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Die Wandervogelbewegung im Konflikt mit der Gesellschaft des Deutschen Kaiserreiches

Seminararbeit 2000 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Verhältnis zur Moderne
2.1.1 Kulturkritik im wilhelminischen Bildungsbürgertum
2.1.2 Die Gegenkultur des Wandervogels
2.2 Das Verhältnis zu bürgerlichen Institutionen und Wertvorstellungen
2.2.1 Familie und Schule
2.2.2 Geschlechterverhältnis und Sexualität

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wandervogelbewegung in der Zeit von seiner Gründung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellt ein besonderes und einmaliges Phänomen dar. Die Jugend nutzte diese Bewegung, um sich auf die Suche nach einer neuen Identität zu begeben und in Opposition zu einer Gesellschaft, die von einer aufkommenden kalten industriellen Großstadtkultur und dem Festhalten an überkommenen Traditionen geprägt war, zu treten.

Meine erkenntnisleitende Fragestellung ist hierbei die Frage, ob der Wandervogel eher als rückwärts gewandte oder als fortschrittliche Bewegung zu betrachten ist, d.h., ob die Bewegung sich in erster Linie von lange zurückliegenden Traditionen oder von völlig neuen Denkansätzen leiten ließ.

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich anhand von Sekundärliteratur und einigen wenigen Quellentexten mit dieser Frage beschäftigen, indem ich zunächst das Verhältnis des Wandervogels zur Moderne untersuche. Im Anschluss daran werde ich mich mit dem Verhältnis des Wandervogels zu bürgerlichen Institutionen und Wertvorstellungen befassen, um dann ein Fazit zu formulieren, in dem ich einen Rückbezug zu meiner Fragestellung herstellen werde. Weitere Aspekte, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, welche aber den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würden, sind das Verhältnis des Wandervogels zur Kirche[1] oder zu anderen Jugendbewegungen.[2]

Bei meiner Untersuchung werde ich die Geschichte des Wandervogels in der Zeit nach 1914 vernachlässigen, da die Bewegung in dieser Zeit von ihren ursprünglichen Idealen abwich und immer mehr in die starken politischen Auseinandersetzungen jener Zeit hineingezogen wurde, wobei sie sich vor allem für völkisch-nationales Gedankengut anfällig zeigte.

2. Hauptteil

2.1 Das Verhältnis zur Moderne

2.1.1 Kulturkritik im wilhelminischen Bildungsbürgertum

Die Mitglieder des Wandervogels rekrutierten sich aus einer Bevölkerungsschicht, die sich in der Zeit des Kaiserreiches in einer schweren Identitäts- und Statuskrise befand, nämlich dem protestantischen Bildungsbürgertum.

Im Zuge der Industriellen Revolution, die in Deutschland um ca. 1850 eingesetzte hatte, kam es zu einem fundamentalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel[3]. Die Zeit war geprägt von Landflucht, Urbanisierung, Bevölkerungsexplosion, dem Niedergang traditioneller Betriebsformen sowie einer zunehmenden „Proletarisierung großer Volksmassen“[4]. Die große Bedeutung, die nun der technische Fortschritt und das wirtschaftliche Wachstum erhielten, führten zu einer Aufsplitterung des Bürgertums in das Wirtschafts- und das Bildungsbürgertum[5], wobei die neuen Wirtschaftsbürger als „Träger der neuen Werte“[6], also Fortschrittsdenken, Pragmatismus, Rationalismus, Spezialisierung, Hinwendung zur Technik sowie das Streben nach beruflichem Erfolg und materiellem Wohlstand, fungierten. Das alte Bildungsbürgertum, dessen Wertesystem sich hingegen auf geistig-kulturelle Dinge wie die humanistische Bildung, das Gemeinwohl, das gesellschaftliche Prestige, die standesgemäße Lebensführung und den tugendhaften Lebenswandel beschränkte[7], sah sich nun mit einer mächtigen Konkurrenz konfrontiert und lebte in der Furcht, seinen bisherigen hohen Status an das Wirtschaftsbürgertum abtreten zu müssen.

Die Reaktion auf diese Bedrohung war eine kulturpessimistische, antimodernistische Haltung. Man beklagte den Verlust von Individualität, hoher Kultur, Persönlichkeit, Tugend und Schönheit in einer Welt, die durch Effizienzdenken und Emotionslosigkeit gekennzeichnet war, und in der Werte wie Bildung und Kultur höchstens noch als dilettantische pseudointellektuelle Fassade für die gesellschaftliche Profilierung des Einzelnen dienten[8]. Man orientierte sich dabei an führenden Kulturkritikern wie August Julius Langbehn[9], der eine Zerstörung der herrschenden Gesellschaftsordnung und ein Wiederaufleben alter deutscher Tugenden forderte; Ferdinand Tönnies[10], der die kalte, von Fremdheit geprägte „Gesellschaft“ dem Ideal der lebendigen, von Zwischenmenschlichkeit geprägten „Gemeinschaft“ gegenüberstellte; oder Friedrich Nietzsche[11], der die Jugend als diejenige Gruppe betrachtete, die allein dazu fähig sei, die verkommene Gegenwart zu überwinden und eine bessere Zukunft anzustreben. Es kam also zu einem regelrechten Jugendkult, bei dem alle Hoffnungen der Bildungsbürger auf der „reinen“, „unverdorbenen“ Jugend, die das Land von den schädlichen Einflüssen der modernen Zivilisation befreien und zu einer neuen kulturellen Blüte führen sollte, ruhten[12].

Die allgemeine Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen führte zur Entstehung zahlreicher Bewegungen, die eine Gegenkultur zur herrschenden Gesellschaft darstellen sollten, wie z.B. die Lebensreformbewegung, die Reformpädagogik oder die Kunsterziehungsbewegung. Die bürgerliche Jugendbewegung, die im Kaiserreich größtenteils durch den Wandervogel verkörpert wurde, erhielt durch die allgemeine Glorifizierung der Jugend einen besonders hohen Stellenwert. Sie entsprang somit einer Anschauung, die sicherlich einen gesellschaftlichen Fortschritt anstrebte, wobei dieser Fortschritt allerdings durch die Bewahrung altbewährter Traditionen und nicht durch die Suche nach völlig neuen Wegen und Wertvorstellungen definiert wurde[13].

[...]


[1] Vgl. Otto Neuloh / Wilhelm Zilius, Die Wandervögel. Eine empirisch-soziologische Untersuchung der frühen deutschen Jugendbewegung. Göttingen, 1982, S.133-136

[2] Vgl. Dietmar Schenk, Die Freideutsche Jugend 1913-1919/20. Eine Jugendbewegung in Krieg, Revolution und Krise. Dissertation, Münster, 1989, S.44-66

[3] Vgl. Klaus Vondung, Zur Lage der Gebildeten in der wilhelminischen Zeit. In: Das wilhelminische Bildungsbürgertum. Hg. Klaus Vondung. Göttingen, 1976, S.20-33

[4] Ulrich Aufmuth, Die deutsche Wandervogelbewegung unter soziologischem Aspekt. Göttingen, 1979, S.120

[5] Vgl Wolfgang J. Mommsen, Bürgerliche Kultur und künstlerische Avantgarde. Kultur und Politik im deutschen Kaiserreich 1870 bis 1918. Frankfurt a.M./Berlin, 1994, S.9

[6] Hermann Giesecke, Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik. München, 1981, S.13

[7] Vgl. Klaus Vondung, a.a.O., S.25f.

[8] Vgl. Lothar Fröher, Der weite Weg. Die deutsche Jugendbewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts. Heidenheim, 1984, S.4

[9] August Julius Langbehn, Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen. 50.-55. Aufl., Leipzig, 1922

[10] Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen. Leipzig, 1887

[11] Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I-III (1872-1874). Berlin, 1972, S.239-330

[12] Vgl. Hellmut Becker / Gerhard Kluchert, Die Bildung der Nation. Schule, Gesellschaft und Politik vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik. Stuttgart, 1993, S.121f.

[13] Vgl. Hans-Joachim Lieber, Kulturkritik der Jahrhundertwende. In: Kulturkritik und Jugendkult. Hg. Walter Rüegg. Frankfurt a.M., 1974, S.9-22

Details

Seiten
16
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638508056
ISBN (Buch)
9783638848749
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55995
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Poltitikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Wandervogelbewegung Konflikt Gesellschaft Deutschen Kaiserreiches Proseminar Soziale Bewegungen Deutschland

Autor

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