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Produktivität durch Ambiguität. Die dramaturgische Funktion der Doppelgestalt Coppelius/Coppola in E. T. A. Hoffmanns Erzählung - Der Sandmann -

Seminararbeit 2001 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Sandmann als mythische Reminiszenz Nathanaels

3. Bedeutung des Wortes ‘Sandmann’ im 18. und 19. Jahrhundert

4. Experimente des Coppelius/ Coppola

5. Determinismus, Indeterminismus oder Fatalismus?

6. Coppelius/ Coppola- Ambiguität eines Doppelgängers

7. Auswirkungen des Sandmannes auf Nathanaels Wahrnehmung

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann, die Ende 1816 im ersten Band der Nachtstücke erschienen ist, unterscheidet sich von der phantastischen Literatur seiner Zeit. Bei ihm kommt es zu einem - jedoch nicht völlig offensichtlichen - „‘Einbruch’ des Unerhörten in die reale Welt der handelnden Personen“[1], wenn man diese Definition der Phantastik gelten läßt. Doch darüber hinaus thematisiert er die Reaktionen der Charaktere auf diesen Einbruch, dieses Aufreißen der Grenzen der Realität.

Dieser Aufsatz soll vor allem klären, zu welchen Interpretationsmustern die objektiven Figuren anhand der schauerlichen und phantastischen Erscheinung des Sandmannes tendieren und welcher Nutzen aus der nicht aufgelösten Identitätsfrage der doppelbödigen Gestalt Coppelius/Coppola gezogen wird. Dazu wird zu klären sein, welche Stellung der Sandmann in Nathanaels Bewußtsein hat, was Coppelius/Coppola beabsichtigt, und welche Aufschlüsse im Text und in der Sekundärliteratur zur Charakteristik und Herkunft dieser Gestalt gegeben werden.

2. Der Sandmann als mythische Reminiszenz Nathanaels

Die nun folgende inhaltliche Analyse des ersten, die Erzählung einleitenden Briefes Nathanaels an seinen Freund Lothar, soll beleuchten, inwiefern Coppelius schon in Nathanaels Kindheitserinnerungen zu einer stark auf den Protagonisten wirkenden Gestalt wird. In diesem Brief, den irrtümlicherweise seine Freundin Clara erhält, erzählt er, daß „vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler“[2] sein Zimmer in der Universitätsstadt G. betreten hat, um ihm seine Ware (Wettergläser dienten - ähnlich wie Barometer, bloß mit zweifelhaften physikalischen Beobachtungen - zur Voraussage des Wetters[3] ) feilzubieten. Obwohl sich dieses Ereignis vor einigen Tagen begab, scheint Nathanael noch immer einigermaßen verwirrt und aufgeregt zu sein, was sich nicht allein an der Tatsache der fehlerhaften Adressierung des Briefes belegen läßt. Er selbst gesteht, daß er sich mit „aller Kraft“ zusammenfassen muß, „um ruhig und geduldig“[4] zu erklären, was es mit ebendiesem Wetterglashändler auf sich hat. Darüber hinaus wechseln Gegenwart und Vergangenheit. Es ist also zwischen tatsächlichen, erst kürzlich eingetretenen Begebenheiten und erinnernder Rückschau zu unterscheiden. Der Authentizitätscharakter der Reminiszenzen ist somit nicht eindeutig.

In seiner Jugend erschien jeden Abend um neun Uhr der Sandmann, der „schweren langsamen Schritts die Treppe“[5] heraufpolterte. Bei dessen Auftreten mußten sich die Kinder ins Bett begeben. Den Grund erfragt der kleine Nathanael bei der Wartefrau, die ihm darauf das Antimärchen[6] vom Sandmann erzählt, demzufolge der Sandmann jenen Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen streut, worauf sie herausfallen und von dem Sandmann zur Fütterung seiner kleinen Kinder, die auf dem Halbmond warten, mitgenommen werden. Dieses Antimärchen erweckt in Nathanael einen künstlerischen Ausdruckswillen, der in dem Gedicht, das er über die durch den Sandmann, der später mit dem Advokaten Coppelius gleichgesetzt wird, gestörte Liebe zu Clara verfaßt, seinen Höhepunkt erreicht. Er zeichnet die Fabelgestalt mit Kreide auf alle Möbel und beschäftigt sich mit fabelhaften Geschichten.

„Schon dem Kind Nathanael gelingt es nicht, das, was seine Innenwelt okkupiert hat, durch die (in diesem Fall) bildnerische Realisation beherrschbar und kontrollierbar zu machen. In zwanghafter Wiederholung kann er die zentrale Imagination nur wieder und wieder hervorbringen ohne die Möglichkeit der Selbstdistanzierung und ohne jene produktive Verarbeitung, die ihm vielleicht erlauben würde, sein Phantasma zu modifizieren oder zu verabschieden.“[7]

Er scheitert also daran, die schreckliche Vorstellung zu entschärfen. Statt dessen wird sie perpetuiert, und dadurch wird der Sandmann zu einem überirdischen Wesen mystifiziert. Die Wirkung, die die Mutter und vor allem die Amme mit der Einführung des Sandmanns erreichen wollen, ist jedoch eine andere. Sie wollen mit ihrer „bürgerliche[n] Erziehungsmoral“[8] Nathanael zum Gehorsam erziehen. Ein „pseudopädagogischer Gebrauch“[9] liegt in der Angst vor Gespenstern begründet. Die mangelnde Aufklärung der Mutter regt die Phantasie des Sohnes an. Erstaunlich ist, daß Lothar und Clara von Nathanael zum ersten Mal brieflich von der Existenz Coppelius´ informiert werden, obwohl die beiden kurz nach dem Tod von Nathanaels Vater bei seiner Mutter aufgenommen worden sind, da sie verwaist waren. Dies hebt nochmals die Verschwiegenheit der Mutter hervor. Sie redet nicht über den potentiellen Mörder ihres Gatten.

Es stellt sich heraus, daß der Sandmann ein alter Advokat namens Coppelius ist, der zuweilen von den Eltern bewirtet wird. Doch vor ebendiesem Advokaten haben die Kinder eine übermäßige Furcht. Er wird als unzeitgemäß bekleidet beschrieben und erhält Attribute „spätmittelalterlicher Teufelsdarstellungen (graue Kleidung, erdgelbes Gesicht, [...] meckerndes Lachen, polternder Gang)“.[10] Er tituliert den Schöpfer, ebenso wie Mephistopheles im Prolog[11], als „der Alte.“[12] Seine Taschen scheinen über ein unendliches Fassungsvermögen zu verfügen. Er holt aus ebendiesen eine unglaublich große Anzahl von Brillen heraus, und auch das Perspektiv stammt aus einer Seitentasche des Rockes. Mit dieser Fähigkeit erinnert er an den sogenannten grauen Mann aus Peter Schlemihls wundersame Geschichte[13] (1814), deren Lektüre sich Hoffmann unterzogen hat. Auch dieser graue Mann holt ein optisches Hilfsgerät, nämlich ein Fernrohr, aus seinen Taschen. Coppelius bekommt in Nathanaels Beschreibung noch eine weitere Eigenschaft, die an eine überirdische Macht gemahnt. Überall, „wo er einschreitet [bringt er] Jammer – Not - zeitliches, ewiges Verderben.“[14]

3. Bedeutung des Wortes ‘Sandmann’ im 18. und 19. Jahrhundert

Es ist zunächst notwendig, alle Assoziationen, die im 18. und 19. Jahrhundert mit dem Wort ‘Sandmann’ verknüpft wurden, zu erklären. Das Auftreten des Coppelius, der in Nathanaels Vorstellung mit dem Sandmann gleichgesetzt wird, wird stets durch Poltern, Scharren, Husten und Dröhnen angekündigt.[15] „Um 1800 - und auch früher und später - gibt es in großen Teilen Deutschlands den Beruf ‘Sandmann’.“[16] Diese Sandhändler werden zum Sandstreuen engagiert. Sie gehören zur untersten Bevölkerungsschicht und machen sich durch lautes Poltern bemerkbar. Zu Feiertagen wird dieser Sand zur Reinigung des Bodens benutzt.

Sandmänner heißen auch Landeigentümer, die vor Gericht als Richter fungieren und als Aufsichtsbeamte amtieren. Sandmann stammt von dem dänischen Wort ‘Sandemand’, wobei sich ‘sand’ von der altnordischen Vokabel ‘samer’ mit der Bedeutung ‘wahr’ herleitet.[17] Hier ist ein deutlicher Bezug zu dem als Advokat tätigen Coppelius gegeben. Allerdings kommt diesen Juristen kein sonderlich guter Ruf zugute, da sie als Männer des Gesetzes gelten, die vom Schaden anderer eigenen Nutzen zu ziehen gedenken. Sie weisen sich durch äußersten Scharfsinn aus.

‘Sandmann’ wird in der Gaunersprache mit ‘Rausch’ in Beziehung gesetzt, wobei dieser mit ‘Schwäche’ gleichbedeutend ist.[18]

Man sieht also deutlich, daß Parallelen zwischen dem Wort ‘Sandmann’ und der Figur Coppelius, die von Nathanael mit dem Sandmann gleichgesetzt wird, bestehen: Er macht sich durch signifikante akustische Signale bemerkbar, hat ein juristisches Amt inne, und möchte von der Schwäche anderer profitieren, indem er ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis herstellt. Einen anderen Bezug zu ‘Sand’ erklärt Pabst folgendermaßen:

„Der Titel der Erzählung ließe sich dabei in die Deutung einbeziehen, wenn man dazu die Metapher vom Sand, der jemand in die Augen gestreut wird, assoziiert. Demnach geht es auch um die bewußte Einschränkung von Erkenntnismöglichkeiten!“[19]

Auffällig ist, daß alle Figuren, die in Kontakt mit einer angenommenen Übermacht stehen, oder an eine solche glauben, recht komplizierte Namen tragen, die nicht aus dem Deutschen stammen (vgl.: Nathanael, Spalanzani, Coppelius/Coppola), während jene, die trockene, souveräne Ansichten vertreten, einfache Namen haben (vgl.: Clara, Lothar, Siegmund). Hoffmann verwendet in der Erzählung allerlei sprechende Namen. So ist Nathanael das hebräische Pendant zum griechischen Namen Theodor, Hoffmanns zweitem Vornamen. Der Protagonist der Erzählung Das öde Haus, die den zweiten Band der Nachtstücke einleitet und verschiedene motivische Entsprechungen zu der den ersten Band einleitenden Erzählung Der Sandmann hat, heißt ebenfalls Theodor. Spalanzani, dessen Name auf den italienischen Naturforscher Lazzaro Spallanzani (1729 - 1799) anspielt, hat eine Entsprechung zu ‘spalancare’ (ital.= ‘die Augen aufreißen’). Hier erkennt man das allgegenwärtige, immer wieder auftretende Augenmotiv. Claras Name soll ihren klarsichtigen, aufgeklärten, alles überirdische negierenden Charakter hervorheben. Coppelius und Coppola haben eine phonetische Ähnlichkeit. Dieser ist das italienische Gegenstück zu jenem Namen. Das französische Wort ‘coupeller’ verbindet den als Scheidekünstler fungierenden Advokaten - er macht eine Verbindung Nathanaels mit Clara wie mit Olimpia unmöglich und bringt ihn in eine völlige Isolation - mit dem kupplerischen Wetterglashändler. ‘Copula’ stammt aus dem Lateinischen und heißt ‘Bindemittel’ oder ‘(Fang-)Strick’. Dies ist ein Hinweis auf Coppelius´ intrigierende Absichten, in denen sich Nathanael verfängt. Clara selbst spricht von einer „dunkle[n] Macht, die so recht feindlich einen Faden [oder ‘Strick’] in unser Inneres legt“.[20] Mit der Assonanz zu ‘coppo’ (ital.= ‘Becher’, im übertragenen Sinn auch ‘Augenhöhle’) ist wiederum das Augenmotiv präsent. ‘Coppella’, ebenfalls eine italienische Vokabel, bedeutet ‘Schmelztiegel’, wobei hier eine Beziehung zu den alchemistischen Versuchen des Coppelius hergestellt werden kann.[21]

[...]


[1] Metzner (1980), S. 84.

[2] Hoffmann (1991), S. 3.

[3] Vgl. a. a. O., S. 47.

[4] Hoffmann (1991), S. 4.

[5] a. a. O., S. 4.

[6] Ein Märchen erzählt, „wie es eigentlich in der Welt zugehen müßte“. Jolles (1930), S. 239. Ein Anti- Märchen verhält sich der Erwartungshaltung des Rezipienten folglich entgegengesetzt.

[7] Liebrand (1996), S. 89.

[8] Janßen (1986), S. 34.

[9] Hartung (1977), S. 62.

[10] Drux (Hrsg.) (1991), S. 62. Dieses „erdgelbe Gesicht“ gemahnt darüber hinaus an einen Golem jüdisch-kabbalistischer Tradition.

[11] Goethe (1998), S. 20.

[12] Hoffmann (1991), S. 9.

[13] Vgl. Chamisso (1993), S. 19.

[14] Hoffmann (1991), S. 8.

[15] Vgl. Hoffmann (1991), S. 4, 7.

[16] Orlowsky (1988), S. 157.

[17] Vgl. Orlowsky (1988) S. 158.

[18] Vgl. a. a. O., S. 159.

[19] Pabst (1989), S. 284.

[20] Hoffmann (1991), S. 14.

[21] Vgl. Kremer (1998), S. 77.

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638133807
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5536
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut, Fachbereich 13
Note
sehr gut
Schlagworte
Produktivität Ambiguität Funktion Doppelgestalt Coppelius/Coppola Hoffmanns Erzählung Sandmann Proseminar Hoffmann

Autor

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