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Die Humanitarismuskritik Arnold Gehlens in "Moral und Hypermoral"

Seminararbeit 2005 17 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. „Die Humanitarismuskritik Gehlens in Moral und Hypermoral“
2.1 Humanitarismus als Verfall
2.2 Humanitarismus als überdehntes Familienethos
2.3 Humanitarismus als Gefahr für Institutionen und Politik

3. Die Diagnose der Moralhypertrophie

4. Kritischer Rückblick

5. Die ideengeschichtliche Position Arnold Gehlens

6. Schlussgedanken

1. Einleitung

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arnold Gehlen die deutsche Nachkriegskontroverse vom Standpunkt des Institutionalismus geprägt und es gebührt ihm der Verdienst einer detaillierten, sozio- anthropologisch fundierten Kritik der Zeitgesinnung. Er ist jedoch ebenfalls für die Humanitarismusdebatte des 20. Jahrhunderts, innerhalb derer er der Ausbreitung einer globalen, menschenfreundlichen Massenmoral zutiefst kritisch gegenüberstand, von Bedeutung. In seinen Augen steht der Humanitarismus in einem destruktiven Verhältnis zu Institutionen, allen voran dem Staat. Da es sich gemäß Gehlen bei diesen Institutionen für den instinktreduzierten, mängelbehafteten und effektgeladenen Menschen um lebensnotwendige Regelmuster handelte, hätte eine umgreifende „Moralhypertrophie“ fatale Auswirkungen. Sie ließe politische Tugenden verkümmern, sprenge die Grenzen der nationalen Identifikation, und zerstöre den Staat sowohl als ideologisches als auch institutionelles Konstrukt. Ohne aber das ausführliche ethische Programm, das hinter dieser umstrittenen und vieldiskutierten Ansicht steht zu kennen, wird man dem Philosophen Arnold Gehlen nicht gerecht.

Die Monographie „Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik“ muss als wesentliche Ergänzung zu seinem Hauptwerk „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ verstanden werden. Es soll im Folgenden untersucht werden, wie die Humanitarismuskritik in diesem Buch darzustellen und kritisch zu durchleuchten ist. Zudem wird der Versuch unternommen, die Argumentationsstruktur des Autors zu verdeutlichen und die verschiedenen Ebenen seiner Beweisführung aufzuzeigen. Dafür muss ebenso die Gehlensche Genealogie einer pluralistischen Ethik und deren Aufteilung in verschiedene Verhaltensregulationen skizziert werden, denn dies muss als seine gedankliche Voraussetzung für die Kritik am humanitaristischen Ethos verstanden werden.

Am Schluss steht eine kritische Zusammenfassung, welche die Kernelemente der Gehlenschen Humanitarismuskritik herausstellen und von einem ethischen als auch politikphilosophischen Standpunkt auf ihre Schlüssigkeit und ihren Gehalt überprüfen soll. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Frage, welche Form von Humanitarismus Gehlen überhaupt kritisiert und ob seine in Moral und Hypermoral dargelegten Gedanken zum Humanitarismus ausreichend begründet sind. Dem folgt sodann der Versuch, Gehlens Position anhand geeigneter Beispiele im ideengeschichtlichen Zusammenhang politik- und rechtsphilosophisch anzusiedeln, Gleichgesinnte und Kritiker ausfindig zu machen.

Hier steht nicht nur das Verständnis der Gehlenschen Philosophie, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem vielfältigen Wesen des Humanitarismus im Vordergrund.

2. Die Humanitarismuskritik Gehlens in „Moral und Hypermoral“

Die Kernbegriffe Humanitarismus, Masseneudaimonismus und Moralhypertrophie sind die wichtigsten Eckpfeiler der Argumentationsstruktur in „Moral und Hypermoral“ und bilden im Zusammenhang das Fundament für die Gehlensche Humanitarismuskritik an sich. Darum ist es zunächst notwendig aufzuzeigen, was Arnold Gehlen darunter versteht.

Im 6. Kapitel seines Buches definiert Gehlen „Humanitarismus“ als „die zur ethischen Pflicht gemachte unterschiedslose Menschliebe“[1] und möchte sie schon aufgrund ihres historischen Ursprungs vom Masseneudaimonismus unterschieden wissen. Diesen wiederum konkretisiert er als auf die Gesamtheit der Menschen bezogene „Mehrzahl instinktiver, verhaltensphysiologisch greifbarer Regulationen, einschließlich der Ethik des Wohlbefindens und des Glücks.“[2] Die dazugehörige Moral ist eine übersteigerte, hypertrophe Sozialmoral, deren Prinzipien gleichermaßen als maßlos bezeichnet werden.

Warum diese Begriffe nach Gehlen einen gefährlichen Bund eingehen, soll im folgenden näher erläutert werden. Es lassen sich drei Argumente des humanitaristischen Unheils in Gehlens Beweisführung festmachen: das historische, welches den Staatsverfall begründet, das anthropologische, das die Unterdrückung anderer Ethosformen befürchtet und das politische Argument, welches Staat und Nation als Institutionen gefährdet sieht.

2.1 Der Humanitarismus als Verfall

Arnold Gehlen versucht zunächst, Humanitarismus als Merkmal und Urheber für den Staatszerfall geschichtlich zu begründen. Für ihn steht die Entwicklung des Humanitarismus mit dem Zusammenbruch der griechischen Stadtstaaten in der Spätantike sowie dem Zerfall des römischen Reichs in Zusammenhang. In beiden Fällen waren es die jeweiligen politischen Wortführer, denen „eine zugleich politische, pazifistische und überall kursfähige Ideologie nur genehm sein“[3] konnte, welche die Ausbreitung der hellenistischen Kultur als Gunst der Stunde erkannten, forcierten und humanitaristische Elemente auf staatlichem und sozialem Gebiet etablierten. Die Schöpfer dieses „ideologischen Opiums“[4] sieht Gehlen in den kynischen Gelehrten, allen voran ihr Begründer Antisthenes. Dessen Philosophie der Autarkie als oberstes Lebensziel verachtete die Zivilisation als einen unnatürlichen und künstlichen Zustand und propagierte die Rückkehr zu einer einfachen, unabhängigen und natürlichen Lebensform asketischer Natur. Eine solche Lehre traf nach der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) und seinem darauf folgenden Zerfall auf den fruchtbaren Boden eines staatskritischen Zeitgeists. Eine kosmopolitische und mitmenschliche Gesinnung bildete sich unter den führenden Denkern heraus[5], aus der die Geburt des Weltbürgertums und Wohlfahrtstaats resultierte. Doch entlarvt Gehlen die Motive der politischen Akteure eine solche Ideologie durchzusetzen, als unlauter, da es ihnen keineswegs zum Nachteil gereichte, ihre Untertanen lammfromm zu halten und die durch den Staatszerfall entstandene kulturelle und emotionale Lücke mit selbstdiktierten Inhalten zu füllen. Der Gehlensche Ausdruck der „Eroberung des Eroberers“[6] erinnert stark an die von Friedrich Nietzsche geprägte Formel der „Umwertung aller Werte“, in deren Konsequenz die Sklavenmoral vermittels Ressentiment eine unnatürliche Macht über die Herrenmoral gewinnt[7]. So hebt Gehlen insbesondere die vom Humanitarismus profitierenden schwachen Gesellschaftsmitglieder hervor und zieht die Emanzipation der Frauen, die Humanisierung der Kriegsführung sowie der Behandlung von Gefangenen und Sklaven als Muster heran.

Vor dem Hintergrund seiner Institutionenlehre sieht der Autor hier die Gefahr einer Primitivisierung und Verharmlosung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die Ausbreitung der trügerischen Annahme des „guten“ Menschenwesens. Zwar ist der unmittelbare Vorteil dieser „Hirtenphantasien“[8] nicht von der Hand zu weisen: ein Rückzug aus der richtunggebenden Vormundschaft von Institutionen bringt zunächst große Entlastung mit sich, worin Gehlen auch dessen Attraktivität erkennt. Und doch lehrt die griechische Geschichte die fatalen Folgen des kynischen Kulturideals, wovon die lange Periode der mit der Machtübernahme Alexander des Großen beginnenden Fremdherrschaft zeugt.

Die intellektuellen Gelehrten selbst „helfen abräumen und bereiten den Boden vor, den der neue Weltherr betreten wird, in diesem Falle der makedonische Alleinherrscher.“[9]

Ganz in dieser Tradition stehend, brachte die Ethik der Stoa den humanitaristischen Gedanken letztlich zur Vollendung. Der Stoizismus entstand um das Jahr 300 v. Chr. und sein Begründer, Zenon von Kition, beschäftigte sich hauptsächlich mit den Grundsätzen der moralischen Verpflichtung, Selbstbeherrschung und des Lebens in Einklang mit der Natur. Der Zusammenhang zwischen der stoischen Philanthropie und dem Untergang des Römischen Reichs ist für Gehlen ganz offensichtlich, denn er trägt dieselben dekadenten Züge wie das vorangegangene Beispiel. Seine humanitaristische Großzügigkeit stürzte das römische Reich in eine innen- und außenpolitische Krise und wurde ihm so letztlich zum Verhängnis.

Aus diesen geschichtlichen Erfahrung schlussfolgert Arnold Gehlen eine ganz bestimmte politische Funktion des Humanitarismus: die Wegbereitung für einen nationenauflösenden Vielvölkerstaat, deren ideologischer Ursprung im Ethos des Weltbürgertums haftet.

Ihren Beitrag dazu leisten die Verdrängung patriotischer Werte und die „Lahmlegung“ Aufständischer durch Verbreitung ethischer Pflichtgefühle, welche die Bereitschaft zu selbst notwendiger Gewalt hemmen. Eine auf individualistische Belange ausgerichtete Moral übt für Gehlen langfristig auf den Staat und die äußerst wichtige Staatsmoral zerstörerische Kräfte aus. Deutlich wird diese verallgemeinernde Annahme durch die im 6. Kapitel dargelegte Sichtweise Georges Sorels, in der vom humanistischen Ethos ausdrücklich als einem Dekadenzmerkmal die Rede ist und obgleich Gehlen das nicht weiter kommentiert, ist seine Übereinstimmung mit dem französischen Sozialphilosophen erkennbar.

[...]


[1] Gehlen, Arnold, Moral und Hypermoral, S. 75.

[2] ebd., S. 41.

[3] ebd., S. 76.

[4] vgl.: ebd., S. 15.

[5] Es werden hier neben Antisthenes dessen Schüler Diogenes und der atomistische Philosoph Demokrit zitiert.

[6] Gehlen, Arnold, Moral und Hypermoral, S. 16.

[7]

[8] ebd., S. 14.

[9] ebd., S. 10.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638505079
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55601
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Humanitarismuskritik Arnold Gehlens Moral Hypermoral Politik Mitleids

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