Lade Inhalt...

Stadt-Land Differenzen im gesellschaftlichen Protestverhalten in der Weimarer Republik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 29 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Gesellschaftlicher Protest in der Mangelwirtschaft nach dem Krieg bis zum Ende der Inflation (1918-1923)
1. Subsistenz- und Teuerungsprotest in den Städten
2. Die Ländliche Gesellschaft zwischen Tradition und Emanzipation

II. Die destruktive Radikalisierung gesellschaftlicher Unzufriedenheit in der Spätphase der Weimarer Republik (1928-1933)
1. Politisierter Protest in den Städten
2. Politisierter Protest auf dem Land

III. Fazit

Literatur

Einleitung

Die erste deutsche Republik scheiterte an inneren Kämpfen, in denen politische Extreme immer mehr das Heft des Handelns in die Hand bekamen. Die Gewalt gegen den innenpolitischen Gegner und gegen die demokratische Ordnung kennzeichnete die politische (Un)Kultur der untergehenden Weimarer Republik. Doch warum gewinnen nationalsozialistische sowie kommunistische Propaganda erst in der Gesellschaft der späten Republik an Einfluss? Warum gelang es ihnen erst hier, die gesellschaftliche Unzufriedenheit für sich zu instrumentalisieren? Schon von Anbeginn an hatte die Weimarer Republik mit politischen und ökonomischen Unsicherheiten und Krisen zu kämpfen, die immer auch gesellschaftliche Gruppen belasteten und sie zu Protesten animierten. Aber zunächst schlug die Unsicherheit und Unzufriedenheit nicht in eine systemfeindliche Grundhaltung breiter Massen um. Das gesellschaftliche Protestverhalten soll in dieser Arbeit für eine Frühphase (1918-1923) und eine Endphase (1928-1933) der Weimarer Republik untersucht werden, da hier entsprechende Verhaltensweisen verstärkt auftraten. In der Frühphase dominierten Proteste, die sich um Lebensmittelpreise drehten und zumeist mit der persönlichen Sicherheit zu tun hatten. In der Endphase der Republik dominierte der politisch motivierte Protest.

Die Republik entstand in einer Zeit, in der technische Entwicklungen die Landwirtschaft revolutionieren und einhergingen mit einer schon seit dem 19. Jahrhundert fortschreitenden Urbanisierung und industriellen Entwicklung. Die städtischen Gesellschaften entwickelten eigene Lebensformen und spezifische Milieus, wie das industrielle Arbeitermilieu großer Industriegebiete. Im zunehmenden Maße fordern diese Milieus Mitsprache und Emanzipation. Auf dem Land blieben alte Hierarchien mit traditionellen Autoritäten besonders auf ostelbischen Großgrundbesitz zunächst scheinbar resistenter gegen Emanzipationsbestrebungen unterer Bevölkerungsschichten (Landarbeiter). Doch auch die ländliche Gesellschaft war tief greifenden Veränderungen unterworfen. Diese Arbeit soll daher den Unterschieden städtischer und ländlicher Gesellschaften Rechnung tragen, indem sie städtisches und ländliches Protestverhalten differenziert. Die Protesterscheinungen reichen von einfachen Demonstrationen bis hin zu offener Gewalt gegen politische Gegner oder staatliche Institutionen. Schließlich sollen Aussagen getroffen werden, in wie weit verändertes gesellschaftliches Protestverhalten zum Untergang der Weimarer Republik beitrug.

I. Gesellschaftlicher Protest in der Mangelwirtschaft nach dem Krieg bis zum Ende der Inflation (1918-1923)

1. Subsistenz- und Teuerungsprotest in den Städten

Die im Laufe der Kriegsjahre forcierte Kriegswirtschaft verschärfte die Versorgungslage weiter Kreise der Bevölkerung des Deutschen Reiches. Versorgungslücken bei Grundnahrungsmitteln traten vor allem in Städten auf. Die Preise begannen mit der einsetzenden Inflation zu steigen. Der so genannte „Rübenwinter“ 1916/17 stellte in diesen Entwicklungen einen der Höhepunkte dar.[1]

Nach dem Krieg setzte zunächst eine leichte Verbesserung der Versorgungslage ein. Nach der Umstellung von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, begann die neue demokratische Regierung allmählich die Regulierungen der Zwangswirtschaft abzubauen. Die Inflation jedoch gewann damit noch mehr an Geschwindigkeit. Zunächst wurden Konsumgüter für große Teile der Bevölkerung zu teuer. Außerdem kam es immer wieder zu Unterversorgungen an Milch, Zucker und Kartoffeln, besonders in Städten mit mehr als 100000 Einwohnern. Opfer dieser Entwicklung waren vor allem die städtischen Unterschichten, aber während der Hyperinflation auch immer größere Teile der Mittelschichten (Angestellte, Handwerker, niedere Beamte). Die Löhne der Zeit konnten mit zunehmender Geldentwertung kaum mehr angemessen angepasst werden. Folglich sanken die Reallöhne seit dem Kriege.[2] Besonders drastisch zeigt sich diese Entwicklung während der Hyperinflationsmonate 1923. Da eine ausreichende Versorgung für große Teile der Städtischen Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bezahlbar war, drohten schließlich Hungerkatastrophen, die über das Maß des „Rübenwinters“ hinausreichen würden. Die Versorgungsfrage wurde in dieser extrem zugespitzten Situation zur Überlebensfrage. Die geschilderte Entwicklung zeigt deutlich, mit welchen Veränderungen die städtische Gesellschaft umgehen musste.

Die im Grunde schon im 19.Jahrhundert einsetzende Differenzierung der städtisch-industriellen Gesellschaft, besonders die Herausbildung eines industriellen Arbeitermilieus, fand in einer zunehmenden Selbstorganisation dieser Milieus in der Gesellschaft ihren Niederschlag. Die unter Druck geratenden Bevölkerungsschichten, begannen in Zusammenschlüssen, wie Gewerkschaften, ihre Interessen zu organisieren. Die Entwicklung bestätigte sich in einer Vergewerkschaftungswelle seit dem Ersten Weltkrieg. So wurden die Gewerkschaften Sprachrohr für den Protest städtischer Unterschichten.[3]

Die Versorgungsnotlage verband sich mit dem Gefühl, dass sich an der zunehmenden Teuerung durch die Inflation bestimmte Kreise der Bevölkerung bereicherten. So richtete sich der mit beschleunigter Inflation zunehmende Teuerungsprotest gegen vermeintliche Kriegs- und Inflationsgewinnler. Dies betraf die Großindustrie, die Kriegsgesellschaften und die für die Versorgungslage verantwortlich gemachte Landwirtschaft. Den „Kampf gegen den Wucher“ führten in diesen Jahren eigentlich alle politischen Parteien auf ihren Fahnen, wenn sie zu öffentlichen Demonstrationen aufriefen. Im Zentrum der Forderungen nach Preisabbau stand der Brotpreis, quasi als Indikator für den Zustand der Ernährungswirtschaft.[4] Auch ist er ein Indikator für die Protestbereitschaft der Bevölkerung.

Mit zunehmenden Versorgungsproblemen kam es in deutschen Städten bereits ab 1915 zu Teuerungskundgebungen, die von großer Spontaneität geprägt waren. Dabei blieb das Protestpotenzial zunächst eher diffus. Es kann keine feste Trägerstruktur ausgemacht werden, denn weite Kreise der städtischen Bevölkerung waren von den Hungerproblemen betroffen.[5]

Bis zum Ende der Hyperinflation 1923 kam es immer wieder zu Teuerungsprotesten, die sich bis hin zu Plünderungen von Geschäften, Marktständen und Feldern steigern konnten. „Selbsthilfe“ war das Schlagwort der Zeit. Man sah sich gezwungen seine Versorgung selbst in die Hand zu nehmen. Dabei provozierten bereits kleinste Anlässe spontane Unruhen.

Infolge der steigenden Preise versuchten aufgebrachte Menschen zudem in so genannten „Preisfestsetzungsaktionen“ den Preis zu bestimmen. Eine Menschenmenge zwang dabei Händler und Ladeninhaber dazu, ihre Waren zum „wirklichen“ und fairen Preis abzugeben. Solche Aktionen liefen in diesen Jahren i.d.R. gewaltlos ab. Hauptsächlich arbeiteten sich die Proteste an denen ab, die in den Augen der Protestierer[6] schuldig waren für die schlechte Versorgungslage und die zu hohen Preise. Verantwortlich gemacht wurden die Händler, Ladenbesitzer und die Landwirtschaft.[7] Vereinzelt kam es allerdings auch zu progromartigen Ausschreitungen gegen Juden, die bereits von völkischen Kampagnen begleitet wurden.[8]

Die Teuerungsproteste bis 1923 hatten keinen expliziten politischen Charakter, zumindest stellten sie nie eine Gefahr für das demokratische System dar. Schon in zeitgenössischen Analysen überwiegt dieses Urteil, da man erkannte dass die Proteste kaum durch politische Parteien instrumentalisiert werden konnten.[9] In Dirk Schumanns Arbeit über die politische Gewalt in der Weimarer Republik werden für die preußische Provinz Sachsen eine Reihe von Revolten und Protesten beschrieben, die das Bild des überwiegend spontanen und an der Lebensmittel- und Preisfrage orientierten Protests in den Jahren bis 1923 stützen. Ein Beispiel ist die Plünderung eines Lebensmittellagers in Tangermünde im März 1919 durch eine 800-köpfige Menschenmenge. Laut Polizeibericht handelte es sich um Menschen jeglichen Alters, aber um sehr viele ältere Menschen, die einfach hungerten. Auch die Magdeburger „Kirschenrevolte“ im Juni 1919, bei der eine erregte Menge gegen Händler auf dem Markt vorging, welche wohl vorsorglich eine geringere Warenmenge anboten, ist ein Beleg dafür, wie die erregte Bevölkerung immer wieder zur „Selbsthilfe“ griff. Das Beispiel einer in stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei ausartende Plünderung eines Fleischmarktes in Magdeburg am 20. Oktober 1923 zeigt, dass während der Hyperinflation die Not der betroffenen Menschen so groß wurde, dass die Anwendung von Gewalt deutlich zunahm. Mit dem Höhepunkt der Inflation kam es in den Städten zu einer wahren „Selbsthilfewelle.“[10]

Der Konflikt, wie er in den Teuerungsprotesten deutlich wird, zeigt einen neuen Charakter. Es standen sich hier Konsumenten und Produzenten gegenüber. Im Bereich der Nahrungsmittel stehen sich städtische und ländliche Gesellschaft gegenüber. Bauern und „Junker“ galten in der Stadt als Inflationsgewinnler, die sich rücksichtslos an der Not bereicherten. Zur Verschärfung des Gegensatzes trug bei, dass Städter mitunter in Hamsterfahrten aufs Land zogen um Lebensmittel zu ergattern, bzw. auch zu plündern. Die Bevölkerung auf dem Land reagierte mit einer Solidarisierungswelle gegen das Vorgehen. Ohnehin durch die in Teilen noch nicht wieder aufgehobene Zwangswirtschaft gereizt, erkannte man den Wuchervorwurf der Städter nicht an.[11] Die Gesellschaft war eine andere als in den Städten. Auf dem land sah sich niemand als Gewinner. Im Gegenteil, es überwogen Ansichten, Verlierer der neuen Entwicklungen zu sein.

Neben spontan abgehaltenen Protesten waren auch organisierte Demonstrationen ein Mittel des gesellschaftlichen Protests. Protest in Form großer Demonstrationsveranstaltungen untersuchte Marie-Luise Ehls für Berlin.[12] Die neue Republik ermöglichte durch die verfassungsmäßig zugesicherte Demonstrationsfreiheit sogar Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes ihren Protest legal auf die Straße zu tragen. Doch muss man feststellen, dass diese Freiheit durch entsprechende Notverordnungen oft für Monate eingeschränkt wurde. Ehls untersuchte das Demonstrationsgeschehen in Berlin zwischen 1918 und 1933 und stellte dabei unter anderem die These auf, dass die Demonstrationsverbote besonders in der Spätphase der Republik eine Destabilisierung des Systems eher förderten, als sie zu verhindern. Schließlich konnte sich kein friedlicher demokratischer Protest mehr legal formieren. Für die schon aufgegriffene These, dass vor allem ökonomische Motive, d.h. die tägliche Not, zum Protest führten, lassen sich auch in Ehls Untersuchung für Berlin Belege finden. Deutlich dominierten ökonomisch motivierte Demonstrationen in den Jahren bis 1923. Besonders ist diese Dominanz für das Jahr 1920 (siehe Tabelle) zu konstatieren. Der ökonomische Protest kann auffällig selten einer politischen Partei oder Gruppierung zugeordnet werden, was wiederum die Behauptung stärkt, dass der Protest in der Frühphase der Weimarer Republik nicht politischen Zielen irgendeiner linken oder rechten Partei diente. Natürlich war der Protest aber an die Politik gerichtet, was man daran sieht, dass solche Demonstrationen meist vor Rathäusern abgehalten wurden.[13]

[...]


[1] Vgl. Geyer, Martin H., Teuerungsprotest und Teuerungsunruhen 1914-1923. Selbsthilfegesellschaft und Geldentwertung, in: Gailus, Manfred/ Volkmann, Heinrich (Hrsg.), Der Kampf um das täglich Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik, und Protest 1770-1990, Opladen 1994, S.319f.

[2] Vgl., ebd., S. 321.

[3] Vgl. ebd. S.321f.

[4] Vgl. ebd., S. 323ff.

[5] Vgl. ebd., S. 325f.

[6] Dazu zählen hauptsächlich die städtischen Unterschichten. Mit zunehmender Geldentwertung aber auch Angestellte und das niedere Beamtentum.

[7] Vgl. ebd., S. 327-329.

[8] Beispielsweise stürmte und plünderte ein aufgebrachte Menschenmenge im November 1923 das jüdische Scheunenviertel in Berlin. Auch in Dresden richteten sich Teuerungsproteste gegen Juden. Hier kam es im November 1922 zu Plünderungen jüdischer Geschäfte. Vgl. Geyer, Teuerungsprotest und Teuerungsunruhen, S.331f.

[9] Vgl. ebd., S. 332.

[10] Vgl. Schumann, Dirk, Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918-1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001, S. 64f., 201f.

[11] Vgl. Geyer, Teuerungsprotest und Teuerungsunruhen, S. 324, 332-335.; Vgl. zur Solidarisierung gegen die Zwangswirtschaft auf dem Land: Hempe, Mechthild, Ländliche Gesellschaft in der Krise. Mecklenburg in der Weimarer Republik, Köln/ Weimar/ Wien 2002, S.75-78.

[12] Ehls, Marie-Luise, Protest und Propaganda. Demonstrationen in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik, Berlin/New York 1997.

[13] Vgl. ebd., S. 58-63.

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638513081
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56681
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Stadt-Land Differenzen Protestverhalten Weimarer Republik Hauptseminar Soziale Konflikte

Autor

Zurück

Titel: Stadt-Land Differenzen im gesellschaftlichen Protestverhalten in der Weimarer Republik