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Die "Goldene Bulle von 1356" im Spiegel der Handschriften, der Historiographie und des gelehrten Rechts

Am Beispiel des Kurfürstenbildes bei drei verschiedenen Rezipienten des 15. Jahrhunderts

Essay 2006 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Perspektiven im 15. Jahrhundert: Der Untersuchungsgegenstand

II. Die Goldene Bulle und das Zeremoniell: Pflichten und Rechte der Kurfürsten

III. Geistliche Perspektive: Doyen de S. Thiébaut de Metz

IV. Weltliche Perspektive: Jaique Dex und sein Sohn - Stadtbürger aus Metz

V. Rechtshistorisch gelehrte Perspektive: Peter von Andlau

VI. Das Kurfürstenbild: Geistliche, weltliche und gelehrte Perspektive

VII. Literatur

I. Perspektiven im 15. Jahrhundert: Der Untersuchungsgegenstand

Nachdem die Zeitgenossen scheinbar die Bedeutung der Goldenen Bulle für die Herrschaft im Reich nicht absahen, stieg das Interesse nach dem Jahr 1400 bedeutend an.[1] Von großem Interesse für die Forschung muss daher sein, in welcher Weise verschiedene soziale Gruppen zu dieser Zeit die Regularien der Goldenen Bulle rezipierten und in welcher Art sie ihren Inhalt verschriftlichten. Als Grundlage der vorliegenden Arbeit dienen die Regularien, wie sie die Goldene Bulle Karls IV. 1356 vorsah.[2] Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf die Rolle der Kurfürsten gelegt werde, um den Inhalt betreffender Passagen im Anschluss mit den vorzustellenden Textabschnitten dreier Quellen des 15. Jahrhunderts zu vergleichen.

Aus der Feder eines Kanonikers des Stiftes St. Theobald von Metz stammt die „Chronique, ou Annales du Doyen de S. Thiébaut de Metz“[3]. Diese Chronik, die nach dem Jahre 1429 entstanden sein muss, gibt einen Einblick in die geistliche Perspektive auf die Goldene Bulle. Für eine stadtbürgerliche, weltliche Perspektive werden „Les coroniques parlans de l’empereur Hanrey cuien de Luxembourg et de sa descendue“[4] von Jaique Dex und seinem Sohn vorgestellt, die zwischen 1434 und 1438 in Metz entstanden. Zuletzt wird auf die juristische Arbeit von Peter von Andlau hingewiesen, der als Rechtsgelehrter im Jahre 1460 eine erste rechtshistorische Arbeit über das Alte Reich unter dem Titel „Libellus de Cesarea Monarchia“ unter Verwendung der Goldenen Bulle verfasst hat und damit als Begründer des deutschen Staatsrechtes gelten kann.[5] Sein Text soll einen Aspekt der Sicht der juristischen Gelehrtenschaft damaliger Zeit repräsentieren.

Die Frage nach der Perspektive dieser Schriften auf die Goldene Bulle wird auf die Rolle der Kurfürsten in den Schilderungen der Metzer Chroniken über den Besuch Kaiser Karls IV. in der Stadt (1356/57) fokussiert. Daher werden sich die Untersuchungen an der Goldenen Bulle und der rechtshistorischen Schrift an den relevanten Ereignissen orientieren, welche zunächst der Einzug des Kaisers und seines Gefolges in die Stadt Metz, dann die Messe zum Heiligen Abend und schließlich das Festbankett auf dem Champ-à-Sailles der Stadt Metz sind

II. Die Goldene Bulle und das Zeremoniell: Pflichten und Rechte der Kurfürsten

Bei dem Besuch des Kaisers und seiner Gattin in Metz sind vor allem die zeremoniellen Regeln, welche die Goldene Bulle Karls IV. festgeschrieben hat, bedeutsam. Offenbar waren die Fragen der Ranghierarchie und der Zuständigkeiten innerhalb des Kurfürstenkollegiums für alle Beteiligten von ebenso hoher Bedeutung wie die anderen Verfassungsfragen des Reiches.[6] Die Goldene Bulle, 1356 in Nürnberg erstellt und bis nach 1357 hinein in Metz ergänzt, schrieb diesbezüglich in vielen Kapiteln detaillierte Ordnungen für diverse Anlässe vor.

Kapitel XXI legt fest, dass bei gemeinsamer Versammlung des Kaisers und der Kurfürsten dem Kaiser die Reichskleinodien vorangetragen werden müssen, wobei der Erzbischof von Trier voranschreitet. Verzichtet der Kaiser auf die Reichskleinodien, so geht der Kurfürst von Trier allein voran. Die beiden übrigen geistlichen Kurfürsten sollten ihre Plätze gemäß dem Rang ihrer Erzbistümer einnehmen. In XXII werden die weltlichen Kurfürsten bezüglich ihrer Rangunterschiede bei festlichen Anlässen behandelt, so dass sich ein klares Bild ergibt, wer welches Reichssymbol zu tragen hatte.[7]

In der Rang- und Sitzordnung bei Angelegenheiten des Reiches wie zum Beispiel Gerichtssitzungen, Belehnungen oder Festmählern ist nach Kapiteln III und IV folgende Sitzordnung zu beachten: im Wesentlichen hatte der Erzbischof von Trier gegenüber dem Kaiser zu sitzen, der Mainzer und der Kölner Erzbischof hingegen nahmen jeweils innerhalb ihrer eigenen Diozöse zur rechten Seite des Kaisers Platz. Der Mainzer Kurfürst saß dort bei Hoftagen im gesamten Bereich seines deutschen Kanzleramtes mit Ausnahme der Kölner Provinz, der Kölner Kurfürst wechselte für Italien und Gallien auf diese Position. Weil er ein gekrönter und gesalbter Fürst sei, folgte in dieser Ordnung der König von Böhmen zur Rechten des Kölner Erzbischofs. Daneben ist der Sitzplatz des Pfalzgrafen vorgesehen. Zur linken Seite neben dem nicht rechts verbliebenden Erzbischof werden der Herzog von Sachsen und nach ihm der Markgraf von Brandenburg positioniert. Kapitel VI besteht energisch auf der Einhaltung dieser Regelungen, da kein Kurfürst dem anderen vorzuziehen sei. Es müssten die Rechte, Fürstentümer und Ehren der Kurfürsten, wie von der Goldenen Bulle vorgeschrieben, erhalten bleiben, denn ein Einsturz von einer Säule (Kurfürst) drohe das gesamte Gebäude der Reichsordnung einzureißen.

Mit an Pedanterie grenzender Genauigkeit beschreibt Kapitel XXVII die Pflichten, die aus den Erzämtern resultieren, bei feierlichen Hoftagen. Kapitel XXVIII gibt Anweisungen für die Herrichtung der Tafel von Kaiser, Kaiserin und Kurfürsten bis hin zur Festlegung unterschiedlicher Tischhöhen. Danach sind die Kurfürsten zwar gleichberechtigt untereinander, jedoch von geringerem Rang als die Kaiserin, die wiederum einen niedrigeren Tisch als der Kaiser selbst hat.

Die im Kapitel XXVII in Metz präzisierten Aufgaben der Kurfürsten bei Hoftagen sind für den Herzog von Sachsen als Erzmarschall von symbolischer Natur: Sobald der Kaiser sich gesetzt hat, schüttet der Herzog von Sachsen Hafer über ihn, und zwar bis zur Brusthöhe des Pferdes des Sachsen – danach wird der Hafer verteilt. Der Herzog von Sachsen trägt dabei in seiner Hand einen wertvollen Silberbecher und einen silbernen Stab. Die Erzbischöfe segnen den Kaiser und erweisen ihm ihre Ehre, indem sie Siegel und Siegelstempel zu seinen Füßen legen. Der Erzkämmerer ist der Markgraf von Brandenburg, welcher die Hände des Kaisers zu waschen hat, wonach der Erztruchsess, der Pfalzgraf bei Rhein, dem Kaiser die Speisen anreicht und der Mundschenk, der König von Böhmen, dem Kaiser Wein und Wasser überreicht. Die Kurfürsten erbieten dem Kaiser ihre Erzamtspflichten zu Pferde, müssen aber für ihre Aufgaben zu Fuß vor ihn treten.

Ersichtlich ist auch, dass sich hier eine Abweichung zur Prozessionsordnung (XXII und XXVI) ergibt, die sicherlich aber einer inneren Logik eines Festbanketts geschuldet ist.[8] Schließlich ist es beispielsweise eine Notwendigkeit, die Reittiere vor dem Festmahl zu versorgen, selbst wenn der Herzog von Sachsen, als Erzmarschall für die Reiterei verantwortlich, von niedrigerem Rang als die Erzbischöfe war.

Vermutlich war die in der Goldenen Bulle verschriftlichte Zeremonialordnung für Kaiser, Kurfürsten und Reich nicht gänzlich neu, doch konstatierte sie in ihrer neuen Formalität eine Verlässlichkeit und Kalkulierbarkeit der komplizierten Symbolsysteme für Rang und Stellung, Wertschätzung oder Ablehnung sowie Huld und Ungnade.[9] Es bildete sich nicht zuletzt durch die detaillierten Sitz- und Prozessionsordnungen sowie die durchdachte Hierarchie der Erzämter und ihrer Pflichten eine Bildsprache, welche die Wahrnehmung von Kaiser und Kurfürsten über Jahrhunderte prägte.

III. Geistliche Perspektive: Doyen de S. Thiébaut de Metz

Ein Kanoniker des Metzer Stiftes St. Theobald der Priorie Saint Supplice, der sich selbst namentlich nicht näher bezeichnet, schrieb die „Chronique, ou Annales du Doyen de S. Thiébaut de Metz“[10]. Die nach dem Jahr 1429 entstandene Chronik wurde bis in das Jahr 1445 geführt. Sie behandelt die Geschichte von Metz in Form einer Sammlung von Urkunden (Chartular) und einer Stadtchronik zwischen den Jahren 1229 und 1445. Dabei beginnt die Chronik mit einer Liste von Schöffen von Metz, fügt einige knapp gehaltene Verträge bei und erhöht im weiteren Verlauf zunehmend ihren Detailgrad. Vorlagen für seine Niederschrift findet der Chronist bei drei älteren Schriften von R.R.P.P. Tiercelins von Nancy, einem M. Guichard aus Metz und der Chronik eines Cölestinermönches über Metz. Mündliche Überlieferungen stellen gewiss ebenfalls eine Grundlage dar.

Als drei zur Betrachtung ausgewählte Phasen waren oben der Einzug in die Stadt Metz, die Weihnachtsmesse und das Festbankett auf dem Champ-à-Sailles genannt worden. Bei der Chronik von St. Theobald werden die Kurfürsten bei allen drei Ereignissen erwähnt. Die Kurfürsten werden zwar einleitend beim Einzug nach Metz als Gefolgsleute des Kaisers erwähnt, jedoch ohne eine Berücksichtigung von Rängen oder gar Reihenfolgen, da an dieser Stelle ausführlich auf die Prozession der Metzer Personen eingegangen wird, die dem Kaiser und seinem Gefolge voranschritten. Lediglich Vertreter der Geistlichkeit hätten den kaiserlichen Tross empfangen, Abgesandte der städtischen Herrschaft finden keine Erwähnung, abgesehen von den Rittern und Knappen, welche die Baldachine über den Köpfen von Kaiser und Kaiserin halten durften. Erst danach seien die Kurfürsten gegangen. Sollte der Kaiser darauf verzichtet haben, die Reichskleinodien vorangetragen zu bekommen, so könnte diese Darstellung stimmig sein. In diesem Falle wären nur die geistlichen Kurfürsten dem Kaiser vorangeschritten, der Trierer Kurfürst zuerst, diese hätte der geistliche Schreiber in seiner Perspektive allgemein der Prozession aus Klerikalen zugeordnet.

Später wird der Chronist konkreter, was die Begleiter des Kaisers beim Eintreffen in Metz anbelangt: es schreiten die drei Erzbischöfe zusammen mit dem Kaiser in die Stadt, gefolgt von dem Herzog von Bayern, der die Kur von der Pfalz wahrnahm. Bei der Darstellung der Weihnachtsmesse werden die Kurfürsten einerseits bei der Geistlichkeit (Erzbischöfe und Bischöfe), andererseits bei den Weltlichen (Herzöge, Grafen und Fürsten) eingeordnet. Auf ihre Pflichten und Rechte wird an dieser Stelle nicht eingegangen, da das Hauptaugenmerk auf dem Verhalten des Kaisers liegt.

Beim Festbankett des Kaisers am Weihnachtstag auf dem Champ-à-Sailles scheinen die Vorgänge für den Chronisten selbstverständlich den gesetzten Regeln des Hoftages zu folgen. Erwähnung findet hier, dass der Kaiser an seinem Tisch „ganz im Stande eines Kaisers“ saß, was auf die Ordnung der Tischhöhe aus der Goldenen Bulle hinweist. Die Kaiserin sitzt an einem anderen Tisch, der mit niedrigeren Gefolgsleuten besetzt ist. Darüber hinaus ist auch der Tischdienst der Erzämter beschrieben, da von den berittenen Kurfürsten geschrieben wird, dass diese „von großen Streitrössern“ getragen worden seien und den Kaisern ganz seinem Stande gemäß bediente hätten.

[...]


[1] Fritz, Wolfgang D.: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. vom Jahre 1356, Weimar 1972; S. 12.

[2] hier nach Fritz: Goldene Bulle in der Böhmischen Ausfertigung der Nürnberger Fassung und der Trierer Ausfertigung der Metzer Ergänzung – beide auf lateinischer Sprache. Online beim Münchener Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek: http://mdz1.bib-bvb.de/~db/bsb00000666/images/index.html?seite=3 [Stand: 1.2.2006]..

[3] Hier die Ausgabe bei Calmet, Augustin: Chroniques, ou Annales du Doyen de S. Thiébaut de Metz, in: Ders. (Ed.): Histoire de Lorraine qui comprend ce qui s’est passé de plus memorable dans l’Archevêche de Trèves, & dans les Evêches de Metz, Toul et Verdun, depuis l’entrée de Jules César dans les Gaules, jusqu’ á la Cession de la Lorraine, arrivée en 1737 inclusivement, Bd. 5, Nancy 1752 ; Sp. V-CXVI.

[4] Wolfram, Georg (Hg.): Die Metzer Chronik des Jaique Dex (Jacques D’Esch) über die Kaiser und Könige aus dem Luxemburger Hause, Metz 1906; S. 302-308, 309-312.

[5] In der Edition bei Hürbin, Joseph: Peter von Andlau. Der Verfasser des ersten deutschen Reichsstaatsrechtes. Ein Beitrag zur Geschichte des Humanismus am Oberrhein im XV. Jahrhundert, Straßburg 1897; S.129-219

[6] Kunisch, Johannes: Formen symbolischen Handelns in der Goldenen Bulle von 1356, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.): Vormoderne politische Verfahren (=Zeitschrift für Historische Forschung. Vierteljahresschrift zur Erforschung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit 25); S. 263-280, hier S. 265.

[7] Nach dem Kurfürst von Trier in erster Reihe von links nach rechts: Brandenburg: Szepter; Sachsen: Schwert; Pfalzgraf: Apfel; in zweiter Reihe: Köln: Reichskrone; Mainz: Siegel (nach einem Schema von Wolf, Armin: Das „Kaiserliche Rechtbuch“ Karls IV. (sogenannte Goldene Bulle),in: Ius Commune 2 (1969); S. 1-32, hier S. 15. Der Kaiser schreitet dem böhmischen Kurfürst voran, es folgen Kaiserin und Gefolge.

[8] Hergemöller, Bernd-Ulrich: Der Abschluss der „Goldenen Bulle“ zu Metz 1356/57, in: Friedrich B. Fahlbusch / Peter Johanek (Hg.): Studia Luxemburgensia. Festschrift für Heinz Stoob zum 70. Geburtstag (=Studien zu den Luxemburgern und ihrer Zeit 3), Warendorf 1989; S. 123-232, hier über Kapitel 27: De officiis principum electorum in solempnibus curiis imperatorem vel regnum Romanorum sowie Kapitel 28: Imperialis Mensa, S. 215-220.

[9] Kunisch: Formen; S. 270.

[10] vgl. Anm. 3.

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638502788
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55279
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Historisches Seminar - Arbeitsbereich Mittelalter
Note
1,6
Schlagworte
Goldene Bulle Spiegel Handschriften Historiographie Rechts Beispiel Kurfürstenbildes Rezipienten Jahrhunderts Rezeption Goldenen

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