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Die Kommunikationsstrategie der sächsischen NPD - Eine semantische und pragmatische Analyse

von Frank Brunner (Autor) Johanna Baumann (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 37 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. mantische Analyse (Frank Brunner)
2.1 Methodik
2.2 Populismus und Propaganda: Die NPD im Wahlkampf
2.3 Politik als Provokation: Die NPD im Parlament
2.4 Zwischen Ideologie und Pragmatismus: Der Gesetzesantrag der NPD
2.5 Analogien und Differenzen: Die Wortwahl der NPD

3. Pragmatische Analyse (Johanna Baumann)
3.1 rachspiele im Politischen stem
3.2 Thesen zur Ambivalenz im rachspielverhalten der NPD
3.2 Das rachspielverhalten der NPD im Licht der Theorie Neuer zialer Bewegungen

4. Resümee

5. Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

Ein Aufschrei des Entsetzens hallte am 19. September 2004 durch die deutsche Medienlandschaft. Erfahrene Nachrichtenmoderatoren beendeten abrupt Interviews. Ratlose Spitzenpolitiker verließen protestierend Fernsehtalkshows. Ignorieren statt diskutieren wurde zum Motto des Tages. Was war passiert? Von „einem großartigen Tag für alle Deutschen, die noch Deutsche sein wollen“1 hatte der Spitzenkandidat der NPD in Sachsen, Holger Apfel, in den Nachrichtensendungen „heute“ und „Tagesschau“ sowie in einer Wahlsendung halluziniert. Hintergrund der Äußerung: Erstmals seit 36 Jahren gelang zwölf Abgeordneten der rechtsextremen Partei der Einzug in ein Landesparlament. Sichtlich genossen die Rechtsextremen die öffentliche Aufmerksamkeit. Allerdings konfrontierte der Wahlerfolg die NPD auch mit einem Problem:

Durch die Fokussierung ihres Wahlkampfes auf Sozialpolitik („Quittung für Hartz IV“) und Populismus („Schnauze voll“) muss sie einerseits die Ansprüche ihrer gemäßigten Protestwähler erfüllen, die eine realistische Sachpolitik bevorzugen. Dementsprechend bieder, demokratisch und volksnah präsentieren sich die Landtagsabgeordneten. Erstaunt registrierte etwa der „Spiegel“ den Marsch der sächsischen NPD in die Mitte der Gesellschaft.2 Andererseits ist es für sie auch notwendig, die radikal-antidemokratischen Forderungen der „Freien Kameradschaften“ zu berücksichtigen, mit denen personelle, organisatorische und ideologische Schnittpunkte existieren. So träumte der Bundesvorsitzende Udo Voigt bereits wenige Tage nach der Wahl von der „Abwicklung“ der BRD.3 Trotz der Schwierigkeit, diese Quadratur des Kreises zu vollbringen, hat die von einigen Medien und Politikwissenschaftlern prognostizierte Selbstentzauberung der NPD4 im Landtag keineswegs stattgefunden. Eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Herbst 2005 veröffentlichte Studie beweist das Gegenteil. Darin wird der Partei bescheinigt, an der Parlamentsarbeit „geschäftsordnungssicher“ und in „sachlicher Art und Weise“ beteiligt zu sein.5 Gleichzeitig konnten jedoch mit kalkulierten Provokationen die Erwartungen nationalistischer Sympathisanten erfüllt werden.

Die Notwendigkeit, einerseits die divergierenden Interessen einer heterogenen Wählerschaft in die politische Arbeit zu integrieren und andererseits zu versuchen, die parlamentarische Demokratie mit parlamentarischen Mitteln zu bekämpfen, erfordert zweifellos ein Höchstmaß an rhetorischem Geschick. Die folgende Arbeit widmet sich daher der Frage:

Wie spiegelt sich die politische Ambivalenz der NPD in ihrer Kommunikationsstrategie wieder?

Zur Beantwortung bietet sich eine sprachwissenschaftliche Analyse an. Politik vollzieht sich in Sprache, so Hans Jürgen Heringer6 und Horst Grünert formuliert: „Politik wird durch Sprache entworfen, vorbereitet, ausgelöst, von Sprache begleitet, beeinflusst, gesteuert, geregelt, durch Sprache beschrieben, erläutert, motiviert, gerechtfertigt, verantwortet, kritisiert, be- und verurteilt.“7 Francois Beilecke betont die Bedeutung sprachlicher Strategien bei der politischen Sinn- und Identitätsstiftung.8

Grundlage der Untersuchung sind drei Textsorten. Anhand eines Wahlkampf-Flyers wird zuerst die Sprachwahl vor der Parlamentswahl nachvollzogen. Eine Parlamentsrede und ein Gesetzesentwurf beleuchten die Sprachstrategie der NPD nach ihrem Einzug ins Abgeordnetenhaus.

Zunächst soll festgestellt werden, mit welchen Lexemen die NPD operiert. Dies erscheint sinnvoll, da Politiker der Herrschaft über Begriffe eine hohe Bedeutung im Persuasionsprozess einräumen.9 Allerdings, so die Kritik, vernachlässige die ausschließliche Konzentration auf die semantische Ebene, die Kommunikationssituation, in der sich Sprache realisiert.10 Aus diesem Grund soll in einem zweiten Schritt die lexikalische Analyse, um den pragmatischen Ansatz der Sprachspieltheorie erweitert werden. Die Kombination beider Ansätze soll die Kommunikationsstrategie der NPD in konkreten politischen Kontexten beleuchten und so die formulierte Frage nach der politischen Ambivalenz der NPD beantworten.

2. Semantische Analyse

2.1 Methodik

Zunächst erfolgt eine inhaltliche Einführung in die jeweiligen Texte. Anschließend werden die wichtigsten Lexeme analysiert. Dazu sollen sie zunächst rein funktional, den argumentationstheoretischen Einheiten, Situationsdarstellung, Situationsbewertung, Prinzipien und Ziele zugeordnet werden.11 Diese Klassifikation wird in der Weise konkretisiert, dass die Elemente Situationsdarstellung und Situationsbewertung unter dem Aspekt des Blickes der Partei auf die gesellschaftliche Realität und die Elemente Prinzipien und Zielsetzung unter dem Gesichtspunkt der politischen Visionen der NPD zusammengefasst werden. Innerhalb dieser Gruppen werden die Lexeme, in Anlehnung an die Untersuchung von Pörksen,12 mit Hilfe der semantischen Kategorien Schlagwörter, Neologismen und Metaphern analysiert. Alle drei Sprachformen gelten als typisch für die Ideologiesprache rechtsextremer Gruppen, da sie Realitätsgewissheit (Schlagwort), Realitätskorrektur (Neologismus) und die Verknüpfung verschiedener Realitätssphären (Metapher) ermöglichen.13

Als Schlagwörter gelten Begriffe, die in komprimierter Form politische Einstellungen ausdrücken.14 Unter „Neologismus“ versteht man eine sprachliche Neubildung, die noch nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört. Neologismen dienen Ideologischen Gruppen zur Erschließung von Erkenntnisobjekten, zur Deutung der Wirklichkeit und zum konterkarieren anderer Bezeichnungsvarianten.15 Metaphern sind Worte, die nicht in ihrer wörtlichen, sondern in einer übertragenen Bedeutung gebraucht werden und zwar so, dass zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragen gemeinten eine Beziehung der Ähnlichkeit besteht. In politischen Auseinandersetzungen um abstrakte Begriffe sind sie ein Mittel, um durch die Herstellung von Erfahrungsbezügen, bei Rezipienten anschauliche Assoziationen auszulösen.16

Die Einordnung der Begriffe in diese drei Kategorien ist nicht unproblematisch. Pörksen selbst weist daraufhin, dass bestimmte Wörter sowohl als Schlagwort, als auch als Neologismus und Metapher gesehen werden können. Gerechtfertigt sei diese Methode jedoch damit, dass sie eine präzise Darstellung der einzelnen Aspekte persuasiver Sprachverwendung ermöglicht.17 Aus diesem Grund wird hier analog vorgegangen und wenn nötig, auf eine eventuelle Doppelbedeutung hingewiesen.

Um die Bedeutungsdimension der untersuchten Texte genauer zu erfassen, soll zusätzlich auf ein System zurückgegriffen werden, wie es Josef Klein in einer Untersuchung der parlamentarischen Debatten um die Änderung des Asylrechts verwendet.18 Zunächst unterscheidet er auf der grammatikalisch-funktionalen Ebene zwischen drei Sprachformen. Dabei dient die Nomination der Bezeichnung, die Attribution der Charakterisierung und die Prädikation der Zu- bzw. Aberkennung von Eigenschaften für gesellschaftliche Gruppen oder Personen.19 Auf der semantischen Ebene untersucht Klein die Bedeutungsaspekte innerhalb dieser Wörter. Ausgangspunkt dabei ist die Deontik, die Logik des SOLLENS.

Deren Anwendung als semantische Kategorie, resultiert aus der Eigenschaft politischer Kommunikation, aus Äußerungen über eine Gruppe oder Sache, konkrete Handlungsaufforderungen zu deren Gunsten, bzw. Ungunsten abzugleiten.20 Anders ausgedrückt: Was Politiker als positiv oder negativ beurteilen SOLL auch der Adressat so bewerten. Wörter können also über eine deontisch positive, neutrale oder negative Bedeutung verfügen. Zusätzlich unterscheidet Klein zwischen deontischer Explizitheit - d.h. die positive oder negative Bedeutung ist fester Bestandteil des Wortes und deontischer Implizitheit - d.h. die Bedeutung erschließt sich erst durch stilistische und emotionale Komponenten, die zusätzlich zur Hauptbedeutung des Wortes unterbewusst mitschwingen.

Durch die Bestimmung und Einordnung der entsprechenden Lexeme in argumentations- theoretische, semantische und deontische Kategorien, sollen die allgemeine politische Tendenz der NPD und die konkrete sprachstrategische Umsetzung dieser Ideologie ermittelt werden.

2.2 Populismus und Propaganda: Die NPD im Wahlkampf

Aufgrund ihres werbenden Charakters eignen sich Wahlkampfbroschüren besonders zur Prüfung semantischer Methoden im Persuasionsprozess. Im Vorfeld der Landtagswahl 2004 verschickte die NPD drei verschiedene Postwurfsendungen. Nur eines dieser Faltblätter wurde von der NPD-Sachsen herausgegeben. Unter dem Titel: „Nationaldemokraten in den Landtag - Das passiert als erstes, wenn die NPD ins Parlament einzieht“, thematisierte der Landesverband regionale Probleme und vermied dabei programmatische Aussagen. An den Grundsatzpositionen der Partei interessierte Leser, wurden auf zwei weitere, zur Landtagswahl verbreitete Schriften verwiesen. Für diese zeichnete sich allerdings der Bundesvorstand verantwortlich. Der im Folgenden analysierte Wahlkampf-Flyer trägt den Titel: „Aktionsprogramm für ein besseres Deutschland.“ Das zweiseitige Papier gliedert sich in einen einleitenden und fünf thematische Blöcke.

Zu Beginn wendet sich der Bundesvorsitzende Udo Voigt persönlich an die „lieben Landsleute“. Darstellung und Bewertung der politischen Lage erfolgen exemplarisch durch Charakterisierung der konkurrierenden Parteien und Politiker. Als Nominationen werden die Begriffe „Herrschaften“ und „Herrschende(n)“ benutzt. Beide Lexeme enthalten die implizit negativ deontische Komponente von Unkontrollierbarkeit und Illegitimität.21 Die nähere Beschreibung erfolgt mit explizit negativen Attributionen und Prädikationen. Beispielhaft sind die Beifügungen „volksfeindlich“ oder „gesetzeswidrig“ für andere Parteien sowie die Vokabel „gefallsüchtig“ für deren Spitzenpolitiker. Ähnlich negativ sind die Wortbedeutungen auf der Prädikationsebene. So zähle es zu den Eigenschaften der anderen Parteien, das Volk zu „verschaukeln“ und untereinander ein „Kartell“ zu bilden. Bedient sich Voigt mit „verschaukeln“ eines umgangssprachlichen Jargons, rekurriert „Kartell“ auf Vokabular aus dem Wirtschaftsrecht. Das Wort hat gleichzeitig eine metaphorische Komponente, die suggeriert, dass die etablierten Parteien die gleichen Ziele verfolgen und diese mit Absprachen zur Ausschaltung der Konkurrenz durchsetzen. Dank der Metaphorik gelingt auch die Diskreditierung konkreter Politiker ohne sie namentlich zu erwähnen. Das Bild der auf den „Prunkwagen der Schwulen- und Transvestitenparaden“ schunkelnden Spitzenpolitiker, weckt Assoziationen zu Klaus Wowereit (SPD), Guido Westerwelle (FDP) oder Volker Beck (Grüne), die ihre Homosexualität offensiv thematisieren.

Gleichzeitig wird auf moralischer Ebene ein Widerspruch zwischen Bevölkerung und Regierenden aufgebaut. Während erstere mit sozialen Problemen konfrontiert sind, umgeben sich letztere, aufgrund der Bedeutung des Wortes „Prunk“, mit einer als „übermäßig empfundenen Pracht“. Im Gegensatz dazu sind die Nominationen „Ausländer“, „Schwule“, und „Transvestiten“ zunächst wertfrei. Sehr subtil werden diese Gruppen dennoch in einen negativen Kontext gestellt. Die Prädikation vom „Wohl“ der Ausländer, um welches sich Politiker im Unterschied zum dem des eigenen Volkes „sorgen“ operiert ebenso mit Ängsten und Vorurteilen, wie das Bild der paradierenden „Schwule(n)“ und „Transvestiten“, bei potentiellen Wählern schon vorhandene homophobe Ressentiments verstärken dürfte. Zur Definition der eigenen politischen Ziele verwendet Voigt Schlagwörter wie: „Vollbeschäftigung“, „Gerechtigkeit“, „Identität“, „Werte“, „Gemeinschaft“ und „Familie“.

Im ersten thematischen Teil widmet sich die NPD unter der Überschrift: „Arbeitsplätze statt Globalisierung“ der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die gesellschaftliche Realität wird von Wirtschaftsinteressen dominiert wahrgenommen. Der ursprünglich deontisch neutrale Begriff „Konzern“ wird in einen negativen Zusammenhang gestellt. Das geschieht durch die Verbindung mit der Vokabel „Globalisierung“, die in der Überschrift als Gegenpol zu Arbeitsplätzen definiert und anderer Stelle mit dem explizit negativen Attribut „brutal“ versehen wird. Mit dem Begriff der „Ausgebeuteten“ zitiert die NPD zudem einen zentralen Terminus aus der marxistischen Gesellschaftstheorie. Verstärkt wird die Globalisierungskritik mir der Metapher vom „kleine(n) Mann“, der die „Zeche“ zahlt, dem Neologismus „Arbeitsplatzexport“ sowie der explizit negativen Nomination „Spekulanten“. Vor allem letztere Vokabel verfügt als Stigmawort über eine große Bedeutung in der rechtsextremen Semantik. Greift es doch auf den nationalsozialistischen Mythos vom „reichen Juden“ zurück, der mit internationalen Finanz- und Immobilienspekulationen das „raffende Kapital“ symbolisiert und damit im Gegensatz zum „schaffenden Kapital“ des deutschen Unternehmers steht. Schon Hitler forderte in „Mein Kampf“ die „scharfe, Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft.“22

Ähnlich formuliert die NPD ihre Ziele, indem sie die Forderung nach staatlicher Wirtschaftslenkung mit einer scheinbaren äußeren Bedrohung legitimiert. Dabei benutzt sie Schlagwörter wie: „Arbeitsplätze (zuerst für Deutsche)“, „Schutzzölle“ und „Souveränität“, die aus ihrer Sicht über eine positive Deontik verfügen.

Der zweite Abschnitt beginnt mit der Schlagzeile: „Ehrlichkeit statt Parteienfilz und Korruption.“ Die Sichtweise der NPD auf die politischen Verhältnisse in der BRD manifestiert sich am deutlichsten in der Metapher von der „Bananenrepublik“. Dieses Lexem wurde ursprünglich für mittelamerikanische Staaten wie Honduras, Nicaragua oder Panama gebraucht, deren Politik von Südfrucht exportierenden US-Konzernen bestimmt wurde. Mittlerweile wird er als politischer Kampfbegriff für Länder verwendet, die mit Korruption und Willkür in Zusammenhang gebracht werden. Passend zu diesem Bild werden die „herrschenden Politiker“ mit der negativen Attribution „überversorgt“ und der ebenfalls negativen Prädikation „wirtschaften in die eigenen Taschen“ beschrieben. Letztere ist zudem eine metaphorische Umschreibung für Unterschlagung. Ihr Gegenkonzept erläutert die NPD mit den scheinbar „linken“ Schlagwörtern „Volksentscheide“ und „Direktwahl“. Beide Begriffe lassen auf den ersten Blick Sympathie für ein System der direkten Demokratie vermuten. Nur latent wird vermittelt, dass keineswegs mehr Partizipation, sondern eine plebiszitär legitimierte Führerdemokratie propagiert wird. Die Verbindungen mit dem Wort „Bundespräsident“ als den direkt zu Wählenden und dem Neologismus „Parteienfilz“, legen nahe, dass sich die NPD an den Thesen des Rechtswissenschaftlers und NSDAP-Mitgliedes Carl Schmitt orientiert, der den Parlamentarismus der Weimarer Republik als degeneriertes System bezeichnete und der einen starken, direkt gewählten Reichspräsidenten als Gegenpol zum pluralistischen Parteienstaat forderte.23

Im Themenblock “Volksgemeinschaft statt Multikulti-Wahn“ wird die Beschreibung der gesellschaftlichen Situation weitergeführt. Bereits in der Überschrift definiert die NPD mit dem Neologismus „Multikulti-Wahn“ ihre Sichtweise auf die Zuwanderungsproblematik. Der erste Teil dieses Kompositums verfügte zumindest bis vor Kurzem über eine positive Deontik.24 Die Verbindung mit dem Lexem „Wahn“, das in der Psychologie für einen pathologisch verfälschten Bewusstseinszustand steht25, konterkariert jedoch den Sinngehalt. Diese Darstellung setzt sich fort. Zuwanderer werden als „multikulturelle Ansammlung von Individuen“ bezeichnet, wobei sich die Abwertung des eigentlich neutralen Begriffes „Individuen“ aus der Verbindung mit der explizit negativen Attribution „egoistische“ ergibt.

An anderer Stelle wird ähnlich verfahren. Die Nomination „Fremde“ wirkt auf den ersten Blick deontisch neutral. Implizit beinhaltet der Begriff aber auch eine potentielle Abgrenzung der eigenen Gruppe gegenüber Andersartigem. Eine ausdrücklich negative Bedeutung erhält das Lexem schließlich in der Kombination mit der dramatischen, schwer zu überschauenden Zahl „Millionen“ und dem Szenario, diese hohe Anzahl könnte „ins Land“ kommen. Auch „Deutsche“ werden mit explizit negativen Nominationen wie „Alkoholiker“ und „Medikamentenabhängige“ gekennzeichnet. Allerdings gelingt es, diese Gruppe unter dem Aspekt der Hilflosigkeit mit den positiven Prädikationen „Vereinsamung“ und „Perspektivlosigkeit“ zu Opfern zu stilisieren. Ihre Prinzipien und Ziele reduziert die Partei auf die Schlagwörter „Gemeinschaft“, „Volksgemeinschaft“ und „Ausländerrückführung.“ Die drei mal gebrauchte Nomination „Gemeinschaft“ wirkt zunächst wertfrei. Im Verständnis „rechter“ Ideologie ist sie jedoch Gegenstück und Ersatzwort zur Vokabel „Gesellschaft“. Bezeichne „Gesellschaft“ einen künstlich aufgezwungen, chaotischen Pluralismus, so stehe „Gemeinschaft“ für Gewachsenes und Geordnetes, in dem sich der Einzelne integrieren kann.26 Weniger subtil ist die Verwendung der von der NPD positiv bewerteten Nomination „Volksgemeinschaft.“ Damit wird auf das nationalsozialistische Ideal, eines als Rasse- und Weltanschauungsgemeinschaft homogenen Volkes ohne Standes- und Klassenschranken angespielt.27 Der im Text entworfene Zusammenhang zwischen der „Förderung von Familie und Brauchtum“ und "Volksgemeinschaft" vermittelt zudem den Eindruck, traditionelle familiäre Verbindungen ließen sich auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Ein speziell in rechtsextremen Kreisen gebräuchlicher Neologismus ist das Lexem „Ausländerrückführung“, das als euphemistischer Ersatz der Parole „Ausländer raus“ dient.

Im Abschnitt „Frieden für Deutschland“ präsentiert die NPD ihre Sichtweise auf die internationale Politik und formuliert Thesen für eine zukünftige deutsche Außenpolitik. In der Analyse wird die BRD als „nicht voll souverän“ und mit Hilfe des Bildes von den „fremden Truppen“ als ein von den USA besetztes Land dargestellt. Europa mutiert durch das Schlagwort „US-Kolonie“ gar zum okkupierten und ausgebeuteten Kontinent. Im Gegensatz zu den vorigen Textteilen werden die vermeintlich Schuldigen konkret genannt. Als Feindbilder dient neben den USA und speziell der „US-Wirtschaft“ die damalige Regierungskoalition, die zunächst mit der deontisch neutralen Nomination „Rot-Grün“ benannt wird.

Auch hier ergibt sich die negative Sichtweise erst aus den angefügten Prädikationen. So beinhaltet die Behauptung, dass die Koalition „keine wirkliche Friedenspolitik“ betreibe, zwar der Tatsache, dass sich Deutschland nach damaligem Kenntnisstand nicht aktiv an der amerikanischen Kriegspolitik beteiligte, intendiert aber zugleich eine unterschwellige Solidarität mit den USA. Dass die Staatsmacht der Bevölkerung bezüglich ihrer Außenpolitik falsche Tatsachen vorspielt, vermittelt die NPD auch mit der metaphorischen und explizit negativ besetzten Prädikation „(vor)gaukeln“. Im Mittelalter wurde sogenanntes „Fahrendes Volk“, das sich außerhalb der gesellschaftlichen Standesordnung befand, als „Gaukler“ bezeichnet.28 Ihre Ziele definiert die NPD als Gegenpol zum Unitarismus der USA. Dabei übernimmt sie die von der „linken“ Friedensbewegung geprägten Losung „Kein Blut für Öl“. Mit dem Schlagwort „Schutz (der Heimat)“ suggeriert die NPD indirekt die Gefahr einer von außen kommenden Bedrohung.

Der letzte Teil steht unter der Überschrift „Familienförderung statt Konzernsubvention.“ Zur Situationsbeschreibung setzt die NPD wie zuvor auf Dramatisierung. Zwei gesellschaftliche Gruppen stehen sich aus Perspektive der Partei gegenüber. Einerseits die Familien und hier besonders die Kinder. Diesen wird durch explizit negative Attributionen und Prädikationen die Opferrolle zugewiesen. Für Familien sei „kein Geld“ vorhanden, da „die Realeinkommen stetig sinken.“ Kinder seien „verhaltensgestört“, „auf Sozialhilfe angewiesen“, ihr „Bildungsniveau sinkt weiter“ und sie wachsen als „Einzelkinder“ auf, da die „Zahl der Ehescheidungen steigt, während die Zahl der Heiraten abnimmt“. In Deutschland lebende ausländische Familien oder Kinder schließt die NPD durch Beifügung der Attribution „deutsch“ unmissverständlich vom Aspekt der Hilfsbedürftigkeit aus. Geholfen werden müsse „deutschen“ Kinder und „deutschen“ Familien. „Ausländerkinder“, denen die NPD durch die Kombination mit der deontisch negativen Prädikation „sprachlich zurückgeblieben“ eigentlich ebenfalls Förderungsbedarf attestiert, werden implizit für die Bildungsmisere der deutschen Kinder verantwortlich gemacht. Dies geschieht, indem die Forderung nach getrennten Klassen indirekt mit der explizit negativen Prädikation begründet wird, dass ausländische Schüler deutsche Kinder in ihrem Lernfortschritt hemmen könnten. Diese Situationsdarstellung kulminiert in dem apodiktischen Satz: „Das deutsche Volk stirbt aus.“ Auf der anderen Seite verdeutlicht bereits die Überschrift, welche Gruppe aus Perspektive der NPD für diesen Zustand verantwortlich ist.

[...]


1 Vgl.: Freudenreich, Daniel: „Eklat beim NPD-Interview“ in: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,319132,00.html (17.03.2006).

2 Berg, Stefan (u.a.): „Nazis mit Hüpfburg“ in: „Der Spiegel“, 27.09.2004, S. 44.

3 Vgl.: “Ziel ist es, die BRD abzuwickeln.“ Interview mit Udo Voigt in: www.jf-archiv.de/archiv04/404yy08.htm (05.04.06).

4 Vgl.: Reimer, Nick: „Nazis im Landtag: Cool bleiben“ in: „die tageszeitung“, 21.09.2004, S.3, sowie Interview mit dem Politologen Eckhard Jesse in: „Sächsische Zeitung“, 21.09.2004, S. 8.

5 Vgl.: Brech, Franziska / Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.): „Ein halbes Jahr NPD im sächsischen Landtag. Personen - Arbeitsstil - Perspektiven.“, Berlin, 2005, S.25.

6 Heringer, Hans Jürgen: „Ich gebe ihnen mein Ehrenwort - Politik - Sprache - Moral“, München, 1990, S. 9.

7 Grünert, Horst: „Politische Geschichte und Sprachgeschichte“ in: „“Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht“, 1983, S.43.

8 Vgl.: Beilecke, Francois: „Politische Sprache: Grundlagen“ in: http://www.uni- kassel.de/fb5/politikwissenschaft/AGPolSpr/polgru.html.

9 Vgl.: Girnth, Heiko: Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation“, Tübingen, 2002, S.9.

10 Vgl.: Girnth, S. 9.

11 Vgl.: Klein, Joseph: „’Grundwortschatz’ der Demokratie“ in: Kilian, Jörg (Hrsg.): „Sprache und Politik. Deutsch im demokratischen Staat“, Mannheim, 2005, S. 135f.

12 Vgl.: Pörksen, Bernard: „Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien“, Wiesbaden, 2000, S.103 ff.

13 Vgl.: Ebd.

14 Vgl.: Ebd., S.114.

15 Vgl.: Ebd., S. 152.

16 Vgl.: Ebd., S. 170.

17 Ebd., S.105.

18 Vgl.: Klein, Josef: Bewertendes Reden über Migranten im Deutschen Bundestag.“, S.242 ff.

19 vgl.: Ebd. S. 244.

20 vgl.: Ebd. S. 244.

21 Vgl.: Klein, Josef: „Wortschatz, Wortkampf, Wortfelder in der Politik“ in: ders.: „Politische Semantik. Beiträge zur politischen Sprachverwendung“, Opladen, 1989, S. 13.

22 Hitler, Adolf: „Mein Kampf“, München, 1939, S.232 f. 7

23 Vgl.: Schmitt, Carl: „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“, 8. Auflage, Berlin, 1996, S. 7.

24 Vgl.: Pörksen, Bernard: „Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien“, Wiesbaden, 2000, S.156.

25 Vgl.: Arnold, Wilhelm / Eysenck, Hans Jürgen (Hrsg.): „Lexikon der Psychologie. Band 3“,12. Auflage Freiburg, 1994, S. 2518.

26 Vgl.: Pörksen, Bernard: „Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien“, Wiesbaden, 2000, S.156 f.

27 Vgl.: Kleinhans , Bernd: „Volksgemeinschaft“ in: www.shoah.de/content/view/128/41/. 9

28 Vgl.: Rusch, Barbara: „Gaukler“ in: Microsoft Encarta Enzyklopädie 2001. 10

Details

Seiten
37
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638504300
ISBN (Buch)
9783638663977
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55503
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
1.Teil: 1,3 / 2. Teil: 1,0
Schlagworte
Kommunikationsstrategie Eine Analyse Sprache Politik

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Titel: Die Kommunikationsstrategie der sächsischen NPD - Eine semantische und pragmatische Analyse