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Walther von der Vogelweide. Nemt, frouwe, disen kranz. Mädchenlied oder Pastourelle? Eine Gattungsdiskussion.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Problematik der Strophenreihenfolge

3. Nemt, frouwe, disen kranz als Mädchenlied? Auswertung

4. Nemt, frouwe, disen kranz als Pastourelle? Auswertung

5. Zusammenfassung und Gesamtauswertung

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Lied Walthers von der Vogelweide Nemt, frouwe, disen kranz[1] wurde in der Forschungsliteratur bereits im Kontext verschiedener Gattungen diskutiert; es wurde als Mädchenlied bezeichnet, als Pastourelle, als keines von beidem. Man fand in dem Lied keine bis eine Frauenstrophe; und man versuchte, Walthers Weiterentwicklung und seine Einstellung zur hohen und niederen Minne anhand dieses Liedes zu erforschen und zu begründen.

Diese Seminararbeit wird, unter anderem durch Einbezug verschiedener möglicher Strophenreihenfolgen, verschiedene Interpretations- und Auslegungsmöglichkeiten für das Lied Walthers darlegen, zusammenfassen und diskutieren. Sie wird die Diskussion um die umstrittenen Gattungen 'Mädchenlied' und 'Pastourelle' einflechten, die eng mit der Interpretation und dem Verständnis dieses Liedes Walthers zusammenhängt.

Schlussendlich wird sie anhand der verschiedenen Überlegungen versuchen zu klären, ob eine sichere Gattungszuweisung des Liedes Walthers möglich ist.

2. Die Problematik der Strophenreihenfolge

Die Forschung hat sich bereits intensiv mit der Überlieferung des Liedes Nemt, frouwe, disen kranz beschäftigt. Dabei ist auffällig, dass es bis heute kaum möglich zu sein scheint, die Reihenfolge der Liedstrophen eindeutig festzulegen. Dies verursacht Schwierigkeiten, zumal die Strophenreihenfolge natürlich massiven Einfluss auf den Sinnzusammenhang des Inhalts und somit die Interpretation selbst hat. Folgende Möglichkeiten müssen in Betracht gezogen werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I-V[2] gibt dabei die Reihenfolge an, für die Hahn[3] sich entschieden hat. Hahn begründet die Entscheidung für ausgerechnet diese Reihenfolge damit, "dass sich ihr ein hohes Maß an pointiertem Sinn abgewinnen lässt"[4]. Bei dieser Vorgehensweise drängt sich jedoch die Frage auf, ob dies allein als Rechtfertigung gelten kann, sich auf eine Version festzulegen. Im Folgenden wird nämlich deutlich werden, dass das Lied vermutlich auf völlig andere Weise verstanden werden muss, wenn beispielsweise die Strophen II und III vertauscht werden.

Der Ansicht, dass genau diese Vertauschung vorgenommen werden müsse[5], ist unter anderem Carl von Kraus[6] - und Peter Wapnewski stimmt später zu, dass die von Kraus vorgenommene Reihung sich als richtig erwiesen habe[7]. Selbst die ausführliche Erörterung Wapnewskis, die sich laut Hahn durch "Geschlossenheit und Konsequenz" auszeichnet und dadurch eine "bestechende Deutung und Einordnung des Liedes vorgelegt hat"[8], kann Hahn offensichtlich nicht überzeugen, weshalb er an seiner eigenen Reihenfolge festhält, die der von Kraus und Wapnewski entgegensteht.

Zumindest an dieser Stelle soll jedoch zunächst nicht weiter auf die Problematik der Strophenreihenfolge, auf deren Erforschung und Diskussion oder auf die Begründung einzelner Ansichten und Festlegungen auf Reihenfolgen eingegangen werden.[9] Da die Strophenabfolge aber für die weitere Interpretation des Liedes von großer Bedeutung sein wird, wird sie in den folgenden Kapiteln erneut aufgegriffen und diskutiert werden.[10]

3. Nemt, frouwe, disen kranzals Mädchenlied?

Laut Schweikles[11] Definition handelt es sich bei Mädchenliedern um Lieder, die nicht wie sonst üblich an eine frouwe oder ein wîp gerichtet sind, sondern an eine maget . Schweikle erläutert weiterhin, dass es sich bei einer maget um ein (unverheiratetes) Mädchen oder eine "dienende weibliche junge Person"[12] handelt.

Nach dieser Definition Schweikles, von der zunächst einmal ausgegangen werden soll, kann man scheinbar schon aufgrund der ersten beiden Zeilen der ersten Strophe (' Nemt, frouwe, disen kranz!' / alsô sprach ich zeiner wol getânen maget[13] ) eindeutig davon ausgehen, dass es sich bei diesem Lied Walthers um ein Mädchenlied handelt. Die Anrede gilt offensichtlich nicht einer verheirateten Adeligen, sondern einer maget .

Die Tatsache jedoch, dass die Existenz der Gattung 'Mädchenlied' nach wie vor umstritten ist, lässt es sinnvoll erscheinen, der Sache genauer auf den Grund zu gehen, wofür eine tiefgründigere Diskussion nötig ist.

Die traditionelle Forschungsansicht geht davon aus, dass im Mädchenlied der höfische Mann keine "hohe Dame", sondern ein "Mädchen einfachen Standes" besingt[14], wobei er sie meist noch mit einer Anrede, die nicht ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht, (bewusst) erhöht.[15]

Zuerst muss daher die Frage nach der genauen Bedeutung des Wortes maget gestellt werden. Was sagt dieser Begriff tatsächlich aus? Kann tatsächlich davon ausgegangen werden, dass diese Bezeichnung Auskunft über den sozialen Stand gibt?

Masser[16] erklärt, dass das Wort maget keineswegs Auskunft über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht gibt; und auch im Kleinen Mittelhochdeutschen Wörterbuch[17] ist nachzulesen, dass eine maget eine "Jungfrau, [ein] Mädchen, [ein] Edelfräulein, [eine] Dienerin, [oder eine] Magd"[18] sein kann.

Sabine Brinkmann schreibt: "daher erstaunt die Leichfertigkeit, mit der immer wieder von einem Mädchen niedrigen Standes gesprochen wird. Maget ist kein Indiz, wird doch auch die jungfräuliche Königstochter so genannt."[19]

Geht man davon aus, dass dies stimmt, muss man sich wohl von der gerade erwähnten traditionellen Forschungsansicht, dass im Mädchenlied mit einer maget immer ein Mädchen einfachen Standes gemeint ist, welche besungen und (z.B. mit der Anrede frouwe) erhöht wird, verabschieden. Schweikle hat dies offenbar getan – denn nach seiner Definition muss es sich bei einer maget nicht zwangsläufig um eine "dienende weibliche junge Person"[20] handeln; es kann auch einfach nur ein (unverheiratetes) Mädchen gemeint sein; dass diese zwangsläufig einer niederen sozialen Schicht angehört, wird nicht erwähnt.

Masser zieht die Möglichkeit in Betracht, dass "eine mit frowe angesprochene und im übrigen nicht geduzte, vielmehr höflich geihrzte maget das ist, was man in der bürgerlichen Welt des 19. und 20. Jahrhunderts eine 'junge Dame' nennen würde."[21] Sogar der Geltungsbereich der Bezeichnung 'junge Dame' –

"er reicht in einer großen gesellschaftlichen Breite von den (in sich wieder gestuften) Schichten des Adels bis hinunter ins aufstrebende Kleinbürgertum, wird jedoch nicht ausgedehnt auf Mädchen aus (klein-) bäuerlichen und proletarischen Kreisen"[22]

[...]


[1] (74,20) Dessen Textkenntnis wird für die folgende Seminararbeit vorausgesetzt.

[2] Die hier aufgeführte Nummerierung wird für die komplette Seminararbeit weiterhin so übernommen.

[3] Gerhard Hahn: Nemt, frowe, disen kranz. S. 205 ff.

[4] Gerhard Hahn: Nemt, frowe, disen kranz. S. 208.

[5] Reihenfolge nach Kraus also: Nemt, frouweSi namIr sîtMich dûhteMir ist

[6] "10. Ausg., 1936, und WU 299 ff." zitiert nach: Peter Wapnewski: Walthers Lied von der Traumliebe (74,20) und die deutschsprachige Pastourelle. S. 434.

[7] Peter Wapnewski: Walthers Lied von der Traumliebe (74,20) und die deutschsprachige Pastourelle. S. 436.

[8] Gerhard Hahn: Nemt, frowe, disen kranz. S. 208.

[9] siehe dazu z.B.: Heike Sievert: Studien zur Liebeslyrik Walthers. oder Ingrid Bennewitz: vrouwe/maget. oder Gerhard Hahn u.a.: Walther von der Vogelweide. oder Peter Wapnewski: Walthers Lied von der Traumliebe (74,20) und die deutschsprachige Pastourelle.

[10] Zur Reihenfolge der Strophen und zur Interpretation des Liedes vgl. Peter Wapnewski: Walthers Lied von der Traumliebe (74,20) und die deutschsprachige Pastourelle. und Gerhard Hahn: Nemt, frowe, disen kranz. S. 205ff.

[11] Günther Schweikle: Minnesang. S. 148.

[12] Günther Schweikle: Minnesang. S. 148.

[13] Strophe I, Zeile 1+2 von (74,20)

[14] Achim Masser: Zu den sogenannten Mädchenliedern. S. 3.

In Minnesang (hg. v. Brackert) kann man nachlesen, dass es sich bei Mädchenliedern um Lieder handelt, "die die Liebesbeziehung des Ritters zu einer ständisch unter ihm stehenden Frau besingen." S. 311.

[15] z.B. indem er eine maget mit " frouwe ", also "Herrin", anspricht

[16] Achim Masser: Zu den sogenannten Mädchenliedern. S. 6

[17] Beate Hennig: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch.

[18] Beate Hennig: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. S. 214.

[19] Sabine Brinkmann: Mittelhochdeutsche Pastourellendichtung. S, 416.

[20] Günther Schweikle: Minnesang. S.148.

[21] Achim Masser: Zu den sogenannten Mädchenliedern. S. 7.

[22] Achim Masser: Zu den sogenannten Mädchenliedern. S. 7.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638506144
ISBN (Buch)
9783638664073
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55738
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Walther Vogelweide Nemt Mädchenlied Pastourelle Eine Gattungsdiskussion Hauptseminar Minnesang

Autor

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Titel: Walther von der Vogelweide. Nemt, frouwe, disen kranz. Mädchenlied oder Pastourelle? Eine Gattungsdiskussion.