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KINDER IM HOLOCAUST - Kindheitsautobiographien als Form der Zeugnisliteratur

Examensarbeit 2006 112 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Literaturtheoretische Voraussetzungen
1. Das Genre der Zeugnisliteratur
1.1 Definition und Entwicklung
1.2 Die Zeugnisliteratur und ihre Merkmale
1.2.1 Die frühen Texte
1.2.2 Exkurs: Die Problematik einer Benennung der Judenvernichtung
1.2.3 Die ‚postfaktische’ Zeugnisliteratur
2. Die Autobiographie als literarisches Genre
2.1 Allgemeine Merkmale der Autobiographie
2.2 Der ‚autobiographische Pakt’ nach Philippe Lejeune
2.3 Die Autobiographie in der Zeugnisliteratur und ihre Probleme
2.4 Kindheitsautobiographien zur Shoa
3. Der Fall Wilkomirski
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Perspektive des Kindes
3.3 Der autobiographische Pakt in Wilkomirskis ‚Bruchstücke’
3.4 Verwendete Topoi der Holocaust-Literatur
3.4.1 ‚Bruchstücke’ der Erinnerung
3.4.2 Sprachlosigkeit
3.4.3 Traumatisierung
3.5 Konsequenzen für die Zeugnisliteratur
3.6 Abschließende Bemerkungen

II. Textanalyse ausgewählter Kindheitsautobiographien
1. Jona Oberski: Kinderjahre
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Literarische Einordnung
1.3 Literarische Darstellung der Kinderperspektive
1.3.1 Erzählverfahren
1.3.2 Der ‚Vergegenwärtigungseffekt’ in Kindheitsautobiographien
1.3.3 Fehlende innere Rede
1.3.4 Körpererinnerungen
1.4 Funktion der Eltern
1.5 Traumatisierung und literarische Darstellung
1.5.1 Erste Sequenz: Verfolgungs- und Diskriminierungszeit
1.5.2 Zweite Sequenz: Direkte Verfolgung
1.5.3 Dritte Sequenz: Nachkriegszeit
1.6 Abschließende Bemerkungen
2. Cordelia Edvardson: Gebranntes Kind sucht das Feuer
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Literarische Einordnung
2.3 Stilistische Mittel
2.4 Wichtige Topoi in Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer
2.4.1 Bedeutung der deutschen Sprache
2.4.1.1 Die mythische Sprache
2.4.1.2 Ein Vergleich mit dem schwedischen Original
2.4.2 Rolle der Mutter
2.4.2.1 Der gescheiterte Dialog zwischen Mutter und Tochter
2.4.2.2 Der unterlassene Muttermord
2.4.3 Feministische Perspektive
2.4.4 Verhältnis zum Judentum
2.4.5 Traumatisierung
2.5 Abschließende Bemerkungen
3. Ruth Klüger: weiter leben
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Literarische Einordnung
3.3 Erzählverfahren
3.3.1 Formaler Aufbau des Textes
3.3.2 Stilistische Mittel
3.3.2.1 Unterschiedliche Perspektiven
3.3.2.2 „Narrative Pausen“
3.4 Wichtige Topoi in Klügers weiter leben
3.4.1 Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Sprache
3.4.2 Verhältnis zur Mutter
3.4.3 Kindheit
3.4.4 Verhältnis zum Judentum
3.4.5 Feministische Perspektive
3.4.6 Traumatisierung
3.5 Abschließende Bemerkungen
4. Schlussbetrachtung
5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Da die meisten Überlebenden des Holocaust heute, mehr als sechzig Jahre danach, bereits verstorben sind, treten nun diejenigen, die zur Zeit der Verfolgung noch Kinder waren, in den Mittelpunkt des literarischen und öffentlichen Interesses. Die damaligen Kinder haben in den letzten Jahren ihr jahrzehntelanges Schweigen gebrochen und beteiligen sich nun durch ihre eigenen Erinnerungen intensiv am aktuellen Holocaust-Diskurs.

Die vorliegende Arbeit widmet sich einer Auswahl dieser autobiographischen Texte, die alle von Autoren stammen, die als Kinder oder Jugendliche die Shoah überlebt und ihre Erfahrungen erst vor kurzem literarisch verarbeitet haben.

Da der Holocaust eine internationale Katastrophe war, die nach dem Krieg autobiographische Veröffentlichungen in vielen verschiedenen Sprachen nach sich zog, ist es bei einer Untersuchung dieser Texte nötig, über die deutschsprachige Literatur hinauszublicken. Aus diesem Grund werden in dieser Arbeit nicht nur Texte untersucht, die in deutscher Sprache verfasst worden sind, wie Ruth Klügers weiter leben[1] oder Binjamin Wilkomirskis Bruchstücke[2], sondern auch der holländische Text Kinderjahre von Jona Oberski[3] sowie Cordelia Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer[4], das auf Schwedisch veröffentlicht wurde.

Diese Texte stehen aufgrund ihrer Form als auch ihres Inhalts nicht nur in der Tradition der Zeugnisliteratur zum Holocaust, sondern ebenso in derjenigen der Autobiographien, insbesondere der Kindheitsautobiographien. Will man der besonderen literarischen Position der Texte gerecht werden, muss man sich daher zunächst den unterschiedlichen Genres im Einzelnen zuwenden, damit erst in einem zweiten Schritt die Kindheitsautobiographien zur Shoah anhand der gewonnenen Erkenntnisse näher analysiert werden können.

In dieser Arbeit soll vor allem den Fragen nachgegangen werden, inwieweit man die Kindheitsautobiographien überhaupt als Autobiographien bezeichnen kann, durch welche Kennzeichen sie sich von den allgemeinen Holocaust-Texten unterscheiden und was sie schließlich doch zu einem Bestandteil der Zeugnisliteratur macht. Dies kann nur gelingen, indem die Texte zwar einzeln untersucht werden, sie aber dennoch im Hinblick auf gemeinsame bzw. ganz individuelle Topoi oder stilistische Darstellungsweisen schon während der Textanalyse miteinander verglichen werden.

Der erste Teil der Arbeit (I.)[5] widmet sich den literaturtheoretischen Voraussetzungen, welche die nachfolgende Textanalyse ausgewählter Kindheitsautobiographien ermöglichen. Dementsprechend steht am Anfang der Arbeit eine Bestimmung des Begriffs der Zeugnisliteratur (I.1.1), an die sich eine eingehende Betrachtung einiger Merkmale dieses Genres anschließt (I.1.2). Da selbst in der aktuellen Literatur zu diesem Thema keine einheitliche Definition des Genres ‚Zeugnisliteratur’ existiert, sollen zunächst die verschiedenen Begriffe vorgestellt werden, mit denen die Texte zum Holocaust allgemein bezeichnet werden, um anhand dessen den Begriff der Zeugnisliteratur, wie er dieser Arbeit zugrunde gelegt wird, abgrenzen zu können. Wie in der jüngsten Forschungsliteratur üblich, wird das Genre der Zeugnisliteratur auch in dieser Arbeit in frühe (I.1.2.1) und späte Texte (I.1.2.3) unterteilt, um dabei den Entwicklungen dieses Genres gerecht werden zu können.

Als Exkurs sollen in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Begriffe ‚Holocaust’, ‚Shoah’ und ‚Churban’, die für die Judenvernichtung heute gebräuchlich sind, kurz vorgestellt werden, um in diesem Zusammenhang einen ersten Einblick in die sprachlichen Probleme geben zu können, mit denen sowohl die Überlebenden als auch die Nachgeborenen angesichts der industriellen Ermordung von Millionen von Menschen konfrontiert wurden. (I..1.2.2).

Im zweiten Teil der Darstellung der literaturtheoretischen Voraussetzungen wird das Genre der Autobiographie näher untersucht (I.2). Da sich eine einheitliche Definition der Autobiographik ebenfalls als äußerst schwierig erweist, konzentrieren sich die Ausführungen nach einigen allgemeinen Merkmalen des Genres (I.2.1) insbesondere auf den Ansatz des ‚autobiographischen Paktes’ von Phillipe Lejeune[6] (I.2.2). Wie in den folgenden Textanalysen noch zu zeigen sein wird, erweist sich dieses Modell als besonders geeignet, um den autobiographischen Status der Kindheitsautobiographien zur Shoah näher bestimmen zu können. An diese Analyse des Ansatzes von Lejeune schließt sich eine Erörterung des besonderen Stellenwertes von Autobiographien in der Zeugnisliteratur an, innerhalb derer die stilistischen sowie die inhaltlichen Probleme, die sich für diese Texte ergeben, zu diskutieren sind (I.2.3).

Das vierte und letzte Unterkapitel zur Autobiographietheorie widmet sich schließlich den Kindheitsautobiographien zur Shoah (I.2.4). Da diese Texte erst in jüngster Zeit vermehrt veröffentlicht wurden, gibt es noch keine adäquate Definition dieses speziellen Genres. Daher muss sich die vorliegende Arbeit mit einer Darstellung der Merkmale traditioneller Kindheitsautobiographien begnügen, die im Laufe der Arbeit jedoch als Vorlage dienen soll, vor der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kindheitsautobiographien zum Holocaust und traditionellen Kindheitsautobiographien identifiziert werden können.

Die im ersten Teil der vorliegenden Arbeit erörterten literaturtheoretischen Voraussetzungen sollen nun anhand der Kindheitsautobiographie Bruchstücke von Binjamin Wilkomirski überprüft und vertieft werden (I.3). Diese Autobiographie stellt dahingehend eine Ausnahme dar, als dass es sich bei ihr nachweislich um eine Fälschung handelt. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass sie sehr erfolgreich war und von fast allen Rezensenten als echt anerkannt wurde, lassen sich interessante theoretische Einblicke in das Genre der Kindheitsautobiographie gewinnen. Anhand dieses Textes soll nach einigen Vorbemerkungen (I.3.1) zunächst die besondere Perspektive des Kindes dargestellt werden (I.3.2), wie sie in diesem Text verwendet wird. Danach wird der von Lejeune begründete autobiographische Pakt, der bei diesem Text aufgrund der Fälschungstatsache eine besondere Brisanz erhält, auf diesen Text angewendet werden. Des Weiteren sollen erste Topoi der Zeugnisliteratur, die konstituierend für das gesamte Genre sind, anhand dieses Textes aufgezeigt und erläutert werden (I.3.4). Abschließend werden die Konsequenzen, die der Fälschungsskandal für das Genre der Zeugnisliteratur hatte, kurz aufgezeigt.

Der zweite große Teil der Arbeit (II.) widmet sich den Textanalysen ausgewählter Kindheitsautobiographien, wobei die im ersten Teil dargestellten theoretischen Voraussetzungen als Grundlage der Diskussion dienen.

Gemäß dem Erscheinungsjahr der Texte beginnt die Textanalyse mit Jona Oberskis Kinderjahre (II.1). Dieser Text ist nicht nur die älteste hier behandelte Kindheitsautobiographie, sondern auch eine der wenigen, die von den Holocaust-Erlebnissen eines so jungen Kindes handelt. Dementsprechend wird zu prüfen sein, ob in diesem Text andere inhaltliche und stilistische Erzählmuster verwendet werden als in den beiden folgenden Texten, deren Protagonisten zur Zeit des Nationalsozialismus wesentlich älter waren. Nach einigen wesentlichen Vorbemerkungen zum Inhalt des Textes (II.1.1) folgt eine literarische Einordnung innerhalb des Genres der Autobiographie (II.1.2). Daran anschließend wird eine ausführliche Darstellung der Kinderperspektive, wie sie in Oberkis Text verwirklicht wird, vorgelegt (II.1.3). Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der Funktion der Eltern (II.1.4), die bei diesem Text, wie zu zeigen sein wird, sowohl eine emotionale als auch eine literarische Funktion übernehmen. Als letzter Punkt, der in diesem Text im Zusammenhang mit Kindheitsautobiographien von Bedeutung ist, wird das in den Texten der Zeugnisliteratur häufig thematisierte Prinzip der Traumatisierung vorgestellt und diskutiert (II.1.5).

Der zweite hier behandelte Text ist Cordelia Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer (II.2). Diese Autobiographie, die von der Tochter der bekannten deutschen Schriftstellerin Elisabeth Langgässer stammt, nimmt innerhalb der Zeugnisliteratur ebenfalls eine Sonderstellung ein, da es sich bei ihr um eines der ersten Texte zur Zeugnisliteratur handelt, die von einer Frau stammt und zudem (oder trotzdem) große Bekanntheit erlangt hat. Dass sich die Besonderheit des Textes jedoch nicht nur auf diesen Aspekt reduziert, wird im Folgenden noch zu zeigen sein. Nachdem auch hier einige Vorbemerkungen zum Text gemacht und eine literarische Einordnung vorgenommen wurden (II.2.1 und II.2.2), sollen die besonderen stilistischen Mittel analysiert werden, die für diesen Text konstituierend sind (II.2.3). Daraufhin folgt eine Übersicht über wichtige Topoi, die für die literarische Darstellung des Holocaust, insbesondere in Kindheitsautobiographien, von Bedeutung sind (II.2.4). Zu nennen ist hier die Bedeutung der deutschen Sprache (II.2.4.1), die Rolle der Mutter (II.2.4.2), das Verhältnis zum Judentum (II.2.4.4) sowie Traumatisierung (II.2.4.5). Ein besonderes Topoi, das in diesem Text verwendet wird, ist zudem eine feministische Perspektive (II.2.4.3), die hier ebenfalls diskutiert werden soll.

Der dritte und letzte analysierte Text dieser Arbeit ist schließlich Ruth Klügers weiter leben (II.3), von dem man sicherlich behaupten kann, dass er von den hier behandelten Kindheitsautobiographien die bekannteste und erfolgreichste darstellt. Da es sich bei dieser Autobiographie jedoch auch um den jüngsten Text handelt, ist zu vermuten, dass er sich aufgrund der Entwicklung innerhalb der Zeugnisliteratur neuerer Erzählverfahren bedient, als die anderen hier behandelten Texte. Diese Vermutung wird im Folgenden zu prüfen sein.

Die Analyse von weiter leben (II.3) gliedert sich wie folgt: nach den obligatorischen Vorbemerkungen (II.3.1) und einer literarischen Einordnung (II.3.2) werden bei diesem Text die besonderen Erzählverfahren (II.3.3) vorgestellt, wobei insbesondere die Verwendung von wechselnden Perspektiven näher untersucht werden soll (II.3.3.2.1). Danach folgt, ebenso wie bei Edvardson, eine Darstellung der wichtigsten Topoi (II.3.4). Auch in diesem Text finden sich die Themen deutsche Sprache (II.3.4.1), Verhältnis zur Mutter (II.3.4.2), Religion (II.3.4.4), feministische Perspektive (II.3.4.5) und Traumatisierung (II.3.4.6). Ein neuer Topos, der in den anderen Texten natürlich auch zum Tragen kommt, hier allerdings explizit benannt und diskutiert wird, ist der Topos Kindheit, das aufgrund des Themas der Arbeit ebenfalls dargestellt werden soll (II. 3.4.3).

Jede dieser drei Kindheitsautobiographien soll sowohl im Vergleich zu den anderen hier behandelten Texte als zu den frühen Texten der Zeugnisliteratur untersucht werden, um eventuelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede deutlich machen zu können. Außerdem soll anhand einer literarischen Einordnung festgestellt werden, inwieweit diese Kindheitsautobiographien den Regeln der traditionellen Autobiographie als auch denen der Kindheitsautobiographik folgen oder ob angesichts der Shoah neue Erzählverfahren zur Darstellung des Unfassbaren nötig sind.

I. Literaturtheoretische Voraussetzungen

1. Das Genre der Zeugnisliteratur

1.1 Definition und Entwicklung

Lange Zeit fanden die Texte über den Völkermord an den europäischen Juden keine Beachtung innerhalb der Literaturwissenschaft. Diese Texte, die man heute als ‚Holocaust-Literatur’, ‚Zeugnisliteratur’ oder ‚Lagerliteratur’ bezeichnet - wobei diese Begriffe auch unterschiedlich gebraucht werden - entstanden zum Teil schon vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges.[7] Die Erforschung dieser Literatur hat jedoch erst Jahrzehnte später eingesetzt.[8] Dies erklärt sich wohl vor allem aus dem Bedürfnis sowohl der Täter als auch der Opfer, nach dem Krieg Abstand von den traumatischen Erlebnissen zu gewinnen.

Obwohl die meisten Texte über den Holocaust zumeist in Europa veröffentlich wurden, findet ihre Erforschung jedoch fast ausschließlich in den USA statt.[9]

Der Begriff ‚Zeugnisliteratur’ bezieht sich meist auf dokumentarische Texte wie Tagebücher, Memoiren oder fragmentarische Aufzeichnungen von Überlebenden des Holocaust. Die Autoren haben es sich zur Aufgabe gemacht haben, detailliert Zeugnis von den Leiden der Opfer und den Verbrechen der Täter abzulegen. Der Verfasser eines solchen Textes hat den Holocaust folglich selbst miterlebt und tritt mit seiner literarischen Darstellung nun als Zeuge der verübten Verbrechen auf. Zudem werden unter den Begriff Zeugnisliteratur meist nur diejenigen Texte gezählt, die entweder schon während der Zeit der Verfolgung oder kurz danach verfasst wurden.[10] Da nach Ansicht verschiedener Theoretiker nur diese Texte die objektiven Fakten über den Holocaust vermitteln würden, werden gerade spätere Texte, die nicht mehr im gleichen Maße authentisches Wissen über den Holocaust liefern, nicht in den Bereich der Zeugnisliteratur gezählt.[11]

Allgemein als Texte der Zeugnisliteratur werden unter anderen Das Warschauer Tagebuch des Chaim Kaplan[12] bezeichnet, das noch während des Bestehens des Warschauer Ghettos entstanden ist, allerdings erst 1965 in den USA veröffentlicht wurde sowie das berühmte Buch Ist das ein Mensch? von Primo Levi[13], das 1947 erstmals erschienen ist und heute zu einem der meistgelesenen Texte über den Holocaust gehört.

Fast gleichbedeutend mit dem Begriff ‚Zeugnisliteratur’, wenn auch etwas spezieller, wird der Begriff ‚Lagerliteratur’ gebraucht.[14] Darunter fallen ebenfalls zumeist diejenigen Texte, die bereits während oder kurz nach dem Krieg entstanden sind. Und ebenso wie bei den Texten der Zeugnisliteratur, muss der Autor selbst Zeuge des Holocaust gewesen sein. Wie durch den Begriff ‚Lagerliteratur’ bereits angedeutet wird, beziehen sich die unter diese Kategorie fallenden Texte auf Erfahrungen in einem Konzentrationslager bzw. in einem der zahlreichen Ghettos.[15]

Im Unterschied zu den soeben genannten relativ speziellen Bezeichnungen hat sich der Begriff ‚Holocaust-Literatur’ weitgehend als übergreifende Genre-Bezeichnung für eine Vielfalt von Texten etabliert, die sich mit dem Thema Holocaust auseinandersetzen.[16] Ebenso wie die Holocaust-Literatur in einer Vielzahl von Sprachen verfasst worden ist, bedient sie sich auch aller möglichen literarischen Gattungen. So finden sich neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden sind, auch erst später veröffentlichte Memoiren oder Autobiographien sowie fiktionale Bearbeitungen des Themas. Aus diesem Grund müssen die Autoren dieser Texte keine primären Zeugen des Holocaust mehr sein. Ebenso werden beispielsweise auch die Texte von so genannten „sekundären Zeugen“[17], d. h. diejenigen, die den Holocaust nicht mehr selbst miterlebt haben, mit unter das Genre der Holocaust-Literatur gefasst, wie beispielsweise Der Vorleser von Bernhard Schlink[18], wo das Thema Holocaust fiktional bearbeitet wird.

Da selbst in Gedichten, Theaterstücken oder Kurzgeschichten der Holocaust literarisch verarbeitet wird, können auch diese Textsorten durchaus zum Genre der Holocaust-Literatur gezählt werden. Alvin Rosenfeld äußert sich zum Zusammenhang der Holocaust-Literatur und ihrer literarischen Gattungen wie folgt:

Diese Literatur hat keine neuen Textformen hervorgebracht, aber sie hat alle vorgefundenen, von ihr besetzten literarischen Genres im höchsten Maße kompliziert, und es sieht so aus, als sei sie im Begriff, diese Formen aufzulösen, um einen neuen, angemesseneren Maßstab ausfindig zu machen […].[19]

Vor allem im Zusammenhang mit der Autobiographie, die im Folgenden als wichtige Textgattung der Holocaust-Literatur näher betrachtet werden soll, verweist dieses Zitat auf ein wesentliches Merkmal dieser Literatur.

Als vorläufige These kann jedoch festgehalten werden, dass angesichts des Holocaust bisher bestehende Textsorten zwar als Mittel der Darstellung dienen, sie aber dennoch verändert werden müssen, um derart extreme Phänomene wie den Holocaust überhaupt darstellen und bewältigen zu können.[20] Aus diesem Grund ist wahrscheinlich auch eine strikte literarische Einteilung der Texte in bestimmte Gruppen nicht möglich, da man damit den vielfältigen literarischen Gestaltungsverfahren in diesem Genre nicht gerecht werden könnte.

1.2 Die Zeugnisliteratur und ihre Merkmale

1.2.1 Die frühen Texte

Die Überlebenden des Holocaust standen kurz nach dem Krieg vor der schwierigen Aufgabe, eine möglichst objektive Darstellung ihrer Erlebnisse zu liefern, um somit die Verbrechen, die in den nationalsozialistischen Lagern begangen wurden, glaubhaft und historisch genau belegen zu können. Ausgehend vom eigenen Schicksal setzten es sich die Autoren der frühen Texte zum Ziel, den allgemeingültigen Gehalt ihrer persönlichen Erfahrungen herauszuarbeiten, um dadurch einen möglichst konkreten Einblick in die begangenen Verbrechen geben zu können.[21] Christian Angerer stellt in diesem Zusammenhang fest, dass in den frühen Texten „das ‚Ich’ […] sehr oft in ein ‚Wir’ über[geht], das für ein große Gruppe von Häftlingen steht.“[22] Dass der objektive und dokumentarische Anspruch der Überlebenden jedoch nicht vollständig gelingen kann, wird sowohl in der Literatur als auch von den Autoren selbst mehrfach diskutiert. In diesem Zusammenhang gibt entsprechend auch Barbara Bauer Folgendes zu bedenken:

So sehr auch das Bedürfnis, das Erlebte so zu dokumentieren, daß an seiner Authentizität kein Zweifel bestehe, den Überlebenden die Feder geführt hat, zeugen ihre Texte doch von ihrem Unvermögen, die ‚Fakten’ sprechen und den eigenen subjektiven Standpunkt verschwinden zu lassen.[23]

Trotz dieser allgemeinen Schwierigkeit dürfen die schrecklichen Erfahrungen der Überlebenden und vor allem deren literarische Verarbeitung wohl kaum in Frage gestellt werden, da das Bedürfnis Zeugnis abzulegen für viele Überlebende nicht nur zum Antrieb ihres Schreibens, sondern sogar zum einzigen Überlebensgrund wurde. James E. Young schreibt in diesem Zusammenhang:

Und wenn Überleben und das Bedürfnis, Zeugnis abzulegen, eins werden, dürfen wir dieses verzweifelte Verlangen nach Zeugenschaft in der Literatur nicht unterschätzen.[24]

Gemeinsam ist diesen frühen Texten, dass sie sich meist allein auf die Zeit der Verfolgung und der Internierung in einem Konzentrationslager beschränken. Dadurch wird diese Zeit nicht in die gesamte Lebensgeschichte des Autors eingebunden, sondern als radikaler Bruch innerhalb des ‚normalen’ Lebens verstanden. Aus diesem Grund werden die frühen Überlebendenberichte auch nicht als Autobiographien im traditionellen Sinne verstanden, da es, wie noch näher zu erläutern sein wird, ein wesentliches Merkmal dieses Genres ist, das gesamte Leben eines Menschen darzustellen. Dennoch weisen auch diese Texte unbestreitbar autobiographische Züge auf.

Anhand unterschiedlicher literarischer und rhetorischer Deutungsmuster und Begrifflichkeiten versuchten die Autoren, das Beschriebene einzuordnen und ihm einen Sinn zu geben. Diese Muster und Begriffe, die meist aus dem Bereich der Religion, der Mythen oder der Literatur stammen, versagen jedoch angesichts der Massenvernichtung, da auch durch sie dem Leiden kein Sinn abgerungen werden konnte. Zudem werden die Ereignisse durch die Verwendung bereits bekannter Begriffe und Metaphern in einen bestimmten historischen oder literarischen Kontext eingebunden, wodurch die Einmaligkeit des Holocaust, so die Befürchtungen, in seinem schrecklichen Ausmaß relativiert würde.[25] Obwohl sich die Autoren selbst dieser Problematik mehr als bewusst waren, benötigten sie doch bekannte Begriffe, um das Erlebte überhaupt in Worte fassen zu können. Trotz dieser Befürchtungen darf jedoch nicht übersehen werden, dass eine andere Art des Denkens und des Sprechens nicht möglich ist. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Young, wie an folgender Stelle ersichtlich wird:

Wir sollten daher in den Metaphern keine Bedrohung der Fakten sehen, sondern akzeptieren, daß nur sie uns den Zugang zu den Fakten ermöglichen, die nicht anders als innerhalb der Metaphern, in denen sie uns überliefert werden, existieren können. Auschwitz aus jeglicher Metaphorik zu verbannen hieße im Grunde, es gänzlich aus der Sprache zu verbannen.[26]

Deutlich wird dieses Sprach- und Benennungsproblem[27], das als Topos bis heute in fast allen Texten des Holocaust thematisiert wird, bereits anhand der unterschiedlichen Benennungen für die Massenvernichtung der Juden während des Zweiten Weltkrieges.

Um dies zu verdeutlichen, sollen nun anhand eines Exkurses die Begriffe ‚Holocaust’, ‚Shoah’ und ‚Churban’ näher erläutert werden, wobei auf die unterschiedlichen Bedeutungen hingewiesen werden soll, die diese Begriffe beinhalten.

1.2.2 Exkurs: Die Problematik einer Benennung der Judenvernichtung

Der vor allem im deutschen und englischen Sprachraum gängige Begriff ‚Holocaust’ ist von dem griechischen Wort ‚holokauston’ abgeleitet und bedeutet wörtlich übersetzt ‚ganz verbrannt’. In einem theologischen Sinne bezeichnet er eine spezielle Art des Brandopfers und ist zudem von seinem Wortstamm mit dem hebräischen Wort für heiliges Opfer, ‚ ola’, verwandt. Die dem Begriff anhaftenden Konnotationen Opfer und Brandopfer verweisen auf eine Deutung der Massenvernichtung der Juden als eine Art göttlichen Märtyrertums, weshalb er von vielen jüdischen Autoren und Theologen abgelehnt wird.[29] Im Zusammenhang mit der Vernichtung der europäischen Juden wurde der Begriff erstmals in einer gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie verwendet, die 1978 in den USA und ein Jahr später auch in Deutschland ausgestrahlt wurde. Diese Serie beschäftigte sich mit dem Schicksal einer jüdischen Familie in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs.[28]

Trotz seiner ursprünglichen Bedeutung wird der Begriff heute in einem neuen Kontext verwendet, da er durch seine Verwendung als Bezeichnung des Völkermords an den Juden weitestgehend aus dem Kontext der biblischen Konnotationen losgelöst wurde.

Während der Begriff Holocaust also erst Jahrzehnte nach dem Krieg verwendet wurde, war ‚Shoah’ schon während der Ereignisse ein gebräuchlicher Begriff, um die Vernichtung der Juden zu benennen. Obwohl der Begriff ebenfalls aus einem biblischen Kontext stammt, und sich auf die Vernichtung Israels durch seine Nachbarvölker und auf die Knechtung Babylons bezieht[30], neigen Historiker, Schriftsteller und Theologen dazu, sich eher auf seine ursprüngliche Bedeutung zu berufen und ihn im Sinne von Verzweiflung und metaphysischem Zweifel zu interpretieren.

Young weist in diesem Zusammenhang darauf hin, „dass der Begriff selbst, wie er heute gebraucht wird, neue Bedeutungen erhielt und zugleich im Lichte seiner biblischen Vergangenheit neue Erfahrungen prägte.“[31]

Ein weiterer Ausdruck, der zur Benennung der Judenvernichtung gebräuchlich ist, ist der Begriff ‚Churban’. Dieser aus dem Hebräischen stammende Begriff bezieht sich auf konkrete historische Katastrophen, wie die Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels, die für die jüdische Tradition von besonderer Bedeutung sind. Doch aufgrund seiner eindeutig religiösen Konnotation, die die Ereignisse als Teil eines göttlichen Plans beschreibt, wodurch „[…] eine Art Sinnhaftigkeit oder besser: Zwangsläufigkeit des Massenmordes verbunden zu sein [scheint]“[32], wird der Begriff weitgehend abgelehnt und kaum verwendet.

Dazu kommt, dass die Verwendung des Ausdruckes aufgrund seiner sehr spezifischen Bedeutung die Einzigartigkeit und das grausame Ausmaß der Ereignisse in Europa nivellieren würde. Young beschreibt dies wie folgt:

Denn das hätte letztlich bedeutet, die Ereignisse unmittelbar in eine Reihe mit vorangegangenen Vernichtungen zu stellen. Und dies hätte auf einen göttlichen Plan von Sünde und Vergeltung schließen lassen, mit dem jeder Churban erklärbar wäre.[33]

Obwohl in den vorangegangenen Ausführungen auf die verschiedenen ursprünglichen Bedeutungen der Begriffe Holocaust, Shoah und Churban hingewiesen wurde, lässt sich jedoch gemäß der Auffassung Youngs festhalten, dass zumindest die ersten beiden Begriffe aufgrund ihrer häufigen Verwendung mit neuen Konnotationen belegt wurden.

In Anlehnung an die Benennungsprobleme in den frühen Texten konnte deutlich gemacht werden, dass im Zusammenhang mit dem Holocaust eine wesentliche Schwierigkeit darin liegt, eine adäquate Sprache für ihn zu finden. Wie die unterschiedlichen Benennungen der Judenvernichtung jedoch deutlich machen sollten, wird dies dennoch zumeist anhand von Metaphern versucht, denn, so Young „[w]ollte man die Metaphorisierung von Auschwitz verbieten, so hieße dies bei nüchterner Betrachtung nichts anderes, als die Ereignisse gänzlich jenseits von Sprache und Bedeutung anzusiedeln.“[34]

Besonders im Zusammenhang mit der folgenden Analyse der Kindheitsautobiographien zur Shoah erhält die umstrittene Metaphorisierung eine neue Form der Darstellung, wie an späterer Stelle noch zu zeigen sein wird.[35]

1.2.3 Die ‚postfaktische’ Zeugnisliteratur

Die neueren Texte, die Reto Sorg und Michael Angele treffend als „postfaktisch“[36] bezeichnet haben, unterscheiden sich nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der Ebene der Erzählstruktur von den früheren Texten.

Der Begriff verweist auf die frühen Texte, die es sich zum Ziel gemacht hatten, Fakten über den Holocaust zu vermitteln. Aufgrund der zahlreichen Veröffentlichungen und dem zunehmenden Wissen der Leser um die Zeit des Holocaust, stehen die späteren Autoren jedoch nicht mehr unter diesem Druck. Aus diesem Grund wird in den späteren Texten nicht mehr die objektive Darstellung des Erlebten in den Vordergrund des Berichtes gestellt, sondern vielmehr die eigene individuelle Geschichte des Überlebens.[37] Mit dem Begriff ‚postfaktisch’ wird diesem Umstand Rechnung getragen.

Der zeitliche Abstand zum Erinnerten wird dabei in diesen Texten ebenso reflektiert wie die Auswirkungen, die die traumatischen Erlebnisse während der Zeit der Verfolgung auf das gesamte Leben haben.[38]

Bei einer näheren Betrachtung der ‚postfaktischen’ Texte ist festzustellen, dass sich diese häufig mit den traditionellen Verfahren der Zeugnisliteratur explizit auseinandersetzen und versuchen, neue Wege der Darstellbarkeit zu finden.[39] So ist es beispielsweise ein wesentliches Merkmal der neueren Texte, dass sie nicht mehr nur die Zeit des Lageraufenthalts thematisieren, sondern diese erzählerisch in das gesamte Leben der Autoren integriert wird. Dadurch wird der Holocaust nicht mehr als ein Bruch innerhalb der eigenen Lebensgeschichte verstanden, sondern als ein zwar schrecklicher, aber auch als ein für das spätere Leben konstituierender Bestandteil des gesamten Lebens.

Die Autoren der jüngeren Zeugnisliteratur stellen dabei die Frage in den Mittelpunkt, „welche subjektive Bedeutung die Erinnerung an das Lager für sie im Kontext ihres ganzen Lebens hat.“[40] Aus diesem Grund werden diese Texte im Allgemeinen auch dem Genre der Autobiographie zugesprochen, wie Christian Angerer in seiner Darstellung der jüngeren Zeugnisliteratur feststellt: „Die Individualisierung der Erinnerung führt aufgrund ihres lebensgeschichtlichen Blickwinkels zur Autobiographierung der KZ-Literatur.“[41] Die Schreibmotivation der heutigen Autoren liegt folglich nicht mehr darin, Zeugnis ablegen zu wollen, sondern vielmehr darin, das gegenwärtige Selbst mit der Vergangenheit zu versöhnen und somit die eigene Individualität wieder zu finden.

Zudem steht den Autoren dieser postfaktischen Texte ein reicher Fundus an gängigen Topoi und Erzählverfahren zur Verfügung, die sich in der Tradition der Zeugnisliteratur manifestiert haben und die durch verstärkte intertextuelle Bezüge in den neueren Texten aufgegriffen und verarbeitet werden. Die eigenen Erfahrungen werden dabei im Lichte bereits literarisierter Erfahrungen ganz neu interpretiert, wie Sorg und Angele ebenfalls feststellen:

Die neueren Darstellungen behandeln nicht vordringlich (abgeschlossene) Ereignisse aus der Vergangenheit, sondern reflektieren deren Geschichte, d. h. auch: die (literarischen) Darstellungen, welche sie im Laufe der Zeit erfahren haben – je jünger die Darstellungen der Shoah sind, desto stärker ihre intertextuellen Bezüge.[42]

Ruth Klüger, selbst Überlebende des Holocaust und Verfasserin einer Autobiographie, erläutert in einem Interview die Bedeutung der intertextuellen Bezüge in den jüngeren Texten der Zeugnisliteratur und den Grund für eine notwenige Entwicklung innerhalb dieses Genres:

Ich schreibe von unserem Erinnern an das Vergangene und muß nicht wiederholen, was schon geschrieben ist. Das bedeutet aber auch, und ich glaube, das ist schon wichtig, daß da 40 oder 50 Jahre lang Schrifttum vorhanden ist, auf das ich mich beziehen kann. Ich muß nicht noch einmal schlecht das machen, was Primo Levi so gut gemacht hat. Mein Buch ist ein Buch der 90er Jahre. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger wird es nötig sein, diese Details zu beschreiben, und je öfter sie dann noch beschrieben werden, desto misstrauischer kann man werden.[43]

Vor allem auf die im zweiten Teil der Arbeit behandelten Kindheitsautobiographien trifft diese Aussage Klügers, wie noch zu zeigen sein wird, im besonderen Maße zu.

Nachdem nun eine Begriffsbestimmung der Zeugnisliteratur sowie eine kurze Darstellung ihrer verschiedenen literarischen Formen vorgenommen wurden, widmet sich das nächste Kapitel einer Definition des Genres der Autobiographie. Dies erscheint deshalb notwendig, um in einem nächsten Schritt Autobiographien als eine Form der Zeugnisliteratur näher untersuchen zu können, wobei die bisher festgestellten Aspekte erneut herangezogen werden sollen.

2. Die Autobiographie als literarisches Genre

2.1 Allgemeine Merkmale der Autobiographie

Der Versuch, die Autobiographie als literarische Gattung zu definieren, erweist sich als ausgesprochen schwierig oder schlägt fast notwendig fehl. Empirisch wie theoretisch erweist sich die Autobiographie als ungeeignetes Objekt für eine gattungstheoretische Definition, da jeder Einzelfall eine Ausnahme von der Regel zu sein scheint und jeder in Frage kommende Text sich dem Zugriff entzieht und in benachbarte oder sogar in ganz fremde Gattungen abgleitet.

Die wohl einfachste und dennoch angemessenste Definition einer Autobiographie stammt von Georg Misch:

Sie [die Autobiographie] läßt sich kaum näher bestimmen als durch Erläuterung dessen, was der Ausdruck besagt: die Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto).[44]

Das wichtigste, und vielleicht sogar einzige Merkmal aller Autobiographien ist nach Misch folglich die „Identität der darstellenden mit der dargestellten Person.“[45]

Gerade aus der Tatsache jedoch, dass der Autor einer Autobiographie sein eigenes Leben beschreibt, er also Subjekt und Objekt der Darstellung zugleich ist, resultieren verschiedene Schwierigkeiten. Einerseits beanspruchen Autobiographien zwar die Darstellung einer historischen Realität, andererseits ist dies nach einem konstruktivistischen Deutungsansatz, der in der Autobiographie- und Gedächtnisforschung weit verbreitet ist, jedoch unmöglich. Der Konstruktivismus geht nämlich davon aus, dass ein Subjekt nicht in der Lage ist, die Wirklichkeit objektiv zu erkennen und demnach auch nicht, sie objektiv literarisch darzustellen. Aus diesem Grund ist es, zumindest aus einer konstruktivistischen Perspektive heraus, den Autoren einer Autobiographie auch nicht möglich, ihr Leben aus einer objektiven Perspektive zu beschreiben und damit die Wirklichkeit abzubilden.[46]

Ein weiteres Merkmal, das im Zusammenhang mit der Autobiographietheorie zu nennen wäre, ist, dass sie sich meist nicht nur mit einer bestimmten Lebensphase, sondern mit der gesamten Lebensgeschichte eines Menschen beschäftigt. Dabei muss der Autor einer Autobiographie zwangsläufig versuchen, sein Leben in eine bestimmte Chronologie zu bringen. Dies erfordert zum einen die Struktur eines Textes, in der lose Erinnerungen in einen Zusammenhang gebracht werden müssen, um sie sprachlich darstellen zu können. Nötig wird dies zum anderen aber auch durch das Ziel dieser Selbstdarstellung, denn dem Verfasser einer Autobiographie geht es häufig darum, „die verstreuten Elemente seines persönlichen Lebens zu sammeln und sie in einer Gesamtskizze geordnet darzustellen“[47]. Dies geschieht nicht nur für das Verständnis des Lesers, sondern auch für den Autor selbst, der mithilfe des Schreibens einer Autobiographie folglich versucht, sein Leben rückblickend zu gliedern und sich somit seiner eigenen Identität zu vergewissern.

In diesem Zusammenhang und in Anlehnung an Youngs Konstruktivismusbegriff ist auch Paul de Man zu nennen, der der Auffassung ist, es sei falsch zu glauben, dass das Leben die Autobiographie hervorbringe wie eine Handlung ihre Folgen.[48] Er ist im Gegenteil der Meinung, dass der autobiographische Text seinerseits erst das Leben, so wie es im Text dargestellt wird, produziert. In diesem Zusammenhang plädiert de Man dafür, die Autobiographie weder im Hinblick auf ihren referentiellen Gehalt zu definieren noch sie als eine eigene Gattung zu begreifen. Seiner Meinung nach ist die Autobiographie vielmehr eine Lese- oder Verstehensfigur, die in einem gewissen Maße in allen Texten vorkommt. Die Nähe der Autobiographie zum Roman, auf die de Man hier verweist, wird zusätzlich durch die Problematik der Fiktionalität in autobiographischen Texten erweitert werden.

Michaela Holdenried beispielsweise beschäftigt sich in ihrer Definition der Autobiographie ausführlich mit diesem Aspekt. Dabei stellt sie fest, dass bereits seit dem 18. Jahrhundert die fortschreitende Fiktionalisierung als ein Hauptmerkmal der Autobiographieentwicklung zu beobachten ist.

Wurden die der Gattung immer schon inhärenten Stilisierungen, Verfälschungen, den Lücken der Erinnerung, unbewusstem Verschweigen oder bewusster Desinformation geschuldeten Tendenzen als gattungskonstitutiv verstanden, so ging die Akzeptanz des Unvermeidbaren doch mit dem impliziten Vorwurf fiktiver Gehalte einher.[49]

Holdenried relativiert mit dieser These die heftige Debatte um den Verlust des Wahrheitsanspruches und der damit verbundenen Authentizität, der der Autobiographie durch eine verstärkte Fiktionalisierung droht.

Ebenso argumentiert auch Martina Wagner-Egelhaaf, wenn sie feststellt,

[…] dass das Moment der Fiktion dem Begehren nach Selbstausdruck keinesfalls entgegenstehe, dass sich im Gegenteil jeder Ich- und Weltbezug als ein fiktionaler vollziehe, die Fiktion mithin erst die autobiographische Realität produziere.[50]

In diesem Zusammenhang verwendet Wagner-Egelhaaf den Terminus „Autofiktion“[51] als alternative Bezeichnung für Autobiographien, der die fiktionalen Aspekte innerhalb der modernen Autobiographien noch einmal unterstreicht.

Vor allem in der späteren Analyse der in dieser Arbeit untersuchten Autobiographien zur Shoah wird dieser Aspekt der modernen Autobiographien noch einmal diskutiert werden müssen, da gerade innerhalb der Zeugnisliteratur jegliche Fiktionalisierung heftig umstritten ist, sie aber vor allem bei Kindheitserinnerungen kaum zu vermeiden ist.

2.2 Der ‚autobiographische Pakt’ nach Philippe Lejeune

Im Hinblick auf die folgende Untersuchung der Kindheitsautobiographien eignet sich ein rezeptionsästhetischer Deutungsansatz, wie er von Philippe Lejeune vertreten wird, am meisten, da bei diesem Ansatz nicht nur der Autor, sondern auch der Leser einer Autobiographie miteinbezogen wird. Gerade bei einem solch emotional berührenden und erschreckenden Thema wie dem Holocaust sollte der Leser eines solchen Textes nicht außer Acht gelassen werden. Zudem wurden die meisten Texte des Holocaust, wie bereits erwähnt, aus dem einzigen Grund verfasst, Zeugnis abzulegen und Wissen über die schrecklichen Ereignisse während des Nationalsozialismus zu verbreiten. Und dies kann ohne aktives Mitwirken des Lesers, d. h. ohne dessen Bereitschaft, sich auf das Thema einzulassen und die Schilderungen als wahr anzuerkennen, nicht erfüllt werden. Gemäß seinem rezeptionsästhetischen Ansatz beginnt Lejeune seine Untersuchung aus der Perspektive des Lesers:

Von der Situation des Lesers ausgehend (die meine eigene ist, die einzige, die ich gut kenne), gelingt es mir möglicherweise, das Funktionieren der Texte (ihre unterschiedlichen Arten des Funktionierens) klarer zu erfassen, denn sie sind ja für uns, die Leser geschrieben worden, und indem wir sie lesen, sind wir es, die sie zum Funktionieren bringen.[52]

Von dieser Position ausgehend entwickelt Lejeune nun seine Vorstellung des autobiographischen Paktes. Dieser besteht darin, „dass eine Namensidentität besteht zwischen dem Autor (so wie er durch seinen Namen auf dem Umschlag erscheint), dem Erzähler des Berichtes und der Figur, von der die Rede ist.“[53] Der autobiographische Pakt meint also eine Vereinbarung des Autors mit seinem Leser, die darin begründet liegt, dass der Autor mit dem Protagonisten und dem Erzähler identisch ist und der Leser diese Identität als gegeben anerkennt. Lejeune bringt dabei die von Misch festgestellte Identität der erzählenden mit der erzählten Person auf einen prägnanten Nenner.

Die Authentizität einer Autobiographie, die Lejeune durch den ‚autobiographischen Pakt’ als gegeben ansieht, hängt seiner Meinung nach vor allem am Eigennamen des Autors, also an dem, was Lejeune mit dem Ausdruck ‚wirkliche Person’ bezeichnet:

Mit diesem Begriff […] bezeichne ich eine Person, deren Existenz durch den Personenstand bezeugt und verifizierbar ist. Gewiß, der Leser wird nicht nachforschen, und er braucht nicht unbedingt zu wissen, wer diese Person ist: Aber ihre Existenz ist nicht zu bezweifeln.[54]

Lejeune nennt im Verlauf seiner Untersuchung bestimmte Grenzfälle der Autobiographik, wie beispielsweise die Verwendung der dritten Person Singular anstatt der üblichen Ich-Form. Wenn bei solchen Texten ein autobiographisches Paktangebot vorliegt, versteht Lejeune die dritte Person als eine bloße Redefigur, die beispielsweise der Distanzierung dienen kann.[55]

Andere Fälle jedoch, in denen beispielsweise der Protagonist eines Textes einen fiktiven Namen trägt, der sich von dem des Autors unterscheidet oder nicht namentlich erwähnt wird, es aber dennoch für den Leser Gründe gibt, zu glauben, beide seien identisch, bezeichnet Lejeune als „autobiographischen Roman“[56]. Darunter versteht er alle fiktionalen Texte,

[…] bei denen der Leser […] Anlaß hat zur Vermutung, daß es eine Identität von Autor und Figur gebe, während er, der Autor, es für richtig hält, diese Identität zu leugnen oder sie doch wenigstens nicht zu bestätigen.[57]

Eine Unterscheidung zwischen einer Autobiographie und einem autobiographischen Roman ist nicht immer einfach und kann nach Lejeune nur auf der Ebene des Inhalts getroffen werden. Nur wenn aufgrund des Inhaltes ein eindeutiger autobiographischer Pakt geschlossen wurde, kann man einen Text, Lejeunes Definition folgend, als Autobiographie bestimmen.

Da sich gerade die moderne Autobiographik durch gezieltes Überschreiten bestehender Gattungsnormen auszeichnet, wie zu Beginn gezeigt wurde, ist festzuhalten, dass ihr wesentlichstes Merkmal, zumindest nach Misch und Lejeune, die behauptete Identität von erzählendem und erzähltem Ich ist.

Diese Feststellung soll anhand der späteren Analyse der Kindheitsautobiographien erneut auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden. Zudem soll im zweiten der Teil dieser Arbeit Lejeunes ‚autobiographischer Pakt’ ebenfalls anhand dieser Texte erneut herangezogen und eventuell erweitert werden.

2.3 Die Autobiographie in der Zeugnisliteratur und ihre Probleme

Fast zwangsläufig musste die Autobiographie ein wichtiger Bestandteil der Zeugnisliteratur werden, da die Überlebenden nicht nur Zeugnis ablegen wollten von den an ihnen begangenen Verbrechen, sondern diese Erlebnisse auch literarisch im Kontext des gesamten Leben verarbeiten wollten. Daher wird, wie bereits gesehen, gerade in jüngeren Zeugnissen das Erlebte rückblickend und der Form einer traditionellen Autobiographie gemäß im Hinblick auf die ganz individuelle Lebensgeschichte dargstellt.

Dass Autobiographien, die im Kontext der Shoah geschrieben wurden, jedoch aufgrund der furchtbaren Thematik nicht den traditionellen Formen der Autobiographik folgen können, stand für die Autoren schon früh fest. So mussten angesichts der Vernichtung des Individuums und aufgrund der eigenen Sprachlosigkeit neue Darstellungsmethoden erschlossen werden.

Beispielsweise Angerer weist darauf hin, dass das bei traditionellen Autobiographien häufige Motiv der Selbstfindung für die Holocaust-Autobiographien unbrauchbar wird:

Das autobiographische Ich ist Thema dieser Erinnerungstexte, ohne daß sie an den Kriterien traditioneller Autobiographien zu messen wären. Die Autoren kommen im Text nicht zu sich, zu ihrer Identität – sie haben nur ihre quälenden, verunsichernden, widersprüchlichen Erinnerungen.[58]

In diesem Zusammenhang hat Manuela Günter für die Autobiographien Überlebender eine „negative Poetik“, ja sogar eine „Poetik des Scheiterns“[59] geltend gemacht, die durch das Dilemma der Unmöglichkeit der Darstellung und der Verpflichtung zur Erinnerung resultiert. Dabei vertritt Günter die These, dass vor dem Hintergrund der Shoah die traditionellen Formen der Autobiographik gesprengt werden müssen.

‚Autobiographie’, ‚Erzählung’, Kindheit’ und ‚Identität’ werden in den zur Diskussion stehenden Texten in einer Weise mit der Shoah konfrontiert, daß die ‚Ordnung’ dieser Begriffe nicht nur, wie in der Moderne, in Frage gestellt wird, sondern kollabiert.[60]

Wie dieses Zitat bereits andeutet, muss nicht nur die traditionelle Autobiographietheorie zur Beschreibung des Holocaust verworfen werden, sondern auch allgemeine Vorstellungen von Identität und Kindheit. Gerade im Hinblick auf das Thema der vorliegenden Arbeit ist dies eine erste festzuhaltende These, die an späterer Stelle erneut aufgegriffen werden soll.

Für die Autobiographien zur Shoah ergeben sich folglich mehrere Probleme. Zum einen ist das autobiographische Schreiben insofern schwierig, als „eine grundlegende Dimension der Lagererfahrung gerade die Auslöschung der Individualität der Gefangenen war“[61]. Wie zuvor erwähnt wurde, dient die Autobiographie jedoch gerade einer Vergewisserung und Darstellung der eigenen Identität. Da diese von den Überlebenden dennoch gesucht wird, ist es nur verständlich, dass sie sich der literarischen Form der Autobiographie bedienen, obwohl dies von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Mona Körte hat dies für fast alle autobiographischen Texte zum Holocaust feststellen können:

Wo die klassische Autobiographie die Frage nach dem „wie ich wurde, was ich bin“ stellt und versucht, das eigene Ich in seinem Werden zu erfassen, handeln die Texte Überlebender der Shoah von der eigenen Auflösung.[62]

Andrea Reiter sieht in diesem Problem ebenfalls den Hauptunterschied zwischen einer Autobiographie im traditionellen Sinne und einer Autobiographie, die vor dem Hintergrund des Holocaust geschrieben wurde.[63] Reiter ist ebenfalls der Meinung, dass sich das Muster der traditionellen Autobiographie als unbrauchbar für eine Typisierung der Autobiographien zur Shoah erweist und verwendet für letztere in diesem Zusammenhang den ihrer Meinung nach angemesseneren Begriff der „Gegen-Autobiographie“[64]. Doch obwohl Autobiographien zur Shoah sicherlich aufgrund ihrer Thematik eine Sonderstellung innerhalb der Autobiographieentwicklung einnehmen, vernachlässigt Reiter bei ihren Überlegungen dennoch die in modernen Autobiographien ebenfalls häufig thematisierte Problematik einer eigenen Identität.

So wird gerade in modernen Autobiographien, ähnlich wie in Autobiographien zur Shoah, immer wieder die „scheiternde Identitätsbildung und die Auflösung einer kontinuierlichen Entwicklung des eigenen Lebens“[65] dargestellt.

Zudem scheinen gerade die jüngeren Autobiographien zur Shoah aufgrund ihres besonderen Blickwinkels auf individuelle Erfahrungen die eigene Identität durch das autobiographische Schreiben wieder herstellen zu wollen. Um diesem Umstand gerecht werden zu können, wäre es falsch, die Autobiographien zur Shoah gänzlich aus dem Genre der Autobiographie ausschließen zu wollen.

Dass für viele Überlebende der dokumentarische Charakter ihrer Berichte von größter Bedeutung und meist sogar der eigentliche Antrieb des Schreibens ist, führt zweifellos zu einer weiteren Problematik der Zeugnisliteratur. Die Frage, inwieweit das menschliche Gedächtnis verlässliche Erinnerungen liefern kann, vor allem wenn es sich um solch traumatische Erinnerungen handelt, wie die Überlebenden aus der Zeit des Nationalsozialismus verfügen, wurde in diesem Zusammenhang zu einer Leitfrage innerhalb der Zeugnisliteratur.[66] Ähnlich wie dies auch für traditionelle Autobiographien gilt, ergibt sich bei Autobiographien zur Shoah folglich das Problem einer objektiven Darstellbarkeit von vergangenen und erinnerten Erlebnissen. Young beispielsweise, der den Konstruktivismus[67] explizit bei seiner Analyse der Zeugnisliteratur heranzieht, will durch seine Vorgehensweise „diese Literatur von Zielsetzungen […] [entlasten], die sie unmöglich erfüllen kann.“[68]

Dennoch betont Young den besonderen Stellenwert, den Zeugenberichte innerhalb einer historischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust haben. Nach seinem Verständnis stellen diese frühen Texte die ersten Werke dar, die die Ereignisse bereits kurz nach dem Krieg interpretiert und auch metaphorisiert haben und damit alle nachfolgenden Interpretationen und Beschreibungen wesentlich mitgeprägt haben. Aus diesem Vorbildcharakter heraus und nur aus ihm stellen die frühen Texte nach Young authentische Zeugnisse dar.[69]

Angerer fasst diese Probleme dahingehend zusammen, dass er die Autobiographien zur Shoah als „poetische Autobiographien bezeichnet, aus denen zwar keine Ich-Identität, aber die Vielschichtigkeit des Ich in seinem Erinnern hervorgeht.“[70]

2.4 Kindheitsautobiographien zur Shoah

Obwohl in den letzten Jahren vermehrt Autobiographien erschienen sind, die von Überlebenden stammen, die den Holocaust als Kinder und Jugendliche überlebt haben, existiert dennoch im Vergleich zu den Texten erwachsener Überlebender nur eine geringe Zahl von Kindheitsautobiographien zur Shoah. Dies erklärt sich zum einen aus der Tatsache, dass Kinder im Allgemeinen eine sehr geringe Überlebenschance in den Konzentrationslagern hatten, da sie meist direkt nach ihrer Ankunft ermordet wurden und es folglich auch kaum Zeugen in diesem Alter gibt.

Zum anderen scheinen diejenigen, die aus verschiedenen Gründen doch überlebt haben, nur sehr unzureichende und fragmentarische Erinnerungen an ihre traumatische Kindheit zu haben, was es ihnen natürlich erschwert, diese Kindheit literarisch darzustellen.

Hinzu kommt, dass sich die Literaturwissenschaft mit einer Analyse der Texte zum Holocaust äußerst schwer tut, was in besonderem Maße auch für Kindheitsautobiographien zur Shoah gilt. In diesem Zusammenhang bemerkte Barbara Bauer noch 1997, dass die Literaturwissenschaft der „psychoanalytischen, psychiatrischen und sozial-psychologischen Forschungsdiskussion hinterher [hinke].“[71]

Diese Tatsache erklärt sich zum einen aus der relativ neuen Entwicklung einer Kindheitsautobiographik zur Shoah und zum anderen aus der in literaturwissenschaftlichen Kreisen weit verbreiteten Auffassung, dass man Texte zum Holocaust nicht auf einer literaturwissenschaftlichen Ebene untersuchen dürfe, um diesen Texten ihren wichtigen Status als Zeugnisse des Holocaust nicht abzusprechen. Das Hauptziel dieser Autoren bestehe weniger in der Hervorbringung einer literarischen Qualität, sondern vielmehr darin, Zeugnis abzulegen über die schrecklichen Verbrechen, die während des Zweiten Weltkriegs an den Juden verübt worden waren.[72]

Dass die autobiographischen Texte von Kindern erst relativ spät veröffentlicht wurden, liegt jedoch nicht nur an dem beschriebenen Generationenwechsel, sondern auch an den stilistischen und inhaltlichen Besonderheiten dieser Texte. Im Folgenden sollen kurz einige stilistische Mittel skizziert werden, denen sich Autoren autobiographischer Kindheitsdarstellungen bedienen.[73]

Werner Brettschneider benennt die möglichen sprachlichen Darstellungsweisen in einer Kindheitsautobiographie folgendermaßen:

Wer seine Kindheit zum Gegenstand von Literatur macht und den auktorialen Stil vermeiden will – das heißt die Sprache der Erwachsenen […], hat zwei Möglichkeiten der Form: eine gewisse künstliche Kindersprache, die ein Produkt weniger der Erinnerung als des Dichtens ist, oder die Vorstellungen, Gefühle, Erlebnisweisen des Kindes, wie sie sich dem Autor als Ahnungen, Vermutungen, nachschaffenden Träumen kundtun, in seiner, der gebildeten, der reflektierenden, der literarischen Erwachsenen-Sprache darzustellen.[74]

Diese Aussage, die Brettschneider auf alle Kindheitsautobiographien bezieht, benennt nicht nur die besondere Problematik, die sich aus einer kindlichen Perspektive ergibt. Da in Kindheitsautobiographien diese Perspektive und die damit zusammenhängenden fragmentarischen Erinnerungen rekonstruiert werden müssen, beziehen sich diese Texte häufiger als andere Texte auf vorangegangene Berichte und Autobiographien zur Shoah. Ebenso sind die Autoren von Kindheitsautobiographien auf ein mit den Lesern geteiltes Wissen um die die Faktizität der Shoah angewiesen, damit sie sich, wie Eva Lezzi meint, „überhaupt dem einstigen kindlichen Bewusstsein zuwenden und das kindliche Erleben mit Hilfe eines kreativen Umgangs mit Sprache evozieren können.“[75]

Diese Erklärung für das späte Schreiben von Kindheitsautobiographien zur Shoah führt Lezzi weiter aus, indem sie darauf verweist, dass

[…] die früheren autobiographischen und wissenschaftlichen Berichte zur Shoah […] gleichsam erst einen Rahmen aus historischem Wissen und möglichen narrativen Modellen schaffen [mussten], in den hinein die anders ausgerichtete Kindheitserfahrung erzählt werden konnte.[76]

[...]


[1] Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. München 2004.

[2] Wilkomirski, Binjamin: Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948. Frankfurt am Main 1995. Wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, kommt Wilkomirskis Text in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung zu, da es sich bei ihm um eine Fälschung handelt.

[3] Oberski, Jona: Kinderjahre. München 2002.

[4] Edvardson, Cordelia: Gebranntes Kind sucht das Feuer. München 1990.

[5] Die Gliederung der gesamten Arbeit erfolgt aufgrund der Zweiteilung zwischen dem ersten literaturtheoretischen (I.) und dem zweiten textanalytischen (II.) Teil der Arbeit. Während diese Nummerierung nur in der Einleitung hinzugefügt wird, wird sie im späteren Verlauf der Arbeit aus Gründen des besseren Verständnisses ausgespart.

[6] Vgl. Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. In: Niggl, Günter: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Darmstadt 1989, S. 214-257.

[7] Alle drei Begriffe finden sich in der Sekundärliteratur, wobei eine eindeutige Definition meines Wissens nach noch nicht vorliegt. Daher beziehen sich die folgenden Ausführungen zum größten Teil auf eigene Definitionen, die für die vorliegende Arbeit am sinnvollsten erscheinen.

[8] Zu nennen sind hier vor allem Young, James E.: Beschreiben des Holocaust. Frankfurt am Main 1997 sowie Rosenfeld, Alvin: Ein Mund voll Schweigen. Literarische Reaktionen auf den Holocaust. Göttingen 2000.

[9] Vgl. Rosenfeld 2000, S. 7.

[10] Vgl. Young 1997, S. 71. In dieser Arbeit wird der Begriff ‚Zeugnisliteratur’ jedoch offener verstanden. Da meiner Meinung nach alle Texte zum Holocaust auf irgendeine Art und Weise das Ziel haben, Zeugnis abzulegen, wird der Begriff auch in diesem Bedeutungszusammenhang in dieser Arbeit für alle Texte der Holocaust-Literatur verwendet werden.

[11] Vgl. zu den frühen und späten Texten der Zeugnisliteratur das Kapitel I.1.2 dieser Arbeit.

[12] Katsh, Abraham I. (Hrsg.): Buch der Agonie. Das Warschauer Tagebuch des Chaim A. Kaplan. Frankfurt am Main 1967.

[13] Levi, Primo: Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht. München 1992.

[14] Vgl. zum Begriff ‚Lagerliteratur’ Taterka, Thomas: Dante Deutsch. Studien zur Lagerliteratur. Berlin 1999. S. 9.

[15] So würde beispielsweise das Tagebuch der Anne Frank nicht der Lagerliteratur zugerechnet werden, da die Verfasserin zwar den Holocaust selbst miterlebt hat, zum Zeitpunkt der Abfassung der Schrift jedoch noch nicht deportiert worden war. Vgl. Frank, Anne: Tagebuch. Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler. Frankfurt am Main 1991.

[16] Vgl. zum Begriff ‚Holocaust-Literatur’ Feuchert, Sascha: Holocaust-Literatur. Auschwitz. Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart 2000. S. 5-15 sowie Rosenfeld 2000, S. 7-10.

[17] Baer, Ulrich: Einleitung. In: Baer, Ulrich (Hrsg.): ‚Niemand zeugt für den Zeugen’ Erinnerungskultur nach der Shoah. Frankfurt am Main. S. 7-31. S. 11.

[18] Schlink, Bernhard: Der Vorleser. Zürich 1995.

[19] Rosenfeld 2000, S. 14 f.

[20] Vgl. ebd. S. 15.

[21] Vgl. Angerer, Christian: „Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung.“ Ruth Klügers ‚weiter leben’ im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX 1998, S. 61-84. Zitat S. 63.

[22] Ebd. S. 64.

[23] Bauer, Barbara: Einleitung und Tagungsprotokoll. In: Bauer, Barbara/Strickhausen, Waltraud (Hrsg.): ‚Für ein Kind war das anders.’ Traumatische Erfahrungen jüdischer Kinder und Jugendlicher im nationalsozialistischen Deutschland. Berlin 1999. S. 17.

[24] Young 1997, S. 37.

[25] Vgl. Young 1997, S. 152.

[26] Ebd.

[27] Es lässt sich vermuten, dass dieses Problem implizit auch in der Definition der Texte zum Holocaust eine Rolle spielt, wie die schwierige Definition und Abgrenzung der Begriffe ‚Zeugnisliteratur’, ‚Lagerliteratur’ und ‚Holocaust-Literatur’ zeigt.

[28] Vgl. zu den folgenden Ausführungen Young 1997, S. 142-146 sowie Feuchert 2000, S. 5-15.

[29] Vgl. Young 1992, S. 145.

[30] Vgl. Ebd. S. 144.

[31] Young 1992, S. 144. Wie zuvor gezeigt wurde, trifft diese Aussage Youngs ebenso auf den Begriff Holocaust zu.

[32] Feuchert 2000, S. 11.

[33] Young 1992, S. 144.

[34] Ebd. S. 153.

[35] Insbesondere in dem Text von Cordelia Edvardson findet sich eine höchst stilisierte metaphorische Darstellung des Holocaust. Vgl. Kapitel II.2 dieser Arbeit.

[36] Sorg, Reto/Angele, Michael: Selbsterfindung und Autobiographie. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn am Beispiel von Binjamin Wilkomirskis Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948. In: Herwig, Henriette (Hrsg.): Lese-Zeichen. Semiotik und Hermeneutik in Raum und Zeit. Tübingen/Basel 1999. S. 325-345. Zitat S. 331.

[37] Vgl. Angerer 1998, S. 65.

[38] Vgl. dazu auch Reiter, Andrea: ‚Auf daß sie entsteigen der Dunkelheit’. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien 1995. „Es liegt auf der Hand, daß sich die Zeit, die zwischen Erleben und dem Bericht darüber verstrichen ist, nicht nur auf der inhaltlichen Ebene niederschlägt, sondern auch die Erzählstruktur beeinflusst. In später verfassten Texten gewinnt mit dem zunehmenden Wissen und den Überlegungen – die Reflexion nimmt mehr Raum ein – auch das Wie der Darstellung an Gewicht.“ S. 180.

[39] Vgl. Sorg/Angele 1999, S. 331 f.

[40] Angerer 1998, S. 70.

[41] Ebd. S. 71.

[42] Sorg/Angele 1999, S. 327.

[43] Naumann, Klaus: „Ich komme nicht von Auschwitz her, ich stamme aus Wien“. Gespräch mit Ruth Klüger. In: Mittelweg 36. 1993/1994. Heft 6/2. S. 37-45. Zitat S. 45.

[44] Misch, Georg: und Ursprung der Autobiographie. In: Niggl, Günter: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1989. S. 33-54. Zitat S. 38. (Hervorhebung im Original.)

[45] Ebd. S. 40.

[46] Vgl. u. a. Young 1992, S. 36 sowie Feuchert 2000, S. 17 f.

[47] Gusdorf, Georges: Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie. In: Niggl, Günter: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1989. S. 121-147. Zitat S. 130.

[48] Vgl. de Man, Paul: Autobiographie als Maskenspiel. In: Menke, Christoph: Die Ideologie des Ästhetischen. Frankfurt am Main 1993. S. 131-146.

[49] Holdenried, Michaela: Autobiographie. Stuttgart 2000. Zitat S. 39.

[50] Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Stuttgart 2000. Zitat S. 5. (Hervorhebung im Original.)

[51] Ebd. S. 5.

[52] Lejeune 1989, S. 215.

[53] Ebd. S. 228.

[54] Ebd. S. 226.

[55] Ebd. S. 220. Dieser Aspekt wird bei der zweiten hier behandelten Autobiographie Gebranntes Kind sucht das Feuer von Bedeutung sein, da dieser Text in der dritten Person Singular verfasst ist.

[56] Ebd. S. 229.

[57] Lejeune 1989, S. 229.

[58] Angerer 1998, S. 72 f.

[59] Günter, Manuela: Writing Ghosts. Von den (Un-) Möglichkeiten autobiographischen Erzählens nach dem Überleben. In: Günter, Manuela (Hrsg.): Überleben schreiben. Zur Autobiographik der Shoa. Würzburg 2002. S. 21-50. Zitat S. 21.

[60] Ebd. S. 21.

[61] Lejeune 1989, S. 58.

[62] Körte, Mona: Der Krieg der Wörter. Der autobiographische Text als künstliches Gedächtnis. In: Berg, Nicolas (Hrsg.): Shoa. Formen der Erinnerung. Geschichte, Philosophie, Literatur, Kunst. München 1996. S. 201-214. Zitat S. 204.

[63] Reiter 1995, S. 63.

[64] Ebd. S. 64.

[65] Wagner-Egelaaf 2000, S. 181.

[66] Vgl. beispielsweise Young 1992, S.28 f. sowie Rosenfeld 2000, S. 25 f.

[67] Zum Begriff des ‚Konstruktivismus’ im Zusammenhang mit dem Erinnerungsdiskurs vgl. Kapitel I.1.2 in dieser Arbeit.

[68] Young 1992, S. 29.

[69] Ebd.

[70] Angerer 1998, S. 73.

[71] Bauer 1999, S. 16.

[72] Vgl. Rosenfeld 2000, S. 17.

[73] Aufgrund des noch jungen Genres der Kindheitsautobiographien zur Shoah und der fehlenden Sekundärliteratur zu diesem Thema, kann an dieser Stelle nur eine vorläufige Definition geleistet werden, die sich zudem stark an der traditionellen Kindheitsautobiographik orientiert. Eventuelle Unterschiede oder Gemeinsamkeiten sollen dann anhand der späteren Textanalysen benannt werden.

[74] Brettschneider, Werner: ‚Kindheitsmuster’. Zur Kindheit als Thema autobiographischer Dichtung. Berlin 1982. S. 24.

[75] Lezzi, Eva: Zerstörte Kindheit. Literarische Autobiographien zur Shoa. Köln/Weimar/Wien 2001. S. 149.

[76] Lezzi, Eva: Verfolgte Kinder. Erlebnisweisen und Erzählstrukturen. In: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1998. Bodenheim 1998. S. 181-223. Zitat S. 182.

Details

Seiten
112
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638509312
Dateigröße
918 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56171
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
KINDER HOLOCAUST Kindheitsautobiographien Form Zeugnisliteratur

Autor

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Titel: KINDER IM HOLOCAUST - Kindheitsautobiographien als Form der Zeugnisliteratur