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"I just write my name" - Graffiti: Ein gesellschaftliches Phänomen

Hausarbeit 2006 32 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

1 Graffiti- Einführung in ein globales Phänomen

2 Problemstellung und Gang der Untersuchung

3 Historische Entwicklung des Writings
3.1 Getting up- Das originale Writing in New York City
3.2 Die globale Vermarktung der Writing-Subkultur
3.3 Graffiti- Zeichen des HipHop ?

4 Exkurs- Rechtslage in der BRD

5 Erklärungsansatz zur Motivation der Writer-
Tagger- Toys und harter Kern
5.1 Writing als Trend- „ Tagger“
5.2 Die nächste Stufe- „Toys“
5.3 Der harte Kern

6 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis
- Literatur
- Internetquellen
- Zeitschriften

Abbildungsverzeichnis
- Abbildungen

Glossar

1 Graffiti- Einführung in eine globales Phänomen

In unserer pluralistisch-individualistischen Gesellschaft organisieren sich Jugendliche

heute weitgehend in Peers innerhalb von Jugendszenen, in denen sie ihre soziale und gesellschaftliche Rollenfindung erproben. In dem Konflikt zwischen persönlichen Vorstellungen und gesellschaftlichen Realisierungsmöglichkeiten werden dabei nicht selten Auseinandersetzungsformen im Grenzbereich der Illegalität ausgetestet.[1]

Ein besonders eindruckvolles Beispiel hierfür ist in der seit mehr als 30 Jahren andauernden Entwicklung eines mittlerweile weltweiten Phänomens zu finden: Graffiti. Während Parolen und Nonsenssprüche seit der Erfindung der Sprühdose ins Bild jeder Kleinstadt gehören, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit einer speziellen Form des Graffitis, dem Writing.[2]

Diese in NewYork entstandene Form von Graffiti ist der bisher deutlichste, häufig illegale, visuelle Eingriff in das urbane Leben und in jeder Stadt der Bundesrepublik sowie der übrigen westlichen Wertegemeinschaft, unterschiedlich stark ausgeprägt obligatorisch.

In kaum einem Ort findet man sie nicht, die schnell ausgeführten Signaturen, die so genannten Tags, einfache Silberbilder oder komplizierte, für den Laien nicht zu entziffernde Schriftzüge, häufig mit ergänzenden figürlichen Darstellungen.[3]

Das Besondere am Writing ist die Tatsache, dass die angesprochenen Formen der Buchstabenverbreitung einem einfachen Prinzip folgen, nämlich dass es sich um eine Bildersprache der Akteure handelt, in der mit Hilfe des selbst gewählten Pseudonyms im soziokulturellen Umfeld der Writer agiert wird, oder, um in der Sprache der Sprüher zu bleiben, Fame zu erlangen und seinen Namen und den seiner Crew innerhalb der Szene bekannt zu machen. Der Name eines Writers ist als Botschaft seines Graffitis anzusehen. „I just write my name“, bringt diese Tatsache der Writer Skeme im Dokumentarfilm Stylewars auf den Punkt .[4]

2 Problemstellung und Gang der Untersuchung

In der vorliegenden Arbeit wird nunmehr die Frage nach der Motivation der Writer für ihr sich häufig wiederholendes und überdies in der Regel nonkonformistisches Verhalten nachgegangen. Hierzu wird zunächst der Ursprung des Writings im, für die Kultur mythischen, NewYork der siebziger Jahre ausführlich erläutert, um dem Leser einen Einblick in eine Subkultur zu vermitteln, die mittlerweile, in häufig nur minimal veränderten regionalen Kontexten, zu einer globalisierten, subkulturellen Praxis Jugendlicher geworden ist.[5] Als Subkultur wird hierbei ein kulturelles Teilsystem einer übergreifenden Einheit definiert, dessen Werte und Normen denjenigen des Gesamtsystems widersprechen können, wobei dem Konfliktelement zumindest manifest keine zentrale Bedeutung zukommt.[6]

Den Schwerpunkt der Betrachtung bildet hierbei die Szene in der BRD, wobei das Netzwerk der Writing-Kultur schon längst die Grenzen der Nationalstaaten überwunden hat. Nach einem Exkurs zur Rechtslage, der unumgänglich ist, da es sich bei den angebrachten Schriftzügen häufig, aber nicht ausschließlich, um illegale Werke handelt. Dies kann nicht unerhebliche, vor allem finanzielle Folgen, für die Sprüher haben, und zusätzlich übt die Kriminalisierung der Writer einen erheblichen Einfluß auf deren Motivation, vor allem im Hinblick auf die Subversivität ihrer Handlung, aus.

Des Weiteren wird erläutert, wie die Writer innerhalb ihrer Subkultur als Methode der Subversivität, und vor allem in deren Peers, soziale Anerkennung erfahren, und der Grad der Identifikation innerhalb der Writing-Szene zu einem hohen Maße positiv mit der aus dieser erfahrenen Anerkennung korreliert. Hierzu werden die idealtypischen Stationen, in der Karriere innerhalb der Szene anhand von authentischen Zitaten einiger Writer analysiert.

3 Historische Entwicklung des Writings

Im NewYork der 1960er Jahre begannen Jugendliche ihre Pseudonyme mit Filzstiften und Markern an Haueingänge, Mauern und Fahrzeugen, vorrangig den Waggons der New Yorker Subway, zu schreiben. Einer der Pioniere dieser Zeit, der durch besonders viele Tags auffiel, war ein Sohn aus einer griechischen Immigrantenfamilie, der unter dem Pseudonym TAKI 183 bekannt wurde.[7] In einen Artikel der New York Times im Juli 1971 über TAKI 183 sowie seine Mitstreiter und ihre Art sich den öffentlichen Raum zur Steigerung der Bekanntheit des Namens anzueignen, wurde Graffiti zum ersten Mal medienwirksam präsentiert, was die Anerkennung von TAKI 183 unter Gleichgesinnten erheblich steigerte.[8]

Dies führte dazu, dass in der darauf folgenden Zeit unzählige New Yorker Jugendliche ebenfalls damit begannen, dem Vorbild von TAKI 183 nachzueifern und ihre Tags zu verbreiten.

In dieser Zeit etablierte sich eine bis in heutige Zeit benutzte Szenensprache, sowie viele der bis heute gültigen Regeln, wobei zu beachten ist, dass die Writer nicht in einer Art von Anarchie leben, wie aufgrund ihrer Ignoranz gegenüber bestimmten gesellschaftlich anerkannten Gesetzen angenommen werden könnte. Stattdessen gab und gibt es auch in der Sprüherszene eine Art von Regeln und Geboten, die wie für Jugendkulturen üblich, den feldspezifischen Konventionen der Akteure unterliegen. Aus diesem Grund stellt die Illegalität der Aktionen für einen überwiegenden Teil der Writer nur eine Art Mittel zum Zweck zu der Erlangung von Ruhm innerhalb ihrer Subkultur dar. Während man sich somit bei den illegalen Sprühaktionen über das Eigentumsrecht des Einzelnen hinwegsetzt, bestrafen die Mitglieder der Szene bei Konflikten, wie sie beispielsweise aus dem Übersprayen eines Bildes ohne Erlaubnis resultieren, den schuldigen Writer unnachgiebig.[9]

In diesem Zusammenhang lässt sich von einer Art Selbstjustiz sprechen, und es bestätigt sich anhand dieses Sachverhaltes die These, dass eine Subkultur wie die der Writer, welche zu einem nicht unerheblichen Teil staatlichen Maßnahmen der Repression unterliegt und kriminalisiert wird, dadurch charakterisiert ist, dass einige ihrer zentralen Werte und Normen wichtigen, allgemein herrschenden, rechtlich kodifizierten und gesellschaftlich sanktionierten Standards widersprechen.[10]

3.1 Getting up- Das originale Writing in New York City

Wegen der erheblich gesteigerten Konkurrenz in NewYork zu Anfang der siebziger Jahre durch zahllose jugendliche Tagger, sowie wegen der rarer werdenen Flächen, auf denen immer mehr Pseudonyme angebracht wurden, begannen besonders ambitionierte Writer damit, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten Ausschau zu halten, um ihren Namen bekannter zu machen und somit zu verhindern, dass dieser in der Masse der anderen Tags unterging.

Hierzu wurden die Tags an besonders Aufsehen erregenden und/oder schwer erreichbaren Stellen platziert, und es stellte sich heraus, das sich die Züge des innerstädtischen Metro-Systems besonders gut dazu eigneten Fame zu erlangen, da diese die Tags auch in andere Stadtteile trugen.

Um sich von anderen Writern abzugrenzen, wurde zunächst das Werkzeug der Namensverbreitung, dem Getting up, entsprechend der Bedürfnisse verbessert.[11] Die Marker wurden verbreitert und später wurde die Sprühdose als optimales Arbeitsgerät entdeckt. Mit ihrer Hilfe konnten immer größere Tags gesprüht werden.

Auch stilistisch wurden die Tags immer ausdifferenzierter, und der bis heute anhaltende Wettkampf um den besten Style, d. h. das Können des Einzelnen in der Buchstabengestaltung, hatte begonnen.[12] Der Style muss, wie alle bildhaften Ausdrucksformen, die sich nicht eindeutig durch Sprache artikulieren, interpretiert werden.

Mit der Zeit wurden die Pieces größer, wilder und bunter und erstreckten sich bald über ganze U-Bahn Waggons, den Whole-Cars.[13]

[...]


[1] Vgl. Qualifizierter Sachbericht des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, http://www.HipHop-Hamburg.de, Zugriff 19.03.2006

[2] Die Sprüher bezeichnen sich in der Regel als Writer, denn der Name, den sie schreiben, ist nach ihrem Verständnis die zentrale Aussage ihrer Handlungen in Form von Tags und Pieces. Die Bezeichnung stammt, wie nahezu alle szeneinternen Vokabeln aus der Sprache die sich mit der Entstehung der Szene im NewYork der siebziger Jahre entwickelte. Eine Übersicht der wichtigsten Vokabeln findet sich im Glossar des Anhangs. Die Gesamtheit der Kultur der Writer wird in dieser Arbeit als „Writing“ bezeichnet.

[3] Vgl. Abbildung 1: Tags; Abbildung 2: Silberbilder; Abbildung 3: Pieces

[4] Stylewars, ein Dokumentarfilm von Tony Silver und Henry Chalfant zeigt den Stand der Szene in New York 1982. Im Film wird u. a. eine Diskussion zwischen dem sechzehnjährige Skeme und seiner Mutter gezeigt, in der dieser versucht seine Motivation für die zahllosen Bilder auf den Subways der Stadt zu vermitteln. Der Film ist bis heute Kult in der Szene und viele der gezeigten Writer wurden zu mystischen Gestalten des Writings.

[5] Vgl. G. Klein, 2003, S. 85ff

[6] Vgl. Miller 1958, Yinger 1960, aus S. Lamnek, 1993, S. 306

[7] Vgl. T. Domentat, 1994, S. 8ff

[8] Vgl. M. Cooper/ H. Chalfant, 1984, S. 14, sowie Abbildung 4: TAKI 183

[9] Vgl. M. Cooper/ H. Chalfant 1995, S. 29;

[10] Vgl. Miller 1958, Yinger 1960, aus S. Lamnek, 1993, S. 306

[11] Vgl. M. Cooper/ H. Chalfant, 1984, S. 27

[12] Vgl. Abbildung 5: Styleentwicklung

[13] Vgl. Abbildung 6: Wholecar in New York, 1982

Details

Seiten
32
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638509886
ISBN (Buch)
9783638724685
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56253
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Department für Wirtschaft und Politik
Note
1,0
Schlagworte
Graffiti Phänomen Sozialpsychologie Sozialisationstheorie

Autor

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