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Darstellung und Bedeutung der Naturphänomene in Goethes Balladen

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Begriffsgeschichte und Entwicklung der Ballade

3. Sturm und Drang
3.1. Zeit des „Sturm und Drang"
3.2. Naturverständnis des Sturm und Drangs
3.3. Goethe als Stürmer und Dränger

4. Goethes Ballade „Der Erlkönig"
4.1. Quelle der Ballade
4.2. Formale Aspekte der Ballade
4.3. Analyse des Erlkönigs unter Berücksichtigung der Naturphämomene

5. Klassik
5.1. Zeit der Klassik
5.2. Naturverständnis der Klassik
5.3. Goethe als Klassiker

6. Goethes Ballade „Der Zauberlehrling"
6.1. Quelle der Ballade
6.2. Formale Aspekte der Ballade
6.3. Analyse des Zauberlehrlings unter Berücksichtigung der Naturphänomene

7. Vergleich der Balladen und ihrer Naturauffassungen

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum ein zweiter Literat hat eine derartige Fülle an Werken, Ideen und Vor­stellungen für die Nachwelt hinterlassen wie Johann Wolfgang von Goethe. Von herausragender Bedeutung sind seine Romane und Dramen, welche ihn zu einem Autor von europäischem Ruhm gemacht haben. Aber auch seine lyrischen Werke suchen in ihrer Vielzahl und Mannigfaltigkeit ihresgleichen. Besonders seine Balladen sprechen ein großes Publikum an. In ihnen spie­gelt sich nicht nur die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung des 18. Jahrhunderts wider, sondern auch die Veränderung der literarischen Formen und Tendenzen. Diese hat Goethe selbst entscheidend mitgeprägt. Goethes persönliche Entwicklung vom Stürmer und Dränger zum Klassiker läßt sich anhand seiner Balladen ebenso darstellen wie der Wandel seines Naturverständnisses.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, was den jungen Goethe vom reifen Klassiker unterscheidet und wie sich seine Wandlung auf seine literarische Produktion ausgewirkt hat. Die Darstellung und Bedeutung der Natur­phänomene in Goethes Balladen soll hierbei besonders berücksichtigt wer­den. Es wird versucht aufzuzeigen, wie ähnlich und doch unterschiedlich er die Natur erfährt und darstellt. Der Weg Goethes von einem sich in der Natur auflösenden Genie zum morphologisch betrachtenden Wissenschaftler soll an zwei Beispielen seiner Balladendichtung gezeigt und erläutert werden. Zu einem besseren Gesamtverständnis soll den Analysen der beiden Balladen „Der Erlkönig" und „Der Zauberlehrling" ein kurzer Überblick über die in der jeweiligen Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen und literaturge­schichtlichen Umstände vorangestellt werden.

2. Begriffsgeschichte und Entwicklung der Ballade

Die Herkunft des Begriffs „Ballade" ist in der Forschung häufig kontrovers diskutiert worden. So gibt es Ansätze, nach denen der Begriff vom englischen „ballad" (bezeichnet eine volkstümliche Erzählung in Liedform) abstammt , während andere der Meinung sind, der Ursprung liege im romanischen Sprachkreis (ital. „ballare" = „tanzen").

Die Verwendung des Begriffs hat sich in Deutschland erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts durchgesetzt. Seit dem Erscheinen der Sammlung „Re­liques of ancient English Poetry" (1756) von Thomas Percy in Deutschland dient das Wort zur Bezeichnung jener nach dem Vorbild der Volksdichtung geschaffenen, erzählenden Gedichten meist düsteren und unheimlichen In­halts.[1]

Die deutsche Kunstballade tritt zum ersten Mal bei Ludwig C. H. Höltys „A- delstan und Röschen" (1772) und Gottfried August Bürgers „Lenore" (1773) auf. Von da an hat sie fast anderthalb Jahrhunderte den Weg der deutschen Literatur begleitet und die meisten Wandlungen mitgemacht. Im „Erlkönig" (1782) lebt sie aus dem Naturgefühl und der Stimmung des Sturm und Drangs. In Goethes und Schillers Dichtungen des selbst ernannten Balladen­jahres 1797 (u.a. „Der Zauberlehrling", „Der Taucher") ist die Nähe zur klas­sischen Kunstauffassung zu erkennen. In der Romantik kommen die Einflüs­se des neuentdeckten Volkstümlichen bei Autoren wie Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff und auch Heinrich Heine zum Ausdruck.[2] Erste Vertreter der modernen Ballade sind Arno Holz und Frank Wedekind. Den Höhepunkt des neuen Balladentypus bilden die erzählenden Gedichte Berthold Brechts.

3. Sturm und Drang

3.1. Die Zeit des „Sturm und Drang“

Der Sturm und Drang umfaßt den Zeitraum vom Erscheinen der Herderschen Fragmente (1767) bis zu Goethes Italienreise (1785-1787), die den Beginn der Klassik einleitet.[3]

Obwohl der Sturm und Drang in vielerlei Hinsicht als Fortführung der Auf­klärung zu verstehen ist, so gibt es dennoch wesentliche Unterschiede.

Da das Vernunftdenken die emotionale Seite des Menschen unberücksichtigt läßt, stellt man dem Verstand nun Herz, Gefühl und Trieb gegenüber. Man bricht mit der Tradition und verliert den Glauben an den Kulturfortschritt. Naturoptimismus und Naturidealismus gehen nun einher mit einem Kultur­pessimismus. Dieses neue Weltgefühl vergöttlicht die Natur, welche durch die naturwissenschaftlichen Betrachtungen der Aufklärung entgöttert worden ist. Der Künstler des Sturm und Drang sympathisiert daher mit kleinen Kin­dern, der Landbevölkerung und den Griechen Homers, aber auch mit den al­ten Germanen.[4]

Der Sturm und Drang ist vor allem als eine Jugendbewegung zu sehen, welche die ältere Literatur attackiert. Goethe stellt in dieser Bewegung einen verbindenden Faktor dar. Um ihn sammeln sich mehrere junge Autoren wie Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Georg Schlosser. Sie finden in den von Johann Heinrich Merck herausgegebenen Frankfurter Gelehrten Anzeigen ein geeignetes Publikationsorgan. Aufgrund des vorherrschenden Despotismus muß man auf schriftstellerische Betätigung und theoretisches Bemühen ausweichen.

Die Anhänger der neuen Bewegung lehnen die Fremdbestimmung durch Moral, Konvention und Tradition ab und fordern die freie Entfaltung ihrer see­lischen und körperlichen Kräfte. Diesem Gedanken liegt ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde, in dem Emotion und Leidenschaft nicht mehr als gegen die Harmonie der Vernunft handelnde Störelemente, sondern als pro­duktive Kräfte begriffen werden. Folglich geht es im Sturm und Drang nicht darum, Verstand gegen das Gefühl auszuspielen, sondern um die Ver­wirklichung und Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten.[5] Das neue Lebensgefühl wird geprägt durch eine bis zum Rausch gesteigerte Gefühlsintensität , welche nicht nur positiv zu sehen ist, sondern auch zerstörerische Züge aufwies.[6]

Weiterhin spielt der Geniebegriff in dieser Epoche eine große Rolle. Als Genie wird der sich frei entfaltende Mensch angesehen, der ohne Fremdbe­stimmung schöpferisch und kreativ handelt und dadurch die wahre menschliche Natur verkörpert.

Ohne nachzuahmen schöpft das Genie aus seinem eigenen Inneren. Da­durch wird Dichtung zur Offenbarung der schöpferischen Individualität.

Die Merkmale der Bewegungen kommen besonders in Goethes be­deutendsten Werken des Sturm und Drangs, dem Roman Werther und dem Drama Götz von Berlichingen, zum Ausdruck.

3.2. Naturverständnis des Sturm und Drangs

Der Naturbegriff ist keineswegs unproblematisch. Die Natur wird nicht einfach als das Gute gesehen, das der schlechten Gesellschaft gegenüber­steht, sondern vielmehr als das Ganze, das die „fatalen bürgerlichen Verhält­nisse überwinden hilft (Werther)."[7]

Wie oben bereits erwähnt, entsteht ein neuer Naturoptimismus und -idealismus. Dies bedeutet allerdings nicht, daß die Natur nur den positiven Gegenpol zur konventionellen Gesellschaft darstellt. Auch ihre negativen Eigenschaften sind ein Thema des Sturm und Drangs. Die Natur­beschreibungen beschränken sich nicht nur darauf, Bewunderung für sie zum Ausdruck zu bringen, sondern sie stellen auch ihre mächtigen und ge­walttätigen Elemente dar.

Die Grundgedanken des französischen Philosophen Jean-Jacques Rous­seau über die Natur bilden die Grundlage für das Naturverständnis des Sturm und Drangs. Er hält den Mensch für ein von Natur aus gutes Wesen, welches durch die Zivilisation verdorben wird. Durch das Gefühl aber kann das Individuum die verlorengegangene Natürlichkeit wieder zurückgewinnen. Darauf basierend hat er Idealmodelle der Erziehung und der Staatsform ent­worfen, welche sich für die menschliche Natur eignen sollen.[8] „Die rührend-erhabene Mutter Natur wird abgelöst von einer Natur, die von göttlicher Macht beseelt ist."[9] Gott offenbart sich dem Menschen in der rauhen Natur. An ihrer ursprünglichen, kraftvollen Einzigartigkeit erkennt man die wahre Natur wieder.[10]

Die Ambivalenz des Naturverständnisses drückt sich folgendermaßen aus: „die leuchtende und glühende, die allheilende und leitende Natur; [...] die erahnt und gefühlt werden will, die als ewig keimende und schöpferische zu­gleich ewig zertrümmernde und zerstörende ist, lebendiges Buch, Urquell, übermächtige Mutter."[11]

3.3. Goethe als Stürmer und Dränger

Die Hochzeit des Sturm und Drangs beginnt mit dem Treffen und dem an­schließenden Gedankenaustausch von Johann Gottfried Herder und Goethe in Straßburg (1770). Goethe liest auf Anregung Herders erneut Homer, Shakespeare und Ossian und beschäftigt sich mit altnordischer Poesie. Er zeichnet für Herder im Elsaß Volkslieder aus mündlicher Überlieferung auf und entdeckt so die Welt der Volksliedüberlieferung.

Doch nicht nur so beeinflußt Herder Goethes Werke, sondern er sorgt auch dafür, daß dessen Lyrik ein anderes Formenkonzept als vorher bevorzugt. Nicht mehr die Richtigkeit im Sinne von sprachlicher und metrischer Norm, sondern Vielfalt, Kraft, Bewegung und Gefühlsintensität bestimmen Goethes Lyrikstil. Er gebraucht unregelmäßige Verse und paßt sie rhythmisch bis ins kleinste Detail dem jeweiligen Gefühlsablauf an.

Die Lyrik ist das Feld der Selbstaussprache der Individualität des Dichters. Das unvergleichliche, schöpferische Ich fühlt und erfährt sich selbst im Erlebnis mit der Liebe und der Natur.[12] Diese Art von Lyrik wird als Erlebnis­lyrik bezeichnet, weil die individuellen Gefühle und Erlebnisse des Dichters im Vordergrund stehen. Für Goethe konkretisiert sich die Individualitäts­erfahrung nicht nur in der Betonung des „Fürsichseins", sondern vor allem in der Auseinandersetzung mit der Natur, in deren Wesen er bis zur völligen I­dentifizierung und Selbstaufgabe eindringen will.[13] Als Beispiel dafür soll im folgenden die Ballade „Der Erlkönig" näher unter­sucht werden.

[...]


[1] Vgl.: Alfred C. Baumgärtner: „Ballade und Erzählgedicht im Unterricht“. S.,6

[2] Ebd.: S.28

[3] Anm. : Es gibt verschiedene zeitliche Einordnungen des Sturm und Drangs, wobei einige die­se Epoche wesentlich enger fassen. Ich halte jedoch die oben angegebene Zeitspanne für sinn­voll.

[4] Vgl. : Herbert A. und Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. S.201-206

[5] Vgl.: Theo Herold und Hildegard Wittenberg: Aufklärung Sturm und Drang. S.40

[6] Vgl.: Ernst u. Erika von Borries: Deutsche Literaturgeschichte. Band2. S. 192

[7] Vgl.: Sven Aage Jorgensen u.a. : Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik. S. 428

[8] Vgl. : Wolf Wucherpfennig: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. S.96

[9] Goethe Handbuch S.62

[10] Vgl.: Wolf Wucherpfennig: Geschichte der deutschen Literatur. S.95

[11] Goethe Handbuch S.62

[12] Vgl.: Wolf Wucherpfennig: Geschichte der deutschen Literatur. S.99

[13] Vgl.: Hans G. Winter: Antiklassizismus: Sturm und Drang. S.239

Details

Seiten
26
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638133746
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5529
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
gut
Schlagworte
Darstellung Bedeutung Naturphänomene Goethes Balladen Schillers Musenalmanach Jahr

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