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Grundsätze, Durchführung und Probleme der Preisreform in den 60er Jahren

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2. Politische und ökonomische Vorbedingungen
2.1 Politische Lage der DDR zu Beginn der 60er Jahre
2.2 Wirtschaftliche Krise

3. Industriepreisreform als Grundvoraussetzung des NÖS
3.1 Zentrale Ziele und Maßnahmen
3.2 Der Preis als „ökonomischer Hebel“
3.3 Preisreform als Wegbereiter

4. Vorgehensweise bei der Reformgestaltung und -umsetzung
4.1 Konzeptionelle Prinzipien
4.2 Durchführung

5. Reformprobleme
5.1 Problempunkte im Verlauf der Durchführung
5.2 Nach Reformabschluss weiterhin existierende Problemfelder

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Die vorliegende Arbeit hat die in den Jahren 1964 bis 1967 auf dem Gebiet der DDR durchgeführte Industriepreisreform zum Gegenstand, welcher eine gewichtige Rolle beim Umbau der wirtschaftlichen Strukturen und Verflechtungen innerhalb des herrschenden planwirtschaftlichen Systems beigemessen wurde. In zeitgenössischen Parteischriften ist die Preisreform der 60er Jahre als „die größte Veränderung auf dem Preisgebiet, die bisher in der Deutschen Demokratischen Republik durchgeführt wurde“ bezeichnet worden, was sowohl ihre Wichtigkeit als auch den an sie gestellten Anspruch in der politisch-ökonomischen Sphäre unterstreicht.[1] Diese elementare Bedeutung, die den Wirtschaftsreformen als Ganzes beigemessen wurde, zeigt sich ebenso treffend in ihrer Gesamtbezeichnung als „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖS).[2]

Im Rahmen dieser Seminararbeit ist der Hintergrund, vor dem die Dringlichkeit der Reformen im Allgemeinen und der Industriepreisreform im Speziellen zum damaligen Zeitpunkt sichtbar wird, zu analysieren. Hierbei muss zum einen akzentuiert werden, welche Umstände in Politik und Wirtschaft den damaligen Reformdruck ausmachten beziehungsweise verstärkten. Zum anderen ist der Frage nachzugehen, worin die Notwendigkeit einer Reformierung der Industriepreise innerhalb des Gesamtgeflechts des NÖS bestand. Dies ermöglicht die inhaltliche Überleitung zur Betrachtung der hierbei von der DDR-Führung verfolgten Grundsätze, des konkreten Ablaufs der Reformdurch-führung sowie der aufgetretenen respektive ungelösten Probleme.

1.2 Gang der Untersuchung

Um der oben dargelegten Problemstellung gerecht zu werden, wird im ersten Teil der Arbeit die politische und wirtschaftlich Ausgangslage der DDR vor Reformbeginn Anfang der 60er Jahre kurz skizziert, um die Zielsetzungen sowie die hieraus abgeleiteten Komponenten der Wirtschaftreformen adäquat einordnen zu können. Anschließend erfolgt der Versuch einer Einbettung der Industriepreisreform in den gesamten Reform-komplex des NÖS, wobei zunächst der intendierten Rolle des Parameters „Preis“ inner-halb desselben nachgegangen wird. In einem weiteren Schritt wird der vorbereitende Charakter der Preisreform zur Gewährleistung der konzipierten Preisfunktionen, insbesondere der beabsichtigten Stimulierungsfunktion, im Rahmen der indirekten Wirtschaftslenkung herausgearbeitet.

Dieses Vorgehen erscheint zweckmäßig, um die sich anschließende Betrachtung der Reformkonzeption und –durchführung besser nachvollziehen zu können. Dem Umstand, dass die hierbei verfolgten Grundsätze nicht losgelöst vom gesamten Reformvorhaben des NÖS und dessen ursprünglicher politischer Motivation zu sehen sind, wird so Rechnung getragen. Dies gilt ebenso für die abrundende Analyse der Problemfelder, deren Existenz die Preisreform nicht oder nur partiell beseitigen konnte. Auch an diesem Punkt muss, des besseren Verständnisses wegen, die enge Verzahnung von Politik und Wirtschaft, welche für den sozialistischen Staat DDR charakteristisch war, berücksichtigt werden.

2. Politische und ökonomische Vorbedingungen

2.1 Politische Lage der DDR zu Beginn der 60er Jahre

Die Geschichtsschreibung der DDR ordnete die 60er Jahre als die Periode des „umfassenden Aufbaus des Sozialismus“ ein.[3] Der hiermit zum Ausdruck gebrachte Anspruch auf Festigung und Intensivierung des planwirtschaftlichen Systems wurde als solcher gestützt durch die politische Entscheidung für den Mauerbau am 13. August 1961. In Folge dieses Schritts war ein Stopp des personellen Aderlasses, der in den Vorjahren zu einem deutlichen Abschmelzen des Arbeitskräftereservoirs geführt hatte, zwar gewährleistet. Dennoch musste sich die DDR weiterhin einem permanenten Lebensstandardvergleich mit der BRD stellen, da sie durch ihre geographischen Lage als Speerspitze im Wettbewerb zwischen Kapitalismus und Sozialismus fungierte.[4] Zudem war die ostdeutsche Bevölkerung durch Radio und Fernsehen stets mit Informationen aus dem Westen versorgt.[5] Ein weiterer die politische Handlungsfreiheit einschränkender Faktor lag in der außenpolitischen Gemengelage begründet, die sich insbesondere in einer starken Abhängigkeit der DDR von der Sowjetunion konkretisierte. Dabei verstärkte die zumindest in den Köpfen der Menschen stets existente Alternative „BRD“ diesen Umstand noch, indem sie dem politischen Führungspersonal die Sicherheit seiner Macht entzog.[6]

So war das Handeln der SED-Spitze in einen engen Rahmen eingebunden und starken Interdependenzen mit der herrschenden wirtschaftlichen Lage unterworfen. Die Legitimation ihres Führungsanspruchs konnte nur aus einer Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung heraus erwachsen. Die Aufkündigung des innerdeutschen Handels durch die Regierung Adenauer im September 1960, neben anderen Aspekten eine Ursache der im nächsten Abschnitt dargestellten krisenartigen Wirtschaftssituation, versinnbildlichte die Verquickung der politischen und ökonomischen Sphären in der DDR.[7]

2.2 Wirtschaftliche Krise

Nachdem sich die zentrale Planwirtschaft in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als sehr effektiv im Heben und Ausnutzen extensiver Wachstumsmöglich-keiten erwiesen hatte, erschöpften sich Ende der 50er Jahre die Potentiale dieser Variante des Wachstums zusehends.[8] In Folge dessen kristallisierten sich in stärkerem Maße als zuvor die inhärenten Mängel des sozialistischen Wirtschaftssystems heraus. Insbesondere die Innovationsträgheit der Betriebe, die sich aus mangelndem Konkurrenzdruck, einem quasi sicheren Absatz infolge permanenten Mangels und der im Vordergrund stehenden Planerfüllung ergab, sowie die Tendenz zu Hortungen, welche durch eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen den unteren Wirt-schaftseinheiten und der Planungszentrale katalysiert wurden, standen einer not-wendigen Intensivierung des Wachstums im Wege.[9] Das dem planwirtschaftlichen System innewohnende Informations- und Anreizproblem erschwerte die von der politischen Führung angestrebten Produktivitätssteigerungen beträchtlich. Zudem unter-grub der einseitig auf die Länder des Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) orientierte Außenhandel wichtige Impulse für den technischen Fortschritt, da die Betriebe keinerlei internationalem Konkurrenzdruck ausgesetzt waren.[10] Zusammen mit der auch nach dem Mauerbau angespannten Arbeitskräftesituation ergab sich die Situation, dass eine Forcierung des Wachstums nur über Produktivitätssteigerungen zu erreichen war, was wiederum Rationalisierungsinvestitionen voraussetzte.[11] Hier zeigte sich jedoch die Grenze des Wirtschaftssystems, da eine solche Form der Investition nicht verordnet werden konnte, sondern die Erkenntnis und Handlungsfreiheit der einzelnen Betriebe voraussetzte.[12]

Die Unfähigkeit der Zentralplanwirtschaft, intensives Wachstum anzukurbeln, schlug sich Anfang der 60er Jahre in deutlich verminderten Wachstumsraten sowie nahezu stagnierenden Investitionen nieder.[13] Hinzu kam eine stark absinkende Investitions-effizienz, was dazu führte, dass trotz erheblicher Konsumeinschränkungen der angestrebte Wachstumspfad nicht erreicht wurde.[14] Vielmehr traten die für eine zentral gelenkte Wirtschaft typischen Krisensymptome auf: die Nichterfüllung wesentlicher Teile des Plans gekoppelt mit ernsthaften, längerfristigen Versorgungsstörungen.[15] So mussten schließlich auch die Planer in der SED erkennen, dass ihre hochgesteckten Ziele unhaltbar geworden waren. Sowohl die ökonomische „Hauptaufgabe“ als auch der laufende Siebenjahrsplan (1959-1965) mussten 1961 respektive 1963 aufgegeben werden.[16] In der Diskussion über die Krisenursachen mehrten sich die Stimmen derer, die interne Probleme am bestehenden System der Planung und Leitung als maßgeblich ausmachten und eine Modifikation der Strukturen befürworteten.[17] Die Krise, von der SED-Spitze als existenziell empfunden, ließ die seit 1957 hierüber geführte akademische Diskussion in konkrete politische Handlungsvorhaben münden, die mit dem Schlagwort des NÖS versehen wurden.[18]

[...]


[1] Erich Apel; Günter Mittag, Planmäßige Wirtschaftsführung und ökonomische Hebel, 2., durchgesehene

Auflage, Berlin (O) 1965, S. 87.

[2] Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft vom 11. Juli

1963, in: Gesetzblatt der DDR II, Nr. 64, Berlin (Ost) 1963, S. 453.

[3] Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), 25 Jahre Deutsche Demokratische Republik (DDR), Bonn 1974, S. 16.

[4] André Steiner, Von Plan zu Plan, München 2004, S. 9.

[5] Gert Leptin; Manfred Melzer, Economic reform in East German industry, Oxford et al. 1978, S. 3.

[6] Ebd., S. 3f.

[7] Jörg Rösler, Zwischen Plan und Markt, Berlin 1990, S. 18f.

[8] Steiner, Von Plan zu Plan, S. 15.

[9] Ebd., S. 13f.

[10] Leptin; Melzer, Economic reform, S. 7.

[11] Ebd., S. 7.

[12] Ebd., S. 8.

[13] Christoph Buchheim, Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, München 1997, S.111; Leptin;

Melzer, Economic reform, S. 7; Hermann Weber, Die DDR 1945-1990, 4. durchgesehene Auflage,

München 2006, S. 64.

[14] Helga Schultz, Die sozialistische Industrialisierung – toter Hund oder Erkenntnismittel?, in: Jahrbuch

für Wirtschaftsgeschichte 1999/2, Berlin 1999, S. 127; Karl C. Thalheim, Liberalisierungstendenzen

im Ostblock?, in: Bruno Gleitze; Karl C. Thalheim; K. Paul Hensel; Rudolf Meimberg, Der Osten auf

dem Wege zur Marktwirtschaft?, Berlin (W) 1967, S. 32.

[15] Karl C. Thalheim, Die Wirtschaft der Sowjetzone in Krise und Umbau, Berlin (W) 1964, S. 45f.

[16] Die ökonomische “Hauptaufgabe” war 1958 vom damaligen SED-Chef Walter Ulbricht verkündet worden und hatte die Zielsetzung, den westdeutschen Pro-Kopf-Verbrauch wichtiger Lebensmittel und Konsumgüter bis 1961 zu übertreffen, zum Gegenstand, vgl. hierzu André Steiner, Von “Hauptaufgabe” zu “Hauptaufgabe”. Zur Wirtschaftsentwicklung der langen 60er Jahre in der DDR, in: Axel Schildt; Detlef Siegfried; Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 218.

[17] Rösler, Zwischen Plan und Markt, S. 23.

[18] Leptin; Melzer, Economic reform, S. 8f.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638509824
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56246
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Grundsätze Durchführung Probleme Preisreform Jahren Hauptseminar Wirtschaftsgeschichte

Autor

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