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Rom als „idealer Ort“ in Thomas Bernhards Roman "Auslöschung. Ein Zerfall"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

I. Thomas Bernhard und Italien

II. Wolfsegg und Rom
a) Worte und Namen
b) Menschen und Orte
c) Rom und Gambetti

III. Auslöschung und Rom

IV. Literatur

I. Thomas Bernhard und Italien

Bei Thomas Bernhard, der sogar posthum noch gegen sein Lieblingsthema Österreich Position bezieht, indem er für die siebzig Jahre nach seinem Tod testamentarisch jede Aufführung, jede erneute Veröffentlichung seines Werks in seinem Heimatland untersagt hat[1], würde kaum jemand an einen Autor denken, in dessen Werk Italien eine herausragende Rolle einnimmt. Tatsächlich jedoch wird nicht nur bereits in seinen frühen (etwa Venedig[2] und Chioggia[3]) und späteren (Ave Vergil[4]) Gedichten darauf Bezug genommen, auch in seinen Prosawerken ist es als Randerscheinung immer wieder präsent.[5] Bernhard, der in der Nachkriegszeit selbst dem „Südweh“[6] anheim fiel, unternahm zahlreiche Reisen nach Italien. Im März 1977 wohnte er in einem Hotel an der Piazza Minerva[7], jenem Ort, von welchem aus der Erzähler Franz-Josef Murau in Bernhards letztem Roman Auslöschung seine Familiengeschichte und die eigene Vergangenheit im österreichischen Wolfsegg aufarbeitet.[8]

Mit Wolfsegg greift dieses Buch, die „epische Summe seines Werks“[9], einen Ort auf, den Bernhard bereits 1964 in seinem kurzen Text Der Italiener, und dann 1971 in einem gleichnamigen Filmdrehbuch als Schauplatz benutzt hatte. Diese Texte weisen deutliche Übereinstimmungen zu Auslöschung auf, und können als Vorstudien zu Bernhards „opus magnum“[10] gelten: Eine Beerdigung findet statt, der junge Erbe des Anwesens ist die Hauptfigur und der Erzähler, und im Dialog mit einem Italiener tun sich Abgründe in der Geschichte des Anwesens auf – so könnte man die Handlung des Fragments und des Romans beschreiben. Ohne die drei Texte an dieser Stelle im Einzelnen gegeneinander abzugrenzen, sollen sie im Folgenden zu gelegentlichen Querverweisen genutzt werden.[11]

Prägend für Bernhards Werk ist eine Oppositionsstruktur, die nicht nur den Texten selbst eingeschrieben ist, sondern bereits bei der Produktion beginnt – er schrieb „aus Opposition gegen sich selbst“[12] – und bei der Rezeption endet. So spaltete Auslöschung wie die meisten seiner Werke die Kritik. Dass alle Rezensenten das gleiche Werk gelesen haben, ist kaum zu glauben: Für manche war der Roman große „Weltliteratur“ (Die Zeit, FAZ), für andere ein „elitärer Amoklauf“ eines „Möchtegern-Weltmanns aus der Provinz“ (Salzburger Nachrichten, profil).[13] Auch in die wissenschaftliche Auseinandersetzung setzt sich diese Oppositionsstruktur fort. Während etwa Ulrich Weinzierl Auslöschung als Bernhards einziges „dezidiert politisches Buch“[14] deutet, widerspricht ihm Irene Heidelberger-Leonard[15] – und gegen sie argumentiert Daniel Steuer[16]. Dieses Beispiel entgegengesetzter Lesearten demonstriert die Schwierigkeiten, die bei der Auseinandersetzung mit dem Roman entstehen können – ein Grund hierfür liegt wohl in der Komplexität des imposanten Texts, der über 650 Seiten ohne jeden Absatz auskommt, und in dem sich für viele Annahmen sowohl Belege als auch Gegenbeweise finden lassen, ein anderer gerade in der extremen Polarisierung, die sich auch in Auslöschung selbst stark und mehrfach niederschlägt, und welche, wie bei Bernhard üblich, durchaus auch wieder unterlaufen wird: „[G]erade die polaren Strukturen bei Bernhard [erweisen sich] als labile Konstruktionen, die nur punktuelle Gültigkeit beanspruchen können, prinzipiell aber zum Zerfall tendieren.“[17]

Andererseits ist das Nachvollziehen des „Vergleichsdenkens“ (538) Muraus essentiell, um seinen Charakter zu verstehen, denn der Brüchigkeit seiner extremen Gegensatzkonstrukte ist auch er selbst ausgesetzt. So will auch diese Arbeit sich an der Gegensatzwelt Muraus ausrichten.

Er hat „die Wahl zwischen zwei Welten“ (46): Einerseits die „mediterranen Länder“, andererseits das „verkrampfte“ Mitteleuropa (vgl. 42).

Rom entgegen steht nicht nur Wolfsegg, nicht nur Österreich, sondern der gesamte deutschsprachige Raum. Der Schwarzwald, „wo die Füchse Gutenacht sagen und die deutsche Dummheit Triumphe feiert“ (132) wird von Murau ebenso verachtet wie die „Gemütlichkeit“ der Deutschen (vgl. 387), die vom Ordnungswahn erdrückte deutsche Literatur (607) mit ihrer „Biedermeierlichkeit“ und ihrem „Größenwahn“ (615-617), ebenso wie die „unbeholfene, klobige“ deutsche Sprache im Allgemeinen (vgl. 239) und der badische Dialekt des Weinflaschenstöpselfabrikanten, seinem Schwager, im Besonderen (vgl. 377-378). Nicht nur abstrakt ist Deutschland durch den Schatten des Nationalsozialismus in Wolfsegg präsent, Muraus Mutter, eine „hysterische Nationalsozialistin“, bezeichnete sich selbst gar als „Deutsche Frau“ (193).

Wenn Wolfsegg also für die deutschsprachige Welt steht, was ist dann Rom? Die Beschreibung der Funktion Roms ist deswegen schwierig, weil die Stadt kaum thematisiert wird. Auch im ersten Teil des Buchs, der in Rom spielt, bevor Murau sich zum Begräbnis nach Wolfsegg begibt, überlagert Vergangenheit der Familie in seinem Erzählstrom die Gegenwart.

Für die Eltern und Schwestern ist das Wort Italien „das Wort für chaotische Verhältnisse“ (393), auf Murau wirken die Unberechenbarkeiten Roms beruhigend (vgl. 533). So ist sein Leben in der Stadt zunächst Ausdruck seiner tiefgehenden Opposition zu den heimischen Verhältnissen: Hier der „Großstadtmensch“ (486), dort die „Hubertusmantelgesellschaft“ (487). Großstädte gibt es jedoch viele, auch im Süden. Warum also lebt Murau in Rom? Die beiden Welten etwas genauer voneinander abzugrenzen und die Funktion der Stadt für Murau und den Roman nachzuvollziehen, ist das Ziel dieser Arbeit.

II. Wolfsegg und Rom

a) Worte und Namen

Als Gegenentwurf zur Wolfsegger Realität fungiert nicht nur Rom, sondern auch die Geisteswelt, einen an „literarisch-weltanschaulichen Markierungen reichen Bezugsraum[18], in welchem sich Murau bewegt.

Wichtige Hinweise auf den Bezugsraum Muraus geben die intertextuellen Verweise, von denen der gesamte Roman durchsetzt ist: Nicht weniger als 49 Autoren und 22 Buchtitel finden in Auslöschung Erwähnung.[19] Das demzufolge sehr komplexe intertextuelle Referenzsystem des Romans zu betrachten, würde über das Ziel dieser Arbeit hinausführen. Festzustellen ist jedoch eine besondere Vorliebe Muraus für Werke der deutschen Romantik. Einen ersten subtilen Hinweis darauf bietet der Bezug zu Bernhards Amras, einem jener Bücher, die Murau Gambetti neben Romanen von Jean Paul, Musil, Broch und Kafka empfiehlt (7-8), und das wegen seiner Bezüge zu Novalis sowie der Frühromantik allgemein innerhalb von Bernhards Werk eine singuläre Stellung einnimmt.[20] Weitere Verbindungspunkte zwischen Auslöschung und Amras sind neben zahlreichen Verweisen auf Italien der Tod der Eltern des Erzählers, sowie ein für seine Entwicklung prägender Onkel.

Ein anderer Referenztext, der sich durch das ganze Werk zieht, ist Jean Pauls Siebenkäs. In die Lektüre des Romans versinkt Murau schon als Kind inmitten einer Welt, in der „das Denken und der Geist insgesamt nicht nur gering geschätzt, sondern verachtet werden“ (263), anstatt seiner Mutter beim „Briefeordnen“ (264) zu helfen. Jean Paul wird den ganzen Roman hindurch, wie Vogt feststellt[21], als positiver Bezugspunkt im Feld der intertextuellen Verweise gesehen. Als negative Projektionsfolie fungiert Goethe, welcher für Murau „den deutschen Geist mehr oder weniger für Jahrhunderte verraten und auf das Mittelmaß der Deutschen gestutzt hat“ (575). Hieran lässt sich darstellen, dass Murau bei seiner Romantikbegeisterung wohl weniger an der klassizistischen Seite jener Epoche interessiert ist, als vielmehr an der sehnsüchtigen, nach Veränderung in Richtung einer „inneren Welt“ oder „siderischer Regionen“[22] strebenden. Novalis, auf den ebenfalls mehrfach in Auslöschung referiert wird (vgl. z.B. 83, 150), lässt in seinem Heinrich von Ofterdingen fragen, ob denn „nie das Blatt sich wenden/Und das Reich des Alten enden“[23] werde. Vielleicht ist es dieser Satz, mit dem Murau gerade beschäftigt ist, während sein Bruder im Stall ebenso ungeduldig die Geburt eines Kalbes erwartet, wie er die des Novalisschen Gedankens.

Ebenso wird in römisch-katholische Vorzeiten verwiesen, wie sich am Namen von Muraus Schwester Caecilia darstellen lässt. Dieser stammt von dem altrömischen Geschlecht der Caecilier ab. Auch gab es eine römische Märtyrerin gleichen Namens, welche ihr Leben Christus anvertraut haben soll. Im Laufe ihres Lebens soll sie drei Männer bekehrt haben, bevor sie schließlich hingerichtet wurde.[24] Neben der Tatsache, dass ein wichtiger Zeitpunkt im Leben der heiligen Caecilia das Begräbnis dreier Männer war, so wie auch in Auslöschung drei Personen begraben werden, verweist auch die Tatsache auf Bernhards Roman, dass die Eltern der heiligen Caecilia sie mit einen heidnischen Jüngling verheirateten, die ihr Pendant in der „kuriose[n] Hochzeit“ (377) von Caecilia im Roman mit dem Weinflaschenstöpselfabrikanten findet. Als Murau über die Vergangenheit der Kindervilla zu sprechen beginnt (459), begehen seine Schwestern das für ihn denkbar schlimmste Verbrechen: Sie bleiben wortlos. Ihr Schweigen steht für das des ganzen Volks (vgl. 459, 529). Die Märtyrerin und ihr modernes Gegenbild: In der Gestalt Caecilias tritt eine dekadente Mitläuferin das römische Erbe an.

Dieser „Bedeutungswandel“ des Namens versinnbildlicht einen Bruch in der Geschichte, wie Murau sie wahrnimmt. Wie die vom Nationalsozialismus der Unschuld beraubte Kindervilla, so ist der Name Caecilia äußerlich unverändert geblieben, hat sich jedoch in seinem Charakter fundamental gewandelt.

[...]


[1] Vgl. Bernhard Sorg: Thomas Bernhard, München: Beck 1992, S. 9.

[2] Thomas Bernhard: Gesammelte Gedichte Hrsg. v. Volker Bohn, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 52.

[3] Ebd., S. 53-54.

[4] Ders.: Ave Vergil. Gedicht, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981.

[5] Etwa in: Ders.: Der Stimmenimitator, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978, S. 17, 113-114; Ders.: Amras, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987, S. 78-83.

[6] Paola Bozzi: Zimmer mit Aussicht? Thomas Bernhard im Gasthof Italien, in: Jura Soyfer. Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Nr. 3/1997, Wien: Jura Soyfer-Gesellschaft 1997, S. 10-16, hier: S. 10.

[7] Vgl. Hans Höller: Menschen, Geschichte(n), Orte und Landschaften, in: Antiautobiografie. Thomas Bernhards „Auslöschung“, Hrsg. v. Hans Höller u. Irene Heidelberger-Leonard, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 217-234, hier: S. 225.

[8] Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, vgl. S. 7. Zur besseren Lesbarkeit werden Zitate aus Auslöschung im Folgenden durch eingeklammerte Seitenzahlen im Text belegt.

[9] Hans Höller: Politische Philologie des Wolfsegg-Themas, in: Antiautobiografie, S. 38-49, hier: S. 38.

[10] Ulrich Weinzierl: Bernhard als Erzieher. Thomas Bernhards Auslöschung, in: Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Hrsg. v. Paul Michael Lützeler, Frankfurt am Main: Fischer 1991, S. 186-196, hier: S. 186.

[11] vgl. zu Der Italiener: Höller: Politische Philologie des Wolfsegg-Themas, S. 38-49.

[12] Thomas Bernhard: Drei Tage, in: Ders.: Der Italiener, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989, S. 78-90, hier: S. 85.

[13] Zitiert nach Weinzierl: Bernhard als Erzieher, S. 186-187.

[14] Ebd., S. 192.

[15] Vgl. Irene Heidelberger-Leonard: Auschwitz als Pflichtfach für Schriftsteller, in: Antiautobiografie, S. 181-196, hier: S. 181.

[16] Vgl. Daniel Streuer: Thomas Bernhards Auslöschung. Ein Zerfall. Zum Verhältnis zwischen Geschichtsschreibung, Autobiografie und Roman, in: Travellers in Time and Space. Reisende zwischen Zeit und Raum. The German Historical Novel. Der deutschsprachige historische Roman, Hrsg. v. Obman Durrani u. Julian Preece, Amsterdam, New York: Rodopi 2001, S. 61-77, hier: S. 61.

[17] Vgl. Steffen Vogt: Ortsbegehungen. Topografische Erinnerungsverfahren und politisches Gedächtnis in Thomas Bernhards „Der Italiener“ und „Auslöschung“, Berlin: Erich Schmidt 2002, S.122, Fußnote 16.

[18] Manfred Mittermayer: Von Montaigne zu Jean-Paul Sartre. Vermutungen zur Intertextualität in Bernhards Auslöschung, in: Thomas Bernhard. Traditionen und Trabanten, Hrsg. v. Joachim Hoell u. Kai Luehrs-Kaiser, Würzburg: Königshausen & Neumann 1999, S. 159-173, hier: S. 162.

[19] Vgl. ebd., S. 159.

[20] Vgl. Vogt: Ortsbegehungen, S. 121.

[21] Vgl. ebd., S. 122, Fußnote 16.

[22] Vgl. Ricarda Huch: Die Romantik, in: Dies.: Gesammelte Werke, Bd. 6, Hrsg. v. Wilhelm Emrich, Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1969, S. 17-646, hier: S. 433. In diese Richtung weist auch die später erwähnte Analogie Gambettis mit dem romantischen „Seher“ Campetti.

[23] Zitiert nach Andreas Gößling: Die “Eisenbergrichtung”: Versuch über Thomas Bernhards Auslöschung, Münster: Kleinheinrich 1988, S. 30.

[24] Vgl. Friederike Werner: Caecilia von Rom, in: Lexikon der christlichen Ikonologie, Bd. 5, Hrsg. v. Wolfgang Braunfels, Rom u.a.: Herder 1973, Sp. 455-463, hier: Sp. 455.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638511094
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56440
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Ort“ Thomas Bernhards Roman Auslöschung Zerfall Italien Literatur Jahrhunderts
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