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Otto III. und die Slawen zwischen Elbe/Saale und Oder - Der Mecklenburgzug Ottos III. im Jahr 995

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Thietmar von Merseburg

III. Slawen zwischen Elbe/Saale und Oder bis zum Lutizenaufstand 983

IV. Otto III. und die Elbslawen

V. Der Mecklenburgzug Ottos III. im Jahr 995

VI. Resümee

VII. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Beziehung Ottos III. gegenüber den Slawen zwischen Elbe/Saale und Oder. Mein besonderes Augenmerk gilt dabei den kriegerischen Auseinandersetzungen, die zwischen dem ostfränkischen Reich und den slawischen Stämmen in der Region zwischen Elbe/Saale und Oder stattfanden. Zunächst wird zu klären sein, wen man sich unter den Slawen zwischen Elbe/Saale und Oder um das Jahr 1000 vorzustellen hat, zumal diese, außer den Sorben in der Ober- und Niederlausitz, von der heutigen Landkarte verschwunden sind. Geschildert wird in diesem Zusammenhang die Situation der slawischen Stämme von ihrer Ansiedlung in der Elbregion bis zum Lutizenaufstand des Jahres 983. Im vierten Kapitel soll die Person Kaiser Ottos III. vorgestellt, und seine Begegnungen mit den slawischen Stämmen aufgezeigt werden. Ausgehend von den Nachrichten der Chronik Bischof Thietmars von Merseburg[1], den Quedlinburger Annalen[2] und den Hildesheimer Annalen[3] über die Geschehnisse an der Ostgrenze des ottonischen Reiches im Jahre 995, wird der von mir gewählte Schwerpunkt, im fünften Kapitel, auf dem Mecklenburgzug Ottos III. im genannten Jahr liegen. Hier wird den kritischen, zum Teil sehr differierenden Interpretationen der neuzeitlichen Historiker Raum gegeben. Ich beziehe mich vor allem auf Christian Lübke, Jürgen Petersohn und Dr. Peter-Joachim Rakow. Weiterhin soll kritisch hinterfragt werden, welchen Wahrheitsgehalt die Quellen besitzen. Zu diesem Zweck werde ich in einem Darstellungsteil am Beginn meiner Arbeit genauer auf Thietmar von Merseburg eingehen. Die Arbeit wurde nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst.

II. Thietmar von Merseburg

Dank der autobiographischen Züge der Chronik Thietmars von Merseburg wissen wir heute verhältnismäßig viel über dessen Lebenslauf[4]. Thietmar wurde am 25. Juli 975 geboren[5]. Sein Vater, Graf Siegfried von Walbeck, war ein Bruder des Markgrafen Liuthar, der 985 die sächsische Nordmark erhalten hat. Thietmars Mutter, Kunigunde, war die Tochter des Grafen Heinrich von Stade. Dadurch waren Verbindungen zu den Gegenden an der Elbemündung und Nordsee und Verschwägerungen mit den mächtigsten Fürstenhäusern des Reichs, den Herzögen von Sachsen und Schwaben, den Markgrafen von Meißen und den Konradinern in Rheinfranken gegeben[6]. „Der Geschichtskreis der Familie umspannte das ganze deutsche Reich.“[7] Thietmar war, wie zwei weitere seiner Brüder, für die geistliche Laufbahn bestimmt und hat seine erste Erziehung im Stift Quedlinburg erhalten. Im Jahr 987 kam er zur weiteren Ausbildung ins Johanneskloster Berge bei Magdeburg, drei Jahre später ließ ihn aber sein Vater in die Brüderschaft des Magdeburger Domstifts aufnehmen. In der Magdeburger Domschule genoss Thietmar einen neun Jahre dauernden anspruchsvollen Unterricht, unter anderem bei Ekkehard dem Roten und bei Geddo[8]. Danach wurde er Mitglied des Domkapitels und am 7. Mai 1002 Probst des Familienstifts Walbeck. Am 21. Dezember 1004 wurde er durch Erzbischof Tagino von Magdeburg, in Gegenwart König Heinrichs II., zum Priester geweiht[9]. Durch die Fürsprache Taginos erhielt Thietmar am 20. April 1009 vom König zu Augsburg die Erhebung zum Bischof von Merseburg[10]. Am 1. Dezember 1018 verstarb Thietmar und wurde im Merseburger Dom beigesetzt[11].

An seiner Chronik arbeitete Thietmar von Merseburg als Bischof, und zwar von 1012 bis zu seinem Tode. Sein Werk gliedert sich in 8 Teile. „8 Bücher behandeln nacheinander die Reichsgeschichte unter Heinrich I. (I), Otto dem Großen (II), Otto II. (III), Otto III. (IV), Heinrich II. bis zur Wiederherstellung des Bistums (V), bis zur Kaiserkrönung 1014 (VI) und in seiner Kaiserzeit (VII und VIII) bis 1018.“[12] Als Quellen standen ihm Widukinds Sachsengeschichte (bis 973), die Quedlinburger Annalen (bis 998), Urkunden aus Magdeburg, eine Bischofschronik aus Halberstadt, sowie das Merseburger Totenbuch zur Verfügung[13]. Ansonsten stütze er sich vor allem auf seine eigenen Erlebnisse als Zeitgenosse Heinrichs II., auf Mitteilungen Heinrichs II., der Erzbischöfe von Magdeburg und zahlreichen anderen Verwandten. Dabei kamen ihm die hohen Verbindungen seiner Familie sehr zu Gute[14]. „Wissentliche Unwahrheiten, Verschleierung und Vertuschen liegen ihm fern, und er schont da, wo es ihm geboten scheint, weder sich noch andere.“[15]

Otto III. wird von Thietmar besonders wegen der Errichtung des Erzbistums Gnesen getadelt. Daneben kritisiert er aber auch die Erneuerung des steifen römischen Zeremoniells und die Öffnung des Grabs Karls des Großen durch Otto III.[16]

Thietmar hatte großes Interesse an den Slawenkriegen, denn er verstand die slawische Sprache. Deshalb sind seine Nachrichten über die Elbslawen von besonderem Wert[17].

III. Slawen zwischen Elbe/Saale und Oder bis zum Lutizenaufstand 983

Das Aufeinandertreffen von Slawen und Deutschen resultiert aus der epochalen Wanderungsbewegung der Slawen. Vom ausgehenden 6. bis ins 8. Jahrhundert hinein waren slawische Stämme in die Landschaften zwischen Erzgebirge und Ostsee gekommen. Diese Gebiete waren zuvor von germanischen Stämmen weitgehend geräumt worden. Westlich der Flussläufe von Elbe und Saale war die Siedlungsbewegung der slawischen Verbände allmählich zum Stillstand gekommen, weil sie hier auf kompaktere Besiedlung durch Germanen traf. Es hat sich dabei niemals eine exakte Trennungslinie zwischen slawisch und deutsch sprechenden Menschen herausgebildet[18]. Östlich der Flüsse Elbe und Saale teilte sich die slawische Bevölkerung in eine Vielzahl von Stämmen, die trotz der zeitweisen Oberherrschaft der Franken, bis ins 10. Jh. hinein ihre Selbstständigkeit gegenüber den westlichen Nachbarn hatten wahren können. Zusammenfassend können wir sie als Elbslawen bezeichnen[19]. Skizziert man ihre historische Entwicklung, dann ergibt sich eine ungefähre Dreiteilung in die nordwestlichen Abodriten[20], in die südöstlich davon siedelnden Wilzen bzw. Lutizen und die im Süden wohnenden Sorben. Diese vereinten als Stammesverbände jeweils einige Einzelstämme[21].

Die Karolinger versuchten um die Wende vom 8. zum 9. Jh. die beiden Flüsse, Elbe und Saale, als östliche Grenze ihres Reiches zu festigen, in weiten Teilen allerdings ohne Erfolg. Östlich von Elbe und Saale, zum Teil aber auch westlich beider Flüsse, gab es politische Einheiten der Slawen, deren Organisationsstrukturen den herrschaftlich und zentral organisierten Franken fremd und unverständlich waren. Anders als im Südosten, wo die bayerische Kirche mit Unterstützung der weltlichen Autoritäten bei den Karantanen, Böhmen und Mährern aktiv war, gab es im Gebiet an der Elbe auch noch keine Basis für Missionsbemühungen. In der Grenze der Bistümer manifestierte sich daher auch eine Kulturgrenze. Diese war allerdings im Alltagsleben und in der materiellen Kultur nicht besonders stark ausgeprägt[22].

Die geschilderten Verhältnisse blieben bis zum Anfang des 10. Jh. gültig. Verantwortlich für den dann einsetzenden Wandel waren zwei Faktoren: „Zum einen der planmäßige Ausbau der Gegend um Merseburg zur Machtbasis der sächsischen Liudolfinger, um zum anderen die zeitweilige Nutzung der slawischen Siedlungsgebiete östlich der Saale als Aufmarschbasis durch die Ungarn“[23]. Diese Verschärfung der Gegensätze beiderseits der Saale kulminierte in mehreren Kriegszügen Heinrichs I. gegen die Elbslawen in den Jahren 928 bis 932, die er schließlich unter seine Oberhoheit brachte, als es ihm im März des Jahres 933 im Sorbenland bei Riade gelang, die Ungarn zu besiegen. Zum ersten Mal standen nun weite slawische Siedelgebiete unter sächsischer Herrschaft. Die elbslawischen Stämme wurden dem Reich tributpflichtig und der Aufsicht von Legaten unterstellt[24] – „es war eine qualitativ neue Konfliktsituation entstanden“[25].

Otto der Große, Sohn Heinrichs I., intensivierte die Herrschaft über die ihm per Kriegsrecht als Königsland zugefallenen Gebiete. Während sich Heinrich I. noch mit der bloßen tributären Abhängigkeit der Elbslawen begnügt hatte, sorgte Otto I. für den Ausbau militärischer Stützpunkte und den organisatorischen Anschluss an die Reichskirche[26]. Nach der Machtübernahme Ottos I. folgten den Legaten Markgrafen. Zu den bekanntesten Markgrafen gehörten Gero und „der zum sächsischen Herzog avancierende Herrmann Billung“[27]. „Den neuen Markgrafschaften stellte Otto im Jahr 948 mit den Bistümern Brandenburg und Havelberg und im Jahr 968 mit dem Erzbistum Magdeburg sowie den Bistümern Meißen, Merseburg und Zeitz sowie dem ostholsteinischen Oldenburg eine flächendeckende Kirchenorganisation bis zur Oder zur Seite.“[28] Er förderte auch die Verflechtung der neu entstandenen Elbmarken mit dem Altsiedelland und das Ausgreifen sächsisch-thüringischer Adelsgeschlechter nach Osten[29]. All diese Elemente erstickten schließlich die noch intakte slawische Selbstverwaltung auf lokaler Ebene und die kulturelle Unabhängigkeit. Aus diesem Grund formierte sich im nördlichen Bereich der Elbslawen, im östlichen Mecklenburg, wirksamer Widerstand, „als dessen Kern sich der Stamm der Redarier […] herausschälte“[30]. Die slawischen Führer machten den Versuch Otto eine Kompromisslösung vorzuschlagen. Die Slawen waren bereit die ottonische Tributherrschaft anzuerkennen, wenn Otto seinerseits die Autonomie der Slawen im Inneren akzeptiert. Otto reagierte 955 mit einem Kriegszug, welcher „dem vereinten slavischen Heer eine vernichtende Niederlage einbrachte“[31]. Trotzdem konnte der König bzw. Kaiser keine dauerhafte und wirksame Kontrolle über die Redarier ausüben[32]. Der Süden der Elbmarken blieb im Vergleich zum mittleren und nördlichen Gebiet ruhig. Die Entwicklung der Sorben scheint mit der Niederlage gegen Heinrich I. abgebrochen[33]. Bei Widukind von Corvey[34] findet sich eine Nachricht, wonach Markgraf Gero bei einem Gastmahl dreißig principes barbarorum getötet haben soll. Konkrete Beweise einer planmäßigen Beseitigung der slawischen Edlen gibt es aber nicht[35].

[...]


[1] Thietmari Merseburgensis episcopi chronicon, 2. Aufl., unveränderter Nachdruck, hg. v. Robert Holtzmann (MGH SS rer. Germ. N.S.[9]), Berlin 1935.

[2] Annales Quedlinburgenses, hg. v. Martina Giese (MGH SS rer. Germ. [72]), Hannover 2004.

[3] Annales Hildesheimenses, hg. v. Georg Waitz (MGH SS rer. Germ. [8]), Hannover 1947.

[4] Vgl. Beumann, Helmut, Thietmar, Bischof von Merseburg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 9, Berlin - New York 1995, Sp. 795-801, Sp. 795.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Wattenbach, Wilhelm, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Deutsche Kaiserzeit, hg. v. Robert Holtzmann, Bd. I, 1, Berlin 1938, S. 52, 53.

[7] Wattenbach, 1938, S. 53.

[8] Vgl. Beumann, 1995, Sp. 795.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Wattenbach, 1938, S. 53.

[11] Vgl. Beumann, 1995, Sp. 796.

[12] Beumann, 1995, Sp. 797, 798.

[13] Vgl. Beumann, 1995, Sp. 798, 799.

[14] Vgl. Wattenbach, 1938, S. 55.

[15] Wattenbach, 1938, S. 58.

[16] Vgl. Wattenbach, 1938, S. 57.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Lübke, Christian, Konflikte zwischen Sachsen und Slawen vom 10. bis zum 12. Jahrhundert, in: Politische, soziale und kulturelle Konflikte in der Geschichte von Sachsen-Anhalt, Halle 1999, S. 12-23, S. 13.

[19] Zu dieser Bezeichnung finden sich nähere Erläuterungen bei Lübke, Christian, Slaven zwischen Elbe/Saale und Oder: Wenden – Polaben – Elbslaven? Beobachtungen zur Namenwahl, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 41 (1993), S. 17-43.

[20] Die Abodriten werden in der Literatur oft als Obodriten bezeichnet.

[21] Vgl. Lübke, Christian, Ottonen und Slaven, in: Auf den Spuren der Ottonen. Protokoll des Wissenschaftlichen Kolloquiums anläßlich des 1000. Todestages der Reichsäbtissin Mathilde von Quedlinburg (Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts; 13), Halle 1999, S. 25-36, S. 28.

[22] Vgl. Lübke, Konflikte zwischen Sachsen und Slawen …, a.a.O., S. 14.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Lübke, Ottonen und Slaven, S.29.

[25] Lübke, Konflikte zwischen Sachsen und Slawen …, a.a.O., S. 14.

[26] Vgl. Lübke, Konflikte zwischen Sachsen und Slawen …, a.a.O., S. 14.

[27] Lübke, Ottonen und Slaven, S. 29.

[28] Ebd.

[29] Vgl. Lübke, Konflikte zwischen Sachsen und Slawen …, a.a.O., S. 14.

[30] Lübke, Ottonen und Slaven, S .29.

[31] Ebd.

[32] Als Beweis dafür dient Diplomata Ottonis I., hg. v. Th. Sickel, in: MGH Diplomata reg. et imp. Germ. 1, Hannover 1879-1884, Nr. 335. Hier fordert Otto I. im Jahr 968 brieflich die sächsischen Großen aus dem fernen Capua auf, alle Kräfte zur Vernichtung dieses Stammes aufzubringen.

[33] Vgl. Lübke, Ottonen und Slaven, S .30.

[34] Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres, hg. v. Paul Hirsch u. a. (MGH SS rer. Germ. [60]), Hannover 1935, II/20.

[35] Vgl. Lübke, Ottonen und Slaven, S. 30.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638512169
ISBN (Buch)
9783638775694
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56565
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Otto Slawen Elbe/Saale Oder Mecklenburgzug Ottos Jahr ProS Beziehungen Reich Ländern Europa

Autor

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