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Sinnhaftigkeit mobiler Angebote der öffentlichen Hand

Diplomarbeit 2005 109 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis, Glossar

1 Einleitung
1.1 Definition des Untersuchungsobjektes
1.1.1 Government
1.1.2 Electronic Government
1.1.3 Mobile Government
1.2 Konkretisierung der Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Mobilität
2.1 Der Mobilitätsbegriff
2.2 Ebenen von Mobilität
2.3 Mobile Interaktion
2.3.1 Räumlich
2.3.2 Zeitlich
2.3.3 Kontextuell
2.3.4 Technisch vermittelte mobile Interaktion

3 Nutzerverhalten
3.1 Nutzererwartungen
3.1.1 Einflüsse der Umwelt
3.1.2 Persönliche Erfahrungen
3.2 Kennenlernphase
3.3 Verhaltensregeln
3.4 Das access anytime, anywhere- Paradigma

4 Government als Organisation
4.1 Mobilität und mobile Technologien in Organisationen
4.2 Strategien für M-Government
4.2.1 „e-Gov Goes Wireless: From Palm to Shining Palm“
4.2.2 „Mobile Government: Die Stadt als Lebensbegleiter“
4.2.3 „Preparing for Wireless and Mobile Technologies in Government”
4.2.4 „Government unplugged”
4.3 M-Government in öffentlichen Organisationen

5 Methoden zur Betrachtung von Prozessen
5.1 Elemente eines Prozesses
5.2 Mobilisierbarkeit von Prozessen
5.3 Bewertungsmethoden
5.3.1 eGov-Rechner
5.3.2 WiBe 21 / WiBe 4.0
5.3.3 3P Value Model for mGovernment applications
5.3.4 Portfolioanalyse
5.3.5 Diskussion der Methoden

6 Kriterien für die Bestimmung der Sinnhaftigkeit
6.1 Zwischenfazit
6.1.1 Mobile: Sonderweg oder Zusatzfunktion
6.2 Kriterienableitung
6.2.1 Vorüberlegungen
6.2.2 Kriterien

7 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Aussagen zur Zukunft von Mobile Government

Abbildung 2 - Reichweite des Begriffes Government

Abbildung 3 - Definitionen von Mobile Government ausgewählter Autoren

Abbildung 4 - Zusammenhänge zwischen E-/M-Business, -Commerce, -Government

Abbildung 5 - Zielsetzungen von Mobile Government

Abbildung 6 - Untersuchte Einflussfaktoren auf die Sinnhaftigkeit

Abbildung 7 - Vereinfachter Projektablauf

Abbildung 8 - Schritte innerhalb der Planungsphase

Abbildung 9 - Räumliche Mobilität von Personen

Abbildung 10 - Beispiele für Modalitäten von Interaktion

Abbildung 11 - Konzepte und Dimensionen von Mobilität

Abbildung 12 - AIDAF-Modell im M-Commerce

Abbildung 13 - Überarbeitung von Prozessen und neue Anwendungen

Abbildung 14 - Mobile und Wireless Devices

Abbildung 15 - Matrix für die Einführung von mobilen Technologien

Abbildung 16 - „Guide to action“ für die Implementierung mobiler Angebote

Abbildung 17 - Elemente eines Geschäftsprozesses

Abbildung 18 - Mobilisierbare Elemente eines Geschäftsprozesses

Abbildung 19 - Ergebnismatrix des eGov-Rechners: „Wer profitiert von welchem Service“

Abbildung 20 - Dimensionen der WiBe 4.0 und ihre Elemente

Abbildung 21 - Beispielhafte Visualisierung des 3P-Modells

Abbildung 22 - Vier-Feld- und Neun-Feld-Matrix als Ergebnisse einer Portfolioanalyse

Abbildung 23 - Kriterienverdichtung in der Portfoliomethode

Abbildung 24 - Bestimmung der Bedürfnisse eines Angebots

Abbildung 25 - Elemente von Erfahrungen mit mobilen Angeboten

Abbildung 26 - Mobilitätsansätze einer Organisation

Abkürzungsverzeichnis, Glossar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das Thema Mobile Government gewinnt im Rahmen des Electronic Government zunehmend an Bedeutung. Zumeist wird als Argument angeführt, dass die Nutzung mobiler Kommunikation (v.a. Mobiltelefonie) zunimmt. Daraus leitet sich die Erwartungshaltung ab, dass nach den sozialen und organisatorischen Veränderungen im privaten Bereich, ebenso wie in Unternehmen, auch die Organisationen im so genannten Public Sector mobile Dienste anbieten und nutzen sollten.

Die Erwartungen an diese neue technologische Entwicklung sind hoch, wie den Aussagen verschiedener Akteure in diesem Bereich zu entnehmen ist (siehe Abbildung 1). Im Laufe der Zeit sind jedoch die hochtrabenden Visionen zunehmend pragmatischeren Erwartungen gewichen. War 2001 noch von einer „fundamentalen Veränderung“ der Rolle des Staates und der Städte durch Mobile Kommunikation die Rede (siehe HABBEL 2000), werden heute v.a. Fragen nach der Möglichkeit des Zugangs und der Veränderung von Steuerungs mechanismen diskutiert (KUSHCHU, KUSCU 2003; DAUM 2002; ZALESAK 2003A) Vorstufe dieser Entwicklungen lässt sich derzeit eine Art Call-Center-Welle beobachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Aussagen zur Zukunft von Mobile Government

Wenn Mobile Government eine Teilmenge von Electronic Government ist, so stellt sich die Frage, warum es so viele Hoffnungen weckt und in welchem Rahmen das Thema an Bedeutung gewinnt. Mindestens die akademische Auseinandersetzung beginnt sich zu verselbständigen: Allein zwei Konferenzen im Zeitraum von Ende 2004 (in Budapest im Oktober 2004) bis Mitte 2005 (mGOV 2005 in Brighton, UK im Juli 2005) sind angekündigt, ebenso finanziert die EU Kommission ein Projekt, was sich konkret mit dem Thema befasst (USEMEGOV). Aber woher kommt dieser Schwung?

Zunächst ist festzuhalten, dass der Markt für mobile Dienste wächst, insbesondere aufgrund der stetigen Zunahme von Mobilfunkanschlüssen. In Deutschland lag bspw. lag die Verbreitung im Dezember 2003 bei 64,8 Mio. Mobilfunknutzern, das ergibt einen Anteil von 78,3 % an den deutschen Haushalten (FAKTENBERICHT 2004: 119). Dem stehen Internetzugänge in etwas mehr als 50% der deutschen Haushalte (Stand 2003) gegenüber (FAKTENBERICHT 2004: 144)1. Hinzu kommen Zugänge in Unternehmen, die von Arbeitnehmern ggf. auch für private Zwecke eingesetzt werden können.2 Vergleicht man die Zahlen der Mobilfunkkunden mit denen der tatsächlichen Internetnutzer, so kann festgestellt werden, dass die Mobilfunkpenetration bereits 2000 bei über 50% lag, wohingegen - abhängig von der Definition3 - die Internetpenetration (hier: die tatsächliche Nutzung) erst seit 2003 bei über 50% liegt. (FAKTENBERICHT 2004: 119, 144).

Des Weiteren nimmt nicht nur die Zahl der Mobilfunkkunden zu, auch die Menge derjenigen, die über so genannte Smart Phones, PDA oder 2G (und aufwärts) Endgeräte verfügen steigt kontinuierlich (siehe KEARNEY 2003; FAKTENBERICHT 2004). Damit ist schon seit einiger Zeit ein Markt im Entstehen, der sich ähnlich dem Internet zum Massenmarkt entwickelt und zugleich verspricht, eine disruptive Wirkung zu bekommen (KEARNEY 2004). Eine solche Wirkung lässt sich sowohl durch das Vorhandensein der Technologien als auch durch die zunehmende technologische Durchdringung des Alltags (Vgl. z.B. LING 1997) und Arbeitslebens (Vgl. z.B. KAKIHARA 2003) begründen.

Dies führt zu der bereits genannten gesteigerten Erwartungshaltung gegenüber den Anbietern öffentlicher Dienstleistungen, sich dieser Entwicklung anzupassen und ebenso mobile services - zumindest als Parallelangebot - einzuführen.

Nicht nur die bisherige Marktentwicklung, auch die Veränderungen, die z.B. die flächendeckende Verfügbarkeit von UMTS und anderen digitalen (TETRA) bzw. breitbandigen (WLAN, WiMAX) Übertragungstechnologien erst erahnen lassen, bestärken diesen Anspruch.

Schließlich haben auch die Erfahrungen mit Electronic Government an vielen Stellen gezeigt, dass der Einsatz von IuK-Technologien mehr als Spielerei ist und maßgebliche Vorteile mit sich bringen kann. Ebenso wie die Digitalisierung von Regierung und Verwaltung in den vergangenen Jahren wird der mobile Kanal zu einer Umgestaltung bei der öffentlichen Hand führen.

Die bisherigen Erfahrungen des E-Government und des M-Government sind im ersten Fall nicht immer ermutigend und im zweiten Fall noch relativ spärlich vorhanden. Dies wirft die Frage auf, wie sich im Vorfeld die Sinnhaftigkeit einer Anwendung, insbesondere im Bereich der mobilen Kommunikation im Public Sector, bemessen lässt.

Bevor diese Fragestellung in Abschnitt 1.2 konkretisiert wird, soll jedoch zuerst das Untersuchungsobjekt Mobile Government definiert und eingegrenzt werden.

1.1 Definition des Untersuchungsobjektes

In dieser Arbeit werden die Vorbedingungen für sinnhafte mobile Angebote der öffentlichen Hand betrachtet. Um zu verdeutlichen, was genau darunter verstanden wird, geben die folgenden Abschnitte Definitionen der grundlegenden Begriffe Government, E-Government und M-Government.

1.1.1 Government

Semantisch betrachtet4 stecken hinter dem Begriff government die Begriffswelten von Regierung und Verwaltung, somit Bereiche wie Exekutive, Legislative und Judikative sowie der administrative Bereich. Des Weiteren, neben dem politisch-systemischen Verständnis, umfasst der Begriff solche Organisationen, die aktiv tätig werden - regierend wie verwaltend5. Aufgabe derselben ist es, ein Portfolio an Dienstleistungen anzubieten, welche zumeist formellen (prozessualen) Richtlinien und Vorgaben zu entsprechen haben. Dritter Aspekt des hier verwendeten Verständnisses von Government sind die Akteure, die zum einen ein Teil der Organisation selbst sind, zum anderen mit dieser interagieren6.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Reichweite des Begriffes Government

Zusammengefasst steht Government also für drei zentrale Punkte des Öffentlichen Lebens:

- Das (politische) System, in dem Regierung und Verwaltung stattfindet,
- die Produkte und Prozesse, die (formalisiert) innerhalb dieses Systems ablaufen und
- die Organisationen und Akteure, die an diesen Prozessen beteiligt sind.

1.1.2 Electronic Government

Unter Electronic Government (E-Government) wird allgemeinhin

„die Abwicklung geschäftlicher Prozesse im Zusammenhang mit Regieren und Verwalten (Government) mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechniken über elektronische Medien“ (REINERMANN, VON LUCKE 2002: 1)

verstanden. Diese so genannte Speyerer Definition beschreibt zunächst nicht vielmehr als den Einsatz von IuK-Technologien im Rahmen von Government-Aktivitäten. Trotzdem ist mit E-Government mehr als die bloße digitale Abbildung von Altbekanntem verbunden. Nicht zuletzt haben technologische Umbrüche der 1990er in diesem Bereich eine Bewegung unterstützt, welche unter dem Begriff New Public Management darauf abzielt, den Staat beziehungsweise seine öffentlichen Einrichtungen „kleiner und wirkungsvoller zugleich zu machen" (REINERMANN 2003: 387). Damit verbunden sind Schlagworte wie „Bürokratieabbau“ und „Verwaltungsmodernisierung“. In der Folge geht es bei der elektronischen Verwaltungsmodernisierung natürlich zuerst um die Steigerung der Effizienz der öffentlichen Aktivitäten (z.B. Medienbruchfreiheit, Kostensenkung).

Hinzu kommt aber auch das Ziel, der Effektivitätssteigerung. Diese ist schwieriger zu fassen als durch die für Effizienz relevanten Indikatoren wie Kosten oder Zeit. Eine qualitative Verbesserung der öffentlichen Dienstleistung ist hier das Ziel. Dabei geht es um Schnelligkeit, Transparenz, Einfachheit, schlichtweg besser sein/werden aus Nutzer-respektive Kundensicht. In der Praxis können sich Effizienz- und Effektivitätsziele im Weg stehen. Diese Problematik greift unter anderem das Konzept des „Balanced E-Government“ (Vgl. FRIEDRICHS, HART, SCHMIDT 2002) auf, welches darauf abzielt, neue Technologien nicht nur zur Steigerung der Effizienz und Erhöhung der Servicequalität zu nutzen, sondern die Chance wahrzunehmen, das Zusammenspiel zwischen Bürger und Staat zu verbessern. Letztendlich soll es dadurch auch zu einer Verbesserung der Legitimation (im politischen Sinne) öffentlichen Handelns kommen, welches zum einen durch partizipative Elemente7, aber zum anderen auch durch vorgenannte qualitative und quantitative Effekte erfolgen soll.

„Über die Steigerung von Effizienz hinaus können alle wünschenswerten Ziele der Modernisierung von Staat und Verwaltung [durch E-Government] gefördert werden [... D]er Effektivität und der Transparenz der staatlichen Leistungs erstellung sowie der Förderung demokratischer Mitwirkung kann dies zugute kommen.“ (GI/VDE 2000: 7)

Um sich E-Government inhaltlich anzunähern, ist es notwendig, einige methodische Unterscheidungen einzuführen. In der Literatur (z.B. REINERMANN, VON LUCKE 2002) werden die elektronischen Angebote entlang von drei aufeinander aufbauenden Interaktionsstufen charakterisiert. In diesem Sinne dient E-Government dazu

- Informationen bereit zu stellen,
- Informationen auszutauschen (Kommunikation) oder
- Verwaltungsvorgänge abzuwickeln (Transaktion).

Als Zielgruppe des E-Government sind generell alle Akteure des Systems „Government“ angesprochen. Für eine Konkretisierung werden einzelne Gruppen zusammengefasst. Dies sind zunächst die Akteure innerhalb der Verwaltung („G“ für Government), welche nach außen in Kontakt treten mit der Bevölkerung („C“ für Citizen) und mit der Wirtschaft („B“ für Business). Daraus ergeben sich die Konstellationen (REINERMANN, VON LUCKE 2002: 2; SAGA 2.0: 17):

- G2G (für den Austausch zwischen und innerhalb von Government),
- G2C (für den Austausch von Bürger und Regierung / Verwaltung) und
- G2B (für den Austausch von Unternehmen Regierung / Verwaltung).8

1.1.3 Mobile Government

Da Mobile Government als Sammelbegriff für mobile Angebote der öffentlichen Hand den Hauptbezug dieser Arbeit darstellt, wird im folgenden Abschnitt ausführlicher auf Definitionen, Bedeutungen und Bewertungen eingegangen.

Noch ist die Literatur zu diesem Thema überschaubar und, wie die in Abbildung 1 dargestellten Aussagen verdeutlichen sollten, oftmals vorwiegend von Visionen denn von Erfahrungen geprägt. Es gibt, so scheint es, keine homogene Vorstellung, was unter M-Government zu verstehen ist. Zunächst einmal sind sich jedoch alle Autoren einig, dass M-Government ein „subset of“ (ARAZYAN 2002) bzw. eine „Weiterentwicklung des eGovernment“ (HABBEL 2001) ist (siehe auch Abbildung 3). M- Government soll daher im Folgenden als „Abwicklung geschäftlicher Government- Prozesse mit Hilfe mobiler (Kommunikations-)Technologien“ verstanden werden, in der sich „Mobilität und E-Commerce/E-Business [...] zu M-Commerce bzw. M-Business [verbinden], d.h. Dienste werden rund-um-die-Uhr und an nahezu jedem beliebigen Standort nutzbar“. Dadurch schafft auch im Government-Bereich die „Verknüpfung von Mobilkommunikationstechnologien mit den [... F]ormen des Internets [...] neue Marktpotenziale und Herausforderungen.“ (GORA 2002: VI). Die mobilen Komponenten sorgen für ein Mehr an mobilen Attributen, so dass auch bei M-Government neue Angebote möglich werden, die im Zuge von E-Government so noch nicht umsetzbar sind (siehe Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 - Definitionen von Mobile Government ausgewählter Autoren

Beispiele für dieses Mehr sind zahlreich So werden mobilen Technologien insbesondere Aspekte wie Ubiquität, Lokalisierung, Kontextabhängigkeit oder Personalisierung zugesprochen (Vgl. u.a. LING 2000A: 2f.; GERSTHEIMER, LUPP 2001: 23 ff.; MEIER 2002: 31; RÖTTGER-GERIGK 2002: 22f.; KAKIHARA 2003:22ff.; BAZIJANEC 2004: 809f.; TUROWSKI 2004: 149ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 - Zusammenhänge zwischen E-/M -Business, -Commerce, -Government

(Quelle: Gerstheimer, Lupp 2001: 7; eigene Übertragung auf Government)

Diese Funktionalitäten entstehen i.d.R. aus dem Zusammenspiel von Hardware (device, z.B. Handy, PDA) und Soft- bzw. Netware (verschiedene Applikationen, Netze). Bei genauerer Auseinandersetzung mit den Beschreibungen des Mobile Government offenbart sich in Folge dessen allerdings ein Zielkonflikt: Der Aspekt der Mobilität bringt unterschiedliche Konnotationen mit sich. Expliziter geht darauf Kapitel 2.1 ein. An dieser Stelle soll aber bereits die Frage aufgegriffen werden, was denn genau das Mobile an Mobile Government ist.

KUSHCHU und BORUCKI (2004: 833) beschreiben in einer Betrachtung von Antriebskräften für Mobile Government zwei parallele Aspekte: Zum einen die „upgrading efforts“, welche lediglich fortführen wollen, was mit E-Government begonnen wurde, zum anderen „innovative efforts“, welche tatsächlich das Ziel der Entwicklung neuer Dienstleistungen und Servicekonzepte verfolgen.

Betrachtungen von M-Government Anwendungen (siehe u.a. ACKERMANN, SCHIEWE 2004; AWAN 2004; CILINGIR 2004; GHYASI 2004; LUNDEVALL 2004; YU 2004: PLUM, ROGGENKAMP 2003) deuten auf zwei funktionale Zielsetzungen hin: die Schaffung eines Zugangs auf Basis mobiler Netz-Technologien sowie die Bereitstellung von Angeboten unter Einbeziehung mobiler Funktionalitäten.

Auch die Frage nach der angestrebten Reichweite (sowohl räumlich als auch der Zielgruppen) kristallisiert sich als wichtig heraus. Hier weisen die Beschreibungen ebenfalls eine heterogene Perspektive aus: Angebote mit lokalem Bezug sowie regionale bis flächendeckende Dienste. Gründe für diese Unterscheidung variieren; vorherrschend sind jedoch organisatorische Rahmenbedingungen (z.B. machen die mobilen Bürgerdienste für Berlin (MoBüD) außerhalb der Stadtgrenzen wenig Sinn) und inhaltliche Zielvorgaben (Was wird wem angeboten?). Aufgetragen in eine Matrix (siehe Abbildung 5) ergeben sich so vier M-Government Quadranten, die zunächst veranschaulichen, welches qualitative Spektrum der Begriff vereint.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 - Zielsetzungen von Mobile Government

In diese Matrix könnte als dritte Ebene noch der jeweilige Interaktionsgrad (siehe Seite 6) eingefügt werden, doch hat dieser meist schon Einfluss auf das mobilisierte Angebotsportfolio mit Blick auch auf technische Machbarkeit. An dieser Abbildung soll verdeutlicht werden, welches Möglichkeitsspektrum in der Begrifflichkeit steckt. Für die Planung eines mobilen Angebots ist es unerlässlich, von Anfang an Klarheit zu schaffen, wo auf dieser Matrix der geplante Dienst zu verorten ist.

1.2 Konkretisierung der Fragestellung

.Mit Sinnhaftigkeit ist an dieser Stelle gemeint, ob ein bestimmter Zweck mit gegebenen Maßnahmen / Mitteln zu erreichen ist. Der Zweck selbst soll dabei nicht untersucht werden. Für diese Arbeit bedeutet dies, dass nicht gefragt wird, ob bestimmte mobile Angebote gut oder schlecht bzw. besser oder schlechter als andere sind. Vielmehr wird untersucht, wo und wie sich bestimmte Einflüsse auf das Erreichen des verfolgten Ziels auswirken. Zu diesem Zweck werden im Folgenden die drei Faktoren „Nutzer“, „Organisation“ und „Prozesse“ im Hinblick auf Wechselwirkungen mit mobilen Angeboten als zentrale Einflussgrößen für die Erreichung des Ziels betrachtet.

Neben den drei fokussierten Faktoren könnten auch Punkte wie „Kosten eines Angebots“ oder „Verfügbarkeit von Technologie“ analysiert werden. Allerdings wird die weitere Betrachtung zeigen, dass diese nur teilweise relevant sind bzw. eine nachgeordnete Rolle spielen (vgl. auch BRÖG, HEUWINKEL, NEUMANN 1976). Die gewählten Faktoren beziehen sich darum auf die in Abschnitt 1.1 genannten Inhalte des Begriffs Government. Abbildung 6 fasst diese noch einmal grafisch zusammen. Wichtig ist die getrennte Betrachtung des Nutzers als einem dem Government vorgelagertem Akteur. Der Nutzer soll hier verstanden werden als Anwender des mobilen Angebots. Ob er dabei der Zielgruppe G2G, G2B oder G2C angehört, hat nur nachgeordneten Einfluss auf das Nutzerverhalten, da sich dieses zuerst auf die Wahrnehmung der Technologie und des subjektiv empfundenen Mehrwerts durch das konkrete Angebot bestimmt. Der Anwender als Teil einer öffentlichen Organisation verfolgt nicht per se dieselben Interessen wie die Organisation - er entscheidet über Akzeptanz und Form der Nutzung anhand subjektiver Präferenz (vgl. u.a. KAKIHARA 2003; UMTS 2003B; ausführlicher dazu Kapitel 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 - Untersuchte Einflussfaktoren auf die Sinnhaftigkeit

Die Bewertung der Sinnhaftigkeit sollte im Planungsprozess ansetzen. Hier wird zunächst von drei Stufen (Abbildung 7) auf dem Weg von der Idee zum laufenden Betrieb ausgegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7 - Vereinfachter Projektablauf

Die Planungsphase umfasst die Skizzierung von Funktionalitäten, Zielgruppen und dergleichen mehr sowie daran anschließend die Überlegung, wie das Projekt technisch realisierbar ist.

Mit Umsetzung wird hier Bezug genommen auf die Realisierung der Planung, d.h. ggf. die Programmierung von Applikationen, die Entwicklung von Hardware oder die Erarbeitung von Schnittstellen. Die Anwendungsphase beschreibt als abschließenden Schritt die Bereitstellung der umgesetzten Planung: Beginnend als Pilot für eine Testgruppe bis hin zum finalisierten Endprodukt für die Zielgruppe.

Innerhalb dieser drei Stufen ist die in dieser Arbeit beschriebene Prüfung und Bewertung der Sinnhaftigkeit in der Planungsphase anzusiedeln (siehe Hervorhebung in Abbildung 8): relativ weit zu Beginn, nach Konkretisierung der Idee und vor der Prüfung auf technische Umsetzbarkeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8 - Schritte innerhalb der Planungsphase

In der Praxis stellt sich der Entwicklungsprozess naturgemäß nicht so idealtypisch dar. In einem iterativen Entwicklungsprozess bieten sich zudem an verschiedenen Stellen Ansatzpunkte für die hier vorgeschlagene Prüfung der Sinnhaftigkeit.

1.3 Aufbau der Arbeit

Wie oben dargestellt sind die Faktoren, die im Rahmen dieser Arbeit als sinnbestimmend angesehen werden, der Nutzer und sein Verhalten, die Organisation und besonders ihre Fähigkeit, mobile Dienste anzubieten und zu nutzen, sowie die Prozesse der Interaktion zwischen den verschiedenen Faktoren abzubilden.

Das Zusammenspiel dieser drei Faktoren ist zwar im Vorfeld zu untersuchen, aber die Wirkung, gerade bei Beachtung und Einbeziehung aller Einflussfaktoren und Interessen, kann signifikant sein. Die Studie NET IMPACT 2004 stellt heraus, dass E- Government-Bemühungen in Deutschland derzeit v.a. auf Kosteneffizienz abzielen. Im Sinne eines New Public Management Ansatzes ist dies auch durchaus wünschenswert bzw. formal vorgegeben. KACZOROWSKI ET AL. (2003) führen auf, dass es in vielen Bundesländern zum E-Government parallel eine Offline-Variante gibt - und geben muss. Im Vergleich von E-Business und E-Government wird klar, dass letzteres eine Art Monopol darstellt, d.h. es gibt keine alternativen Anbieter oder Wahlmöglichkeiten für die öffentlichen Dienstleistungen . Konkurrenz besteht lediglich zwischen den Kanälen, über die ein Angebot genutzt werden kann. Um die dargestellten positiven Effekte eines Kanals realisieren zu können (z.B. Kosteneinsparungen), ist es also umso wichtiger zu betrachten, welche Faktoren die Akzeptanz beeinflussen.

„Die potenziellen Vorteile von E-Government - qualitativ bessere Services, Effizienzsteigerung und mögliche Kosteneinsparungen - können nur dann realisiert werden, wenn die Online-Angebote eine kritische Masse von Nutzern erreichen.“ (ACCENTURE 2003: 8)

Wichtig ist somit nicht nur, Organisationsinteressen und Prozessanforderungen abzuwägen, sondern eine ganzheitliche Betrachtung vorzunehmen, die auch und besonders den Nutzer in den Mittelpunkt stellt. Denn erst dieser realisiert den avisierten Nutzen.

Faktor Nutzer

Die Nutzer, die in Kapitel 3 ausführlicher beschrieben werden, bilden eine heterogene Gruppe. Angesichts der bisher eher dürftigen Auseinandersetzung mit ihnen in der Literatur stellt sich hier ein Quellenproblem. Ein Großteil der Literatur im Umfeld von Mobilität und (mobiler) Kommunikation beschäftigt sich nicht mit dem Kontext von „Government“. Aus diesem Grund wird in diesem Kapitel zurückgegriffen auf allgemeine Untersuchungen zu Nutzerverhalten. Um mögliche, übertragbare Aussagen zu identifizieren, werden die Ergebnisse zum Abgleich mit Studien zur E-Government- Nutzung im Abschluss diskutiert.

Faktor Organisation

Als zweiter Faktor wird die Organisation betrachtet. In der Regel ist diese sowohl Anbieter als auch Nutzer von mobilen Angeboten.

Im Kontext dieser Arbeit interessiert besonders die Fähigkeit, derartige Angebote effektiv in die Kommunikationsabläufe innerhalb des Organisationssystems einzubinden. Dazu werden Strategien diskutiert, wie eine Organisation auf mobile Dienste vorzubereiten ist, aber auch, wie sich das Vorhandensein dieser auf die Strukturen innerhalb der Organisation auswirken kann.

Faktor Prozess

Schließlich wird in Kapitel 5 eine Hinführung zu einzelnen Prozessen vorgestellt - die Betrachtung muss jedoch auf einer Meta-Ebene bleiben. Wichtige Vorgaben sind hier die Rahmenbedingungen, die mobil abgebildet, letztlich also technisch erfüllt werden müssen. Diese stellen die öffentliche Interaktion zwischen Nutzer (Bürger, Unternehmen oder Verwaltungsmitarbeiter) und Organisation (Behörde, Amt, Ministerium, etc.) dar. Nutzer und Organisation sind für das M-Government der diffuse Grund: Sie sind mobil oder wollen dies unterstützen / dabei unterstützt werden.

Durch den Prozess, besser: durch die Kenntnis des Prozesses und seine losgelöste Betrachtung, lässt sich ein starkes Kriterium für oder gegen ein mobiles Angebot ableiten -ohne den Kontext der anderen Faktoren jedoch bleibt dies eine isolierte Kosten-Nutzen-Analyse des Möglichen.

2 Mobilität

Um das Kernelement des behandelten Themas zu verdeutlichen, wird im Folgenden auf den Rahmen der mobilen Kommunikation an sich, auf die Mobilität, eingegangen. Viele Studien setzen sich mit diesem Punkt auseinander, wobei sich unterschiedliche Deutungen der Frage Was ist Mobilität? (Vgl. z.B. URRY 2000; KAKIHARA 2003) entwickelt haben. Die Autoren kommen zu verschiedenartigen Schlussfolgerungen wie sich Mobilität auf das Verhalten mobiler Subjekte auswirkt (Vgl. z.B. SØRENSEN 2002A, B). In einem Überblick über „Mobility Studies“ beschreibt Kakihara (2003): „we are talking about mobility without a clear image of ‘mobility’ itself”. Weiter stellt er fest, dass „the concept of mobility and the significance of ‚being mobile’ are understood and used in strikingly diverse ways“ (S. 229 ).

2.1 Der Mobilitätsbegriff

Der DUDEN von 1966 gibt Mobilität lediglich als „Bezeichnung der Bevölkerungsstatistik für die Häufigkeit des Wohnsitzwechsels“ an. Das entspricht nicht mehr ganz dem heutigen Verständnis, welches etwas allgemeiner darunter Formen der Beweglichkeit versteht10. Das dazugehörige Adjektiv „mobil“ geht zurück auf den lateinischen Ausdruck mobilis, der sich mit beweglich übersetzen lässt.

Mobile Personen wechseln im derzeitigen Verständnis also nicht unbedingt ständig ihren Wohnsitz, aber sie ändern in unterschiedlicher Frequenz und mit unterschiedlichen Radien den Ort ihrer Aktion, sei es nun den Ort ihrer Arbeit oder aber den ihrer Freizeitbeschäftigung (siehe KAKIHARA 2003: 39).

Je nach Kontext bekommt der Begriff sehr unterschiedliche sowie viele weitere Bedeutungen zugeschrieben. Aus diesen Unterschieden resultieren wiederum zahlreiche Ansätze, wie mit der Mobilität umzugehen ist: Wie sich diese ermöglichen und unterstützen lässt.

2.2 Ebenen von Mobilität

Mobile Objekte und Subjekte sind zunächst einmal - wie oben bereits gesagt - in der Lage, sich physisch bewegen zu lassen oder sich aus eigener Kraft zu bewegen (z.B. das Auto|mobil). Diese physische Beweglichkeit ist i.d.R. gemeint, wenn von Mobilität die Rede ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9 - Räumliche Mobilität von Personen

(Quelle: eigene Abbildung, nach KAKIHARA 2003:39)

„Perhaps the most widely adopted usage of mobility is that of people in terms of geographical movement“ (KAKIHARA 2003: 39). Diese lässt sich anhand der zurückgelegten Distanzen (KRISTOFERSEN, LJUNGBERG 2000; KAKIHARA 2003: 39) als umherlaufen11, besuchen12 und reisen13 charakterisieren. Mit Blick auf technologische Bedürfnisse sinkt mit zunehmender räumlicher Ungebundenheit zwangsläufig die Möglichkeit, bestimmte Geräte mitzuführen und zu nutzen. Wie sich das konkret auswirkt, haben verschiedene Autoren in geschlossenen Zusammenhängen untersucht14, eine Betrachtung über globale Veränderungen geben URRY (2000) oder KEARNEY (2004).

Eine weitere Mobilitätsebene ist die so genannte „soziale“ Mobilität, die sich situativ aus der physischen Mobilität ableiten lässt (Vgl. GOFFMAN 1967; URRY 2000; LING 2000B). Auf einer Makroebene betrachtet bezieht sich diese auf die Durchlässigkeit einer Gesellschaft, z.B. zwischen verschiedenen Schichten (URRY 2000). Auf der zwischenmenschlichen Mikroebene wird damit ausgedrückt, wie sich Subjekte in verschiedenen sozialen Situationen bewegen, es beschreibt das Spielen einer bestimmten kontextabhängigen Rolle gemäß sozialer Konventionen und Erwartungen anderer Subjekte, die Teil der jeweiligen Situation sind (GOFFMAN 1967; GESER 2003).

Die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie verlangen nach einer Erweiterung der obigen Ebenen. Um dem Rechnung zu tragen, bezieht die „virtuelle“ Mobilität Nutzung und Auswirkungen von technisch vermittelter Kommunikation ein. Sie wirkt sich zum einen auf die physische Mobilität aus. Zum anderen beschreibt LING (2000B) als erster in einer Untersuchung unter Jugendlichen, dass allein aufgrund der Erreichbarkeit durch ein Mobiltelefon auch nicht anwesende Personen als physisch präsent („in der Nähe“) wahrgenommen werden. Ähnliches stellt RHEINGOLD (1993) in seiner Arbeit über Virtual Communities fest. Wie sich darüber hinaus Regeln der Interaktion und eine eigene Ordnung parallel zur Offline-Welt herausbilden, hat LESSIG (1999) ausführlich dargestellt.

Mobilität zeichnet sich also, so ist festzuhalten, durch eine physische und eine soziale Ebene aus.

Für die mobile Kommunikation lässt sich insofern ableiten, dass auf der physischen Ebene die Mobilitäts-Unterstützung in verschiedenen Reichweiten stattfinden kann. Andersherum hat das zur Konsequenz, dass hier die Technologien und die Geräte der Nutzung auch mobil sind. Soziale Mobilität stellt häufig einen Konflikt im Umfeld mobiler Kommunikation dar, denn sie vermischt den privaten und den öffentlichen Raum (siehe dazu GESER 2003; RHEINGOLD 2002; AGRE 2001; LING, YTTRI 1999). Die durch die luK-Technologien entstandene virtuelle Mobilität, quasi als parallele Mischform aus physischer und sozialer Bewegung, hat im Bereich der mobilen Kommunikation aus der bisherigen Perspektive keine direkte Relevanz. Anders als an einem Desktop-PC findet hier keine audiovisuelle Begleitung statt, welche ein Eintauchen in eine virtuelle Welt derart erleichtert. Im Bereich des Mobile Gaming zeichnen sich allerdings Entwicklungen ab, die auch diese Mobilitätsebene zunehmend in den Vordergrund der Betrachtung schieben.

2.3 Mobile Interaktion

Die von Mobilität als „three distinct dimensions of human interaction“ (KAKIH AR A, SØRENSEN 2001: 33) führt jedoch konzeptionell weiter und löst die vorgenannten Ebenen in räumliche, zeitliche und kontextuelle Konzepte auf. Mobile Situationen lassen sich hierdurch noch klarer umreißen, in der Folge können mögliche Bedürfnisse besser analysiert werden, da auch das, was mobil ist, eingegrenzt wird. Eine tabellarische Zusammenführung findet sich in Abbildung 11.

2.3.1 Räumlich

Räumliche („spatial“) Mobilität bezieht sich nicht nur auf die Bewegung von Menschen, vielmehr beschreibt sie die Mobilität von Objekten, Symbolen und den Raum an sich. Objekte wie u.a. ein Mobiltelefon folgen in diesem Sinn ihrem Besitzer auf seinem Weg. Dadurch unterstützen und ermöglichen sie seine Mobilität. Der Austausch von Symbolen - über Medien wie das Fernsehen ebenso wie über das Internet - befördert eine ausgedehntere Mobilität. Mit der Verbreitung von Kommunikationsnetzwerken werden sie selbst verstärkt mobil und erweitern die Reichweite von Interaktion, da sie einen breiteren und beschleunigteren Austausch zwischen Menschen und Objekten ermöglichen. Räume für sich werden im Kontext von Medien wie dem Internet mobil. Durch diese werden „virtuelle Gemeinschaften“ gebildet - das „Hier“ und „Jetzt“ verschwimmt (RHEINGOLD 1993) und macht eigene Regeln erforderlich (LESSIG 1999).

2.3.2 Zeitlich

Viele Technologien werden eingesetzt, um die Geschwindigkeit von Prozessen zu erhöhen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist Mobilkommunikation ein typisches Beispiel. Abgesehen von der Beschleunigung durch Kommunikationstechnologien an sich, verändert sich auch das zeitliche Gefüge von Arbeit und Privatleben. Mit zunehmender Gesellschaftsdurchdringung mit Mobiltelefonen „time becomes a commodity that is bought, sold, and traded over the phone. The old schedule of minutes, hours, days, and weeks becomes shattered into a constant stream of negotiations, reconfigurations, and rescheduling“ (TOWNSEND 2000).

Während einige Technologien zu erhöhter Einzeitigkeit („monochronicity“) führen oder diese unterstützen - d.h. das Aktivitäten sequenziell strukturiert werden: ein Zeitslot für jede Aktivität (z.B. Druckerwarteschlangen, Festnetztelefonie) - so führen insbesondere Netzwerktechnologien zu vermehrter Viel- bzw. Gleichzeitigkeit („polychronicity“) - das Leitmotiv des Internet selbst basiert auf time-shared computing (CASTELLS 2000). Asynchrone Kommunikation mittels Textnachrichten oder E-Mail ermöglicht eine gleichzeitige bis hin zu spontaner Bearbeitung von Aufgaben. Zeitfenster können verschoben werden, wenn etwas anderes dringlicher erscheint. In der Literatur finden sich dafür Begriffe wie „liquidisation” (GESER 2003), „fluidisation” (SØRENSEN 2002A) oder „softening” (LING, YTTRI 1999) von Kommunikation; es geht also um ein Aufweichen von bisher starren Strukturen.

2.3.3 Kontextuell

Zusätzlich zu den Aspekten des „wo?“ und „wann?“ einer Interaktion, müssen besonders für die Mobilkommunikation die Umstände betrachtet werden, in denen bzw. wie diese stattfindet. Bestimmte Situationen und Interaktionspartner begründen eine kritische Disposition.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10 - Beispiele für Modalitäten von Interaktion

(Quelle: SØRENSEN 2001: 9)

Zwei Dimensionen helfen bei der Charakterisierung kontextueller Mobilität (siehe Abbildung 10). Zum einen kann die Bestimmtheit (Obtrusiveness), mit der ein Interaktionsprozess eine Verpflichtung zu handeln mit sich bringt, variieren („Hilfe“ gegenüber „Ruf mal wieder an“), zum anderen ist die Dauerhaftigkeit (Persistency) der Interaktion über diese hinaus flüchtig bis beständig. Im ersten Fall (flüchtig) verliert sich der Inhalt der Interaktion nach ihrer Beendigung (z.B. Verabredungen von Treffpunkten), beständiger Austausch hinterlässt hingegen so etwas wie Informationsspuren, die auch für spätere Aktivitäten relevant sind (z.B. ein Verwaltungsantrag).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11 - Konzepte und Dimensionen von Mobilität

2.3.4 Technisch vermittelte mobile Interaktion

Die bisher vorgestellte Sichtweise auf das Thema Mobilität hilft, das Mobil-sein in verschiedenen sozialen Perspektiven zu betrachten: von der reinen Fortbewegung bis zu einem Kontext von Interaktion. Dies soll im weiteren Verlauf der Arbeit aufgegriffen werden, um mobile Situationen in ihrer vollen Breite des möglichen Spektrums zu beschreiben.

Im Folgenden wird dieser theoretisch-sozialen Sicht noch eine weitere Perspektive hinzugefügt. Dabei wird Objekten Beweglichkeit zugeordnet mit dem Ziel, Mobilität auch aus technischer Sicht zu erfassen. Damit kann Mobilität in all ihren Facetten beschrieben werden: die der Akteure, die ihrer Interaktion und nun - abschließend - die Mobilitätskomponente der technischen Vermittlung von Interaktion, die anhand dreier Ansätze beschrieben werden kann:

- „device mobility“,

der fortgesetzte Zugang zu Diensten mit einem mobilen Device, unabhängig von Ort und Bewegung (z.B. durch Handover zwischen Zellen in einem GSM- Netz);

- „user mobility“,

zusätzlich zum Mobil-sein ohne physische Hindernisse bezieht sich dies auf den device- und ortsunabhängigen Zugang zu Diensten (z.B. Zugriff auf ein GSM-Netz an verschiedenen Stellen und mit verschiedenen Endgeräten);

- „service mobility”,

die Möglichkeit Dienste unabhängig von Device und Nutzer in gleich bleibender Form bereitzustellen (AAAC 2001: 2) .

Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig für die Klarstellung, was primär mobilisiert werden soll. Einen Teilaspekt bildet dabei eine unabhängige Variable (das jeweilige Primärziel der Mobilisierung), wodurch die anderen Aspekte abhängig werden. Das Ziel der Schaffung von device mobility bspw. wirft die Frage auf, wie plattformübergreifend Nutzerzugriffe und Dienste gestaltet werden müssen (z.B. ein gemeinsamer Dienst über Endgeräte auf WLAN und GSM-Basis).

Die soweit dargestellten Aspekte, Dimensionen und Ebenen haben die Vielfältigkeit veranschaulicht, die der Begriff Mobilität in sich birgt. Auf Basis dieser Begriffsklärung wird im Folgenden auf Studien zu Nutzerverhalten eingegangen. „The need to do so is evident from previous experience of technology innovation in other sectors“ (UMTS 26: 315 ). Die Studien zu „user behavior” und „social shaping factors” zeigen auf, in welchem Kontext sich welche Nutzungsformen durchsetzen, welche sozialen Implikationen damit verbunden werden. Diese Erkenntnisse lassen sich rückkoppeln mit der Bewertung von mobilen Angeboten.

3 Nutzerverhalten

Das Nutzerverhalten gegenüber mobiler Kommunikation wird in der Literatur unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert und betrachtet. Zunächst lassen sich zwei grobe Grundrichtungen ausmachen: Die eine nähert sich dem Thema rein technologieorientiert an („self-contained artefacts“ PICA, KAKIHARA 2003: 2) und beschreibt, welche Nutzung möglich ist und sein könnte; die andere betrachtet die „dialectic between technology and sociology“ (PICA, KAKIHARA 2003: 2).

Letztere Auseinandersetzung mit mobiler Kommunikation beschreibt zwei parallele Entwicklungen, die Folge und wiederum Ursache für Wechselwirkungen sind. Einige Autoren setzen sich mit mobilen Kommunikationstechnologien als unterstützendes Element auseinander, durch die eine Stabilisierung des sozialen Austausches möglich wird (u.a. LING 1997; LING, YTTRI 1999; AGRE 2001). Dem steht die Auslegung besonders von mobilen Kommunikationstechnologien als Ursache für die Mobilisierung von Interaktion gegenüber (z.B. bei URRY 2000; PICA, KAKIHARA 2003, SØRENSEN 2002A, B; KAKIHARA 2003). Dazwischen sind qualitative Studien anzusiedeln, die sich mit konkretem Nutzerverhalten im Kontakt mit mobiler Kommunikationstechnologie befassen (u.a. CHURCHILL, WAKEFORD 2002; MURTAGH 2002; PALEN, SALZMAN 2000A, B; 2002; UMTS 2003A; B).

Inwiefern nun mobile Technologien soziale oder technische Objekte sind oder aber, ob sie irgendwo zwischen diesen beiden Sichtweisen anzusiedeln sind, soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Mit der Feststellung „Mobile technologies [...] are as much social objects as technological ones” (BROWN 2002: 3) fasst Brown die Ergebnisse eines Workshops zusammen, der technologische wie soziologische Aspekte mobiler Technologien untersucht hat. Ohne die Kenntnis der Nutzung entstehen Konstrukte, die zwar technisch sinnvoll (weil: möglich) sind, aber höchstens zufällig Nutzerinteressen und Bedürfnissen gerecht werden (BROWN 2002: 5).

Die vorliegende Arbeit greift darum die Betrachtung von Technologie als System auf. In der Folge stehen die Beziehungen und Wechselwirkungen von Technologie, Nutzer und Umwelt im Vordergrund. Die Perspektive richtet sich dabei auf die Frage, welche Gründe für oder gegen die Nutzung eines Angebots (hier: technologisch vermittelter mobiler Dienst der öffentlichen Hand) sprechen. Verschiedene Ansätze (siehe VENKATESH ET AL. 2003) beschäftigen sich mit der Frage, ob ein Dienst in einer bestimmten Darbietungsform angenommen wird, andere (z.B. RAMSAY, NIELSEN 2000;

DUDA, SCHIEßL, HESS 2001) gehen auf die Interfacegestaltung ein, um eine solche Aussage zu treffen. Vorgelagerte Aspekte, die einen Einfluss auf Erst- und Folgenutzung haben, bleiben dabei außen vor16.

Im Folgenden wird eine Annäherung an den Umgang mit Technologien dargestellt, die sich der Mobilität bedienen bzw. diese unterstützen sollen.

„[T]echnological artifacts are made meaningful by their surroundings and by the actors who create and employ them. Reciprocally, situations, environments, and users are changed by the presence and affordances of technological artifacts.”

(HUGHES 1987: 51)

Eben diese Wechselwirkung ist es, die den Erfolg von Technologien und den auf ihnen basierenden Diensten bestimmen. Was DAVIS mit perceived usefulness und perceived ease of use als subjektive Bewertung für die Annahme von Innovation umschreibt, generiert sich aus der Beziehung vom Nutzer zu seiner Umwelt (siehe DAVIS 1989: 320 ff.).

Im Folgenden werden Studien zum Nutzerverhalten dargelegt. Im Überblick über ihre Ausrichtung zeigt sich, dass sie grob drei Entwicklungsstufen des Nutzerverhaltens beschreiben.

Einige Autoren (u.a. CHURCHILL, WAKEFORD 2002) untersuchen die Prägung von Erwartungen bezüglich eines Dienstes oder eine Technologie im Vorfeld. Dabei beschreiben sie Nutzenerwartungen („Was bringt ein Dienst / eine Technologie?“) sowie die Nutzererwartungen („Wie ist es ein Dienst / eine Technologie zu verwenden?“).

Die nächste Entwicklungsstufe st die Kennenlernphase , die sehr aufschlussreich von PALEN und SALZMAN (2000A; B) am Beispiel amerikanischer Mobilfunk-Erstnutzer beschrieben wird. Interessant dabei sind besonders die Wechselwirkungen von Erwartung und Erfahrung, welche schließlich zur Nutzung und deren Anpassung an wahrgenommene Rahmenbedingungen führen. Hierzu hat auch LING sehr informative Beobachtungen gemacht (LING 1997; LING, YTTRI 1999; LING 2000A; B).

Mit Blick auf die Anpassung und Veränderung des Verhaltens durch Erwartung und Erfahrung im Einfluss mobiler Technologien hat insbesondere das UMTS Forum (UMTS 2003A; B) übergeordnete, so genannte „social shaping factors“ zusammengetragen, die - obwohl für die Einführung von UMTS formuliert - auf die meisten mobilen Dienste übertragbar sind.

Für diesen letzten Punkt ist zu beachten, dass natürlich eine Verhaltensänderung auf der Basis gemachter (neuer) Erfahrungen kein abgeschlossener Prozess ist. CHURCHILL und WAKEFORD beschreiben in diese Richtung weisend sehr deutlich, wie die erhoffte „Effizienz durch mobile Erreichbarkeit“ mit ersten experimentellen „FunkAutotelefonen“ (im Jahr 190617 ) über das Marketing von Pagern, Mobiltelefonen und PDA immer wieder propagiert wurde. Die heutige Wechselwirkung zwischen Device, Service, Nutzer und Umwelt wird für Zukünftiges die Grundlage, der Normalzustand sein, den es stets zu verbessern gilt (Vgl. URRY 2000).

3.1 Nutzererwartungen

Für die Untersuchung von Nutzererwartungen erscheinen zwei Einflüsse maßgeblich: Einflüsse der Umgebung und bisherige Erfahrungen mit derartigen Technologien. Beide lassen sich kaum einheitlich untersuchen, da sie schwierig bis unmöglich quantifizierbar sind. Modelle wie die verschiedenen Varianten der „Technology acceptance“ (siehe DAVIS 1989, VENKATESH ET AL. 2003) versuchen dieses Thema trotzdem quantitativ einzukreisen, allerdings stets nur in Bezug auf ein konkretes Untersuchungsobjekt. In geisteswissenschaftlichen Untersuchungen wird deshalb oft ein qualitativer Methodenmix gewählt, von Diskussionen (z.B. LING 2000B) über narrative Interviews und Tagebücher (PALEN, SALZMAN 2000A) bis hin zum so genannten shadowing (UMTS 2003B). Diese qualitativen Herangehensweisen haben den Vorteil, dass sie flexibler gestaltbar sind und mehr von der Umwelt des Untersuchten erfassen. Die Nachteile sind dieselben, die in der klassischen Debatte dieser beiden Methodenzweige zu finden sind18, zudem ähneln sie dem Disput zwischen technologie- versus soziologie-orientierten Sichtweisen, wie sie KAKIHARA (2003, Kap. 2) erschöpfend darstellt. An diesem Punkt der vorliegenden Arbeit geht es um die Darstellung von allgemeinem Nutzerverhalten, weshalb auf die qualitativen Studien zurückgegriffen wird.

[...]


1 Wichtig ist hier die Unterscheidung von Mobiltelefonen allgemein, mit denen telefoniert werden kann und Geräten, die über mobile Netze Daten austauschen können. Nicht jeder Mobilfunknutzer kann oder, sofern möglich, will mobile Datendienste nutzen. die Anzahl von PCs in Haushalten nur das Potenzial an Internetnutzern an, allerdings noch nicht die tatsächliche Zahl.

2 13% der deutschen Internetnutzer gehen ausschließlich am Arbeitsplatz online, 46% nutzen das Internet ausschließlich von zu Hause aus. Die verbleibenden 41% greifen sowohl von zu Hause als auch am Arbeitsplatz auf das Internet zu. (Stand 2003, 7. FAKTENBERICHT 2004: 148)

3 Vgl. verschiedene Messungen FAKTENBERICHT 2004: 178

4 Der englische Begriff government geht zurück auf das Verb to govern (engl. to govern:

regieren, verwalten, beherrschen, regulieren). In B RITANNICA (2005) wird government erklärt als „system by which a body of people is administered and regulated“. Etwas weiter gefasst versteht MERRIAM-WEBSTER (2004) darunter:

- „the act or process of governing“,
- „the body of persons that constitutes the governing authority“,
- „political institutions, laws, and customs through which the function of governing is carried out“,
- „the organization [...] through which a political unit [...] performs functions“.

5 „the organization [...] through which a political unit [...] performs functions“ (M ERRIAM-W EBSTER 2004)

6 „the body of persons that constitutes the governing authority” MERRIAM-WEBSTER 2004), worunter streng genommen nicht nur Funktionsträger zu verstehen sind, sondern eben auch die Personen, welche diese Funktionsträger legitimieren, ihnen aber formell gegenüberstehen. Im deutschen Sprachgebrauch wird die englische Kleinschreibung des Begriffes nicht übernommen.

7 Mehr Teilhabe durch Nutzung von digitalen Interaktionsformen, mehr Transparenz durch erleichterten Informationszugang sowie bessere Informationsangebote

8 Sowie die umgekehrten Kombinationen C2G und B2G, auf welche im Folgenden jedoch ebenso durch die o.g. Variante verwiesen wird.

9 Hervorhebung aus Original beibehalten

10 „1. (geistige) Beweglichkeit. 2. Beweglichkeit von Individuen od. Gruppen innerhalb der Ge- sellschaft. 3. (Bevölkerungsstatistik) die Häufigkeit des Wohnsitzwechsels einer Person“ (DUDEN 2001)

11 „Wandering is extensive, local mobility in a building or local area“(KAKIHARA 2003: 39)

12 „Visiting is spending time in one place for a certain period of time before moving on to another place“(KAKIHARA 2003: 39).

13 „Travelling is the process of going from one place to another by using […] a vehicle” (KAKIHARA 2003: 39)

14 Einen Überblick dazu gibt KAKIHARA (2003), er selbst hat auf dieser Basis eigene Feldstudien vorgenommen.

15 Die Autoren zielen hier gleichermaßen auf vergangene Fehlschläge wie WAP und unerwartete Erfolge wie SMS ab.

16 Für die Internetnutzung liefern Publikationen wie der (N)Onliner-Atlas ein paar Hinw eise, für die Nutzung mobiler Kommunikations- und Datendienste fehlt eine solche quantitative Studie jedoch.

17 „[I]n 1906 [...] a radio engineer transmitted a message to an experimental car phone“ (Churchill, Wakeford 2002: 161)

18 Dazu, und zu ihrer Entstehung und Zielsetzung sei der Leser auf die Literatur besonders im soziologischen Umfeld verwiesen, z.B. SCHNELL, HILL, ESSER 1995, Kap. 3.

Details

Seiten
109
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638505185
ISBN (Buch)
9783640203802
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55619
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Institute of Electronic Business
Note
2,3
Schlagworte
Sinnhaftigkeit Angebote Hand

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Titel: Sinnhaftigkeit mobiler Angebote der öffentlichen Hand