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Die Zeichen der Natur in Adalbert Stifters Bergkristall

von Franziska Marschick (Autor)

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Bedeutung „kleiner Dinge“

I. Hinweg
1. Missdeutungen
1.1 Das Wetter
1.2 Meinung der Landleute
1.3 Bild der Natur
2. Zeichen auf dem Weg
2.1 Kälte
2.2Unglückssäule

II. Rückweg
1. Anfängliche Freude
2. Allmähliche Desorientierung
2.1 Einschränkung der Sinne
2.1.1 Akustisch
2.2.2 Visuell
2.2.Verirrung
3. Völlige Desorientierung
3.1 Totale Orientierungslosigkeit
3.1.1 Visuell
3.1.2 Akustisch
3.2 Verlust jeglicher Orientierung
4. Rückzug der Natur

III. Rettung
1.Hoffnung
2. Rückkehr der Sinne
3. Gründe für die Rettung
3.1 Genaue Beobachtungsgabe
3.2 Zusammenwirken vieler Komponenten
3.3 Freiraum des Lesers
4. Veränderungen

Appell an die Beachtung des Lebensraumes

Literaturverzeichnis

Wißt ihr, warum euch die Käfer, die Butterblumen so glücken?

Weil ihr die Menschen nicht kennt, weil ihr die Sterne nicht seht!

Schauet ihr tief in die Herzen, wie könntet ihr schwärmen für Käfer?

Säht ihr das Sonnensystem, sagt doch, was wär euch ein Strauß?

Aber das mußte so sein; damit ihr das Kleine vortrefflich liefertet,

hat die Natur klug euch das Große entrückt. (Matz, 299)[1]

So lautete der Vorwurf Friedrich Hebbels gegenüber Adalbert Stifters Texten. Dieser antwortete Hebbel indirekt mit dem Verfassen der bekannten Vorrede zu den Bunten Steinen in der er seinen Standpunkt deutlich macht.

In dieser Seminararbeit wird Stifters Erzählung Bergkristall auf die Zeichen der Natur hin betrachtet, in der sich zeigt, dass gerade die unscheinbaren kleinen Dinge von größter Wichtigkeit sein können.

Im Jahre 1845 erschien Adalbert Stifters Erzählung Am heiligen Abend in der Zeitschrift Gegenwart. Nach einigen Überarbeitungen wurde sie in die Sammlung Bunte Steine aufgenommen und unter dem neuen Titel Bergkristall 1853 herausgegeben.

Die Erzählung beginnt damit, dass der Leser zuerst Allgemeines über die Feiertage der Kirche und speziell das Weihnachtsfest erfährt. Anschließend werden die Landschaft und das Dorf Gschaid beschrieben. Die Gemeinde wird als von der Außenwelt zurückgezogen geschildert. Dazu trägt der große Schneeberg Gars bei, der das Dorf von dem angrenzenden blühenden Ort Millsdorf räumlich trennt. Besonderes Augenmerk wird der Familie des Schusters gewidmet: Dieser heiratete gegen dessen Willen die Tochter des Färbers aus dem Nachbardorf. Sie und ihre Kinder, Konrad und Sanna werden in Gschaid jedoch als Auswärtige betrachtet.

Das Geschehen beginnt damit, dass die Kinder am 24. Dezember die Großeltern in Millsdorf besuchen. Als sie sich von dort wieder auf den Rückweg machen, kommt es zu einem heftigen Schneefall, der sie den Weg nach Hause verfehlen lässt. Die Kinder verlieren die Orientierung und geraten auf den Berg, auf dem sie die Heilige Nacht verbringen müssen.

Am Folgenden Tag werden sie von ihrer besorgten Familie und den Dorfbewohnern gerettet.

I. Hinweg

Am Beginn des Weges tauchen an signifikanten Stellen Zeichen der Natur auf, auf welche die Figuren der Erzählung nicht achten oder nicht reagieren.

1. Missdeutungen

Schon vor und kurz nach dem Aufbruch der Kinder zeigen sich deutliche Hinweise auf das spätere Unglück.

1.1 Das Wetter

Die eigentliche Erzählung beginnt mit dem geplanten Ausflug der Schusterskinder zu den Großeltern ins Nachbardorf. Die Mutter sagt zu Konrad und Sanna:

Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht geregnet hat, und die Wege fest sind, und weil auch der Vater gestern unter der Bedingung erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist, so dürft ihr zur Großmutter nach Millsdorf gehen; aber ihr müsst den Vater noch vorher fragen (HKG 2,2, 203).

Anschließend fragen die Geschwister den Schuster, ob sie gehen dürfen. „Er verlässt sich auf das, was ihm die Kinder sagen, dass nämlich ein ‚schöner Tag sei’“ (Oswald, 75) und erlaubt es ihnen. Dieser Verlauf scheint weiter nicht außergewöhnlich, jedoch stutzt der Leser bei diesen Sätzen, wenn er die vorigen aufmerksam gelesen hat. Auf der gleichen Seite beschreibt der Erzähler etwas gänzlich anderes:

[...] ein dünner trokener Schleier über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen rothen Flek sah, überdieß war an diesem Tage eine milde beinahe laulichte Luft unbeweglich im ganzen Thale und auch an dem Himmel [...] (HKG 2,2, 203).

Hier ist ein deutlicher Bruch zwischen der Naturschilderung des Erzählers und der Wahrnehmung der Personen zu erkennen.

Kurz nachdem die Kinder die Erlaubnis erhalten haben und losziehen folgt ein weiteres Bild, das nicht wie das eines schönen Tages wirkt:

Die Sonne stand schon über dem mit milchigen Wolkenstreifen durchwobenen Wald der morgendlichen Anhöhe, und ihr trübes röthliches Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzapfelbäume mit den Kindern fort (HKG 2,2, 204).

Der Wetterumschwung hätte somit bei genauer Betrachtung vorhergesehen werden können.

1.2 Meinung der Landleute

Bis zu diesem Punkt hat der Leser die verschiedenen Sichtweisen wahrgenommen. Um seinen Standpunkt zu bekräftigen, zieht der Erzähler die Meinung der Einheimischen heran: „Es lag kein Reif und bei näherem Anblike nicht einmal ein Thau, was nach der Meinung der Landleute baldigen Regen bedeutet“ (HKG 2,2, 204). „Der spätere Wetterumschlag ist – zumal für die Menschen dieses Tales, die mit der Natur leben und denen ‚die geringen Veränderungen grosse’ [...] sind – voraussehbar“ (Oswald, 76). Die Worte der Mutter klingen in Anbetracht der vielen Zeichen nicht mehr überzeugend[2].Sie meinte, dass die Kinder gehen könnten, weil es so lange nicht mehr geregnet habe. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit für baldigen Regen dadurch umso größer. In der Journalausgabe wird sogar erwähnt, dass die Bewohner von Gschaid ein Unglück prophezeien[3]. Diese dargestellte unterschiedliche Wahrnehmung der Familie und der Landleute spiegelt das Verhältnis zwischen beiden. Die Mutter und ihre Kinder, die als Fremde betrachtet werden, können die Umgebung nicht vollständig deuten. Wie zu der Dorfgemeinschaft fehlt ihnen der Zugang zur heimischen Natur.

1.3 Bild der Natur

Einen Vorausgriff macht der Erzähler als von der Beschaffenheit der Landschaft beim Aufbruch erzählt wird.

Im Bache war schier kein Wasser, ein dünner Faden von sehr stark blauer Farbe ging durch die trokenen Kiesel des Gerölles, die wegen Regenlosigkeit ganz weiß geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als auch die Farbe des Wassers zeigten an, daß in den größeren Höhen schon Kälte herrschen müsse, die den Boden verschließe, daß er mit seiner Erde das Wasser nicht trübe, und die das Eis erhärte, daß es in seinem Innern nur wenig klare Tropfen abgeben könne. (HKG 2,2, 204 f.).

Hier kann man deutlich die Prolepse erkennen. An dieser Stelle werden die Farben blau und weiß erwähnt. Der Erzähler führt hier schon allmählich die Farben ein, die im Laufe der Erzählung immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. Bevor sich die Kinder verirren, wird dem Leser ein Bild davon gegeben, wie es wohl auf den Berg aussehen mag.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Erzähler durch die Schilderung der Naturverhältnisse, der Meinung der Landleute und der Darstellung der Schusterfamilie einen Kontrast entstehen lässt, der den Leser nichts Gutes ahnen lässt.

2. Zeichen auf dem Weg

Im Folgenden werden weitere Zeichen aufgeführt, die in der Umgebung das Unglück andeuten.

2.1 Die Kälte

Als die Kinder in den Wald kommen, der zwischen Gschaid und Millsdorf liegt, erfahren sie weitere Hinweise auf Kälte. Sie bemerken, dass der Weg, auf dem sie gehen, hart ist.

Als sie in die höheren Wälder des Halses hinauf gekommen waren, zeigten sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich, wie es unten im Thale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus Trokenheit, sondern, wie die Kinder sich bald überzeugten, weil sie gefroren waren (HKG 2,2, 205).

Hier wird eine räumliche Trennung klar. Sie befinden sich nicht mehr in ihrem Dorf, in dem sie gut behütet waren. Die gefrorenen Wege deuten darauf hin, dass sie ungeschützt und auf sich selbst gestellt sind. Somit verdeutlich die Kälte eine weitere Steigerung der Erzählung[4].

2.2 Die Unglückssäule

Die Textstelle, an der beschrieben wird, das die Unglückssäule umgefallen ist[5], ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass etwas geschehen wird.

Die Kinder freuen sich, da sie nun das Bild des umgekommenen Bäckers besser betrachten können. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, dass dies auch für sie Unglück bedeutet. „Diese kleine Störung in der bekannten Zeichenwelt erweist sich später als fatal“ (Göritz, 28). Auf dem Rückweg fehlt ihnen dieser Orientierungspunkt und sie verpassen die richtige Abzweigung nach Gschaid. Im Text wird nicht deutlich aus welchem Grund die Säule nicht mehr steht. Da eine Stelle jedoch morsch ist, scheint es ein natürlicher Prozess gewesen zu sein. Interessant dabei ist, dass Sanna zuerst das Fehlen des Zeichens entdeckt. Ihre schnelle Auffassungsgabe wird später eingehender betrachtet werden[6]. Somit fehlt durch die umgefallene Säule die Information in der Natur und die Kinder können sich deshalb später nicht mehr orientieren.

[...]


[1] Wolfgang Matz zitiert in seiner Biographie Adalbert Stifter dessen Gegner Friedrich Hebbel aus seinem Werk Die alten Naturdichter und die neuen das 1849 erschien.

[2] Vgl. S. Braun, 1990, 17.

[3] Vgl. HKG 2,1, 150.

[4] Vgl. S. Braun, 1990, 20.

[5] Vgl. HGK 2,2, 205.

[6] Vgl. III. 3.1.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638508896
ISBN (Buch)
9783638765879
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56101
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Schlagworte
Zeichen Natur Adalbert Stifters Bergkristall Wetter Landschaft Orientierungslosigkeit Friedrich Hebbel Bild Unglückssäule Rettung Lebensraum visuell akustisch

Autor

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    Franziska Marschick (Autor)

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