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Der Masochismus im Film 'Der Blaue Engel' - Ist Professor Rath für seinen sozialen Abstieg bis hin zum Tod selbst verantwortlich?

Hausarbeit 2005 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Definition des Masochismus nach Gilles Deleuze
2.1 Die Grundlagen des Masochismus: Fantasie, Fetischismus und Verneinung
2.2 Die Rolle der Frau im Masochismus
2.3 Vertrag und Gesetz – Schmerz und Lust
2.4 Ästhetik und Zeit

3. Der Masochismus im Film ‚Der Blaue Engel’
3.1 Die Mutter-Kind-Beziehung zwischen Lola Lola und Professor Rath
3.2 Die Verneinung der Phalluslosigkeit Lola Lolas und der Fetisch im Film
3.3 Die Verneinung des Vaters als Macht- und Gesetzesinstanz
3.4 Der Vertrag und die Eigenverantwortlichkeit Professor Raths
3.5 Lola Lola, das masochistische Frauenideal
3.6 Die Verneinung der sexuellen Lust und die Befriedigung durch Schmerz
3.7 Das Ziel: Die Symbiose mit der Mutter

4. Der Abschluss
4.1 Das Filmende: Ende der masochistischen Fantasie
4.2 Zusammenfassung der masochistischen Merkmale des Films

5. Filmographie

6. Bibliographie

1. Vorbemerkung

Viele Rezensionen des Films ‚Der Blaue Engel’ rücken Lola Lola als Femme Fatale in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Zeichnen sie als kalte, berechnende und laszive Frau, der die Männer erliegen. Mit dieser Anziehungskraft soll sie auch Professor Rath in den sozialen Abstieg aus Leid und Demütigung gerissen haben.

Die vorliegende Arbeit möchte eine Gegenposition zu diesen Charakterisierungen einnehmen – Professor Rath nicht als Opfer der Femme Fatale, sondern als Schuldner des eigenen Leidens betrachten, nach seiner Verantwortlichkeit für den sozialen Abstieg bis hin zum Tod fragen und ihn als bewussten Akteur, als Masochist beleuchten.

Grundlage der Arbeit ist Gilles Deleuzes Literaturanalyse der Romane Sacher-Masochs. Diese theoretische Definition der Merkmale des Masochismus wird auf den Film übertragen. Ziel dieses Vergleichs ist die Beantwortung der Frage, ob Professor Rath ein Masochist und somit selbst für seinen sozialen Abstieg und Tod verantwortlich ist.

Der folgende Interpretationsansatz ist dabei aber nicht als absolut zu verstehen. Andere Ansätze sollen durch ihn nicht verneint werden. Vielmehr soll er diese ergänzen, denn nicht alle Merkmale und Eigenschaften des Films können mit dem Ansatz des Masochismus erklärt werden.

2. Definition des Masochismus nach Gilles Deleuze

Die Auslegung des Masochismus orientiert sich an Gilles Deleuzes Aufsatz „Sacher-Masoch und der Masochismus“[1]. Deleuze distanziert sich in seiner Literaturanalyse klar von Sigmund Freud. Er widerlegt die Einheit zwischen Sadismus und Masochismus und weist anhand der Romane Sacher Masochs nach, dass der Masochismus nicht die Umkehrung des Sadismus, sondern eine eigenständige Perversion ist.

Dieses Kapitel stellt die wesentlichen Merkmale des Masochismus heraus.

2.1 Die Grundlagen des Masochismus: Fantasie, Fetischismus und Verneinung

Die Mutter-Kind-Fantasie[2] bildet die Grundlage des Masochismus. Ihr Ziel ist die Symbiose zwischen dem Masochist als Kind und der Frau als Mutter. Der Masochist muss sich dieser Fantasie ganz hingeben. „[Er] muß glauben, er träume, selbst wenn er nicht träumt.“[3]

Wie im Traum neutralisiert der Masochist in seiner Fantasie die Wirklichkeit und kreiert seine Idealvorstellung. Vergangenheit (Kindheit) und Gegenwart werden verknüpft, um eine Schnittstelle von Unbewussten und Bewussten zu schaffen.[4] Diese Synthese bildet das Phantasma der Realität. Es hält den Idealzustand in der Schwebe; den Moment des Idealen fest.

Dieses Ideal ist der Fetisch, das Objekt des Phantasmas. Der Fetisch ist das Substitut für den weiblichen Phallus. Er entsteht im letzten Augenblick vor dem Erkennen, dass die Frau keinen Penis besitzt. „Als Fetisch biete[t] sich der letzte Gegenstand an, den das Kind gesehen hat, ehe es dieses Fehlen bemerkte […] die Rückkehr zu diesem Gegen-stand, zu diesem Blickpunkt erlaube es dem Fetischisten, an der Existenz des bestrittenen Organs festzuhalten.“[5]

Der Fetisch ist die grundlegende Verneinung im Masochismus. Die Bejahung des weiblichen Phallus durch den Fetisch stilisiert die Mutter zum ideal-schaffenden Wesen und annulliert die männliche Gesetzes- und Geschlechtsmacht.

Neben der Fantasie und dem Fetisch spielt die Verneinung eine ebenso zentrale Rolle. Sie bildet die Grundlage, auf der das Phantasma entstehen kann.

Drei Normen werden neutralisiert: Das Fehlen des mütterlichen Phallus im Fetisch, die Rolle des Vaters und die sexuelle Lust. Alle Verneinungen zielen auf das Auslöschen des Vaterähnlichen und das Kreieren des „neuen Menschen ohne Geschlechtsorgan“[6].

Durch die Verneinung der sexuellen Lust verzögert der Masochist das Gefühl der Lust so lange, bis er dessen „Wirklichkeit verneinen kann, um dem [geschlechtslosen Ideal] gleich zu werden.“[7]

Liebesakte werden deshalb häufig abgebrochen. Denn aufgrund der Verneinung der Lust erfolgt auch die Abwendung von Befriedigung durch Orgasmen, damit die Abkehr von der Vaterähnlichkeit. Befriedigung erfährt der Masochist nur durch Schmerzen.

Freud konstatiert im Rahmen seiner Annahme der Komplementrarität von Sadismus und Masochismus, dass der Masochist, gegenteilig zur Identifizierung mit dem Vater im Sadismus, die Rolle der Mutter einnimmt, um vom Vater geliebt zu werden. Der Vater bleibt weiterhin die strafende Person, wird aber von einer Frau verkörpert, um homosexuelle Verbindungen auszuschließen.

Deleuze steht dieser Argumentation kritisch gegenüber. Für ihn stellt sich nach Freuds Beweisführung die Frage nach dem Bestraften: Wird immer noch die Mutter gestraft oder sühnt doch der Vater?

Er kommt zur Erkenntnis, dass im Masochismus die Vaterfunktion verneint wird; sowohl im biologischen als auch kulturellen Sinn. Der Masochist lässt sich als Buße für seine Vaterähnlichkeit und symbolisch für den Vater von der Mutter schlagen und demütigen. Diese Annullierung der Vaterrolle erfolgt aber nur in der Fantasie. In der Realität kann der Vater jederzeit in das Mutter-Kind-Verhältnis eindringen. Einzig der Vertrag bietet Schutz.

2.2 Die Rolle der Frau im Masochismus

Mit der Verneinung der Phalluslosigkeit der Mutter wird die Funktion und Macht des Vaters auf die Mutter übertragen.[8]

Die Frau im Masochismus spiegelt diese ideale Mutter wieder. Sie ist eine Symbiose aus drei Frauentypen: Die heidnische Frau genießt den sinnlichen Augenblick, bestimmt ihre Sexualität selbst und steht für die Gleichberechtigung ein. „In moderner Gestalt denunziert sie Ehe, Moral, Kirche, und Staat als Erfindungen des Mannes, die zerstört werden müssen.“[9] Die Sadistin charakterisiert sich hingegen durch die Vorliebe für quälen und peinigen. Im Gegensatz zur heidnischen Frau beziehen sich ihre Aktionen immer auf den Mann. Denn sie handelt nur kraft seiner Aufforderung.

Das masochistische Ideal der Mutter bildet der Raum zwischen diesen Extremen. Die orale Mutter kombiniert beide Frauentypen, indem sie sich deren Funktionen aneignet und für sich abgrenzt. Sie übernimmt die Grausamkeit der ödipalen und die Sinnlichkeit der uterinen Mutter und sublimiert diese Merkmale: „[s]tatt Sinnlichkeit jene übersinnliche Empfindsamkeit, statt Wärme und Feuer Kälte und Eis, statt der Unordnung eine strenge Ordnung.“[10]

Mit der Aneignung der Eigenschaften bildet die orale Mutter das masochistische Frauenideal: „[…] Kalt-Mütterlich-Streng, Eisig-Empfinsam-Grausam.“[11] Diese Verdrei-fachung der Mutter speist auch das herausragendste Charakteristikum der Frau im Masochismus: die Wesenskälte.

Ihre Bedeutung erfährt die Wesenskälte in der Verneinung der Sinnlichkeit, der Unter-drückung der Empfindung sexueller Lust. Da das Frauenideal sowohl uterine als auch ödipale Eigenschaften in sich trägt, pendelt es immer zwischen sadistischer Grausamkeit und mütterlicher Zärtlichkeit . Sacher–Masoch beschreibt diese Ambivalenz auch in seinen weiblichen Figuren: „einen gebieterischen Willen und eine gewisse Grausamkeit, selbst noch in ihrer Zärtlichkeit und Naivität.“[12]

Das Spiel der Mutter mit dem Kind, der ständige Wechsel zwischen Liebe und Strafe durch die Frau, die daraus resultierende Unsicherheit des Masochisten verleugnen seine Empfindung von sexueller Lust. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll und verneint das Gefühl der Lust. Dadurch nähert er sich dem „neuen Menschen ‚ohne Geschlechtsliebe’“[13].

Weiteres Ziel der masochistischen Fantasie, neben der Existenz als geschlechtsloser Mensch, ist die Symbiose mit der Mutterfigur. Ein solches Zusammenleben ist jedoch physikalisch unmöglich. Nur der Tod kann dieses Verlangen erfüllen. Die orale Mutter muss das Kind deshalb erst töten, bevor es durch sie erneut geboren werden kann. Diese Wiedergeburt, ohne Mithilfe des Vaters, ist die endliche Lösung vom Vater und die Vereinigung mit dem idealisierten mütterlichen Gesetz.[14]

Zusammenfassend ist hervorzuheben, dass das masochistische Frauenideal in der oralen Mutter verkörpert wird. Diese gute Mutter repräsentiert die neue Ordnung der Macht, „in [der] oder durch welche der Vater immer schon annulliert worden ist, und zwar für alle Zeit.“[15] Die orale Mutter ist die Herrin dieser Ordnung.

[...]


[1] Deleuze, Gilles: Sacher-Masoch und der Masochismus. In: Sacher-Masoch, Leopold von: Venus im Pelz. Frankfurt am Main: Inselverlag. 1968. S. 163-281.

[2] Studlar, Gaylyn: In the realm of pleasure: Von Sternberg, Dietrich, Masochistic aesthetic. Urbana: University of Illinois Press. 1988. S. 20.

[3] Deleuze, Gilles: a.a.O. S. 223.

[4] Studlar, Gaylyn: a.a.O. S. 14.

[5] Deleuze, Gilles: a.a.O. S. 186.

[6] Ebd. S. 272.

[7] Ebd. S. 187.

[8] Die Bezeichnungen Mutter und Frau sind austauschbar, da die Frau im Masochismus die Mutter verkörpert. Ebenso verhält es sich mit den Bezeichnungen Mann und Vater.

[9] Deleuze, Gilles: a.a.O. S. 200.

[10] Ebd. S. 204.

[11] Ebd. S. 203.

[12] Ebd. S. 199-200.

[13] Ebd. S. 204.

[14] Nach Studlar, Gaylyn: a.a.O. S. 26.

[15] Deleuze, Gilles: a.a.O. S. 214-215.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638510554
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56358
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Note
1,3
Schlagworte
Masochismus Film Blaue Engel Professor Rath Abstieg Femme Fatale

Autor

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