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Depression im höheren Lebensalter

von Heiko Böttcher (Autor) Ireen Saal (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 2005 26 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Gliederung

1. Ursachen von Depressionen im Alter
1.1 Körperliche Krankheiten
1.2 Genetische Anlagen
1.3 Todesbedingte Verlusterlebnisse
1.4 Eintritt in den Ruhestand
1.5 Psychische Belastungen

2. Eine evolutionäre Deutung der Ursachen
2.1 Der Suizid und das „Stirb und Werde“ der Evolution

3. Epidemiologie

4. Prognostische Faktoren
4.1 Prognostische Faktoren bei schwerer Depression
4.2 Prognostische Faktoren bei leichter Depression

5. Diagnose: Depression im Alter
5.1 Differentialdiagnostik
5.1.1 Überlappung und Komorbidität mit körperlicher Krankheit
5.1.2 Depression versus Trauer
5.1.3 Demenz versus Depression
5.1.4 Zusammenfassung: Fehler in der Diagnostik

6. Die Behandlung der Depression
6.1 Das kognitiv-verhaltenstherapeutische Gruppenprogramm

7. Literaturverzeichnis

1. Ursachen von Depressionen im Alter

Davison und Neale postulierten 2002 folgende Ursachen der Depression bei älteren Menschen (Davison & Neale, 2002, S.601-603)

1.1 Körperliche Krankheiten

Depressionen scheinen mit körperlichen Gebrechen in einem engen, wie auch immer gearteten, Zusammenhang zu stehen. Da im Senium die Tendenz, an solchen zu leiden, exponential zunimmt, ist anzunehmen, dass ältere Menschen entsprechend öfter an Depressionen zu erkranken. Nach einer Untersuchung von Blazer und Williams (1980, zitiert nach Davison & Neale, 2002, S. 601) litten von 900 älteren Menschen die zu Hause lebten und depressive Symptome zeigten, 396 zusätzlich an einer medizinischen Erkrankung.

Roth und Kay (1956, zitiert nach Davison & Neale, 2002, S.601) fanden heraus, dass bei älteren Männern einer depressiven Ersterkrankung oft eine Operation voran bzw. eine chronische Krankheit neben hergeht. Darüber hinaus wiesen sie bis dato eine höhere Lebenszeitprävalenz an anderen Krankheiten auf.

1.2 Genetische Anlagen

Es wurden wiederholt Zusammenhänge zwischen genetischer Disposition und Depression gefunden. Nach Strauss und Ogrocki (1996, zitiert in Davison & Neale, 2002, S.601) sind die Verwandten von später an Depressionen erkrankten Alzheimer- Patienten selbst öfter depressiv, als der Durchschnitt vermuten ließe. Ob dabei allein die DNS oder aber auch der familiäre Umgang ihrer Träger für dieses Phänomen verantwortlich ist, ändert nichts an der Tatsache der Häufung depressiver Symptome auf bestimmten Stammbäumen.

Selbst wenn die Depression nur eine typische Nebenwirkung der Medikation einer anderen Krankheit darstellen sollte, bleibt immer noch der mögliche Zusammenhang zwischen dieser Krankheit, ihrer Erblichkeit und ihrer indizierten medikamentösen Behandlung.

1.3 Todesbedingte Verlusterlebnisse

Im höheren Alter gewinnt der Lebenspartner allein schon durch die zunehmende Exklusivität seiner Präsenz an Bedeutung und wird angesichts des Wegsterbens befreundeter Altersgenossen immer mehr zum Lebensmittelpunkt. Sollte dieser dann selbst das Zeitliche segnen, folgt ihm der Hinterbliebene oft bald nach. Der Verlust geliebter Menschen an den Tod ist allerdings die finale und damit vorhersehbare Konsequenz ihres Alterns. Dies führt wahrscheinlich zu einer gedanklichen Vorwegnahme und konstruktiven Auseinandersetzung mit dieser unausweichlichen Problematik, die dafür Sorge zu tragen scheint, dass Hinterbliebene relativ geringe Depressionsraten entwickeln (Musetti et al.,1989, in Davison & Neale, 2002, S.602)

1.4 Eintritt in den Ruhestand

Für den Ruhestand gilt das gleiche wie für 1.3. Er trifft den Menschen nicht ganz unvorbereitet. Bereits bei Eintritt in das Erwerbsleben, trifft der Werktätige staatlich sanktionierte Vorkehrungen für die Zeit nach dem beruflichen Lebenswerk. Schon Seneca (Schmidt, 1978, S.93) hörte die meisten seiner Zeitgenossen sagen: “…vom fünfzigsten Jahre an will ich mich in den Ruhestand zurückziehen oder das sechzigste Jahr soll mich von allen Geschäften losmachen…“. Seine Verwunderung, dass diese Menschen nur den Rest ihres Lebens für sich selbst reservieren, scheinen bis heute viele Menschen nicht zu teilen, obwohl dieser Lebensabschnitt die wenigsten Möglichkeiten bietet und für nichts anderes mehr zu gebrauchen ist, falls man ihn überhaupt erreicht. Wenn der Ruhestand eine Phase der Depression einläutet, liegt das wohl eher an dem geringen Ertrag, den die Ratifizierung des Generationenvertrages für einige Alte abwirft sowie an ihrem verschlechterten Gesundheitszustand (Pahalka, 1990;zitiert in Davison & Neale, 2002, S. 603).

1.5 Psychische Belastungen

Psychische Stressoren stellen auch im Senium ein depressionsauslösendes oder verstärkendes Moment dar. Soziale Isolation lässt Alte in dieser Beziehung wohl aber im Gegensatz zu jüngeren eher unberührt (Musetti et al.,1989; zitiert in Davison & Neale, 2002, S. 602). Ein sich durch die demographische Entwicklung vergrößerndes Problem scheint sich durch die Betreuungspflichten von noch lebenden Eltern der Alten und der damit verbundenen Überforderung von vielen Senioren zu etablieren. Dramatische Auswirkungen hat dieser Umstand bei der sich ausbreitenden Alzheimer- Krankheit (Hannappel et al., 1993; zitiert in Davison & Neale, 2002, S.602).

2. Eine evolutionäre Deutung der Ursachen

Dass der Mensch mit seinen Gebrechen ein Produkt stammesgeschichtlicher Selektionsvorgänge darstellt, ist mittlerweile wissenschaftliches Allgemeingut. Die Pathogenese vieler Krankheiten erklärt sich aus der mangelhaften Anpassung unseres evolutionären Erbes an die Bedingungen der Zivilisation. Dem Problem der Depression jedoch wurde von Charles Darwin bis Desmond Morris kaum Beachtung geschenkt. Sie findet auch kaum in das evolutionäre Theoriegebäude Einlass, ohne Kontradiktionen zu seinen Fundamenten mit sich zu führen. Sie stellt für den Evolutionspsychologen eine ähnlich „harte Nuss“ dar, wie der Altruismus, benachteiligt sie doch das Individuum in seinem Zugang zum Verkehr der Geschlechter. Die moderne Evolutionspsychologie behilft sich hier gerne mit dem Konstrukt der Mal- Adaptation, das kontraproduktive Anpassungen an die Umwelt, als aus dem evolutionären Zufallsrauschen hervorgegangene Paradoxien erklärt. Dieser Begriff, für den leider keine exakte allgemeinverbindliche Definition besteht, lässt sich immer dann einstreuen, wenn die evolutionäre Erklärung eines Phänomens nicht ohne Logikbrüche durchführbar ist. Damit aber wird die Evolutionstheorie falsifikationsresistent und verliert an wissenschaftlichem Wert. „…The prevailing medical view is that depression is maladaptive. Depression is overtly costly to the depressive, and it is prevalent (i.e., genes for depresing must have undergone substantial evolution)…” (Watson & Andrews, 2002, S. 2) Welchen Vorteil sollten unsere biologischen Ahnen schon aus der Schwermut gezogen haben, dass die Prädisposition zur Depression Eingang in das kollektive Erbgut finden konnte? Eine mögliche, wenn auch spekulative Erklärung liegt in der Erweiterung von Darwins Begriff der individuellen Fitness um den der Gesamtfitness den Hamilton in den sechziger Jahren einführte. Danach zählt einzig, wieviel Prozent der eigenen Gene an die Nachwelt mit welcher Wahrscheinlichkeit weitergegeben werden. Also können auch Verwandte, oder besser in den Verwandten enthaltende eigene Gene, Nutznießer erblich mitbedingter Eigenschaften sein, die ihrem Träger eher Schaden zufügen. Wenn sich ein empirisch belegbarer Vorteil für die Gesamtfitness der Gruppe finden ließe, der aus der Depression einzelner gezogen würde, würde das den Erklärungsnotstand etwas mildern.

2.1 Der Suizid und das „Stirb und Werde“ der Evolution

Versuche einen direkten Vorteil der Depression für das Individuum wie den Schutz vor emotionaler Erschöpfung abzuleiten, wirken im Angesicht des oft gerade im Alter finalen Ausganges etwas herbeigeholt. Hauzinger und R. de Jong- Meyer (Reinecker, 2003, S. 226) verweisen auf die nach Clark und Fawcett (1992) um 10-15 Prozent gestiegene Suizidrate Depressiver und auf die gerade im Alter mit der Depression verbundene allgemeine Erhöhung der Mortalität.

David M. Buss (2004, S.143) vertritt in seinem Buch „Evolutionäre Psychologie“ die Ansicht des Evolutionspsychologen Deniz de Catanzaro (1991,1995). Dieser stellt darauf ab, dass Suizide vor allem dann auftreten, wenn die betreffende Person in ihrem Fortpflanzungspotential drastisch eingeschränkt ist. Naturgemäß vereinigen sich im hohen Alter zunehmend weniger Eigenschaften auf die Personen, die positive Fitnessrelevanz besitzen.

Die Grundlage seiner Hypothese bildet der Gedanke, dass sinnlose Bestrebungen die individuelle Fitness wiederherzustellen, Ressourcen auf Kosten der Gesamtfitness der Gruppe binden würden.

Da die Einzelperson normalerweise diese vernichtende Einschätzung wegen des ihr innewohnenden Selbsterhaltungstriebes, eher nicht zu treffen geneigt ist, wird ihr von der Evolution ein depressiver Stimmungshintergrund geboten, vor dem ihr suizidale Handlungen erleichtert werden sollen. Das Wort „sollen“ bezieht sich auf die Intention einer Ableitung der Verbindung dieser Forschung de Catanzaros zur Depression und ist nicht teleologisch zu verstehen.

Da man Personen nach ihrem Ableben nicht befragen kann, behalf sich de Catanzaro in der Annahme, dass jedem Selbstmord suizidale Gedanken vorangehen, mit der Untersuchung dieser kognitiven Aktivitäten.

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Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638511896
ISBN (Buch)
9783638664639
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56534
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,4
Schlagworte
Depression Lebensalter

Autoren

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