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Die Reflexion der Reformation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1. Reflexionsgeschichte
2.2. Reformation
2.3. Ideologie

3. Die Reformation im Spiegel des späten Wilhelminischen Kaiserreichs
3.1. Der erste Weltkrieg

4. Die Reformation in der Geschichtsschreibung der Weimarer Republik

5. Das „Bild Luthers“ und der Reformation im Nationalsozialismus
5.1. Das Verhältnis zwischen der NSDAP und den christlichen Konfessionen in Deutschland
5.2. Wissenschaftliche und theologische Sichtweisen auf Luther während des Nationalsozialismus
5.3. Religiös fundierter Widerstand

6. Schlusswort

7. Literatur

1. Einleitung

Wie wurde ein bestimmter Zeitabschnitt der Historie in einem anderen Zeitraum, der weniger vergangen ist, eingeschätzt? Diese Frage, bezogen auf die kirchliche Reformation im 16. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, soll auf differenzierte Art und Weise erläutert werden.

Das zwanzigste Jahrhundert wird als das „Zeitalter der Ideologien“[1] bezeichnet. Während sich der Imperialismus um die Jahrhundertwende vollends ideologisch ausgebildet hat, kommt es nach der Weimarer Republik in Deutschland zur Nationalsozialistischen Diktatur mit ihrer antisemitischen Rassenideologie. Die aufkommenden Fragen diesbezüglich sind der Grad der Ideologisierung im Reformationsbild, und im speziellen die Änderungen des Lutherbildes, während des Nationalsozialismus.

Als Vorbereitung, beziehungsweise Hinarbeitung sollen die zwei unterschiedlichen vorhergehenden Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte gelten. Angefangen vom deutschen Kaiserreich mit dem Eintritt in das imperialistische Wetteifern bis hin zur Weimarer Republik soll herausgearbeitet werden, in wiefern das Reformationsbild mit dem Zentrum der Lutherrezension als Vorlage für die Zeit des „Dritten Reiches“ galt und dort für die eigene staatstragende Ideologie genutzt wurde. Es wird somit versucht auf die differenzierten und stellenweise sehr konträren Meinungen über die Reformation während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt der nationalsozialistischen Zeit einzugehen und zu untersuchen, ob es möglich ist, Verknüpfungen zwischen der Reflexion der Reformation und der jeweils aktuellen Staatsideologie zu finden.

Das Thema begründet sich auch aus der Tatsache heraus, dass sich die Verwissenschaftlichung her Historiografie erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts herausbildete, wobei die Gesellschaft zeitgleich anfing diesen Prozess zu nutzen und versuchte den wissenschaftlichen Diskurs in eine gewünschte Richtung zu lenken.

2. Begriffsdefinitionen

Zum Verständnis dieser engen geschichtswissenschaftlichen Thematik ist es beginnend wichtig die drei wichtigsten Begriffe Reflexionsgeschichte, Reformation und Ideologie semantisch so genau wie möglich zu umschreiben.

2.1. Reflexionsgeschichte

Reflexionsgeschichte als geschichtswissenschaftlichen Begriff zu definieren, fällt relativ schwer. Das erste Kompositum Reflexion beinhaltet die lateinische Bedeutung „Zurückbeugung“. Im allgemeinsprachlichen Gebrauch bedeutet es „nachdenken, Überlegung, Betrachtung“. Die philosophische Definition wäre die „Zurückwendung des Denkens auf das Gedachte oder das Denken selbst“.[2] Wenn man jedoch den Begriff der Reflexion mit Geschichte verbindet, lässt sich keine endgültige Definition finden. Vielmehr verbindet sich der Begriff meiner Meinung nach mit anderen: Mit der selbstkritischen Historisierung versucht die Geschichtswissenschaft im Namen der Gesellschaft alte Thesen und Ansichten zu überprüfen und im Rahmen zeitgeschichtlicher Problematisierungen zu erneuern. Für die Reflexion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ältere Epochen ist weiterhin der Begriff des Paradigmenmodells wichtig, welches von Rüsen wie folgt konkretisiert wurde: Der erste Punkt ist das Interesse oder das Orientierungsbedürfnis der Gegenwart. Der zweite Punkt findet sich in der Idee bzw. der leitenden Gesichtspunkte des Historikers bei der Erschließung der Vergangenheit, gefolgt von den aktuellen Regeln und Stand der empirischen Forschung und den aktuellen Formen der Darstellung. Als 5. Punkt führt er die Funktion des historischen Wissens für die Gesellschaft an.[3]

Zusammengefasst kann man so die Definition entwickeln, dass die Geschichte der Reflexion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von dem Diskurs zwischen der kritischen Historisierung und dem Paradigmenmodell bestimmt wurde.

2.2. Reformation

Um die Sicht auf die Reflexion auf die Reformation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen, wäre es von Vorteil, die geschichtliche Epoche der Reformation aus heutiger Sicht zu definieren, um gegebenenfalls eine Vergleichsbasis zu haben.

Der Begriff Reformation leitet sich von der lateinischen Bedeutung für Umgestaltung und Wiederherstellung ab. Es sei der Versuch eine Gemeinschaft durch Besinnung auf ihren Ursprung zu erneuern. Im speziellen wird somit die religiöse Bewegung an der Wende vom Mittelalter zur neueren Zeit eingeleitet, in deren neue kirchlichen Gemeinschaften entstanden, die römisch-katholische Kirche ihre Einheit verlor und neue religiöse Haltungen, wie der Protestantismus entstanden sind. Es wird die Verknüpfung zu der Krise des Papsttums im 14. und 15. Jahrhundert gezogen, zu dem weltlichen Herrschaftsanspruch der Renaissancepäpste, zu dem Gravamen[4] und der Kritik des Humanismus an der Lebensführung des geistlichen Standes. Diese werden heute zwar als Voraussetzungen angesehen, obgleich sie nicht das komplexe Feld der Ursachen abdecken. Begünstigt wurde die Verbreitung der Reformation durch den Buchdruck, welcher exzessiv genutzt wurde, um die Gedanken der Reformatoren zu verbreiten und durch den Konflikt zwischen den, seit dem Hochmittelalter aufstrebenden, Städten und der Kirche, sowie dem erstarkten Selbstbewusstsein der Landesherren.

Folglich war die Reformation ein politisch und religiös bedingter Prozess, welcher wiederum eine Voraussetzung des Kulturwandels in der frühen Neuzeit darstellte.[5]

2.3. Ideologie

Der Begriff „Ideologie“ entspringt dem Griechischen und wurde bis ins 19. Jahrhundert in neutraler Bedeutung der Wissenschaft von der Entstehung und Entwicklung geisteswissenschaftlicher Ideen zugeordnet. In der neueren Zeit definiert sich Ideologie durch das jeweilige System von Antworten zur Grundlage des menschlichen Handelns und Denkens. Eine Ideologie dient bewusst oder unbewusst der Rechtfertigung von Interessen. Somit wird das Wort häufig mit kritischem Akzent als begrenztes und einseitiges, im Gegensatz zur Wahrheit gestelltes, durch einzelne Personen getrübtes Wirklichkeitsbild verwendet. Im abwertenden Sinn[6] versteht man Ideologie als Gedankenkonstrukt, dass aus sich selbst heraus so wenig überzeugend ist, dass es durch Gewalt und Terror gestützt werden muss.[7] Seit Mitte der 60er Jahre entstand mit dem kritischen Rationalismus eine Unterscheidung in zweckrationalen, unmittelbar sachbezogenen und einem ideologischen, auf die Verwirklichung allgemeinpolitischer Theorien zielendes Denken.[8]

Eagleton nimmt bei dem Versuch „Ideologie“ als wissenschaftlichen Begriff zu definieren deutlich mehr Schwierigkeiten wahr. Zum einen, so seine Argumentationskette, umfasst „Ideologie“ eine solch große Menge an Bedeutungen, dass einige sich gegenseitig ausschließen. Ein diesbezügliches Beispiel wären die beiden vorhandenen Begriffsbestimmungen: „Jede […] gesellschaftlich motivierte Denkweise“ und „Falsche Vorstellungen, die dazu beitragen, eine herrschende politische Macht zu legitimieren“, welche sich gegenseitig ausschließen. Zum anderen birgt die Kombination von weiteren vorhandenen Begriffsbestimmungen interessante kausale Zusammenhänge: Wenn man annimmt, dass sich der Begriff der Ideologie aus der „Illusion und [dem] Verfahren, mit dem gesellschaftlich handelnde Personen sinnvolle Welten erzeugen“, so erfährt die tägliche Sinnkonstruktion eine pessimistische Nuance. Folglich hat unsere tägliche Anstrengung der Gestaltung der Umgebung ein Ziel, welches wir nie erreichen, die Illusion. Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Implizierung einer verzerrten Realitätswahrnehmung. Diesbezüglich divergiert beispielsweise die Bedeutung als „sozial notwendige Illusion“ und „handlungsorientierter Komplex von Überzeugungen“.

Dieses Problem verdeutlicht die einzige Möglichkeit, „Ideologie“, wenn auch nicht ausreichend, zu definieren. Nach Eagleton gibt es zwei hauptsächliche Denktraditionen in der Diskussion um eine Ideologiedefinition. Angefangen bei Hegel und Marx bis hin Lukas verläuft die Traditionslinie, welche sich mit der Vorstellung einer „wahren und falschen Erkenntnis, sowie mit einem Konzept von Ideologie als Illusion, Verzerrung und Mystifikation“ beschäftigt. Die oppositionelle Seite hingegen definiert den Begriff nicht durch den Wirklichkeitsgehalt von Vorstellungen sondern durch deren Funktion in der Gesellschaft.[9]

Zusammenfassend soll der von Marx und Hegel vertretene Definitionsversuch weiterhin verwendet werden. Es sollte in den zurückliegenden Abschnitt gezeigt werden, dass eine endgültige Begriffsdefinition von Ideologie nicht möglich ist, obwohl eine umgangssprachliche Bestimmung – am Anfang des Abschnittes vorhanden zu sein scheint.

3. Die Reformation im Spiegel des späten Wilhelminischen Kaiserreichs

Das 19. Jahrhundert wird oft als „Epoche der Historisierung“[10] bezeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts kommt es in der Politik zu einer Reihe von „Krisen, Katastrophen und Innovationen“[11], welche eine Rückwirkung auf die Geschichtswissenschaft hat. Die Entwicklung des europäisch-nordamerikanischen Geschichtsbewusstseins und deren höchst differenzierten Verwissenschaftlichung wird zwar nicht aufgehalten, gleichwohl ihre Perspektiven sich mit denen der Krise usw. vermischen und somit die einheitliche Entwicklung unterlaufen. Die zweite gesellschaftliche Komponente, die einer homogenen geschichtswissenschaftlichen Ansicht entgegenläuft ist die Innovation.[12] Für den zu untersuchenden Sachverhalt kommt noch eine spezielle Entwicklung hinzu: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts versuchten viele Theologen, vor allem Protestanten, die alten dogmatischen Ansichten der Universitätstheologie und insbesondere ihrer Subdisziplin der Kirchengeschichte, abzulegen.[13] Diese Heterogenität der Geschichtswissenschaft während der Jahrhundertwende soll die Problematik einer Untersuchung der Ideologisierung eines ganz bestimmten geschichtlichen Phänomens, der Reformation, einleitend erklären.

Die Reformationsreflexion zwischen 1900 und 1914 kann man in mehrere Säulen einteilen. Der Ausgangspunkt soll die wissenschaftliche Lutherreflexion im Neukantinismus sein, als Schopenhauers (1788-1860), Feuerbachs (1807-1872), Burckhardts und Nietzsches (1844-1900) Urteil gegen das klassisch-idealistisch-nationale Lutherbild des 19. Jahrhundert sich zu formen begann. Jenes Reformationsbild war vom germanischen Charakter, der unerhörten Freiheit und der Souveränität der Person Martin Luthers bestimmt.[14] So entstand eine Vielzahl von unterschiedlichen Funktionszusammenhängen, die das Interesse am ausgehenden Mittelalter, wobei dies jedoch in den seltensten Fällen von einer vorurteilsfreien „Erhellung“ getragen wurde, förderte.

Dem gegenüber entwickelte sich am Anfang des Jahrhunderts eine kritischere Lutherreflexion: Er sei kein Vorläufer der Aufklärung oder des Liberalismus gewesen, sondern ein Restaurator des alten Dogmas. Er hatte zwar geschafft die Kirche zwischen Mensch und Gott zu entfernen. Bediente sich hierfür allerdings der innerkirchlichen Dogma – Nutzung, beispielsweise der katholischen Stellung zur Lehre von Sünde und Erbsünde.[15]

Die während des Ersten Weltkrieges weiter forcierte öffentliche und außerwissenschaftliche Ideologisierung der Reformation findet man jedoch schon vor dem untersuchten Zeitraum. Das 400 jährige Lutherjubiläum 1883 wurde zu einem Anlass, die Synthese zwischen dem evangelischen Glauben und dem neugegründeten Deutschen Reich zu unterstreichen. Als Beispiel für diese Reformationsreflexion ist der Ausspruch Kaiser Wilhelm II. zum Reformationstag 1896: „Ein Reich, ein Volk, ein Gott!“[16]. Ein weiteres Beispiel für die Reformationsrezeption war das Titelblatt der Zeitschrift „Licht und Leben“, welches seit 1903 „einen Adler, der in die Richtung der über der Wartburg aufgehenden Sonne flog“[17]. Der Adler als Zeichen des kaiserlichen Nationalismus wird hier mit der Reformation verbunden. Ein weiteres publizistisches Beispiel ist die 1908 von Reinhard Mumm, einem prominenten und sozial engagierten evangelischen Pfarrer, gegründete Zeitschrift mit dem Titel „Das Reich“, welche allein schon durch den Titel eine Verbindung zwischen dem „Gottes- und Kaiserreich“ liefern sollte.[18]

Bezüglich des Verhältnisses zwischen den beiden großen mitteleuropäischen Konfessionen, dem römischen Katholizismus und der evangelischen Kirche, kam es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu keiner nennenswerten Annährung. Dies zeigt sich auch durch den Lexikoneintrag der Reformation in der Borromäus Enzyklopädie vom 26.05.1910 unter Papst Pius X.[19] Weiterhin sei die Reformation „der Beginn des Zwistes und des Krieges gewesen, der Europa geschwächt hätte und für den Abfall der modernen Zeit vorbereitete“. Sein Nachfolger Papst Benedikt XV. reagierte im gleichen Stil, als bekannt wurde, dass sich in Rom Waldensergemeinden konstituiert hatten. Am 21.11.1915 schrieb er von „teuflischen Machenschaften“ und „Pestkanzeln“ der Lutheraner und Calvinisten, und dass sie es nicht schaffen dürften, „ihre Zelte in der Stadt der Päpste dauernd zu errichten“. Diese polemische Terminologie begann sich nach dem ersten Weltkrieg zu wandeln: Obgleich Luther noch 1925 von Carlo Salotti als „Ausgeburt der Hölle“ bezeichnet wurde, zeigt Alfred von Martins Äußerung über die Kette von Menschen, die eines guten Willens sind, auch wenn sie unterschiedlichen Konfessionen angehören[20], dass sich das katholische Lutherbild interkonfessionalisiert, um dem späteren Versuch einer ideologie- und polemikfreien Auffassung Platz zu machen. Eine ähnliche Aussage obliegt dem Aufsatz des Würzburger Kirchehistorikers Sebastian Merkle „Gutes an Luther und Übles an seinen Tadlern“, indem von Martin als katholischer Theologe große Bedeutung zukam.[21]

Doch bevor sich beide Konfessionen während der Zeit der Weimarer Republik annähern konnten, kam es im ersten Weltkrieg zur Manifestation eines politisch bedingten Lutherbildes im Zuge der deutschen und französischen Kriegpropaganda.

3.1. Der erste Weltkrieg

Die nahezu religiöse Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg gegen das katholische Frankreich formte relativ schnell ein entsprechend politisch generiertes Luther- und Reformationsbild. Der Konflikt zwischen dem preußisch und protestantisch dominierten Deutschland und dem katholischen Frankreich beziehungsweise dem orthodoxen Russland wurde jedoch auch von französischer und russischer Seite auf einen Konfessionskonflikt reduziert. In Frankreich hatte es neben dem kriegsideologisch Hintergrund gleichfalls innenpolitische Gründe: Die in der dritten französischen Republik immer mit Misstrauen betrachtete katholische Kirche, konnte durch eine Diskreditierung des Protestantismus und der Reformation am Beispiel des Kaiserreiches sich selbst wieder profilieren. Der religiöse Eifer, der das Land erfasste, zeigte sich beispielsweise in einer Vervielfachung der Kommunionen ab. Durch den Anspruch aller Parteien im Namen Gottes zu kämpfen, entstand eine Kriegstheologie, die die patriotischen Kulte des 19. Jahrhunderts mit den jeweiligen christlich-religiösen Werten verband.[22]

Ein Problem stellte diese Argumentationskette jedoch bei den ebenfalls protestantischen Gegnern wie beispielsweise Holland, den Vereinigten Staaten, dem anglikanischen England oder im Inland bei den süddeutschen, katholisch orientierten, Bevölkerungsgruppen dar. Durch den nationalen Chauvinismus, welcher ethische und humane Denkkategorien beiseite schob, wurde die nationale Propaganda in dieser Hinsicht jedoch nicht hinterfragt.[23]

Diese starke Verteidigung der als eigen geglaubten Werte kommt zum einen daher, dass das persönliche Schicksal durch die Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer christlichen Kirche in ein kollektives Schicksal eingebettet wurde, und zum anderen durch eine immer stärkeren Spiritualität des Krieges, hervorgerufen durch den ständigen Austausch von Propaganda, persönlichen Nachrichten voller patriotischer Empfindungen, Hoffnungen und Trauer zwischen der Front und der Heimat. Hierdurch war die Bevölkerung gezwungen den Krieg mitzuerleben. Vor allem die Angst vor dem Tod erzeugte ein Anwachsen religiöser Empfindlichkeit in der zumeist erst seit wenigen Generationen städtischen Bevölkerung.

An der Front ist die Etablierung der Kriegsreligion, d.h. die Verstärkung der Frömmigkeit, paradoxerweise doppelt konstitutiv: Während auf der einen Seite, wie schon erwähnt die religiöse Vorstellung für politisch-ideologische Zwecke genutzt wurde, kam es gleichfalls zu religiös bedingten Pazifismus, der den Krieg als große Sünde anprangerte, obwohl die Multiplikatoren dieser national-religiösen Ansichten, die Pastoren und Priester, oft vom Patriotismus erfüllt waren.[24] Ein exzellentes Beispiel lieferte Johannes Schneider, Herausgeber des „Kirchlichen Jahrbuchs“ als er „Reformator mit furchtbarem Antlitz“, der die Menschen wieder zur Kirche zurückführe.[25]

[...]


[1] Beyme, Klaus von, Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien, Wiesbaden 2002, S.6

[2] Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 9, Wiesbaden 1980, S. 377.

[3] Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme, München 2003, S. 13 – 15.

[4] Vgl. Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 4, Wiesbaden 1978, S. 652: Das Wort leitet sich von dem lateinischen Begriff Gravamina ab. Es bezeichnet die Beschwerden der deutschen Nation im 15. und 16. Jahrhundert über den Klerus und die Missstände in der Kirchenverfassung. Diese Beschwerden wurden mehrmals auf kirchlichen Reformkonzilien im Vorfeld der Reformation vorgetragen, allerdings ohne nennenswerte Wirkung.

[5] Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 9, Wiesbaden 1980, S.378.

[6] Vgl. Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 5, Wiesbaden 1978, S.470: Demgegenüber hatte Karl Marx ein positiveres Bild von Ideologie: Es sei das durch die objektive, sozialhistorische, ökonomisch bedingte Klassenlage bestimmte gesellschaftliche Bewusstsein.

[7] Vgl. Eagleton ,Terry. Ideologie, Weimar 2000, S. 3: „Es ist Ideologie, was Menschen von Zeit zu Zeit dazu bringt, einander für Götter oder Ungeziefer zu halten.“ Es ist jedoch schwierig zu verstehen, wenn Menschen „im Namen von etwas so offensichtlich Abstraktem wie Ideen“ kämpfen und morden. Ideologien entstehen durch solche Ideen.

[8] Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 5, Wiesbaden 1978, S.470 – 471.

[9] Eagleton, Ideologie, S. 4-9.

[10] Küttler, Wolfgang (Hrsg.), Geschichtsdiskurs, Frankfurt am Main 1997, S.11.

[11] Ebd.

[12] Ebd. S.11 – 15.

[13] Vgl. Graf, Friedrich Wilhelm, Geschichte durch Übergeschichte überwinden. Antihistorisches Geschichtsdenken in der protestantischen Theologie der 20er Jahre. In: Küttler (Hrsg.), Geschichtsdiskurs, S.218-219: Folgend entstand das Problem, dass vor allem konservative Theologen und Kirchenhistoriker vehement protestierten, da, so ihr Argument, der „Geltungsanspruch des christlichen Glaubens“ sich nicht durch eine „Reduktion der Theologie zu einer bloß historischen Wissenschaft“ verteidigen ließe.

[14] Vgl. „Die Reformation sei von dieser dem Papst gegenüber furchtlosen Person getragen worden.“

[15] Frank- Lothar Kroll, Herrschaftslegitimation durch Traditionsschöpfung. In: HZ 274 (2002), S.61.

[16] Jung, Martin, Der Protestantismus in Deutschland von 1870 bis 1945, Leipzig 2002, S.46, 91: Die glorifizierende Darstellung Luthers im Zusammenhang mit dem Deutschtum des Kaiserreiches muss man jedoch auch in Zusammenhang mit dem Kulturkampf sehen, welcher die staatlichen Kompetenzen beider christlicher Kirchen stark eingeschränkt hat. So wollte sich die Protestantische Kirche durch die nationale Färbung des Reformators rechtfertigen und ihre Position stärken.

[17] Ebd. S.45.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Gerhard Schuder, Das moderne katholische Lutherbild, Durach 1998, S.76 – 77: „Da standen hochmutige und rebellische Menschen auf, Feinde des Kreuzes Christi…Menschen mit irdischer Gesinnung…deren Gott der Bauch ist. Diese strebten nicht die Besserung der Sitten an, sondern die Leugnung der Hauptsätze des Glaubens; sie warfen alles durcheinander und bahnten für sich und andere einen breiten Weg zügelloser Willkür oder suchten offenbar, unter Verachtung der kirchlichen Autorität und Leitung, nach dem Belieben der verkommensten Fürsten und Völker, die kirchliche Würde und Disziplin zu vernichten […]“.

[20] Alfred v. Martin, Weltkirchenkonferenz von Lausanne, Stuttgart 1927.

[21] Gerhard Schuder, Das moderne katholische Lutherbild, Durach 1998, S.76 – 78.

[22] Annette Becker, Art.: Religion. In: Gerhard Hirschfeld (Hg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, S.192 – 193.

[23] Jung, Der Protestantismus in Deutschland von 1870 bis 1945, S.104.

[24] Vgl. Becker, Art.: Religion. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S.193: Als Beispiel soll der Gottesdienst im Berliner Dom am 04.08.1914 zitiert werden: „Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur gegen die Unkultur, für deutsche Gesittung wider die Barbarei, für die freie deutsche, an Gott gebundene Persönlichkeit wider den Instinkten der ungeordneten Masse.“ Der evangelische Theologe gab im August 1914 die Behauptung, analog aller Kriegsparteien, heraus, dass sich Gott den Deutschen offenbaren will. ; Vgl. S. 104: Manche Theologen, wie Hermann von Bezzel, sprachen in ihren Predigen von einem „heilige[n] Krieg“.

[25] Jung, Martin, Der Protestantismus in Deutschland von 1870 bis 1945, S.108.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638502597
ISBN (Buch)
9783638663816
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55255
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Reflexion Reformation Hälfte Jahrhunderts Kultur Erinnerung

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Titel:  Die Reflexion der Reformation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts