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Schreiben als Lebensform - Zur Selbstthematisierung des Schriftstellers in Wolfgang Hilbigs Roman "Eine Übertragung"

Magisterarbeit 2001 89 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.Schreiben und Leben
1.1 Zum Phänomen der Entfremdung in der Moderne (Hegel, Marx)
1.2 Von der Entfremdung zur Entwirklichung des Realen (Hilbig)
1.3 Die Neu-Konstruktion des Lebens durch Selbstbeschreibung
1.4 Der Ereignischarakter des Schreibens

2.Die Selbstthematisierung des Schreibenden in Wolfgang Hilbigs Roman „Eine Übertragung“
2.1 Der Roman einer Schreibund Lebenskrise
2.1.1 Übertragungen Metaphorisierungen: Zur Sprach-, Identitätsund Wirklichkeitsproblematik
2.2 Versuch einer Strukturanalyse des Romans
2.2.1 Schwierigkeiten der Strukturanalyse
2.2.2 Die Geschichte von der Suche nach einem Sujet
2.2.3 Die mehrperspektivische Narration
2.2.4 Der Erinnerungsprozeß und das Spiel des Erzählers

3. Resümee: Selbsterschaffung versus Mimesis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

„Wenn ich schreibe, dann bin ich. Aber ich bin nicht, setzte ich hinzu. Es gab für mich kein Sein des Schreibens, und der Kampf darum war die einzig gültige Metapher, die mein Leben beschrieb. Immer suchte ich nach dieser Metapher, sie zu finden hätte bedeutet, mein Leben ganz in ein Abwesen­des zu übertragen.“ (EÜ, S. 220)

Es gibt wohl kaum einen Autor, der in seinem Werk mit einer solchen Häufigkeit das Schreiben thematisiert wie Wolfgang Hilbig, ja für dessen Texte die interne Reflexion der Schreibtätigkeit als konstitutiv anzusehen ist. Immer wieder stellt Hilbig dabei den lebensweltlichen Bezug des Schreibens her das Verhältnis von Kunst und Leben, von Realität und Fiktion -, den kulturellen und historisch-politischen Bezugsrahmen die Re­glementierung von Kunst im „sozialistischen“ Staat und die „autobiographische“ Dimension die Problematik des Festgelegt­seins auf einen präfabrizierten Lebenslauf wie die der freien Selbsterschaffung durch die Neubeschreibung des eigenen Lebens. Innerhalb der einzelnen Kontexte wie auch losgelöst von ihnen, in der Darstellung seiner Selbstbezüglichkeit, nimmt das Schrei­ben die Gestalt einer Obsession an. Ob Hilbig in seinen Texten das Nicht-schreiben-Können beschreibt, das sehn­süchtige Warten auf den Schreibakt oder dessen Verstümmelung im bloßen Gekritzel, stets wird ein zwanghafter Zug offenbar, der wie das voranste­hende Zitat zeigt mit dem Bewußtsein des Schreibenden davon zusammenhängt, daß es für ihn keine an­dere Lebensform gibt, welche ihn nicht „ganz in ein Abwesendes“ verwandeln würde, als jener schriftstellerische Kampf um ein „Sein des Schreibens“.

Die Hoffnung, Selbstvergewisserung durch das Schreiben zu fin­den, kann als ein allgemeines Charakteristikum des Schriftstellers gelten;[1] der in Hilbigs Texten immer wieder thematisierte, in „Eine Übertragung“ gar handlungsbildende „writers-block“ verweist jedoch darüber hinaus auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Identität, das auf den unerträglichen Selbstverlust des Schreibenden im Alltag zurückführbar ist; das Schreiben wird zur einzigen „identitätsstiftenden“ individuellen Handlung.

Das erste Kapi­tel der vorliegenden Studie stellt die reaktiven und die ak­tiven Komponenten des Schreibens unter Einbeziehung von Re­flexionen der Ich-Erzähler verschiedener Texte Hilbigs über das Schreiben aus. Die in diesem Kapitel enthaltenen Erörterungen der Ursachen der Schreibobsession und Bestimmungen der Funk­tio­nen des Schrei­bens verstehen sich als Angebot, die Problematik des Schreibens im totalitären Staat zu verstehen, selbstverständlich nicht als deren Auflösung. Dieses theoretische Kapitel liefert desweiteren keine kausale Er­klärung der Elemente der Hilbigschen Poetologie, die ich im zwei­ten Kapitel textimmanent im Rahmen einer Struk­turanalyse des Romans „Eine Übertragung“ beschrei­ben werde. Es geht mir in meiner Darstellung der Entfremdungs­erscheinungen im „so­zia­listischen“ Staat, der Problematik „autobiographischen“ Schrei­bens und der Bedeutung des Schreibprozesses für den Schrei­ben­den vielmehr darum, für die im Hauptteil meiner Ar­beit er­folgende Analyse von „Eine Übertragung“ einen philoso­phischen und schreibtheoretischen Kontext bereitzustellen, der meine Unter­suchung erweitert, vertieft und begrifflich stützt.

In „Eine Übertragung“ (1989) hat Wolfgang Hilbig den Zusam­menhang von Leben und Schreiben zum Hauptgegenstand eines Romans gemacht. Entscheidend ist, daß der Ich-Erzähler das Schrei­ben hier nicht nur innerhalb reflektierender Passagen the­matisiert, sondern daß es selbst Gegenstand der Handlung ist. Im Zentrum meiner Studie steht daher eine Strukturanalyse des Romans, mit welcher ich literaturwissenschaftliches Neuland be­trete (s. Abschnitt 2.2); dabei wird sich zeigen, daß das Romanpro­jekt in einer auch und gerade poetologischen Selbstbeschrei­bung des Ich-Erzählers besteht, welche durch eine von ihm durch­standene, handlungsbildende Schreibund Lebenskrise motiviert wird.

1. Schreiben und Leben

1.1 Zum Phänomen der Entfremdung in der Moderne (Hegel, Marx)

Wenn man die Moderne[2] ideengeschichtlich betrachtet als das nachmetaphysische Zeitalter begreift, dann besteht ihr Haupt­cha­rakteristikum darin, daß der Mensch sich alleinverantwortlich für den Zustand der Welt und den Verlauf der Geschichte weiß und sich fortan selbst die Aufgabe ist. Das emphatische Moment der Moder­ne, das dem Ver­lust des Glaubens an einen göttlichen Heilsplan entsprungen ist und im Projekt der Aufklärung Gestalt angenommen hat, drückt sich in dem Bewußtsein des Menschen aus, Herr seiner selbst zu sein und aufgrund seiner gattungsspezi­fischen Be­gabtheit mit Vernunft die Welt und das eigene Schick­sal zu gestalten.

Zwischen diesem neuen Selbstbewußtsein des modernen Men­schen dessen Kehrseite freilich ein radikaler Zweifel bildet; so etwa der an der Existenz des eigenen Ich, an der Fähigkeit, die Welt erkennen, sie sprachlich abbilden und in ihr moralisch han­deln zu können[3] und der konkreten Erfahrung des einzelnen Individuums bricht allerdings eine Kluft auf, weil „der Mensch sich als derjenige weiß, der die Welt eingerichtet hat, [...] der ein­zelne sie jedoch immer schon eingerichtet vorfindet, die sich sei­nen Bedürfnissen entgegensetzt und von ihm selbst als fremde er­fahren wird.“[4] Aus diesem Grund ist das entscheidende Problem, mit dem der einzelne in der Moderne konfrontiert wird, das Sich-Wiedererkennen in einer ihm entfremdeten Welt.

Hegel war der erste Philosoph, der das Grundproblem der Mo­derne, die Entfremdung, theoretisch begründet und den Versuch unternommen hat, es dialektisch aufzulösen.[5] Das Ziel seiner Re­flexion ist die Versöhnung der Subjektivität des einzelnen sein Bedürfnis nach freier Entfaltung mit der durch die Institutionen des modernen Staats repräsentierten Allgemeinheit; seinen Aus­gangspunkt bildet die Diagnose, daß das moderne Individuum einen unbestimmten Mangel in seinem Leben verspürt und den Wunsch hegt, ein anderes Leben zu führen. Hegels reflexive Durchdringung dieses gestörten Selbstund Weltbezugs des Indi­viduums läßt eine doppelte defizitäre Erfahrung zutage treten: zum einen die des Gebundenseins an eine bestimmte Lebensform beim einfachen Bürger bzw. Arbeiter, der die Sehnsucht verspürt, seinen Status quo zu überwinden; und zum anderen die des Ge­trenntseins von einer erfüllten Lebenspraxis beim Intellektuellen, der zwischen seiner Idee vom Leben und diesem selbst einen Ab­grund klaffen sieht.[6] Diese doppelte Entfremdungserfahrung bil­det ein Moment der Selbstreflexion des einzelnen, das dieser pro­duktiv nutzbar zu machen hat, um einen Prozeß der Selbster­kenntnis zu durchlaufen, der ihn mit sich und der Welt ver­söhnt. Entscheidend ist, daß Hegel[7] zwischen dem Inhalt des Le­bens und dessen Form unterscheidet, welche der einzelne da­durch gewinnen kann, daß er sein Leben, resp. seine Zeit auf den Begriff bringt. Erst die Gewinnung der Form durch die Reflexion erweist den Inhalt als vernünftigen. Die Anstrengung, die das Phänomen der Entfremdung jedem einzelnen aufnötigt, ist also die, das eigene Leben zu begreifen und das heißt, in ihm wie in der eigenen Zeit das Vernünftige als die Substanz des Wirk­lichen zu erkennen. Diese Substanz besteht für Hegel in dem In­stitutionengefüge des modernen Staats, das die Form der bürger­lichen Gesellschaft bildet und „als solches der Freiheit ver­nünftiger Subjektivität vollendete Gestalt gibt.“[8] Zum Staat als dem Werk des objektiven Geistes verhält sich die historisch ge­wachsene bür­gerliche Gesellschaft wie die Erscheinung zur Sub­stanz. In dieser konkreten Erscheinung des objektiven Geistes er­kennt sich der einzelne zunächst nicht wieder. Dafür gibt es zwei Gründe: „Entweder stehen die Institutionen nicht auf dem Ni­veau der Zeit und entbehren des luziden Zusammenhangs, der ihnen Sy­stematizität und Transparenz verleiht. Oder die Indivi­duen ha­ben sich durch Bildung nicht zur alles entscheidenden Fähigkeit erhoben, ein allgemeines Leben zu führen.“[9] Diese notwendige Fähigkeit setzt voraus, die Freiheit als Inhalt der bürgerlichen Ge­sellschaft in ihrer Form verwirklicht zu sehen und nicht nach ei­nem neuen Inhalt einer anderen Gesellschaft zu verlangen, für den es noch keine angemessene Form gibt.[10] Es sind also entweder objektive Mißstände, die Hegel als historisch und insofern wan­delbar begreift, oder Fehler der individuellen Lebensgestaltung, welche die Entfremdung unüberwindbar er­scheinen lassen. Diese Stufe der Selbstreflexion zu überschreiten, heißt für Hegel zu be­greifen, daß das Institutionengefüge des mo­dernen Staats grund­sätzlich jedem Bürger die Möglichkeit bietet, an irgendeinem Ort innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft seine Idee vom Leben zu verwirklichen und sich in seinem vernünf­tigen Handeln selbst zu erkennen, denn „Wiedererkennen, das heißt einsehen, daß die Institutionen Geist vom Geist des Sub­jekts sind.“[11]

Die schärfste und folgenschwere Kritik an Hegels Legitimation des modernen Rechtsstaats übte Karl Marx.[12] Dieser sah in der Hegel­schen Version, die Entfremdung zu überwinden, selbst ein Exem­pel entfremdeten Denkens, das die bestehenden Verhält­nisse ab­zusegnen versuchte; er denunzierte es daher als Ideologie. Wäh­rend Hegel dem einzelnen aufgab, am Bestehenden das Ver­nünf­tige zu begreifen und es von den unvernünftigen Begleit­erschei­nungen zu trennen, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen, wies Marx auf die Falschheit des Gesamtzusammenhangs der bürger­lich-kapitalistischen Gesellschaft hin, der die Selbstent­frem­dung der Masse der Menschen, der arbeitenden Klasse, verursache und aufrechterhalte.

Marx wirft Hegel vor, daß das Wiedererkennen des Individuums in den Institutionen nur ein geistiger Akt darstelle, Hegel damit den Menschen auf ein spirituelles, abstraktes Wesen reduziere; dadurch aber unterschlägt Hegel laut Marx sowohl das eigentliche konkrete Wesen des Menschen, die Arbeit „als materielle gesell­schaftliche Tätigkeit“,[13] wie seine Vergegenständlichung in ihr zum Zweck seiner Ausbeutung durch die herrschende Klasse. Aus diesem Grund setzt Marx´ eigene Bestimmung der Entfrem­dung bei der Analyse der entfremdeten Arbeit an. Wolfgang Heise faßt diese wie folgt zusammen:

„Entfremdung das heißt Verselbständigung der Pro­dukte der Tätigkeit und der wechselseitigen Beziehun­gen der Individuen zur Macht über diese Individuen und deren Knechtung und Formung durch diese Macht.“[14]

In dieser knappen Definition sind die beiden wichtigsten Aspekte der Marxschen Auffassung der Entfremdung enthalten: zum einen gehört dem Arbeiter das Produkt seiner Tätigkeit nicht, da sich die Produktionsmittel im Besitz der Eigentümer des jeweili­gen Betriebes befinden; dadurch erzeugt der Arbeiter einen Reich­tum, der ihn unterdrückt. Zum anderen ist der Arbeiter auf die von ihm ausgeübte Tätigkeit die ihn nicht befriedigt aus Grün­den der Existenzerhaltung angewiesen und dem Prinzip der Kon­kurrenz unterworfen, das die Beziehungen der Individuen unter­einander korrumpiert. Der auf sich allein gestellte, aber sich selbst in seiner Rolle nicht erkennende Arbeiter ist somit den sich ver­selbständigen Produktionsbeziehungen denen zwischen Produ­zent und Produkt ausgeliefert, was dazu führt, daß sich der Ge­samtzusammenhang des Produktionsprozesses, den er aufrecht erhält, von ihm abspaltet und ihn als Abhängigen der Klasse der Besitzenden konstituiert.[15] Die Bedingungen der kapitalistischen Produktion bewirken für Marx also den Ausschluß der Massen von der Teilhabe an den Produkten der gesellschaftlichen Tätig­keit und folglich von der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt. Damit aber spricht er ihr jene Vernünftigkeit ab, die Hegel als ihre unverkennbare Substanz ausgestellt hat, und fällt über sie im ganzen das Urteil der Inhumanität.

In der Konsequenz dieser totalisierenden Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und des modernen Staatswesens lag für Marx die re­volutionäre Umgestaltung der Verhältnisse als Mittel zum Zweck der Überwindung der Entfremdung. Sein Revolutionsprogramm sah nach der Abschaffung des Kapitalismus und der Errichtung der Diktatur des Proletariats wie der sozialistischen Gemeinschaft aller Menschen einen stufenweisen Übergang zum Kommunis­mus vor.[16] Die Verwirklichung der Marxschen Utopie sollte be­reits auf der ersten Stufe, dem Sozialismus, die Überwindung der Entfremdung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs zei­tigen; so im einzelnen die Aufhebung „der Entfremdung zwi­schen dem Produzenten und seinem Produkt, seiner Tätigkeit und den sachlichen Produktionsbedingungen, der Entfremdung zwischen den Individuen und zwischen Individuum und Gesell­schaft, damit der Ohnmacht der Individuen gegenüber dem ge­sellschaftlichen Gesamtprozeß.“[17]

Das universale Heilmittel, das die Befreiung der Individuen aus ihrer Knechtschaft und ihre Beförderung zu selbstbestimmten, die Natur wie die Gesellschaft beherrschenden schöpferischen Kräf­ten erbringen sollte, war für Marx die Vergesellschaftung des ge­samten Produktionsprozesses unter der Führung der Arbeiter­klasse. Es ist der Aberwitz dieser Realgeschichte gewordenen Uto­pie, daß ihre Durchführung innerhalb der realsozialistischen Länder die Verkehrung der von Marx im Namen der Humanität und des Fortschritts begründeten Ziele in ihr Gegenteil, den Still­stand und den Terror, zur Folge hatte. Was die totalitären Staa­ten sozialistischer Provenienz allesamt kennzeichnete, waren sta­tische Machtund Produktionsverhältnisse, die massive Be­schneidung der Freiheit des Individuums und seine umfang­rei­che Kontrolle von der ideologischen Erziehung bis hin zur Be­spitzelung durch die Machthaber. Diese Diktaturen be­haupteten die Verwirklichung sozialistischer Ideen daher nur zynisch, d. h. im Wissen um deren alltägliche Pervertierung in der Realität. So muß denn auch die von den Machthabern dieser Staaten herge­stellte Verbindung ihrer selbst mit der Utopie des Sozialismus eine wie es Peter Sloterdijk auf die DDR gemünzt hat „zynische Sprachstörung von epochalen Ausmaßen“ ge­nannt werden.[18]

1.2 Von der Entfremdung zur Entwirklichung des Realen (Hilbig)

Wolfgang Hilbigs Werk ist ohne das Phänomen der Entfremdung des einzelnen im „Stasi-Staat“[19] nicht denkbar. Die Dispersion des Ich, das sich in den Texten selbst thematisiert, sein fortwährender Zweifel an der Richtigkeit seiner Beobachtungen, seine Unsicher­heit in seinem Verhalten anderen Personen gegenüber, seine wie ich später ausführen werde (s. Abschnitt 2.1.1) skeptische Einschätzung der Sinnhaftigkeit sprachlicher Repräsentation der Wirklichkeit all diese Selbstinfragestellungen des Ich lassen sich als Entfremdungssymptome lesen, die sein empfindlich gestörtes Verhältnis zu sich selbst wie zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der DDR anzeigen.

Die Entfremdungsproblematik, die Hilbig in seinen Texten auf­wirft, enthält Elemente gewöhnlicher Gesellschaftsund Ideolo­giekritik, die allerdings in den weit größeren Rahmen einer Zivi­lisationskritik eingefaßt sind. So wendet Hilbig erstens die Marx­sche Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft unter dem Gesichts­punkt der Entfremdung auf den „sozialistischen“ Staat an. Dabei tritt das Wesen der DDR als das einer hierarchisch strukturierten Klassengesellschaft zutage, innerhalb der es Privilegierte und Nicht-Privilegierte, Unterdrücker und Unterdrückte gibt, wo­durch Hilbig die zynische Verkehrung von „sozialistischer“ Wirklichkeit und sozialistischer Vision durch die Machthaber entblößt.[20] Die DDR erscheint als ein Staat, in dem die Antago­nismen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft keines­wegs revolutio­när überwunden, sondern nur neu interpretiert wurden zum Zweck der Legitima­tion der Herrschaft der „sozialistischen“ Führungselite.[21] Die ideologiekritische Dimension der Texte Hil­bigs eröffnet zweitens die Darstellung der immensen Wi­der­sprüche, die zwischen der materiellen Basis der Gesellschaft und ihrem Überbau bestehen. Marx faßte das gesellschaftliche Bewußt­sein als eine Art Spiegel des gesellschaftlichen Seins auf; ersteres soll Ausdruck des letzteren sein und die materielle Basis der Ge­sellschaft, d. h. die Lebensund Arbeitsverhältnisse der Menschen sofern diese sich auf keinem dem freiheitlichen Geist ent­spre­chenden Niveau befinden revolutionär verändern. In den Staa­ten des real existierenden Sozialismus wurde diese von Marx dia­lektisch gedachte Beziehung zwischen der Basis und dem Überbau der Gesellschaft allerdings aufgrund der Ignoranz der Machthaber gegenüber den realen Mißständen, resp. durch eine Praxis der Entmündigung und Unterdrückung des einzelnen sus­pendiert: die sozialistischen Ideen von einer menschenwürdigen klassenlo­sen Gesellschaft wurden als verwirklicht ausgegeben trotz aller den Postulaten der Machthaber widersprechenden „Zeichen“ aus der Lebenswirklichkeit der Menschen. Die „Wirk­lichkeit“ dieser Staaten war insofern in ein offizielles Bild von ihr, das „gleichsam nur noch zitiert werden [durfte]“,[22] und in von die­sem abweichende inoffizielle Beschreibungen, die ver­schiedenen Formen der „Zensur“ unterlagen, gespalten.[23]

Wolfgang Hilbigs in erster Linie auf die Verhältnisse in der DDR gerichtete Augenmerk gilt daher wie sich zunehmend in den seit Mitte der 80er Jahre geschriebenen Texten zeigt weniger den Entfremdungsstrukturen, welche die materielle und natürliche Basis der Gesellschaft betrafen und über welche ein durch die Machthaber verordnetes Schweigen herrschte,[24] als vielmehr der durch den das Bild der Realität wie des Menschen vorschrei­ben­den Diskurs der Macht hervorgerufenen Entfremdung bzw. „Entwirklichung“ des einzelnen. Hilbig geht bei seiner Zustands­beschreibung der DDR von der Beobachtung aus, daß die jeglicher revolutionären Praxis verlustig gegangene Macht sich durch eine positive Selbstbeschreibung und Wirklichkeits-Konstruktion, mittels des Instruments der Sprache also, zu legitimieren und ihre Herrschaft zu sichern versuchte:

„Dieser Zustand war über weite Bereiche ein Geflecht von Sprachund Bewußtseinsherrschaft, genauer ge­sagt: eine Sprachdiktatur. Das System basierte auf Ideo­logie, und diese war der wortreiche Versuch, sich einen "wissenschaftlichen" Existenznachweis zu erschaffen, um so intensiver, je widernatürlicher diese Existenz wurde. Die Sprachdiktatur bestand aus einem strengen Kanon offizieller Beschreibungsrituale, die mit der Zeit völlig wirklichkeitslos geworden waren. "Entfrem­dung" war dafür ein zu schwaches, verwaschenes Wort, das den Zustand nicht hinreichend definierte, es stammte aus der marxistischen Kapitalismus-Kritik und bezog sich nur auf die Besitzverhältnisse der öko­nomischen Produktionsmittel [...]. "Entwirklichung" war das Kunst-Wort, das die Differenz zwischen der Wirklichkeit und dem Ausdruck der Wirklichkeit am deutlichsten beschrieb: Die Differenz war unüberbrück­bar.“[25]

Was Hilbig dazu veranlaßt, die DDR als eine „Sprachdiktatur“ zu bezeichnen, ist die jedes ideologische Denksystem kennzeich­nende Künstlichkeit seiner Welterklärung. Da es behauptet, eine durch sich selbst letztbegründete und widerspruchsfreie Erklärung der Welt zu liefern, kann es sich aufgrund seiner tatsäch­lichen In­adäquatheit zur objektiven Wirklichkeit nur „wissen­schaftlich“ begründen und durch die Schaffung von Feindbildern gegen Kri­tik immunisieren.[26] Die Vertreter des Ideensystems proji­zieren daher die Schuld an den gesellschaftlichen Wider­sprüchen, die ihnen selbst zukommt, „nach außen“,[27] um jeden Zweifel am Sy­stem zu eliminieren und es zu stabilisieren. Die von Hilbig so oft beschriebene Paranoia der Machthaber ist daher als eine zwin­gende psychologische Auswirkung ihres „Wahrheit“ axiomatisch herstellenden ideologischen Denk­systems zu verstehen;[28] indem dieses Feindbilder produzieren muß, macht es sich angreifbar und das Monstrum des Überwachungsstaats notwendig.[29]

Bedenkt man, daß nach Marx die sozialistische Staatsform, die Diktatur des Proletariats, die erste Stufe eines geschichtlichen Pro­zesses darstellen und als eine Form der „Herrschaft von Men­schen über Menschen“[30] die Voraussetzungen für den Übergang zur herrschaftslosen kommunistischen Gesellschaft schaffen sollte,[31] so spricht Hilbig durch die Bezeichnung „Sprachdiktatur“ der DDR bzw. diese zum Modell für den „sozialistischen“ Staat insgesamt erhebend dem gesamten Projekt des Sozialismus seine geschichtlich-fortschrittliche Dimension ab. Der „sozia­listische“ Staat wird zum einen der statischen Machtver­hältnisse ei­ner gewöhnlichen Diktatur überführt und zum ande­ren als ideo­logisches Zeichensystem unter die Lupe genommen, das sei­ne „Entwirklichung“ verursacht.

Wie Jean Baudrillard[32] dargelegt hat, betreibt jede Ideologie eine „Veruntreuung der Realität durch die Zeichen“,[33] da sie aus der Not heraus, die Widersprüche der gesellschaftlichen Wirklichkeit unterdrücken zu müssen, vorgibt, die Realität durch ihr Zeichen­system vollständig zu repräsentieren. Daß das ideologische Zei­chensystem die es bedrohende Realität falsch repräsentiert, führt zu deren fiktiver bzw. simulativer Verdoppelung;[34] da das fiktive Bild der Realität zum Original erklärt wird, „entwirklicht“ sich mit Hilbig gesprochen folglich der Staat.

Dadurch daß Hilbig die DDR als eine „Sprachdiktatur“ karikiert, welche die Derealisierung des Realen betreibt, führt er das ge­samte ideologische Denksystem ad absurdum und verabschiedet die Möglichkeit einer die Selbst-Veränderung des Staats fordern­den Kritik. Die gesellschaftsund ideologiekritischen Passagen in Hilbigs Texten verweisen insofern gerade deshalb auf sein weiter reichendes zivilisationskritisches Vorhaben, weil Hilbig wie Si­bylle Cramer bemerkt „[d]ie sozialistische Gesellschaft [...] als Ide­enkonstrukt gar nicht mehr [ernst nimmt].“[35] Deshalb unter­scheidet sich Hilbigs Zivilisationskritik bereits im Ansatz von der der meisten DDR-Autoren. Während nämlich Autoren der äl­te­ren Generation wie z. B. Heiner Müller und Volker Braun die Be­dingung für jeglichen zivilisatorischen Fortschritt in der Ver­wirk­lichung des Sozialismus sahen und sich mit ihren Texten in das Raster „Sozialismus oder Barbarei“ einschrieben,[36] stellt Hilbig diesen für die „Epochenillusion Sozialismus“[37] kon­stituti­ven Be­dingungszusammenhang nicht mehr her; im Unterschied zu den genannten DDR-Autoren zeigt sich der zivilisationskri­tische Schreibimpuls bei Hilbig daher auch nicht als durch die ein Be­kenntnis zum Sozialismus voraussetzende Desillusionierung über die Realisierbarkeit der sozialistischen Idee motiviert[38], son­dern durch die radikale Absage an den Utopiebegriff.[39] Hilbig thematisiert die sozialistische Utopie in seinem Werk als unwah­ren Diskurs über die Wirklichkeit und stellt die totalitären Struk­turen des „sozialistischen“ Staats aus; er untersucht „nur“ noch die spezifische Funktionsweise der totalitären Macht im „Stasi-Staat“ und beschreibt die Strategien der Anpassung wie des Wi­derstandes der in ihm lebenden Individuen;[40] dabei betrachtet er aber die Theorie und Praxis des Sozialismus als Ausdruck der im Zuge der Aufklärung heilig gesprochenen und totalitär gewor­denen Vernunft, d. h. mit dem Blick auf den modernen Zivilisa­tionsprozeß.

Michel Foucault hat ähnlich wie Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ den Zivilisationsprozeß als einen Vorgang fortschreitender Rationalisierung begriffen, der „unter dem verhüllenden Schein einer moralischen Emanzipa­tion die technischen Mittel sozialer Herrschaft perfektioniert und in eins damit das moderne, zwanghaft vereinheitlichte Indivi­duum hervorbringt.“[41] Unter der Foucault eigenen neostruktura­listischen Optik stellt sich der moderne Zivilisationsprozeß dabei konkret als eine geschichtliche Herausbildung von Denksystemen dar, welche

ein Wissen über den Menschen erzeugen, das einer­seits den „kulturellen und moralischen Fortschritt“[42] scheinbar garantiere, andererseits aber die Basis für die soziale Kontrolle und die politische Herrschaft über das Subjekt erschaffe.[43] Der Grund für Foucaults negative Bewertung des sich nach der Ent­stehung der Humanwissenschaften im 19. Jahrhundert allmäh­lich perfektionierenden Wissens über den Menschen ist darin zu sehen, daß er in den Wissenssystemen eine überindividuell sich konstituierende Macht erkennt, welche durch die Diskurse Herr­schaft über die Individuen gewinnt.[44] Indem nämlich die Dis­kurse ein Wissen vom und dadurch ein Bild des Menschen pro­duzieren, entwickeln sie zugleich Systeme der Ausschließung al­les mit diesem Bild nicht Identischen;[45] der Machtcharakter der Diskurse besteht folglich darin, daß sie den Menschen verding­lichen und eine Instrumentalisierung des Wissens zum Zweck der Disziplinierung der Individuen vollführen. Die Macht konsti­tu­iert sich nach Foucault jedoch nicht allein durch die überindi­vi­duellen Diskurse, sondern ebenso durch das Begehren des ein­zel­nen, der an ihnen und damit an der Macht teilhaben will; sie ent­steht also auch gleichsam „von unten“.[46]

Wolfgang Hilbigs Blick richtet sich ganz im Foucaultschen Sinne auf die DDR als moderne Disziplinargesellschaft, in welcher die Macht durch ihren „Panoptismus“, durch die der sozialistischen Doktrin unterworfenen Diskurse wie durch die Funktionali­sie­rung des einzelnen die Selbstverhältnisse der Individuen be­stimmt.[47] Die Perspektive der Hilbigschen Ich-Erzähler ist daher stets die von Außenseitern, welche an sich selbst wie an anderen die Spuren der Disziplinierung verstärkt wahrnehmen; sie sind Projektionsflächen für das sozialistische Menschenbild und den Praktiken der Kontrollgewalt ausgesetzte Körper. Ihr Begehren zielt entweder auf die freie Selbstentfaltung ihrer Subjektivität oder wie im Falle des Spitzels in „Ich“ auf die Teilhabe an der Macht durch die Ausübung einer Funktion. Indem Hilbig aber eine Beschreibung der DDR-Gesellschaft von unten „aus der Niederlage“ (DB, S. 43) liefert und den „Selbstbeschreibungen der Macht“ (ebd.) entgegensetzt, „unterläuft er das ideologische Ge­bäude des Sozialismus, seine Geschichte und seine gesellschaft­liche Ausbildung zu einem totalitären System zwischen Parteiap­parat, Armee und Sicherheitsdienst. Er reduziert sein Bild der Ge­sellschaft auf eine Modellzeichnung ihres sozialen Affektsystems, seiner Regulierung und Disziplinierung. Er stellt die Zivilisa­ti­onsfrage.“[48] Da Hilbig die Zivilisationsproblematik im Unter­schied zu Autoren wie Volker Braun und Heiner Müller in radi­kaler Ablehnung jeder Illusionierung über die Mobilisierbarkeit gesellschaftsutopischer Reserven und auch ohne Hoffnung auf eine Wiederkehr der Götter aufwirft, vermittelt Hilbig durch sie konsequenterweise eine subjektive Utopie. So knüpft Hilbig an die Frage nach den Ursachen für die Beschädigung des modernen Sujekts einzig die Frage nach der Möglichkeit der Selbsterschaf­fung des einzelnen.

1.3 Die Neu-Konstruktion des Lebens durch Selbstbeschreibung

Eines der auffälligsten Merkmale der Texte Wolfgang Hilbigs ist die manische Selbsterkundung seines Ich-Erzählers.[49] Da dieses Ich sich selbst stets Frage ist, wird ihm von anderen, vor allem von den Mächtigen, mit der Zuweisung einer Identität geantwor­tet, gegen welche es sich schreibend zu wehren versucht. Außer­halb des Schreibakts, während dessen es ihm gelingt, seine Brü­chigkeit zu beschreiben und für Momente zu überwinden, zerfällt es sogleich wieder. Hilbig hat schon in einem sehr frühen Sta­dium seines Schreibens die zentrale Ursache des Identitätspro­blems[50] seines Ich-Erzählers in der Doppelexistenz als Arbeiter und Schriftsteller fixiert. Die Selbsterkundung des Ich verläuft in einigen der früheren Texte allerdings wie bereits gesagt im we­sentlichen noch über die Auseinandersetzung mit den konkreten Arbeitsverhältnissen, denen das Ich ausgesetzt ist und die es am Schreiben hindern; in dem Erzählungsband „Der Brief“ (1985) als Hilbig den Schritt zum freien Schriftsteller mit großem Erfolg ab­solviert hatte präsentiert sich dieses Ich als ein gänzlich auf sich selbst gestelltes und tritt somit unmittelbarer in Erscheinung. Der Verlust des Schutzes, den die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bedeutet hatte, führt dazu, daß das Ich einer „kalte[n], geister­hafte[n] Welt“ allein gegenübersteht, „in der man eine Identität besitzen muß, um bestehen zu können“ (DB, S. 106). Die Identi­tätsproblematik des Ich entwickelt Hilbig hier mittels einer per­spektivischen Verschiebung: aus dem schreibenden Arbeiter ist ein Schriftsteller geworden, der einstmals Arbeiter war. Das Ich thematisiert seine Spaltung folglich zwangsläufig auf abstrak­te­rem Niveau: es ist nicht mehr wie z. B. in „Die Arbeiter“ und „Der Heizer“ ein Ich, dem durch den entfremdeten Produktions­prozeß, innerhalb dessen es existiert, und durch eine feste Rollen­zuweisung[51] seine Identität verwehrt wird, sondern eines, das über das Scheitern seiner versuchten Selbstkonstitution als Schriftsteller reflektiert und die hauptsächliche Ursache dafür in seiner früheren Existenz als Arbeiter erblickt, von der sich zu lö­sen es nicht imstande ist.[52]

[...]


[1] Vgl. Monika Schmitz-Emans: Schreiben und Abwesenheit, München 1995, S. 18.

[2] Ich beziehe mich bei dieser allgemeinen Charakteristik der Moderne auf Peter Bürger: Prosa der Moderne, Frankfurt/M. 1988, insbes. S. 13 f. und Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/M. 1985, ins­bes. S. 306 ff.

[3] Das moderne Subjekt ist ein gespaltenes, da es sich selbst zum Objekt seines Wissens machen und dabei erkennen muß, daß es durch diese Selbstthemati­sierung zu keinen letztbegründeten Gewißheiten über sich selbst gelangt. S. Jürgen Habermas, a.a.O., S. 306 f.

[4] Peter Bürger, a.a.O. S. 13.

[5] Es ist hier vom jungen Hegel die Rede, der in der Einleitung zur Verfassungs­schrift von 1799/1800 „das epochale Phänomen der Entfremdung auf hochkom­plexe Weise beschrieben“ und den Rosseauschen Begriff der Entfremdung über­boten hat. S. Rüdiger Bubner: Welche Rationalität bekommt der Gesell­schaft?, Frankfurt/M. 1996, S. 129 ff., hier S. 131. - Ich stütze mich im folgen­den auf Bubners Darstellung.

[6] Vgl. ebd., S. 130.

[7] Diese argumentativen Schritte zur Überwindung der Entfremdung hat der reife Hegel in seiner „Rechtsphilosophie“ vollzogen. S. Rüdiger Bubner, a.a.O., S. 133 ff.

[8] Ebd., S. 135.

[9] Ebd., S. 161.

[10] Ebd., S. 140.

[11] Ebd., S. 160.

[12] Ich beziehe mich im weiteren auf den nach wie vor grundlegenden, wenn auch in seinen Wertungen überholten Aufsatz von Wolfgang Heise: Über die Ent­fremdung und ihre Überwindung, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 13. Jahrgang, 1965, Heft 6, S. 684-710.

[13] Ebd., S. 687.

[14] Ebd., S. 700.

[15] Ebd., S. 694.

[16] S. ebd., S. 701 ff.

[17] Ebd., S. 699.

[18] Vgl. Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt/M. 1983, Bd. II, S. 452.

[19] S. Helmut Willke, a.a.O., S. 310 ff. - Der „Stasi-Staat“ stellte - wie der „SS-Staat“ - eine „der zynischsten Formen des Staates“ (ebd., S. 310) dar. Obwohl beide Staaten u. a. aufgrund des unterschiedlichen Ausmaßes der Verbrechen, die von ihnen begangen wurden, und der ihnen zugrundeliegenden Motive (die Rassenpolitik der Nazis z. B.) unvergleichbar sind, parallelisiert Willke sie durch den Verweis auf eine ihnen gemeinsame „dreifache Hybris“ (ebd.): die „Hybris der Simplifizierung“, d. h. „den Versuch, die Differenziertheit und Heterogenität einer modernen Gesellschaft auf die einfache Form einer entdif­ferenzierten einheitlichen Hierarchie zurechtzustutzen“ (ebd.); in der Praxis schlägt diese die gesellschaftliche Realität vereinfachende Theorie in die „Hybris der Organisation“ um, welche u. a. die Uniformierung, Funktionalisie­rung und Kontrolle des Heterogenen bezweckt, aber dadurch zur „Hybris der Gewalt“ führt, da sich die den modernen Gesellschaften immanenten Kräfte - wie z. B. die der Individualisierung und der Ausdifferenzierung einzelner Teil­systeme des Ganzen - nur mittels eines gewaltigen Plan-, Kontroll- und Repres­sionsapparates unterdrücken lassen (s. S. 311-314). Der „Stasi-Staat“ hat sich insofern zwangsläufig aus dem „SED-Staat“ entwickelt, der wiederum aus dem visionären „"sozialistischen" Staat“ hervorging (s. S. 312).

[20] S. dazu vor allem die Erzählungen „Die Arbeiter. Ein Essai“ (1975) und „Der Heizer“ (1980), in denen Hilbig zum einen die Produktionsbedingungen in den Betrieben der DDR einer scharfen Kritik unterzieht - „er sah sich, weit von al­ler Humanität, in eine fortschrittsferne, technische Gründerzeit verbannt“ (A [„Der Heizer], S. 87; s. zur Kritik an den Arbeitsverhältnissen auch: „Die Ar­beiter. Ein Essai“, in: ZP, insbes. S. 27-30). Zum anderen zeigt Hilbig die in den Produktionsverhältnissen verankerte soziale Ungleichheit der am Produk­tionsprozeß Beteiligten auf - so die zwischen den Heizern, welchen ein „Sklavenstatus“ zukommt , den Arbeitern, die zur nicht-privilegierten Klasse zählen, und den zur privilegierten Klasse gehörenden Ingenieuren (s. A, S. 90 u. ZP, S. 23). Die ökonomische Struktur der Gesellschaft stellt Hilbig daher durch das Bild eines „Turm[s] der Ökonomie“ (ZP, S. 23) dar, in dessen Keller die entrechteten Heizer hausen: ein Bild für die von Marx bekämpfte antago­nistische Klassengesellschaft.

[21] In der Erzählung „Er, nicht ich“ weist Hilbig auf die Abhängigkeit der DDR von den kapitalistischen Staaten hin, indem er den Verkauf von Häftlingen in den Westen - „die Verwaltung [verkaufte] ganze Bevölkerungsteile ins Ausland [...] in die reichen Länder und für harte Devisen“ (ZP, S. 163) - als eine perver­tierte Form kapitalistischer Finanzpolitik darstellt, durch welche Devisen erwirtschaftet wurden; da er diese Praktik darüber hinaus als organisierten „Menschenhandel“ (ZP, S. 165) anprangert, bringt er die DDR sogar punktuell mit der - nach Marx - urkapitalistischen Sklavenhalter­gesellschaft in Ver­bindung.

[22] Bernd Scheffer: Interpretation und Lebensroman. Zu einer konstruktivistischen Literaturtheorie, Frankfurt/M. 1992, S. 46.

[23] Aus diesem Grund unterscheiden die Ich-Erzähler von Hilbigs Texten immer wieder zwischen offiziellen und inoffiziellen Redeweisen, so zwischen dem „offizielle[n] Sprachaufkommen“ der Macht und dem „einer privaten Kreatur“ (EÜ, S. 20), zwischen den herrschenden „männlichen Beschreibungen“ der Wirklichkeit und den verdrängten „weiblichen“ Beschreibungen (s. DW, S. 90 ff.). S. z. B. auch I, S. 23 u. GGG [„Die elfte These über Feuerbach“], S. 148 f.

[24] In diesem Sinn schreibt Hilbig in „Die elfte These über Feuerbach“ (1992): „Niemand hatte es je gewagt, den Materialismus der Veränderung zu interpre­tieren, seit die utopische Idee Fuß gefaßt hatte in diesem Land.“ (GGG, S. 144)

[25] Wolfgang Hilbig: Zeit ohne Wirklichkeit. Ein Gespräch mit Harro Zimmer­mann, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Text+Kritik, Heft 123: Wolfgang Hil­big, München 1994, S. 16.

[26] Vgl. Paul Watzlawick: Bausteine ideologischer „Wirklichkeiten“, in: Ders. (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit, München 1985, S. 193 f.

[27] S. ebd., S. 210.

[28] S. ebd., S. 207. Vgl. auch I, S. 72-78.

[29] „Daß jeder jeden in der Hand hatte, vielleicht war dies das letztendliche Ziel des utopischen Denkens... und daher das geheime Verlangen der Utopisten nach Anarchie, die den Gedanken an den Zusammenbruch zutage fördert und den Dienst an der Überwachung der Gedanken erst notwendig macht“ (I, S.75).

[30] Wolfgang Heise, a.a.O., S. 703.

[31] Vgl. ebd.

[32] In Hilbigs Roman „Ich“ bezieht sich der Erzähler an einer Stelle ausdrücklich auf Baudrillard. An der Wand eines unterhalb des Ministeriums für Staatssi­cherheit befindlichen Kellergangs, in dem sich der Protagonist über weite Strecken des Romans aufhält, befindet sich eine ihn irritierende obszöne Zeichnung. Der Erzähler kommentiert diese wie folgt: „Ich hatte keine Ah­nung, was die Skizze hier unten zu suchen hatte; es war mir dazu höchstens ein Begriff von Baudrillard eingefallen: leere Signifikanz... doch ohne Zweifel war dort von anderen Zusammenhängen gesprochen worden“ (I, S. 34). Obwohl Hilbig hier - wie so oft - die tatsächliche Rezeption eines genannten Autors unwahrscheinlich erscheinen läßt (vgl. z. B. die Anspielungen in „Ich“ auf Michel Foucault, I, S. 21, Jacques Derrida und Paul de Man, S. 22, Roland Barthes, S. 236, und Gilles Deleuze, S. 354 f.) liegt in diesem Fall keine seman­tische Modifikation des Baudrillardschen Begriffs vor: die Zeichnung ver­weist weder - direkt oder indirekt - auf einen Erlebniszusammenhang der Ro­manfigur M. W., noch scheint ein Urheber zu existieren; sie ist insofern ein refe­renzloses Gebilde. Durch ihre räumliche Nähe zum MfS erhält sie allerdings einen vom Erzähler hergestellten symbolischen Sinn: ihre „leere Signifikanz“ verweist auf die Derealisierung des gesamten Staates durch die Simulations-Maschinerie der Stasi, welche Gegenstand des Romans ist (s. z. B. I, S. 44 f. u. 204).

[33] Jean Baudrillard: Agonie des Realen, Berlin 1978, S. 43.

[34] „Solange vom Realen eine historische Bedrohung ausging, hat die Macht Dis­suasion und Simulation gespielt und alle Widersprüche mit Hilfe der Produk­tion äquivalenter Zeichen aufgelöst.“ Ebd., S. 40.

[35] Sibylle Cramer: Kein Ort. Nirgends. Ein Ort. Irgendwo. Wolfgang Hilbig ver­sus Christa Wolf: Klassizistische und moderne Positionen in der Literatur des Sozialismus, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Wolfgang Hilbig, Text+Kritik, München 1994, Bd. 123, S. 84.

[36] Vgl. Horst Domdey: Produktivkraft Tod. Das Drama Heiner Müllers, Köln, Weimar, Wien 1998, S. 73 ff.

[37] Horst Domdey hat mit utopiekritischer Akzentuierung den Begriff der „Epochenillusion Sozialismus“ für die DDR-Literaturgeschichtsschreibung vorgeschlagen. Der „Kraftquell der Epochenillusion“ ist nach Domdey die Er­fahrung der objektiven Widersprüche des Sozialismus in der Anfangsphase der DDR gewesen, was die „Illusionsbildung“ verstärkt hat (s. ebd., S. 74 f.); die historische Erfahrung der Verhinderung bzw. der Pervertierung des Sozialis­mus hat sich erst in Desillusionierungsschüben Geltung verschaffen können, welche zur Ausprägung sozialismus- und zivilisationskritischer „Desillusionierungsstränge“ in der DDR-Literatur geführt haben (s. S. 75 f.); das Versiegen der Epochenillusion hat die „postmoderne“ Literatur der jungen Generation auf den Plan gerufen (s. ebd.), welche die Epoche nicht mehr als Schwelle zu etwas Neuem aufgefaßt hat (s. S. 85 f.).- Hilbig nimmt m. E. zwi­schen den Generationen gerade deshalb eine Sonderstellung ein, weil sein Werk zum einen keine Spuren einer auch nur partiellen Identifikation mit dem Sozia­lismus enthält; zum anderen bewahren die Ich-Erzähler seiner Texte aber das Bewußtsein, sich auf einer Schwelle zu befinden. Es handelt sich dabei jedoch um ein strikt subjektives Zeit- und Utopieverständnis, das, fern dem Utopismus der älteren Generation wie der „traurig-juxige[n] Heiterkeit der sogenannten "Postmodernen"“ (ebd., S. 86) den Horizont des modernen Subjekts auf das Un­sagbare, weil Abwesende ausrichtet.

[38] Vgl. ebd., insbes. S. 76.

[39] Daß Hilbig die sozialistische Utopie nicht mehr kritisiert, sondern destruiert, zeigt z. B. seine Erzählung „Die elfte These über Feuerbach“: Der zu einem Symposion zu dem Thema „Die Zukunft des utopischen Gedankens“ ein­geladene Ich-Erzähler kommt darin während einer nächtlichen Irrfahrt mit einem Taxi zu dem Schluß, daß „die Utopie in ihrer endlichen Verwirklichung ein Staat ohne Sprache [wäre]... und damit ein Staat ohne Negation“ (GGG, S. 144).

[40] Vgl. Sibylle Cramer, a.a.O., S. 84 f.

[41] Axel Honneth: Foucault und Adorno. Zwei Formen einer Kritik der Moderne, in: „Postmoderne“ oder Der Kampf um die Zukunft, hg. v. Peter Kemper, Frank­furt/M. 1988, S. 135.

[42] Ebd., S. 137.

[43] Ebd., S. 130 f.

[44] Vgl. ebd., S. 133.

[45] In „Die Ordnung des Diskurses“ unterscheidet Foucault zwischen drei Aus­schließungssystemen: erstens dem der Verbote (etwas zu sagen), zweitens dem der Grenzziehung zwischen dem vernünftigen und dem wahnsinnigen Menschen, und drittens dem der Grenzziehung zwischen dem wahren und dem falschen Diskurs. Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 1991, insbes. S. 11-17.

[46] S. ebd., S. 11; vgl. a. Axel Honneth, der diese beiden Aspekte der Macht aus zwei einander widersprechenden Machtkonzeptionen Foucaults herleitet, ei­ner „Systemtheorie der Macht“ und einer „Mikrophysik der Macht“ (a.a.O., S. 133).

[47] Zum Verhältnis von Doktrin und Diskurs s. ebd., S. 28 ff. - Mit „Panoptismus“ bezeichnet Foucault den im modernen Staatswesen entstandenen und perfektio­nierten Überwachungsapparat. S. Michel Foucault: Überwachen und Strafen, Frankfurt/M. 1977, S. 251-292.

[48] Sibylle Cramer, a.a.O., S. 84.

[49] In „Eine Übertragung“ spricht der Erzähler selbst davon, daß in seinen Ge­schichten immer wieder eine „Ich-Figur“ bzw. ein „Ich-Erzähler“ vorkomme (s. EÜ, S. 48). Da sich diese Aussage nicht mit Sicherheit auf die Texte des Au­tors Wolfgang Hilbig beziehen läßt, spreche ich im folgenden - heuristisch - von einem Ich-Erzähler, um zu betonen, daß die Ich-Erzähler der Texte Hilbigs Versuchsfiguren sind, mittels derer das Autobiographische im Text konstruiert wird, auch wenn es sich bei dieser Ich-Versuchsfigur von Text zu Text um ver­schiedene fiktive Personen mit z. T. differenten Eigenschaften handelt. Es ist also ein multiples erzählendes Ich gemeint, das in den Texten Hilbigs - spä­testens seit „Der Brief“ - durchgängig mindestens das Merkmal besitzt, in der Ich-Perspektive von sich selbst zu erzählen und im Text selbst als Schreibender zu erscheinen.

[50] Unter Identität ist nach Habermas die Herstellung und Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts von „persönlicher“ und „sozialer“ Identität zu verstehen. Letztere entsteht durch die Erfüllung verschiedener Rollenerwartungen, die die Gesellschaft an den einzelnen stellt; erstere dadurch, daß das Ich sich in seinem Handeln in unterschiedlichen Situationen als kontinuierliches erfährt. Vgl. Peter Nadermann: Schreiben als anderes Leben, Bochumer Schriften zur deutschen Literatur 17, Frankfurt/M., Bern u. a. 1992, S. 28 f. - Nadermann be­zieht sich auf ein Thesenpapier von Jürgen Habermas: Thesen zur Theorie der Sozialisation. Stichwort und Literatur zur Vorlesung im Sommer-Semester 1968. Frankfurt 1968.

[51] „Es gibt kein so vorgeformtes Leben wie das eines Arbeiters“ (DB, S. 96).

[52] Diese beiden, aus der Doppelexistenz des Ich entfalteten Erzählperspektiven werden in den Texten nach „Der Brief“ vom Hilbigschen Ich-Erzähler wech­selnd - so die des Arbeiters z. B. in „Die Weiber“ (1987) und die des sich an seine Existenz als Arbeiter erinnernden Ich z. B. in „Er, nicht ich“ (1981/1990) - eingenommen (s. DW, insbes. S. 7 ff. u. ZP [„Er, nicht ich“], S. 145 ff., wo es be­zeichnenderweise heißt: „Allzu deutlich war er wieder der Sproß jener Rasse der primitiven Laster, die ihn erzeugt hatte, er war wieder der Arbeiter“). Es sei hier im voraus bemerkt, daß die gemachte Unterscheidung der Erzählper­spektiven nur dann sinnvoll ist, wenn man den Ich-Erzähler als personalen Er­zähler auffaßt und somit die Perspektive der dargestellten Ich-Figur berück­sichtigt. Tatsächlich - wie ich später am Beispiel von „Eine Übertragung“ zei­gen werde (s. Abschnitt 2.2.3) - kommt es bei Hilbig immer wieder zu einer Überlagerung der Perspektive des erzählenden und des erzählten Ich, welche für den in diesem Abschnitt dargestellten Typus des autobiographischen Er­zählens charakteristisch ist (s. o. im Text).

Details

Seiten
89
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638510011
ISBN (Buch)
9783656158028
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56274
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Schreiben als Lebensform - Zur Selbstthematisierung des Schriftstellers in Wolfgang Hilbigs Roman "Eine Übertragung"