kann, wie Emotionen überhaupt entstehen und wie sich all das am Gehirn erforschen und belegen lässt, werde ich nachfolgend in meiner Hausarbeit aufzeigen. Ich werde mich dafür der Forschungsergebnisse der Medizin, der Psychologie sowie der Philosophie bedienen und wichtige Vertreter dieser Theorien selbst zu Wort kommen lassen. Im Endeffekt möchte ich durch meine Darstellung alle drei Wissenschaften vereinen, um das Mysterium Emotion zu erkunden. Eben das, was Vilayanur Ramachandran den Spiegelneuronen zutraut, soll in meiner Ausführung auch gelingen: „Ich habe das Gefühl, dass diese Einfühlungszellen die Brücke schlagen zwischen Neurologie und Soziologie – zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften, wenn Sie so wollen.“[6]

2. Emotion und körperliche Prozesse

Frühere Methoden der Gehirnforschung waren vornehmlich Untersuchungen von Läsionen, die aufgrund von Erkrankungen oder Verletzungen entstanden sind. Antonion Damasio, ein Neurologe an der Universität Iowa, erklärte René Descartes’ alten Leitsatz „Ich denke, also bin ich“ zum Irrtum und setzte dagegen „Ich fühle, also bin ich“ […].[7] Generell, so meinte Damasio, sei das Gehirn auf körperliche und emotionale Rückkopplung unbedingt angewiesen und die Wahrnehmung von Gefühlen beruhe auf der Abstimmung des Gehirns mit den körperlichen Reaktionen. Er schloss dies aus zwei der bekanntesten Fälle, die die Medizin zur Reformation alter Überzeugungen vorzuweisen hat: der durch eine Eisenstange, die sich durch sein linkes Auge bohrte, linkshemisphärisch hirnverletzte Phineas Gage sowie der moderne Fall Elliot, dessen Gehirn nach der Entfernung eines apfelsinengroßen Tumors teilweise zerstört war.

2.1. Phineas Gage

Die Ärzte stellten keine Beeinträchtigung von Wahrnehmung, Gedächtnisleistung, Intelligenz, Sprachfähigkeit oder Motorik fest. Trotzdem kam es in der Zeit nach dem Unfall zu auffälligen Persönlichkeitsveränderungen des Patienten: er war zuvor verantwortungsbewusst, besonnen, ausgeglichen und freundlich, nun aber erschien er seiner Umgebung zunehmend ungeduldig, launisch, wankelmütig und respektlos. Darüber hinaus kam es zu einer Störung seiner Entscheidungsfähigkeit: Er traf Entscheidungen, die seinen Interessen offensichtlich widersprachen, er konnte seine Zukunft nicht mehr vernünftig planen und erlitt als Folge dessen einen beruflichen und sozialen Abstieg.

2.2. Elliot

Nach seiner Gehirn-Operation war Elliot in guter physischer sowie psychischer Verfassung: man attestierte ihm sogar eine überdurchschnittliche Intelligenz und sein Gedächtnis, sowie sein Wahrnehmungs- und Lernvermögen waren sehr gut ausgebildet. Jedoch hatte Elliot durch den Verlust von Gehirnmasse aus dem präfrontalen Kortex auch den Bezug zu seinen Gefühlen verloren: die Fähigkeit rationale Entscheidungen zu treffen, war ihm völlig abhanden gekommen. Antonio Damasio schlussfolgerte aus seinen Beobachtungen, dass Elliot die Wahrnehmung seiner Gefühle bei seiner Krankheit verloren hat und keine Verbindung mehr ziehen kann von seinen Gedanken und Taten zu seinen Gefühlen. Damasio vermutet, dass Elliots Gefühllosigkeit ihn daran hindert, verschiedenen Handlungsalternativen einen emotionalen Wert beizumessen, die anderen Menschen bei der Entscheidungsfindung helfen.

3. Ein Blick in das Gehirn

3.1. Methoden der Gehirnforschung

Anhand gezielter Beeinflussung bzw. Stimulation kann man die Funktionsweise des Gehirns erforschen, indem man neuroanatomische stereotaktische Eingriffe vornimmt, Elektroden implantiert oder Neurotransmitter bzw. Neuropeptide injiziert. Die sogenannte Ausschaltung, der Versuch, die biologischen Grundlagen des Erlebens aus einer Ausschaltung des biologischen Substrates und die darauf folgenden Veränderungen im Erleben zu erschließen, hat die älteste Tradition: die Untersuchung von angeborenen Missbildungen des Nervensystems, durch Traumata oder pathologische Prozesse erworbenen Läsionen sowie der willkürlichen Ausschaltung (Lobotomie) durch gezielte Zerstörung von kortikalen oder subkortikalen Nervenverbänden bzw. Durchtrennung von Leitungsbahnen im Tierversuch.

Eine Methode, die strengere Lokalisierungen erlaubt, ist die Anregung von Funktionen. Die gezielte Reizung im menschlichen Gehirn hat seit den ersten Versuchen im letzten Jahrhundert durch systematische Stimulation der Großhirnrinde während Hirnoperationen sowie der Möglichkeit von kontrollierten Reizungen in der Tiefe des Gehirns (Stereotaktische Eingriffe) eine ausgedehnte Kartierung der sensorischen und motorischen Systeme ermöglicht. Darüber hinaus erhielt man Einblick in die neuronalen Grundlagen von emotionalen und motivischen Prozessen sowie der Steuerung von Lernprozessen und der Bewusstseinseinlage, wodurch auch die psychologische Theorienbildung nachhaltig beeinflusst wurde. Die schonendste Methode ist jedoch die Beobachtung von Aktivitätskorrelaten. Neben den nicht unmittelbar zugänglichen biochemischen Korrelaten der neuronalen Aktivität ist die Beobachtung der elektrischen Begleiterscheinung der nervösen Aktivität am bedeutsamsten. Zwar zeigte sich, dass die hirnspezifische Spontanaktivität keine gesicherten Zusammenhänge mit spezifischen psychologischen Prozessen besitzt und lediglich das Aktivierungsniveau in Frequenz- und Amplitudeneinheiten des Gehirnstroms zum Ausdruck kommt.

Inwiefern das Gehirn aktiv ist, kann sichtbar gemacht werden durch Elektro- und Magnet-Encephalographie (EEG) sowie durch die beiden bildgebenden Verfahren Positronen-Emissionstomographie (PET) und Kernspintomographie.

Das EEG erfasst elektrische Potentiale an der Schädeloberfläche, die bei neuronaler Aktivität entstehen. Das PET „ist ein Bildgebendes Verfahren der Nuklearmedizin, das Schnittbilder von lebenden Organismen erzeugt. Grundlage der PET ist die Darstellung der Verteilung einer radioaktiv markierten Substanz (Radiopharmakon) im Organismus. Dabei werden die Struktur, vor allem aber biochemische und physiologische Vorgänge abgebildet (funktionelle Bildgebung).“[8] Die Kernspintomographie „ist ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Strukturen im Inneren des Körpers. Man kann Schnittbilder des […] Körpers erzeugen, die oft eine hervorragende Beurteilung der Organe und vieler Organveränderungen erlauben. Die Magnetresonanztomographie [„Ein synonymer Begriff ist Kernspintomographie“[9]] nutzt magnetische Felder, keine Röntgenstrahlen.“[10]

Als Messsignale für die Hirnaktivität gelten die Durchblutung und die Sauerstoffsättigung des Blutes im Gehirn. Die Kernspintomographie löst heutzutage das PET ab, da bei letzterem eine radioaktive Glukoselösung ins Hirn injiziert wird, womit die Kernspintomographie für den Patienten weitaus schonender ist. Außerdem werden neben den funktionellen Veränderungen der Hirnaktivität auch die anatomischen Strukturen sichtbar. Die Kombination aus EEG und einem Bildgebenden Verfahren ermöglicht eine zeitliche Auflösung und die räumliche Darstellung der Verarbeitung von Emotionen.

[...]


[1] Johannes Saltzwedel, Noch mal mit Gefühl, in Der Spiegel Nr. 15, S.168

[2] Hubertus Breuer, Das Ich hinter der Stirn, Süddeutsche Zeitung Nr. 58 vom 10. März 2006, S.20

[3] „Zellen zum Gedankenlesen“, in Der Spiegel, Nr. 10/2006, S.138

[4] Titelthema in: Der Spiegel, Ausgabe Nr. 15/2006

[5] Gerald Traufetter: „Zellen zum Gedankenlesen“, in Der Spiegel, Nr. 15, S.160

[6] Vilayanur Ramachandran in „Zellen zum Gedankenlesen“ aus Der Spiegel Nr. 15, S.139

[7] Jonhannes Saltzwedel, Noch mal mit Gefühl, in Der Spiegel Nr. 15, S.168

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Positronen-Emissions-Tomographie

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Kernspintomographie

[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Kernspintomographie

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