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Königinnen der Lüfte

Biografien berühmter Fliegerinnen

Fachbuch 2001 152 Seiten

Biographien

Leseprobe

Vorwort

Königinnen der Lüfte

Die Französin Jacqueline Auriol flog als erste Europäerin schneller als der Schall. Sie und die Amerikanerin Jacqueline Cochran erkämpften sich abwechselnd den Ruf, die „schnellste Frau der Welt“ zu sein. Die Deutsche Hanna Reitsch wurde erster weiblicher Flugkapitän, flog als erste Frau einen Hubschrauber und stellte mehr als 40 Rekorde aller Klassen und Flugzeugtypen auf. Ihre Landsmännin Elly Beinhorn führte ein legendenumwobenes Leben und prägte die sportlichen Anfänge der Fliegerei. Die Russin Valentina Tereschkowa war die erste Frau im Weltall.

Diesen und anderen „Königinnen der Lüfte“ aus aller Welt ist das gleichnamige Taschenbuch gewidmet. Es berichtet nicht nur von strahlenden Erfolgen, sondern auch von schmerz- lichen Ereignissen. Bei Abstürzen verloren viele Pilotinnen – wie Maryse Bastié, Amelia Earhart, Christa McAuliffe und Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg – sowie die Ballon- fahrerin Madeleine Sophie Blanchard – ihr Leben.

Ergänzt wird das Taschenbuch durch eine Liste mit Daten weiterer berühmter Fliegerinnen, Ballonfahrerinnen und Astronautinnen.

Wie ein „roter Faden“ zieht sich durch das Taschenbuch, wie schwer es früher Frauen von Männern gemacht wurde, das Fliegen zu lernen und in der Luftfahrt Fuß zu fassen. Bis in jüngste Zeit hatten Pilotinnen weltweit unter Vorurteilen zu leiden.

Ernst Probst

Dank

Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung: Etwaige Fehler gehen zu Lasten

des Verfassers), mancherlei Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich herzlich:

Eric G. Ackermann, Special Collections, University Libraries, Virginia Tech, Blacksburg Werner Baumbauer, Mackenrodt

Werner Bittner, Deutsche Lufthansa AG, Public Relations Dienste, Firmenarchiv, Köln

Deutsche Lufthansa AG, Public Relations Dienste, Firmenarchiv, Köln

Harald Enteneuer, Bundesgeschäftsführer, Deutscher Luftwaffenring e. V., Bonn Sandra Friedrich, Lufthansa CityLine GmbH, Unternehmenskommunikation, Köln

Bette Davidson Kalash,

Jesse Davidson Aviation Archives Luftfahrt-Bundesamt, Braunschweig Alois Maiburg, Architekt, Wesseling

Irmtrud Meyer, Diplom-Bibliothekarin, Bonn Maurice G. Meyer, Conseilleur Honoraire Extérieur de la France, Straßburg

Bernd Neu, Archivar, Ingelheim Doris Probst, Mainz-Kostheim

Sonja Probst, Johannes Gutenberg-Universität Mainz Stefan Probst, Mainz-Kostheim

Norman G. Richards,

Archives Reference Team, Smithsonian National Air and Space Museum, Washington

Professor Dr. med. Bernd Rosemeyer, München Wolf-Dieter Schaller, Flughafen Frankfurt Main AG Karl-Dieter Seifert, Berlin

Sabine Trube, Flugkapitän, Neuss

Hannelore Zapf, Condor Flugdienst GmbH, Kelsterbach

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jaqueline Auriol

Sie durchbrach als erste Europäerin die Schallmauer

Die erste Europäerin, die schneller als der Schall flog, war die französische Pilotin Jacqueline Auriol (1917–2000), geborene Jacqueline Marie-Thérèse Suzanne Douet. Sie stellte einige Weltrekorde auf, war mehrfach – abwechselnd mit Jacqueline Cochran – „die schnellste Frau der Welt“ und galt international als eine der besten Pilotinnen.

Jacqueline Marie-Thérèse Suzanne Douet wurde am 5. No- vember 1917 in Challans Vendée als Tochter des Holzhändlers Pierre Douet geboren. Sie besuchte die katholische Klo- sterschule „Blanche-de-Castille“ in Nantes sowie das „College Lycée Prives Notre-Dame-de-Sion“ und die Hochschule „Éco- le du Louvre“ in Paris. Im Februar 1938 heiratete die 20- Jährige den nahezu gleichaltrigen Paul Auriol (1918–1992), den Sohn des späteren Präsidenten der französischen Republik. Aus dieser Ehe gingen 1938 der Sohn Jean-Claude und 1941 der Sohn Jean-Paul hervor.

1947 begegnete die 29-Jährige bei einem Dinner im Präsi- dentenpalais dem französischen Flieger Raymond Guillaume. Er schwärmte: „Beim Fliegen bleibt alles am Boden zurück. Es gibt nur zwei Dinge dort oben: Leben und Tod“. Seine Worte fielen bei der zweifachen Mutter auf fruchtbaren Boden.

Denn die High Society und Repräsentationspflichten an der Seite ihres Mannes, der als Sekretär seines Vater arbeitete, füllten sie nicht aus. Die Kinder sind bereits dem Babyalter entwachsen gewesen.

Ihr Gatte, der früher selbst Kampfflieger gewesen war, zeigte sich von der Idee Jacquelines begeistert, der Schwiegervater dagegen weniger. Als sich zeigte, dass Jacqueline eine große Begabung für die Fliegerei besaß, ließ sie sich auch im Kunstflug ausbilden. Zwischen 1948 und 1954 erwarb sie sechs verschiedene Pilotenscheine für sämtliche Flugzeug- typen, auch für Segelflugzeuge. Aufgrund ihres fliegerischen Könnens konnte sie bald als Einfliegerin und Testpilotin arbeiten.

Im Juli 1949 startete Jacqueline Auriol in Paris als einzige Frau unter 20 männlichen Kunstfliegern. Nach diesemAuftritt als tollkühne Luftakrobatin verlieh man ihr den Spitznamen „La Lionne“ („die Löwin“). Eine Woche später stürzte Jacqueline am 11. Juli 1949 als Kopilotin in einem Was- serflugzeug in die Seine. Sie überlebte das Unglück, erlitt aber schwere Gesichtsverletzungen. Danach musste sie eine Stahlmaske tragen, monatelang flüssig ernährt werden und fast anderthalb Jahre in Kliniken verbringen. Selbst ihre eigenen Kinder erkannten sie nicht mehr.

Um sich von den Unfallfolgen abzulenken, studierte die ans Bett gefesselte und entstellte Jacqueline Auriol eifrig Aero- nautik, Algebra und Trigonometrie. In den USA gelang es Schönheitschirurgen, innerhalb von zwei Jahren mit 22 Ein- griffen das ehedem liebreizende und photogene Gesicht wiederherzustellen. Später erzählte Jacqueline, sie sei sich zwölf Jahre lang beim Blick in den Spiegel fremd vorge- kommen.

Gleich nach ihrer letzten Operation in den USA absolvierte Jacqueline Auriol ihr Diplom als Hubschrauberpilotin. Nach ihrer Gesundung wollte sie den von der amerikanischen Fliegerin Jacqueline Cochran (1906–1963), einer Freundin von ihr, gehaltenen Geschwindigkeitsrekord für Frauen brechen. Dieses Vorhaben gelang ihr am 11. Mai 1951 auf dem Flugplatz Villacoublay bei Paris mit einem britischen „Vampire“-Düsenjäger: Mit 818,181 Stundenkilometern wurde sie die „schnellste Frau der Welt“. Im September 1952 erhielt Jacqueline in Frankreich das „Kreuz der Ehrenlegion“. Der amerikanische Präsident Harry Spencer Truman (1884– 1972) verlieh Jacqueline Auriol im November 1952 im „Weißen Haus“ in Washington die „Internationale Harmon Trophy“ für hervorragende fliegerische Leistungen. Diese „Harmon Trophy“ wird seit 1926 alljährlich international in drei Kategorien vergeben: 1. an einen herausragenden Flieger, 2. an eine herausragende Fliegerin und 3. an Aeronauten (Ballonfahrer oder Luftschiffer). Die vierte Kategorie ist die „National Trophy“ in jedem der Mitgliedsstaaten. Der Name der „Harmon Trophy“ erinnert an den amerikanischen Ballonfahrer und Piloten Clifford B. Harmon (1866–1945), den wohlhabenden Sponsor dieser Auszeichnung. Die „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“ erhielt Jacqueline auch 1951, 1953, 1955 und 1956.

Am 21. Dezember 1952 glückte Jacqueline Auriol ein neuer Weltrekord für Frauen: Mit einer „Mistral 76“ erreichte sie zwischen Avignon und Istres über 100 Kilometer Flugstrecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 856 Stundenkilome- tern. Damals trugen JacquelineAuriol und Jacqueline Cochran abwechselnd den Ehrentitel „schnellste Frau der Welt“.

Als erste Europäerin durchbrach Jacqueline Auriol am 15. August 1953 mit einem Düsenjäger des Tpys „Mystère-IV- N“ die Schallmauer (Mach 1): Sie erreichte 1.195 Stunden- kilometer. Ein neuer Geschwindigkeits-Weltrekord für Frauen folgte am 31. Mai 1955: Nun überbot Jacqueline Auriol mit einem Düsenjäger vom Typ „Mystère IV“ mit 1.200 Stun- denkilometern den Rekord von Jacqueline Cochran.

Mitte der 1950-er Jahre besaß der Titel „Schnellste Frau der Welt“ nur noch repräsentative Bedeutung. Denn vom 1. Juli 1955 bis Anfang 1956 hatte der „Internationale Luftsport- verband“ den Geschwindigkeits-Weltrekordtitel für Frauen abgeschafft.

Am 26. August 1959 übertraf Jacqueline Auriol ihre eigene Bestleistung vom Mai 1955 deutlich: Sie schaffte mit einem Düsenjäger vom Typ „Mirage III“ eine Rekordgeschwindigkeit von 2.150 Stundenkilometern. Der Flug fand über dem Flughafen Istres statt. Drei Jahre später, am 22. Juni 1962, brach Jacqueline mit einem neuen französischen Düsenjäger, dem „Mistral III“, mit 1.849 Stundenkilometern erneut den internationalen Schnelligkeitsrekord für Frauen über eine Strecke von 100 Kilometern.

Mit einer „Mirage III-R“, glückte Jacqueline Auriol am 14. Juni 1963 in Istres ein neuer Rekord. Dabei erreichte sie 2.038,7 Stundenkilometer. 1964 gelang ihr ein weiterer Rekord.

Nach ihrem folgenschweren Absturz vom Juli 1949 absol- vierte Jacqueline Auriol unfallfrei noch mehr als 4.000 Flug- stunden. Insgesamt flog sie als Testpilotin rund 100 ver- schiedene Militärflugzeuge. Sie rauchte und lachte gerne und war auf ihren ältesten Sohn stolz, der bereits im Alter von 17 Jahren seinen Pilotenschein erworben hat.

1967 endete die 1938 geschlossene Ehe von JacquelineAuriol und Paul Auriol mit der Scheidung. Doch 1987 entschlossen sich beide zur Wiederheirat. Am 26. April 1992 betrauerte Jacqueline den Tod ihres Ehemannes Paul.

Die „schnellste Frau der Welt“ starb amAbend des 11. Februar 2000 im Alter von 82 Jahren in ihrer Pariser Wohnung. 2003 wurde Jacqueline Auriol von der „Women in Aviation International“ („WAI“) anlässlich des Jubiläums „Centennial of Flight Woman in Aviation“ als eine der 100 wichtigsten Frauen in der Luft- und Raumfahrtindustrie geehrt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Maryse Bastié

Die Fliegerin,

die acht Weltrekorde brach

Frankreichs berühmteste Fliegerin war Maryse Bastié (1898–1952), geborene Marie-Louise Bombec. Sie erwarb 1928 als erste Französin den Führerschein für Passagier- flugzeuge und stellte in den 1930-er Jahren acht Weltrekorde auf. 1952 kam die tüchtige Pilotin auf tragische Weise bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Zu ihren Lebzeiten be- zeichnete man sie respektvoll als „Sprinterin der Luft“, „Him- mels-Trumpf“ oder „Dauerläuferin am Firmament“.

Marie-Louise („Maryse“) Bombec kam am 27. Februar 1898 gegen sieben Uhr abends als letztes von drei Kindern des Eisengießers Joseph Bombec (1866–1908) und seiner Ehefrau Céline Filholaud (1873–1951) in Limoges (Département Haute Vienne) zur Welt. Das erste Kind war eine Tochter namens Jeanne, die 1894 noch im Jahr der Geburt starb. Als zweites Kind folgte der Sohn Pierre (1896–1916).

Im Alter von neun Jahren betrauerte Maryse den Tod ihres Vaters, der am 17. Februar 1908 in Limoges starb. Danach musste die Restfamilie finanziell ums Überleben kämpfen. Als Mädchen soll Maryse ungestüm und stur gewesen sein. Nach dem Verlassen der Schule arbeitete sie mit 14 Jahren in einer Schuhfabrik, wo sie Leder nähte. Nachdem die Schuhfabrik 1914 geschlossen wurde, betätigte sich Maryse als Näherin in einer Fabrik, die Militärblusen herstellte.

Gegen den Willen ihrer Familie heiratete die 16-jährige Maryse Bombec am 11. Februar 1915 den Porzellanmaler Baptiste Gourinchas. Aus dieser Ehe ging der Sohn Germain (1915-– 1935) hervor. 1917 unternahm Maryse in Limoges mit einem Freund den ersten Flug in einem Motorflugzeug. Dabei lernte sie den aus Fiac bei Toulouse stammenden Piloten Louis Bastié kennen. Bastié war gegen Ende des Ersten Weltkrieges ein Brieffreund von Maryse.

Ab 1918 arbeitete Maryse Gourinchas als Schreibkraft in der Elektrizitätsgesellschaft von Limoges. Ihre erste Ehe endete im Dezember 1920 mit der Scheidung.

Am 22. Mai 1922 schloss die geschiedene Maryse Gourinchas ihre zweite Ehe mit dem ehemaligen Militärpiloten und entlassenen Fliegerleutnant Louis Bastié (1897–1926). Zu- nächst führten Maryse und Louis ein Schuhgeschäft in Cognac. Später arbeitete ihr Mann als Fluglehrer in Bordeaux- Mérignac. Durch ihren Gatten begeisterte sich auch Maryse Bastié für die Fliegerei. Ihr Mann konnte ihr mit einem Militärflugzeug nicht das Fliegen beibringen. Statt dessen gab ihr der private Fluglehrer Guy Bart (1898–1983) Flug- unterricht. Am 29. September 1925 erhielt Maryse in Bordeaux-Teynac den Pilotenschein. Die frischgebackene Pilotin flog am 6. Oktober 1925 mit einer „Caudron G3“ unter den Kabeln der Hängebrücke „Pont transbordeur de Bordeaux“ in Bordeaux durch. In sechs Etappen wagte sie am

13. November 1925 einen Flug von Bordeaux nach Paris. Vor den Augen von Maryse Bastié stürzte am 15. Oktober 1926 ihr Ehemann Louis während eines Probefluges in Bordeaux tödlich ab. Der Tod ihres Mannes schreckte sie nicht davor ab, weiterhin zu fliegen.

1927 arbeitete Maryse Bastié bei der Flugschule Pilain in Orly bei Paris sechs Monate lang als Fluglehrerin. Von ihren letzten Ersparnissen kaufte sich Maryse 1927 ein gebrauchtes kleines Flugzeug des Typs „Caudron C109“, das sie liebevoll „Trottinette“ („Radelrutsch“) nannte. Weil sie kein Geld für Treibstoff zum Fliegen hatte, unterstützte sie der Pilot Maurice Drouhin (1891–1928) finanziell.

Ihren ersten Rekord stellte Maryse Bastié am 13. Juli 1928 in ihrer zweisitzigen „Caudron C109“ zusammen mit Maurice Drouhin bei einem 1.058 Kilometer langen Flug von Paris nach Treptow in Pommern auf. Für diese Leistung erhielten die Beiden zusammen 25.000 Francs. Drouhin und der Mechaniker André Lanet kamen kurz darauf im August 1928 bei einem Testflug mit einer „Couzinet 27“ in Paris-Le Bourget ums Leben, während der Pilot Louis Magnard überlebte.

Als erste Frau in Frankreich erwarb Maryse Bastié am 11. Oktober 1928 den Führerschein für Passagierflugzeuge. Ab 1928 trug sie auch offiziell den Vornamen Maryse statt Marie- Louise.

Ein Rekord nach dem anderen glückte Maryse Bastié im Frühjahr und im Sommer 1929. Am 29. April 1929 erkämpfte sie auf dem Flughafen Orly in ihrer „Caudron C109“ mit einem Flug über 10 Stunden 30 Minuten einen französischen Rekord für Frauen. Mit 24 Stunden 24 Minuten gelang ihr am 20. und 21. Juli 1929 ein französischer Dauerflug-Rekord. 26

Stunden 48 Minuten lang kreiste sie am 28. und 29. Juni 1929 mit ihrer „Caudron C109“ über dem Pariser Flughafen Le Bourget, brach damit den Alleinflug-Dauerrekord für Frauen und erhielt hierfür 10.000 Francs. Die russischstämmige Pilotin Lena Bernstein (1906–1932) blieb am 2. Mai 1930 mit 35 Stunden 45 Minuten noch länger mit ihrer Maschine in der Luft als Maryse.

Mit ihrem deutschen Leichtflugzeug des Typs „Klemm KL25“, das einen 40-PS-Motor hatte, erkämpfte sich Maryse Bastié am 1. April 1930 in 22 Stunden 40 Minuten die Urkunde für den „Internationalen Rekord in geschlossener Bahn“. Ein weiterer Rekord für Kleinflugzeuge folgte am 17. August 1930 mit einem Flug über 26 Stunden. Vom 2. bis 4. September 1930 triumphierte Maryse über Lena Bernstein, als sie mit ihrer „Klemm KL25“, ohne zu tanken, 37 Stunden 55 Minuten flog. Damit stellte sie für Frauen einen neuen

„Internationalen Dauerrekord für Einsitzer“ auf. Dabei kämpfte sie bis zur Erschöpfung gegen die Kälte, den Mangel an Schlaf und Abgase des Motors. Nach dem Aussteigen aus ihrer Maschine erklärte sie, um nichts in der Welt würde sie dies wieder tun.

Im Oktober 1930 kaufte Maryse Bastié eine „Caudron C-230 Luciole“ mit 40-PS-Motor. Mit dieser Maschine startete sie am 28. Juni 1931 zu einem 2.976 Kilometer weiten Direktflug von Frankreich (Paris-Le Bourget) über Deutschland nach Russland (Urino bei Nishni Nowgorod in Sibirien). Dabei brach sie mit 30 Stunden 30 Minuten den bis dahin von Lena Bernstein gehaltenen „Weltstreckenrekord für Frauen über 3.000 Kilometer“ und stellte den „Internationalen Strecken- rekord für Einsitzer der Klasse III“ auf. Fortan galt sie als berühmte Fliegerin und konnte von den Einnahmen, die ihr die Flüge mit der eigenen Maschine sowie Werbung ein- brachten, leben.

1931 erhielt Maryse Bastié als erster Franzose die renommierte „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“. Die „Union des républiques socialistes soviétiques“ („URSS“) bedachte Maryse 1931 mit derAuszeichnung „Ordre de l’etoile rouge“. Die „Internationale Flieger-Liga“ verlieh ihr 1932 den offiziellen Weltmeistertitel für Frauen.

In manchen Biografien heißt es irrtümlich, Maryse Bastié sei 1934 als erste Frau von Paris (Frankreich) nach Tokio (Japan) und zurück geflogen. Tatsächlich hat aber ihre Landsmännin Maryse Hilsz (1903–1946) sowohl 1933 als auch 1934 jeweils einen Flug von Paris nach Tokio erfolgreich zurück- gelegt.

Ein schwerer Schicksalsschlag traf Maryse Bastié am 6. Juni 1935. An jenem Tag starb ihr Sohn Germain, der bei der französischen Marine diente, im Krankenhaus in Bizerte (Tunesien) im Alter von nur 20 Jahren an Typhus.

Zusammen mit Guy Bart gründete Maryse Bastié im August 1935 auf dem Flugplatz Orly die Flugschule „Maryse Bastié Aviation“. Diese Flugschule bestand nur kurze Zeit.

Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ arbeitete Maryse in den 1930-er Jahren auch als Verkaufsdirektorin bei einem Motoren- und Flugzeughersteller.

Kurz nach dem Verschwinden des französischen Fliegers Jean Mermoz (1901–1936) über demAtlantik krönte Maryse Bastié ihre fliegerische Leistung am 30. Dezember 1936. Durch Nebel und Gewitterwolken flog sie mit einem geliehenen Eindecker „Caudron Simoun“ – nur mit einem Kompass für die Navigation ausgerüstet – von Dakar in Westafrika über den Südatlantik nach Natal in Brasilien. Dabei legte sie in 12 Stunden 5 Minuten insgesamt 3.173 Kilometer zurück. Damit war sie eine Stunde schneller als die bisherige Rekordhalterin Jean Batten (1909–1982) aus Neuseeland und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 264 Stundenkilometern. Nach der triumphalen Heimkehr von Maryse verlieh ihr der Luftfahrtminister 1937 den Titel eines „Offiziers der Ehren- legion“ („Chevalier de la Légion d’honneur“).

Im Sommer 1937 flog Maryse in einem erneut vom fran- zösischen Luftfahrtministerium ausgeliehenen Flugzeug des Typs „Caudron Simoun“ zusammen mit der französischen Pilotin Suzanne Tillier von Paris nach Krasnojarsk in Sibirien und zurück.

Von November 1937 bis März 1938 unternahm Maryse Bastié mit einer „Caudron Simoun“ eine Vortragsreise in Südamerika. 1937 veröffentlichte sie ihreAutobiographie „Ailes ouvertext: carnet d’une aviatrive“. Der Maler Luigi Corbellini (1901– 1968) fertigte 1937 ein Aquarell mit ihrem Porträt an. 1937 hat man Maryse Bastié geradezu mit Auszeichnungen überhäuft.

Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) meldete sich Maryse Bastié freiwillig als Pilotin zur französischen Luftwaffe (Versorgungsstaffel). Sie konnte aber als Frau wegen der damaligen Bestimmungen nicht angenommen werden und wurde statt dessen Fahrerin eines Ambulanzwagens. Während der deutschen Offensive im Mai 1940 arbeitete sie für das „Rote Kreuz“ und half vor allem französischen Kriegsge- fangenen im Lager Drancy. Bei der Abfahrt eines Zuges mit Kriegsgefangenen nach Deutschland wurde Maryse von einem deutschen Wachtposten gestoßen, brach sich dabei den rech- ten Ellenbogen und behielt fortan eine Behinderung. Unter dem Deckmantel des „Roten Kreuzes“ sammelte sie Infor- mationen über die Insassen des Lagers. Damals gehörte sie der französischen Widerstandsbewegung („Résistance“) an. 1944 wurde sie von der deutschen „Geheimen Staatspolizei“ („Gestapo“) festgenommen. Nach der Befreiung von Paris trat sie der „Women’s Auxiliary“ der „Air Force“ bei und hatte den Rang eines Leutnants. 1946 wurde sie entlassen. 1947 erhielt sie als erste Frau den Rang eines Kommandanten der Ehrenlegion („Commandeur de Légion d’honneur“).

Ab 1951 arbeitete Maryse Bastié für die PR-Abteilung des Testflug-Centers Brétygny.Am 6. Juli 1952 verlor sie im Alter von 54 Jahren auf dem Flugplatz Lyon-Bron ihr Leben. Sie befand sich an Bord des Prototyps eines zweimotorigen mili- tärischen Transportflugzeuges „Nord 2501 Noratlas“, dessen rechtes Triebwerk während des Fluges ausfiel. Die Maschine stürzte aus rund 200 Metern Höhe ab und fing Feuer. Maryse wurde unter den Trümmern begraben und erschlagen. Auch die fünfköpfige Besatzung starb.

Die berühmte Fliegerin wurde in Paris auf dem Montpar- nasse-Friedhof beigesetzt, wo ihr Grab noch heute erhalten ist. In Frankreich tragen viele Schulen ihren Namen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Elly Beinhorn

Deutschlands Meisterfliegerin

Die erste Frau, die alle fünf Erdteile mit dem Flugzeug überflog, war die deutsche Pilotin Elly Beinhorn (1907– 2007), die zu den berühmtesten Fliegerinnen der Welt gehört. Während ihres legendenumwobenen Lebens erlebte sie die sportlichen Anfänge der Fliegerei mit und prägte sie. Ihr guter Ruf beruht auf zahlreichen fliegerischen Meisterleistungen. Daneben schrieb sie auch Bücher und arbeitete für Funk und Fernsehen, testete Autos, fotografierte Afrikasafaris und hielt

Vorträge über Autos und Verkehrsprobleme.

Elly Beinhorn kam am 30. Mai 1907 als Tochter des Kauf- manns Henry Beinhorn in Hannover zur Welt. Sie war ein Einzelkind, hätte gerne Geschwister gehabt und auf dem Land gelebt, weil man dort besser im Freien herumtollen konnte als in der Stadt. Am liebsten spielte sie „Räuber und Prin- zessin“. Ihre Vorfahren waren Raubritter in dem Dorf Bein- horn bei Hannover. Im Alter von fünf Jahren brachte sie sich selbst das Schwimmen bei.

In ihrem Geburtsort besuchte Elly drei Jahre lang die Stadt- töchterschule und anschließend das Schillerlyceum, das sie in der letzten Klasse vor dem Abitur verließ. Obwohl sie leicht lernte, wollte sie in der Schule nicht zu den Besten gehören und keine Streberin sein. In Handarbeit und Betragen erhielt sie immer schlechte Noten, für Letzteres einmal sogar eine Fünf. Bei ihren Mitschülerinnen war Elly sehr beliebt und wurde gegen den Widerstand ihrer Lehrer zur Vertrauens- schülerin gewählt.

Als 16-Jährige wollte Elly in weit entfernte Länder reisen und dort Abenteuer erleben. Aus diesem Grund schrieb sie an die „Abteilung Tierfang-Expedition“ des Hamburger Tierparks Hagenbeck. Zu ihrer Enttäuschung erhielt sie aber keine Antwort. Elly schickte auch einen Brief an die Abteilung „Expeditionsreisen“ des Filmstudios „UFA“ in Berlin. Doch als sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, wusste sie nicht, wie sie nach Berlin kommen sollte. Sie wollte nicht mehr zur Schule gehen und träumte immer wieder von anderen Abenteuern. Gelegentlich wollte sie aber auch nur das Hutgeschäft ihrer Eltern zu ungeahnter Blüte bringen.

Im Sommer 1928 wurde Elly Beinhorn von Freunden zu einem Vortrag des deutschen Flugpioniers Hermann Köhl (1888– 1938) eingeladen. Dieser hatte am 12./13. April 1928 in einer einmotorigen „Junkers W33“ zusammen mit zwei anderen Piloten als Erster den Nordatlantik von Osten nach Westen überquert. Nach dem Vortrag über diesen spektakulären Flug begeisterte sich Elly für die Fliegerei und wollte unbedingt das Fliegen lernen.

Am nächsten Morgen besuchte Elly den Präsidenten des Hannoverschen Aero-Clubs in seinem Büro und erzählte ihm von ihrem Wunsch. Doch der erfahrene Flieger erklärte ihr, es gebe in Deutschland keine beruflichen Möglichkeiten für Pilotinnen, fragte sie, womit sie eine teure Ausbildung und den Unterhalt eines Flugzeuges bezahlen wolle, und sagte, dass sie in Hannover nicht schulen könne, sondern deswegen nach Berlin müsse.

Elly ließ sich durch diese Bedenken nicht von ihren Plänen abhalten. Sobald sie konnte, fuhr sie zur Sportfliegerschule der „Deutschen Luftfahrt AG“ in Berlin-Staaken und erkun- digte sich nach denAufnahmebedingungen. Zunächst versuch- te man, sie abzuwimmeln, doch sie war so hartnäckig, dass man später doch erklärte, sie könne kommen, allerdings ohne Zusage auf einen festen Platz.

Als Elly ihre Eltern darüber informierte, dass sie in Berlin das Fliegen lernen wolle, gab es Familienkrach. Ihr Vater wollte sie wegen ihres Geisteszustandes von einem Nervenarzt untersuchen lassen. Immer wieder warf er ihrer Mutter vor, sie sei viel zu nachsichtig mit ihrer Tochter gewesen und diese hätte viel energischer angefasst werden müssen, dann wäre sie nie auf so verrückte Ideen gekommen. Ihre Mutter weinte tagelang.Aber Elly war bereits 21 Jahre alt, hatte ihr Sparbuch geplündert und konnte nicht mehr gestoppt werden.

An einem Novembertag im Jahre 1928 saß Elly Beinhorn in Berlin zum ersten Mal in einem Flugzeug. Ihr Fluglehrer war Diplom-Ingenieur Otto Thomsen (1895–1960), einer der Männer, die Elly bei ihrem ersten Besuch im Büro der Flugschule das Fliegen auszureden versuchten. Thomsen unterrichtete später auch Hanna Reitsch (1912–1979) und Wernher von Braun (1912–1977), die als Weltklassefliegerin bzw. als Raketenkonstrukteur Karriere machten. Der Vater von Elly war bei einem Besuch in Berlin davon beeindruckt, wie und was seine Tochter lernte.

Im Frühjahr 1929 erwarb Elly Beinhorn in Berlin-Staaken zunächst den Sportfliegerschein (A-Schein). Der die Prüfung abschließende Überlandflug führte von Berlin-Staaken nach Berlin-Tempelhof, zum Flugplatz Schkeuditz (Halle-Leipzig) und zurück.

Kurz darauf erwarb Elly Beinhorn in einer Zweigstelle der Berlin-Staakener Flugschule in Würzburg bei Robert Ritter von Greim (1892–1945) den Kunstflugschein. Ihr Fluglehrer schrieb „summa cum laude“ („mit höchstem Lob“) in ihren Kunstflugschein. Später machte sie noch den A1-Schein für Seeflug, den B1-Schein und ließ sich im Blindflug ausbilden. Einer ihrer Fluglehrer meinte scherzhaft, von ihm aus könne sie nach Afrika fliegen und sich da in der Luft austoben, was sie später wirklich tat.

Damit sie bei Flugtagen mit einer eigenen Maschine auftreten konnte, kaufte Elly Beinhorn bei den „Bayerischen Flugzeug- werken“ in Augsburg auf Abzahlung eine „Messerschmitt M 23b“. Dabei handelte es sich um einen blau-weiß-lackierten Tiefdecker mit einem 80 PS starken Siemensmotor.

In Königsberg feierte Elly Beinhorn unter den Augen des deutschen Fliegeridols Ernst Udet (1896–1941) ihren ersten Auftritt bei einem Flugtag. Dabei flog sie nach ihrer Auf- fassung unverantwortlich niedrig in 300 bis 400 Metern Höhe. Prompt wurde sie von Udet kritisiert, sie solle ruhig erst noch eine Weile da oben in ihren himmlischen Höhen bleiben. Andererseits erkannte der Fliegerheld mit sicherem Gespür die ungewöhnliche Begabung der jungen Draufgängerin und bezeichnete sie als „einen neuen Stern am weiblichen Flieger- himmel“.

Bei ihrem erstenAuslandsflug erlebte Elly Beinhorn ihre erste Notlandung auf ausländischem Boden. Ein schwedischer Industrieller hatte in Berlin seinen Frack vergessen und benötigte diesen dringend bei einem festlichen Bankett mit Geschäftsfreunden in Rom. Mit dem Frack an Bord flog Elly über die Alpen. Dabei fiel einer der Zylinder des Motors ihres Flugzeuges aus. Deswegen musste sie dicht hinter der ita- lienischen Grenze auf einer Gebirgswiese notlanden. Vor den Augen herbeieilender italienischer Soldaten und Offiziere eines in der Nähe stationierten Regiments säuberte sie die verölten Zündkerzen, zeigte einem Offizier statt der Zollpapiere ihren deutschen Waffenschein, startete und flog weiter nach Venedig. Dort endete der Flug, weil die Beteu- erungen, die fehlenden Papiere aus Berlin würden telegraphisch vom italienischen Konsulat folgen, nichts fruchteten. Dar- aufhin fuhr Elly mit dem Frack per Zug nach Rom. Inzwischen hatte der Auftraggeber den Empfang ohne Frack bewältigen müssen. Aber die Geschichte der ungewöhnlichen Frackreise sorgte für so viel Heiterkeit, dass er seine Geschäfte erfolgreich beenden konnte.

Im Juni 1930 beteiligte sich Elly Beinhorn in Bonn-Hangelar an einem Damen-Flugtag, bei dem die erste „Deutsche Damenkunstflugmeisterschaft“ ausgetragen wurde. Zu ihrem Pech übersah Elly in der Ausschreibung, dass man zwischen einzelnen Rückenflug-Figuren jeweils in die Normallage zurückkehren sollte. Weil sie dies nicht tat, wussten die Schiedsrichter nicht, wann eine Kunstflug-Figur von Elly fertig war und wann die nächste begann. Siegerin wurde Liesel Bach (1905–1992).

Bei einem Zusammentreffen in Berlin warnte Ernst Udet die waghalsige Pilotin: „Liebes Kind, wenn du so weitermachst, fällst du bald anständig auf die Schnauze“. Diese Pro- phezeiung traf tatsächlich ein. Bei einer schneidig angesetzten Landung auf dem Flugplatz Saarbrücken brach Elly’s Maschine aus und ging beim Aufprall auf der Piste zu Bruch. Das Telegramm von Elly an Udet wurde berühmt: „Vor- hergesagter Bruch hat planmäßig stattgefunden“.

Erstes großes Aufsehen erregte Elly Beinhorn im Januar 1931 durch ihren Alleinflug nach Afrika mit einem Flugzeug der Firma Klemm mit 60 PS starkem „Argus“-Motor. Damals erreichte sie beim Hinflug über eine Strecke von 7.000 Kilometern ihr Ziel Bolama im heutigen Guinea-Bissau innerhalb von 70 Flugstunden. Nach der Ankunft beteiligte sie sich an der Expedition des österreichischen Forschers Hugo Bernatzik (1897–1953) und des deutschen Professors Bernhard Struck (1888–1971) vom „Dresdner Museum für Völkerkunde“ an der westafrikanischen Küste. Zu ihren Abenteuern gehörten quälende Bisse von Wanderameisen während eines Fluges über Wasser, von Heuschrecken- schwärmen behinderte Landungen und eine Nilpferdjagd. Während des Rückflugs musste sie wegen eines Ölrohrbruchs notlanden und konnte Timbuktu (Mali) erst nach einem schätzungsweise 50 Kilometer langen, viertägigen Fußmarsch durch die Wüste erreichen.

Am 4. Dezember 1931 startete Elly Beinhorn zu einem Welt- flug, bei dem sie als erste Frau alle fünf Erdteile überquerte. Sie flog über Vorderasien, Kalkutta, den Himalaja, Bangkok, Bali bis nach Port Darwin in Australien, wo sie am 19. März 1932 landete. Danach überquerte sie per Schiff den Stillen Ozean, startete in Panama zum Flug über die Kordilleren und traf am 23. Juli 1932 nach dem insgesamt rund 31.000 Kilometer langen Flug und drei Notlandungen in BuenosAires (Argentinien) ein.

Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934) über- reichte Elly Beinhorn Anfang April 1933 als Anerkennung für ihre fliegerischen Leistungen den nach ihm benannten Hindenburg-Pokal. Im Sommer 1933 flog sie in die ehe- maligen deutschen Kolonien in Afrika und 1934/1935 durch Mittel- und Südamerika.

Eine weitere Spitzenleistung gelang Elly Beinhorn am 13. August 1935. Damals wagte sie mit der weltberühmten „Messerschmitt Me 108“ namens „Taifun“ innerhalb eines Tages einen Flug von Gleiwitz (Oberschlesien) über Skutari am Bosporus nach Berlin. Dabei legte sie insgesamt mehr als 3.570 Kilometer innerhalb von dreizehneinhalb Stunden zurück.

Am 13. Juli 1936 heiratete Elly Beinhorn in Berlin den deutschen Automobilrennfahrer Bernd Rosemeyer (1909– 1938), den sie im September 1935 beim Besuch eines Auto- rennens auf dem Masarykring bei Brünn kennengelernt hatte. Die 13 wurde kurz darauf für den jungen Mann zur Glückszahl: Er gewann 13 Tage nach der Hochzeit den

„Großen Preis von Deutschland“. Elly stellte bald danach mit einem Flug von Berlin über Damaskus, Kairo,Athen, Budapest und zurück nach Berlin einen neuen Rekord auf. Aus der Ehe mit Rosemeyer ging am 12. November 1937 der Sohn Bernd hervor.

Am 28. Januar 1938, kurz vor zwölf Uhr mittags, fuhr Bernd Rosemeyer bei Weltrekordversuchen auf der Autobahn von Frankfurt am Main nach Darmstadt bei Mörfelden mit Tempo 430 in den Tod. Sein „Auto-Union“-Bolide war bei Kilometer 9,2 – heute Autobahnkilometer 508 auf der A 5 – von einer Orkanbö erfasst und von der Fahrbahn geworfen worden. Rosemeyers Konkurrent, der deutsche Rennfahrer Rudolf Caracciola (1901–1959), hatte am frühen Morgen desselben Tages sogar 432 Stundenkilometer geschafft.

Mit Elly Beinhorn trauerte damals ganz Deutschland um den verunglückten Bernd Rosemeyer, der so etwas wie der Michael Schumacher („Schumi“) jener Zeit war. Noch Jahrzehnte später erklärte Elly Beinhorn immer wieder über ihre Zeit an der Seite von Rosemeyer: „Es waren die schönsten und tiefsten Jahre meines Lebens“.

1939 unternahm Elly Beinhorn eine mehrmonatige Flugreise nach Indien, Burma, Thailand und Iran. Am 26. September 1941 ehelichte sie den Industriekaufmann Dr. Karl Wittmann (1904–1976). Aus dieser Verbindung stammt die 1942 geborene Tochter Stefanie („Steffi“).

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) ging auch an Elly Beinhorn nicht spurlos vorbei. Als die Bombardierungen auf Berlin immer mehr zunahmen, zog sie mit ihren Kindern Bernd und Stefanie zunächst nach Garmisch-Partenkirchen in Bayern und später im Sommer 1943 auf ein Gut in Ostpreußen. Im Februar 1944 erfuhr Elly, dass ihre Wohnung in Berlin ausgebombt worden war.Als die Ostfront immer näher rückte, fuhr Elly mit ihren Kindern von Ostpreußen durch das zerstörte Deutschland nach Freiburg im Breisgau, wohin bereits ihre Eltern aus dem bombardierten Hannover gezogen waren und in einem Seniorenheim lebten. Bei der Mutter von Elly hatte man eine Krebserkrankung erkannt, die eine Operation erforderte. Eine neue Heimat für ein Jahrzehnt fand Elly in der schwäbischen Stadt Trossingen, die etwa 60 Kilometer östlich von Freiburg liegt. Weihnachten 1944 konnte Elly mit ihrem zweiten Ehemann Karl Wittmann verbringen. Ihre Mutter starb am 29. November 1944, ihr Vater nur rund 30 Stunden später im selben Zimmer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für alle deutschen Staatsbürger – und somit auch für Elly Beinhorn – ein Flug- verbot. Dank der Einladung eines französischen Segelflieger- lagers konnte sie erstmals wieder einen Segelflug unternehmen. Im Frühjahr 1951 erneuerte sie in der Schweiz ihren Flugschein und flog als Reporterin allein nach Nordafrika, Finnland und in andere Länder.

1954 zog Elly Beinhorn mit ihren Kinden vom schwäbischen Trossingen in ein Haus, das sie im badischen Freiburg im Breisgau erbauen hatte lassen. Einige Jahre zuvor hatten sich Elly und ihr zweiter Ehemann Karl Wittmann getrennt. Elly verdiente zu jener Zeit ihren Lebensunterhalt durch Vor- tragsreisen.

1956 wurde Elly Beinhorn beim Deutschlandflug Siegerin der Klasse 3 und zweite im Gesamtklassement. 1957 erhielt sie wieder den Kunstflugschein. 1959 nahm sie erfolgreich am am „Powder-Puff-Derby“ in den USA teil und erhielt eine Goldmedaille im europäischen Sternflug. 1963 siegte sie in der internationalen Damenklasse beimAlpen-Sternflug. In der Folgezeit beteiligte sie sich erfolgreich an Sportflugwett- bewerben und unternahm privat Sport-, Überland- und Fo- toflüge.

Die bekanntesten Bücher Elly Beinhorns heißen „Ein Mädchen fliegt allein“ (1932), „Mein Mann, der Rennfahrer“ (1938, Neuauflage 1987), „Ich fliege um die Welt“ (1952), „Madlen wird Stewardess“ (1954), „Ein Mädchen und 5 Kontinente“ (1956), „... so waren diese Flieger“ (1966) und „Alleinflug“ (1979). Davon war „Mein Mann, der Rennfahrer“ mit einer Gesamtauflage von 300.000 Exemplaren am erfolgreichsten. In ihrem Buch „Fünf Zimmer höchstens“ schilderte sie humorvoll die Nöte eines privaten Bauherren.

Im Alter von 72 Jahren gab Elly Beinhorn 1979 nach schätzungsweise 5.500 Flugstunden ihren Pilotenschein zurück. Sie meinte: „Da war es ja an der Zeit. Aber bis dahin bin ich 51 Jahre mit Anstand geflogen, ohne Probleme“. Zu ihren zahlreichenAuszeichnungen gehören unter anderem die „Goldene Nadel“ des „Aero-Clubs Deutschland“ (1953), das „Goldene Abzeichen“ des „Bayerischen Luftsportverbandes“ (1970), die „Pionierkette der Windrose“ (1975) und die Ehrenmitgliedschaft des „Aero-Clubs Deutschland“.

Trotz ihrer fliegerischen Pioniertaten ist Elly Beinhorn immer bescheiden geblieben. Sie wehrte sich gegen alle Versuche, als Heldin abgestempelt zu werden. „Es gibt heute so viele tüchtige Fliegerinnen, die genausoviel und noch mehr können, als ich einst gekonnt habe“, erklärte sie. „Nur hatte ich das große Glück, in einer Zeit fliegen zu dürfen, als das wirklich noch ein Abenteuer war.“ Einmal sagte sie aber auch: „Eines ist sicher, was die Fliegerei angeht, da wurde mir nichts geschenkt. Es sah nur hinterher manchmal so aus.“

Elly Beinhorns Sohn Bernd aus der ersten Ehe mit Rosemeyer wurde später Orthopädieprofessor. Ihre Tochter Steffi aus der zweiten Ehe wählte den Beruf einer Krankengymnastin. Als Elly Beinhorn ihren 85. Geburtstag feierte, strahlte sie über einen ihrer Enkel: „Es gibt heute schon einen dritten Bernd Rosemeyer“.

Elly Beinhorn ist am 28. November 2007 in einem Seni- orenheim in Ottobrunn im Alter von 100 Jahren gestorben. Die Trauerfeier fand am 1. Dezember 2007 in München statt. Ihre letzte Ruhe fand sie in Berlin auf dem Waldfriedhof Dahlem neben ihrem ersten Ehemann Bernd Rosemeyer.

Die „Deutsche Bundespost“ gab 2007 anlässlich des 100. Geburtstages von Elly Beinhorn einen 55-Eurocent-Gedenk- briefumschlag heraus. Zum 75. Jahrestag des Rekordfluges von Deutschland nach Istanbul und zurück im Jahre 1935 erschien am 12. August 2010 eine 50-Eurocent- Sonderbriefmarke mit einem Porträt von Elly Beinhorn und einem Bild des Flugzeugs „Bf 108 Taifun“.

An Elly Beinhorn erinnern etliche nach ihr bekannte Straßen. Dies ist am Frankfurter Flughafen im Bereich der Cargo City Süd, Hannover-Kirchrode, Ostfildern-Scharnhausen, Eppel- heim, Markgröningen, Eschborn und Mainz der Fall. Die Straßenbenennungskommission von Filderstadt lehnte 2010 eine Benennung nach Beinhorn ab, weil sie eine Mitläuferin des NS-Regimes gewesen sei. Am neuen Flughafen Berlin- Brandenburg existiert ein Elly-Beinhorn-Ring.Am Flughafen Stuttgart gibt es eine „Elli-Beinhorn-Lounge“, wobei ihr Vorname mit „i“ geschrieben ist.

In den Medien wurde Elly Beinhorn meistens als mutige und verdienstvolle Luftfahrtpionierin positiv dargestellt. Es heißt, sie sei unpolitisch gewesen, während der NS-Zeit nicht der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ („NSDAP“) beigetreten und deswegen nicht kompromittiert. In manchen neueren Veröffentlichungen aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts werden bestimmte Passagen aus den während der NS-Zeit erschienenen Werken von Beinhorn kritisiert.

Das „Zweite Deutsche Fernsehen“ („ZDF“) präsentierte am Sonntag, 20. März 2014, die vielbeachtete Sendung „Elly Beinhorn – Alleinflug“. Darin wurde sie von Vicky Krieps sympathisch als erfolgreiche, natürliche, schöne, charmante und modebewusste Frau dargestellt. Regie führte Christine Hartmann, von der auch das Drehbuch stammte. Am selben Tag sah man im „ZDF“ auch die Sendung „Elly Beinhorn – Die Dokumentation“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sophie Blanchard

Die erste professionelle Luftschifferin

Als tollkühne Ballonfahrerin begeisterte die Französin Madeleine Sophie Blanchard (1778–1819), geborene Madeleine Sophie Armant, in Frankreich, Belgien, Italien und Deutschland die Massen. Zuerst trat sie mit ihrem Mann und später alleine auf. Wegen der Form der Gondel ihres Ballons bezeichnet man sie auch als „Luftschifferin“, obwohl das erste richtige Luftschiff erst 1852 aufstieg. Die erste professionelle

„Luftschifferin“ und „Kaiserliche Aeronautin“ von Napoléon

I. stürzte über Paris bei ihrer 67. Ballonfahrt in den Tod. Sie gilt als die erste Frau, die bei einem Flugunfall starb. Madeleine Sophie Armant wurde 1778 in Trois-Canons im französischen Département Charente Maritime geboren. Es heißt über sie, sie sei wohlbehütet in ihrem bescheidenen Elternhaus in Trois-Canons aufgewachsen.

1804 heiratete Madeleine Sophie Armant im Alter von 26 Jahren den berühmten französischen Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard (1753–1809), der aus Les Andelys stammte. Ihr Ehegatte war damals etwa doppelt so alt wie sie.

Jean-Pierre Blanchard hatte sich bereits als Ballonfahrer in Europa einen Namen gemacht. Am 2. März 1784 startete er auf dem Marsfeld in Paris mit einem wasserstoffgefüllten

Ballon zu seiner ersten Ballonfahrt, bei der er die Seine überflog. Einige Monate später landete er nach einer er- folgreichen Ballonfahrt zusammen mit einem Begleiter in der Normandie. Laut Anekdote wurden die beiden Ballonfahrer von Scharen wild gestikulierender herbeilaufender Bauern ungläubig in Empfang genommen. EinigeAugenzeugen fielen auf die Knie, falteten die Hände zum Gebet, andere rannten entsetzt davon. Ein Bauer soll zu den Ballonfahrern nach oben gerufen haben, ob sie Menschen oder Götter seien und sie sollten sich zu erkennen geben. Daraufhin sollen die Ballon- fahrer geantwortet haben, sie seien Menschen und zum Beweis ihre Mäntel abgeworfen haben.

Am 7. Januar 1785 überflog Jean-Pierre Blanchard zusammen mit dem aus Boston (Massachusetts) stammenden amerika- nischen Physiker Dr. John Jeffries (1744–1819), der in England lebte, erstmals mit einem gasgefüllten Ballon von England (Dover) über den Ärmelkanal nach Frankreich. Weil Blanchard den Ruhm, der Erste zu sein, der den Ärmelkanal mit dem Ballon überquerte, nicht teilen wollte, versuchte er, seinen Geldgeber Jeffries mit üblen Tricks an der Mitfahrt zu hindern, was ihm aber nicht gelang. Die abenteuerliche Fahrt dauerte 2 Stunden 25 Minuten. Zuletzt warfen die beiden Ballonfahrer allen Ballast (Seile, Anker, Sitze, wissen- schaftliche Instrumente) ab, um nicht abzustürzen, zogen sich bis auf ihre Unterwäsche aus, entleerten sogar ihre Blasen in den Ärmelkanal und kletterten von der Gondel in die Halte- seile. Als die Küste von Frankreich näher kam, wurde der Ballon von einem warmen Aufwind erfasst und erreichte das Festland.

In der Folgezeit trat Jean-Pierre Blanchard öffentlich als Ballonschausteller auf. Zur ersten Luftreise in Deutschland startete er am 3. Oktober 1785 anlässlich der Herbstmesse in Frankfurt am Main, das deswegen als Wiege der deutschen Luftfahrt gilt. Zuvor hatten zwei geplante Starts am 25. und 27. September wegen stürmischem Wetter nicht geklappt. Erst am 3. Oktober 1785 gelang der Start auf der Bornheimer Heide vor angeblich 100.000 Zuschauern/innen. Frankfurt zählte damals nur etwa 35.000 Einwohner. Blanchard hatte eine Flasche Wein und zwei Milchbrote als Proviant an Bord. Erstmals ließ er seinen Hund mit einem Fallschirm zur Erde herunterschweben. Seine Fahrt ging von der Bornheimer Heide nach Weilburg an der Lahn, wo erst der dritte Landeversuch gelang. Zuerst wollte Blanchard auf einer Wiese landen, warf den Anker aus, aber ein Kind knüpfte den Ballon wieder los. Am zweiten vorgesehenen Landeplatz, einem Gestrüpp, machte ein Schäfer die Stricke wieder los. Das deutsche Kind und der Schäfer hatten wohl nicht verstanden, was der Franzose ihnen zuschrie. Beim dritten Versuch setzte Blanchard den Anker in das Wasser der Lahn und der Ballon landete am Ufer. Im Schloss von Weilburg wurde der französische Luftpionier, der mit dem Fürsten Carl von Nassau befreundet war, mit einem Festmahl gefeiert. Mit einem Wagen brachte man ihn später nach Frankfurt am Main, wo man ein Festspiel arrangiert hatte, in dessen Mittelpunkt Blanchard und sein Ballon standen. Es folgten ein Gelage mit vornehmen Herrschaften im „Römi- schen Kaiser“ und ein Empfang im Römer, wo ihm der Rat „50 Stück doppelte Krönungsstücke in Gold von der Krönung Kaiser Josephs II. von 1764, hundert Dukaten im Wert“ überreichte.

Jean-Pierre Blanchard nahm für sich die Erfindung des Fall- schirms in Anspruch. Sein Fallschirm rettete ihm am 21. November 1785 das Leben.Als sein Ballon wegen Überdrucks zu platzen drohte, stieß er einige Löcher in die Hülle, um dies zu verhindern. Weil das Gas nun so schnell ausströmte, dass einAbsturz unmittelbar bevorstand, musste er sich mit seinem Fallschirm retten. Dabei handelte es sich um den ersten ver- bürgten, wenngleich unfreiwilligen Fallschirmabsprung eines Menschen und die erste Luftrettung in der Luftfahrtgeschichte.

Eine weitere Ballonfahrt in Deutschland unternahm Jean- Pierre Blanchard am 23. Juli 1786 in Hamburg. Auch dort begeisterte er das Publikum.

Vor den Stadttoren von Nürnberg bewunderten am 12. November 1787 schätzungsweise mehr als 50.000 Zuschauer/ innen einen Ballonstart von Jean-Pierre Blanchard. Einem Gerücht zufolge hatte er die letzte Beichte für den Fall abgelegt, dass ihm etwas zustoßen sollte. 240 Stadtsoldaten sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Das Füllen der Ballonhülle wurde durch Böllerschüsse verkündet. Nach dem durch Händeklatschen und Vivarufe begleiteten Aufstieg um 11.26 Uhr in der Gegend des heutigen Stadtparks liefen tausende von Menschen über abgeerntete Felder dem Ballon hinterher, kamen aber wegen dessen Schnelligkeit nicht nach. Bis heute hat sich in Nürnberg die Redensart „No schau’ ner hie, der rennt wie beim Blenscherd“ erhalten. Der Ballon flog angeblich bis zu 1.600 Meter hoch und landete um 12.15 Uhr bei Braunsbach im Knoblauchsland. Unter dem Jubel der Bevölkerung geleitete man Blanchard zurück in die Stadt, wo neben mehrtägigen Feierlichkeiten weitere Flugexperimente abgehalten wurden.

In Berlin erinnert noch heute der Ballonplatz in Karow-Nord an eine Landung von Jean-Pierre Blanchard nach einer Ballonfahrt. Dazu war er am 27. September 1788 auf dem Exerzierplatz im Tiergarten gestartet.

Der Magistrat von Hannover ernannte Jean-Pierre Blanchard nach einer Flugvorführung 1790 in der Stadt an der Leine zum Ehrenbürger.

In Wien führte Jean-Pierre Blanchard am 6. Juli 1791 eine Ballonfahrt vom Prater zum Vorort Groß-Enzersdorf durch. Bei einer Tournee durch Österreich verhaftete man ihn 1792, weil man den Verdacht hatte, er würde die radikalen Ideen der „Französischen Revolution“ verbreiten. Wegen fehlender Beweise ließ man ihn wieder frei.

In der Neuen Welt hat Jean-Pierre Blanchard die erste Ballonfahrt unternommen. Am 9. Januar 1793 stieg er aus dem Washington Prison Yard (Philadelphia) mit seinem Ballon in die Luft, wobei ihm kein Geringerer als Präsident George Washington (1732–1799) zusah. Die Landung erfolgte in Deptford, Gloucester County (New Jersey). Im September 1796 fegte ein Tornado durch New York, wobei Blanchards 16-jähriger Sohn aus der Ehe mit seiner ersten Frau Victorie getötet und die Ballonhalle zerstört wurde, in der sich die gesamte Ausrüstung befand. Im Mai 1797 floh Blanchard wegen seiner Schulden mit seiner Frau Victorie und drei Töchtern aus Amerika. Irgendwann danach kam es zur Trennung.

Was Madeleine SophieArmant bewog, die zweite Ehefrau von Jean-Pierre Blanchard zu werden, ist eigentlich verwunderlich. Denn ihr Gatte war merklich älter als sie und wurde von Zeitgenossen als sehr kein (nicht viele Inches größer als fünf Fuß), spindeldürr, nicht besonders temperamentvoll, unan- genehme Kreatur, humorlos und verdrießlich beschrieben.

Vielleicht war es die Begeisterung für die Luftfahrt, welche die beiden zusammenschweißte? Zusammen mit ihrem Gatten Jean-Pierre schwebte Sophie mit einem Ballon in zweieinhalb Stunden von Frankreich (Calais) über den Ärmelkanal nach England (Dover). Bald unternahm sie alleine Ballonfahrten. Außerdem sah man das Ehepaar Blanchard bei Ballon- aufstiegen in vielen europäischen Großstädten.

Während seiner 60. Ballonfahrt über dem niederländischen Den Haag erlitt Jean-Pierre Blanchard einen Schlaganfall. Er konnte zwar noch sicher landen, starb aber kurz darauf am 7. März 1809 im Alter von 55 Jahren in Paris. Später hat man einen Mondkrater mit einem Durchmesser von 40 Kilometern nach ihm benannt.

Nach dem Tod ihres Ehemannes drohte seine 31-jährige Witwe zu verarmen. Denn sie hatte keine Ausbildung, keinen Beruf

und keine eheliche Versorgung. Ihr einziger Besitz waren die Ballone ihres Gatten. Damit bestritt sie fortan ihren Le- bensunterhalt, indem sie bei größeren Anlässen mit einem Ballon aufstieg und manchmal artistische Kunststücke auf einer Schaukel darunter vorführte.

Abenteuerlich verlief eine Ballonfahrt von Madeleine Sophie Blanchard am 16. September 1810 in Frankfurt am Main. Sie startete ohne Gondel auf einem Seil sitzend, wurde in den Taunus abgetrieben und landete dort mit starken Erfrierungen. Danach musste sie fast ein Jahr lang pausieren.

Bei ihren Auftritten mit dem Ballon zeigte Madeleine Sophie Blanchard gewagte Kunststücke außerhalb der Gondel, die sie mit einem Feuerwerk beleuchtete. Solche Schauspiele wurde von Tausenden von Zuschauern bejubelt. In Frankreich gab es bald kein großes offizielles Fest mehr, bei dem Sophie nicht zu bewundern war.

Kaiser Napoléon I. (1769–1821) ernannte Madeleine Sophie Blanchard zur „Kaiserlichen Aeronautin“. Bei seiner zweiten Hochzeit 1810 mit Erzherzogin Marie Louise von Österreich (1791–1847) war sie auf dem Pariser Marsfeld und 1811 bei den Feiern zur Geburt seines Sohnes Louis (1811–1832) in Saint-Cloud die große Attraktion.

Am 7. Juli 1819 fand Madeleine Sophie Blanchard im Alter von nur 41 Jahren bei einer nächtlichen Ballonfahrt über dem Pariser Vergnügungspark „Tivoli“ den Tod. Als sie in etwa 300 Meter Höhe ein Feuerwerk loslassen wollte, explodierte ein Feuerwerkskörper zu früh und der Ballon begann zu brennen. Die Zuschauer/innen hielten den brennenden Ballon zunächst für eine besonders gelungene Darstellung und brachen in Jubel aus. Erst als der Ballon brennend herabfiel, die Gondel auf ein Dach prallte und sich überschlug, Sophie Blanchard herausgeschleudert wurde und auf die Straße stürzte, begriffen die Menschen, was sich tatsächlich ereignet hatte.

Bei der Beerdigung von Madeleine Sophie Blanchard auf dem Pariser Friedhof „Père Lachaise“ nahm eine unübersehbare Menschenmenge von der berühmten Ballonfahrerin bewegt Abschied. Noch heute erinnert dort ein großes Monument, das mit Spenden der Bevölkerung errichtet wurde, an die mutige Frau.

Ironie de Schicksals: Jean-Pierre Blanchard, der Mann, der es verabscheute, den Ruhm zu teilen und immer allein im Rampenlicht stehen wollte, musste letztendlich die Ehre der Berühmtheit teilen. Beim Namen Blanchard denkt man heute nicht nur an ihn, sondern auch an seine zweite Frau Sophie.

[...]

Details

Seiten
152
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638103787
ISBN (Buch)
9783638934152
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v555
Note
Schlagworte
Fliegerinnen Pilotinnen Luftfahrt Fliegerei Frauenbiografien Biografien

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Titel: Königinnen der Lüfte