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Die Wirtschaftskrise in Bulgarien unter besonderer Berücksichtigung des bulgarischen Bankensektors

Hausarbeit 2006 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Einleitung

2. Staatsaufbau und politische Lage Bulgariens

3. Die wirtschaftliche Lage bis zum Ausbruch der Krise

4. Verlauf der Wirtschafts- und Bankenkrise 1996/97

5. Die Hauptursachen für den Ausbruch der Krise
5.1 Strukturelle Ursachen
5.2 Die Krise im Bankensektor
5.3 Die Verschuldungssituation in Bulgarien

6. Das Programm des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank
6.1 Grundsätzliches
6.2 Maßnahmen zur Stabilisierung der Volkswirtschaft
6.2.1 Das Currency Board
6.2.2 Das Stabilisierungs- und Reformprogramm
6.3 Kritik an den IWF und an die Weltbank
6.4 Erste Ergebnisse der Reformen

7. Die wirtschaftliche Lage und der Bankensektor ab 2000
7.1 Die wirtschaftliche Lage
7.2 Der Bankensektor

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorbemerkung

Im WS 2002/03 und im SS 2003 habe ich das Seminar „Reformpolitik in den Staaten Osteuropas unter der besonderen Berücksichtigung der EU“, Teil I. und II. bei Prof. Dr. Dagmar Stockmann besucht. Im Rahmen des Seminars wurden die politischen und wirtschaftlichen Systeme ausgewählter mittel- und osteuropäischer Länder während des Transformationsprozesses und im Hinblick auf die Osterweiterung der Europäischen Union dargestellt und analysiert. Mein Projekt in beiden Semestern war meine Heimat Bulgarien. In einer Reihe von Präsentationen und Kurzreferaten wurden unterschiedlichen Themen im Bezug auf den Reformprozess untersucht. Auf Vorschlag von Frau Stockmann sollte diese Hausarbeit eine gründliche Analyse der bulgarischen Wirtschaft während des Übergangs umfassen. Aus persönlichen Gründen wurde die Ausarbeitung später abgegeben. Deshalb hielt ich es für richtig und notwendig, den Inhalt entsprechend der aktuellen Entwicklung der durchgeführten Reformen zu ändern, sowie die verwendeten Daten zu aktualisieren und zu erweitern. Allerdings wurde die ursprüngliche Gliederung des Themas beibehalten. In den nächsten Seiten dieser Hausarbeit beschäftige ich mit der Wirtschaftskrise in Bulgarien in den Jahren 1996-97 unter besonderer Berücksichtigung des bulgarischen Bankensektors.

1. Einleitung

Nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks Anfang der 90er Jahre stand Bulgarien vor der Notwendigkeit einer umfassenden gesellschaftlichen und ökonomischen Transformation. Im Jahre 1997 überstand es eine der schärfsten Banken-, Währungs-, und Wirtschaftskrisen im postkommunistischen Osteuropa, deren Auswirkungen bis heute noch erkennbar sind - jahrelang hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Unsicherheit und Angst für die Zukunft. Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, der Verlauf der Wirtschaftskrise in Bulgarien unter besonderer Berücksichtigung des bulgarischen Bankensektors zu untersuchen.

Die Hausarbeit beginnt mit einer kurzen Beschreibung des Staatsaufbaus und der politischen Lagen Bulgariens vor und nach der Krise. Im Rahmen dieser Untersuchung werde ich nach den möglichen Ursachen und Auslöser suchen, die zu einer der schwierigsten Perioden des Landes und zu einem Zusammenabbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems geführt haben. Da Bulgarien nicht in der Lage war, allein aus der Krise zu kommen, hat es die Internationalen Finanzinstitutionen um finanzielle Hilfe gebeten. Des Weiteren werde ich die Merkmale für das vom Internationalen Währungsfond und der Weltbank angebotene Sanierungsprogramm und seine Einführung gründlich erforschen. Darüber hinaus erfolgt eine kritische Auswertung des eingeführten Currency Board und seiner Folgen bei der Stabilisierung der ökonomischen Faktoren. Ebenso werden die Besonderheiten des bulgarischen Bankensektors und seine Problemfeldern analysiert.

Die Hausarbeit endet mit einer kurzen Rekapitulation der Ergebnisse (Fazit) und einer persönlichen Stellungnahme. Abschließend werden im Literaturverzeichnis die verwendeten Quellen aufgeführt. Im beigefügten Anhang befinden sich Tabellen und Abbildungen zu den wirtschaftlichen Indikatoren des Landes. Da das Thema sehr umfangreich ist, musste ich mich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Aspekte der Krise beschränken.

2. Staatsaufbau und politische Lage Bulgariens

Bulgarien erstreckt sich über eine Fläche von 111 000 km². Die Bevölkerungszahl, wegen der beträchtlichen Auswanderung in den 90er Jahren, liegt zurzeit bei ca. 7,8 Mio. Einwohnern.[1] Ab 1946 ist Bulgarien eine parlamentarische Republik, und der Rückkehr zur Monarchie ist laut der zweiten bulgarischen Verfassung vom 1947 verboten. Die Wende im Jahr 1989 beendete das 45 Jahre andauernde kommunistische Regime, welches das Land in eine internationale Isolation und Wirtschaftskrise geführt hat. Die Konstitution, das oberste Gesetz des Landes, wurde zuletzt im Jahre 1991 geändert. Staatsoberhaupt ist der alle fünf Jahre durch das Volk gewählte Staatspräsident. Er verkörpert die Einheit der Nation und vertritt Republik Bulgarien im Ausland. Das Parlament besteht aus einer Kammer und seine 240 Abgeordneten werden direkt vom Volke auf vier Jahre gewählt. Zwischen 1989 und 1997 wurden in Bulgarien acht Regierungen gebildet. Die letzte sozialistische Regierung trat angesichts der größten wirtschaftlichen Krise in der Geschichte Bulgariens im Dezember 1996 zurück. Bei den Parlamentswahlen in 2001 kam als eindeutiger Sieger die kurz zuvor gegründete Nationale Bewegung Simeon II. hervor, angeführt von dem bulgarischen Exilkönig Simeon Sakskoburggotski. Seine Regierung war die erste, die das volle Mandat von vier Jahren vollendet hat. Die aktuelle Regierung, von einer Drei-Parteien-Koalition gebildet, ist seit August 2005 im Amt.

3. Die wirtschaftliche Lage bis zum Ausbruch der Krise

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems Anfang der 90er Jahre begann der Transformationsprozess von einer Zentralverwaltungswirtschaft zu einer dezentral gesteuerten Marktwirtschaft. Dieser Übergang war in Bulgarien tief greifender und insbesondere länger anhaltend als in den mitteleuropäischen Transformationsländern, da seine Wirtschaft „eng in das wirtschaftliche Gefüge des früheren Ostblocks eingebunden war“.[2] Wegen Einstellung der Tilgung der ausländischen Schuld wurde das Land zunächst von den internationalen Finanzmärkten isoliert.[3] Erst seit 1994, als ein Umschuldungsabkommen mit dem Londoner Club abgeschlossen wurde, bekam Bulgarien den Zutritt zu diesen Märkten wieder frei. Bis Mitte der 90er Jahren wurden makroökonomische Instabilität und politische Unsicherheit von einer „stop and go“ Stabilisierungspolitik, verzögerter Privatisierung und mangelreiche Strukturreformen begleitet. Schwaches Management und wenig wirksame Budgeteinschränkungen riefen Probleme in immer mehr Staatsbetriebe hervor, welche die Entstehung konjunktureller Krisen begünstigte. Der Zustrom ausländischer Investitionen war äußerst gering. Die Auslandschulden erhöhten sich bis zu 90 % des Bruttoinlandsproduktes.

Während der kommunistischen Zeit gab es ein Monobankensystem. Die Zentralbank erfüllte auch die Geschäftsbankfunktionen und verfügte über zahlreiche Filialen. Die wenigen rechtlich selbständigen Banken waren ihr wirtschaftlich untergeordnet, und die Zentralbank selbst unterstand der Planungsbehörde. Mit der Perestroika in der Sowjetunion kam es auch in Bulgarien zu einer vorsichtigen Liberalisierung. „In ihrem Verlauf wurden 1987 sieben zusätzliche staatliche Geschäftsbanken geschaffen. 1989 stieg die Zahl der Geschäftsbanken auf 59, weil eine große Zahl von Zentralbankfilialen zu selbständigen Geschäftsbanken umgewandelt wurde.“[4] Seit 1990 wurden auch private Banken zugelassen. Mit dem neuen Zentralbankgesetz wurde 1991 die frühere Zentralbank durch die Bulgarische Nationalbank (BNB) ersetzt und alle bankwirtschaftlichen Funktionen wurden auf die Geschäftsbanken übertragen.

Die Liberalisierung und die Privatisierung der staatlichen Unternehmen kamen nicht wie geplant voran. Deren Subventionsbedarf verursachte ein konstant zunehmendes Budgetdefizit und Probleme bei den staatlichen und privaten Banken, die noch in der Zeit der Planwirtschaft, trotz aller erkennbaren Probleme und Risiken, weiterhin Kredite an Staatsbetriebe vergaben. Die Konsequenzen waren fatal. Sowohl die Bereinigung des Budgetdefizits, als auch die Kapitalisierung der Banken wurden der Zentralbank übertragen. Dadurch stiegen die Geldmengen und damit die Inflation dramatisch an.

4. Verlauf der Wirtschafts- und Bankenkrise 1996/97

Im mittel- und osteuropäischen Vergleich ist Bulgarien das einzige Land, das eine negative Entwicklung während des Transformationsprozesses aufwies.[5] Das Land erlebte im Frühjahr 1997 die schärfste wirtschaftliche Krise nach dem Zusammenbruch des alten politischen Systems. Das Bankensystem brach zusammen, das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich spürbar, die Landeswährung Leva (BGL) wurde drastisch abgewertet und die Hyperinflation verursachte massive Proteste der Öffentlichkeit. Die monatlichen Inflationsraten nahmen dreistellige Werte an, das Budgetdefizit wurde immer größer, die Devisenreserven erschöpften sich nahezu, und die Bevölkerung verlor das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik. Die politische Folge dieser Krise war der Rücktritt der sozialistischen Regierung, die nur zwei Jahre im Amt gewesen war.

Die sich bereits im Jahre 1995 nähernde Bankenkrise führte zum Zusammenbruch des Finanzsystems und setzte eine Hyperinflation in Gang, die im Jahresdurchschnitt 1996 die auf 311 % gerechnet wurde.[6] Das BIP sank 1996 um 11% und 1997 um weitere 6,9 %, was insgesamt eine 30 %-Senkung im Vergleich zu den Werten von 1990 darstellte.[7] Der Wert der Leva zum USD stieg im Jahresverlauf 1996 von 70 Leva per Dollar auf über 500 zum Jahresende und nahm im Februar 1997 den Spitzenwert von 2.800 BGL/USD an.[8] Die anfänglichen Interventionen der bulgarischen Nationalbank zur Verstärkung der Leva führten zu starken Verlusten bei den Devisenreserven. Die Zahlungsverpflichtungen Bulgariens gegenüber dem Ausland (über 1 Mrd. USD für das Jahr 1997) konnten nicht ohne externe Finanzierung erfüllt werden. Darüber hinaus führten die ungünstigen Klimaeinflüsse und die angespannte Finanzlage zu einer Reduzierung der Getreideproduktion von fast 50 % gegenüber dem vorigen Jahr und erforderten einen dringenden Getreideimport. Die staatlich festgesetzten Preise für Energie und Heizung stiegen im Laufe des Jahres 1996 um 452 %, jene für Transport und Kommunikation um 405 % und die Nahrungsmittelpreise um 302 %.[9]

Die bulgarische Nationalbank (BNB) versuchte durch die Erhöhung des Zinsniveaus die kurzfristige Spekulation und ein weiteres Ansteigen der Inflation zu verhindern. Der Basiseinsatz nahm am Ende des Jahres 1996 die Höhe von 180 % per Jahr an mit der Folge, dass die jährliche Zinszahlung höher ausfiel als die Kreditsumme. Aus diesem Grund konnten keine langfristigen Kredite erteilt werden. Die hohen Kreditzinsen führten zu einer abnehmenden Investitionstätigkeit, so dass die monetäre Krise sich ab Mitte 1996 immer stärker auf den realwirtschaftlichen Sektor der bulgarischen Volkswirtschaft auswirkte. Das verursachte eine Senkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, wobei sich das Güterangebot entsprechend reduzierte. Dieser „Spill-over“-Effekt verstärkte die Abwärtsbewegung des realen Bruttoinlandsproduktes.[10]

Die staatlichen Unternehmen führten aus sozialen Gründen keine umfangreichen

Kündigungen durch, demnach die Verluste stiegen weiter an. Diese wurden vom Bankensektor gedeckt und das Volumen der uneinbringbaren Kredite stieg. Refinanziert haben sich die Banken bei der Bulgarischen Notenbank. Auch der bulgarische Außenhandel war 1996 stark rückläufig. Trotz der realen Abwertung[11] der Leva sank die Exporttätigkeit in den ersten drei Quartalen 1996 gegenüber dem Vorjahr um 16,3 % und die Importpreise verteuerten sich. Die notwendige Modernisierung der bulgarischen Wirtschaft konnte aus diesem Grund nicht getätigt werden und das Importvolumen fiel um 14,1 %. Weiterhin fiel das Lohnniveau der Beschäftigten im Staatssektor von 55 USD im Jahresdurchschnitt 1996 auf 25 USD pro Monat im März 1997.[12]

Der dramatische wirtschaftliche Verfall führte im Herbst zu Protestbewegungen der bulgarischen Bevölkerung, die im Dezember 1996 zur Amtsniederlegung der sozialistischen Regierung und zur Festsetzung von Neuwahlen für April 1997 führten. Noch vor den Neuwahlen bat die bulgarische Regierung die multilateralen Staatengemeinschaften um finanzielle Hilfe und versprach eine Wirtschaftspolitik nach den Leitlinien des Internationalen Währungsfonds und Bekämpfung von Kriminalität und Korruption. Zu diesem Zweck veranstaltete die Weltbank gemeinsam mit der EU-Kommission ein G-24 Treffen[13] in Brüssel. Das vom IWF und der Weltbank ausgearbeitete Stabilisierungs- und Reformprogramm wurde von der Regierung, trotz den Warnungen vor unweigerlich schweren sozialen Härten, sofort angenommen. Im Gegensatz dazu wurde Bulgarien bereits im März 1996 ein Kredit von 533 Mio. USD im Rahmen eines Stand-by-Abkommens mit dem IWF und ein weiteres Darlehen in Höhe von 155 Mio. USD für die dringend benötigte Getreideimporte zugesagt. Zugleich wurde die Einrichtung eines unabhängigen Währungsrates vereinbart.[14]

[...]


[1] Vgl. Gardó, S. (2005): Mit hoher Dynamik ins Wahljahr 2005, in CEE Report 1/2005

[2] Vgl. Schmidt, R. / Hackethal A. / Marinov, V. (2003): Das bulgarische Bankensystem, kurze Form, S. 512

[3] Vgl. Schubert, H. (1997): Die Wirtschaftskrise in Bulgarien, S. 11

[4] Vgl. Schmidt, R. / Hackethal A. / Marinov, V. (2003): Das bulgarische Bankensystem, S. 20

[5] Laut Angaben einer Umfrage zum Lebensstandard und Armut durchgeführt von Institutional Investor Research Group im März 1997, wurde Bulgarien auf Rang 97 (von 135 Ländern) platziert.

[6] Vgl. OECD Economic Surveys, Bulgaria 1997, S.21.

[7] Siehe Abbildung 1. im Anhang: Wachstum und Inflation in Bulgarien

[8] Laut Daten einer Studie des Nationalen Statistischen Institutes, Bulgarien 1997

[9] Laut Daten einer Studie des Nationalen Statistischen Institutes, Bulgarien 1997

[10] Vgl. Malinvaud, E. (1977): The Theory of Unemployment Reconsidered, S. 31

[11] Die Preise der bulgarischen Güter in Leva stiegen aufgrund der Inflation. Die Währung wertete nominal überproportional zur heimischen Inflationsrate ab. Für ausländische Importeure fiel deshalb der USD-Preis der bulgarischen Exportwaren, was bei einer typischen Außenhandelsentwicklung zu einer steigenden Exporttätigkeit der bulgarischen Wirtschaft hätte führen müssen.

[12] Vgl. Schubert, H. (1997): Die Wirtschaftskrise in Bulgarien, S. 6

[13] Mitglieder der G-24 sind: alle fünfzehn EU-Staaten, USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Japan, Island, Norwegen, die Schweiz und die Türkei. Seit 1989 leiten sie eine Hilfsaktion zur Unterstützung des demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformprozesses in Mittel- und Osteuropa in Zusammenarbeit mit den internationalen Finanzinstitutionen - der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), der Europäischen Investitionsbank (EIB), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank.

[14] Die Einführung des Currency Boards wird ausführlich im Punkt 6.2.1 erläutert.

Details

Seiten
34
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638505994
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55716
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
Wirtschaftskrise Bulgarien Berücksichtigung Bankensektors Reformpolitik Staaten Osteuropas

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