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Unternehmensethik und Menschenrechte in internationalem Kontext

Bachelorarbeit 2005 74 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einführung

2. Multinationale Unternehmen und Menschenrechtsverletzungen
2.1 TOTAL in Myanmar
2.2 Norsk Hydro in Indien

3. Entscheidungstheorie und die Rolle von Institutionen
3.1 Das Gefangenendilemma
3.2 Reputation und Vertrauen
3.2.1 Reputation
3.2.2 Reputationsbasiertes Vertrauen
3.2.3 Reputationsbasiertes Vertrauen in der Spieltheorie
3.3 Institutionen
3.3.1 Formelle Institutionen
3.3.2 Informelle Institutionen
3.4 Reputations- und wertebasiertes Vertrauen und Institutionen
3.5 Überlegung zur Absolutheit der Wirkung von Reputation
3.5.1 Der Fall Arthur Andersen
3.5.2 Fazit

4. Unternehmen und die Institution Menschenrechte
4.1 Menschenrechte als Institution
4.2 Organisationen
4.3 Organisationsform Unternehmen
4.4 Anforderungen an die Institution Menschenrechte
4.5 Externe Überwachung und Sanktionierung von Unternehmen
4.6 Die Vereinten Nationen und nichtstaatliche Organisationen
4.6.1 Die Organisation der Vereinten Nationen
4.6.1.1 Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
4.6.1.2 Der Globale Pakt der Vereinten Nationen
4.6.2 Nichtstaatliche Organisationen
4.6.2.1 amnesty international
4.6.2.2 CorpWatch – “Holding corporations accountable”
4.6.2.3 Greenpeace International

5. Unternehmensethik
5.1 Begriff und Definition der Ethik
5.1.1 Metaethische Grundlagen und Problemstellungen
5.1.2 Ansätze und Denkschulen der normativen Ethik
5.1.2.1 Deontologismus
5.1.2.2 Konsequentialismus
5.1.2.3 Tugend-Ethik
5.2 Begriff und Definition der Unternehmensethik
5.2.1 Normative Ansätze in der internationalen Unternehmensethik
5.2.2 Ethik Programme
5.2.2.1 Ethik-Trainings
5.2.2.2 Verhaltenskodices
5.3 Interne Überwachung und Sanktionierung von Unternehmen

6. Resümee
6.1 Inhaltsangabe
6.2 Fazit

Anhang

Englischsprachige Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Unterpfandmodell

Abbildung 2: Darstellung der steigenden Kosten einer formellen Institution bei abnehmendem Grenznutzen

Abbildung 3: Darstellung des Anonymitätsproblems

Abbildung 4: Modell des Gesamtzusammenhanges von reputations- und wertebasiertem Vertrauen und Institutionen

Abbildung 5: Organisationenmodell der internationalen Unternehmensumwelt

Abbildung 6: Gesamtmodell der in die Institution Menschenrechte eingebetteten Akteure und deren Relation zueinander

Abbildung 7: Model of the actors and their inter-relations embedded into the institution ‘human rights’

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: payoff-Matrix für das kontextbezogene Gefangenendilemma

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

“A key characteristic of globalization is that the actors involved are not only states but non-state actors, particularly multinational or trans-national corporations.”

OHCHR on globalization, business and human rights

Mit der fortschreitenden Globalisierung, den immer größer werdenden Handlungsspielräumen auf internationaler Ebene und dem Zuwachs an wirtschaftlicher Macht und politischem Einfluss multinationaler Unternehmen steigen im gleichen Maße die Anforderungen, welche über schlichtes Unternehmertum hinausgehen, an diese. Die an die multinationalen Konzerne gerichteten Forderungen der Weltbevölkerung hinsichtlich des verantwortungsbewussten Umgangs mit dem Menschen und der Natur werden immer nachdrücklicher, sei es weil sie sich zunehmend selbst mit den negativen Auswirkungen unbedachten unternehmerischen Handelns konfrontiert sieht, sei es weil nichtstaatliche Organisationen diese verstärkt in das öffentliche Interesse rücken. Dass dieses gesteigerte moralisch-ethische Bewusstsein der Bürger und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, nämlich die “bad publicity”, durchaus dazu in der Lage sind, selbst die mächtigsten Konzerne dazu zu bringen ihr Handeln zu revidieren, zeigte beispielsweise der Fall der Ölplattform “Brent Spar” auf den durch die Organisation Greenpeace aufmerksam gemacht wurde. Der enorme öffentliche Druck auf den Shell-Konzern zwang diesen schließlich dazu die Insel zu entsorgen anstatt sie einfach zu versenken.

Diese Arbeit betrachtet die Rollen von in die Institution Menschenrechte eingebetteten Akteuren, mit Focus auf multinationale Unternehmen und Organisationen. Zugleich zeigt sie die komparativen Vorteile, welche durch sozial verantwortungsvolles Verhalten entstehen, auf. Dies geschieht im Hinblick auf verschiedene Ansätze zur Unternehmensethik und den Schutz und die Förderung der Menschenrechte, wie sie beispielsweise in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEdMR) formuliert wurden.

2. Multinationale Unternehmen und Menschenrechtsverletzungen

“Please use your liberty to promote ours ”
Aung San Suu Kyi, Nobel Peace Prize Winner

Aufgabe der folgenden Kapitel ist es, dem Leser einen exemplarischen Überblick unter Zuhilfenahme so genannter case studies über Verstöße gegen die Menschenrechte, in die multinationale Unternehmen involviert sind, zu gewähren.

2.1 TOTAL in Myanmar

Myanmar (Burma)[1], ehemalige britische Kolonie, wird von einer Militärdiktatur regiert, die sich trotz einer 1990 abgehaltenen Wahl, in der die von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geführte Oppositionspartei NLD einen erdrutschartigen Sieg errang, weigert die Regierungsmacht abzugeben. Obwohl die unter Hausarrest gestellte Suu Kyi und die burmesische Bevölkerung ausländische Unternehmen dazu aufrief nicht in Burma zu investieren, um das Regime nicht weiterhin finanziell zu unterstützen, folgte der französische Öl-Konzern TOTAL dem Aufruf der Militärjunta und unterzeichnete 1992 einen milliardenschweren Vertrag mit der staatlichen Ölgesellschaft MOGE (Myanmar Oil and Gas Enterprise), das sogenannte “Yadana Project”. Dem Bericht “TOTALitarian OIL: Fuelling the oppression in Burma[2] ” der nichtstaatlichen Organisation “The Burma Campaign UK (BCUK)[3] ” zufolge sei TOTAL somit zur größten Geldquelle (geschätzt bis zu $450 Millionen jährlich[4] ) des Regimes geworden und helfe somit die Bevölkerung weiterhin zu unterdrücken und einen demokratischen Wandel zu verhindern.

Des Weiteren beschäftige TOTAL durch MOGE burmesisches Militär zur Sicherung seiner Projekte, welches für seine Brutalität im Umgang mit der Bevölkerung international bekannt ist und diese gewaltsam aus dem Gebiet der Pipelines entfernt oder sogar zu Zwangsarbeit einsetzt[5].

Das von TOTAL herausgegebene Informationsheft[6] “TOTAL in Myanmar - a sustained commitment” verweist hingegen auf den Verhaltenskodex[7] des Unternehmens, der in Bezugnahme auf den UN Global Compact[8] und die AEdMR[9] entstanden ist. Die von TOTAL eingeladene Beraterfirma “The Collaborative for Development Action” (CDA) führte in den Jahren 2002 und 2003 eine Analyse der Situation in Burma durch. Die drei dabei entstandenen Berichte[10] der “unabhängigen Experten”, die sich allerdings nur auf eine Betrachtung der Vorkommnisse der letzten Jahre beschränken und somit gerade die Jahre der Erschließung, in denen es laut BCUK zu besonders schweren Menschenrechtsverletzungen (unter anderem Vertreibungen und Zwangsarbeit) gekommen sei[11], außer Acht lassen, dementieren die Existenz von Zwangsarbeit im Zusammenhang mit TOTAL und zeichnen ein positives Gesamtbild des Engagements des französischen Ölkonzerns, wobei sie insbesondere eine Verbesserung der Sicherheit, des Lebensstils und der Infrastruktur im Bereich der Pipelines hervorheben[12].

Diese kontradiktorischen Ergebnisse machen die Absenz einer vertrauenswürdigen und neutralen Organisation deutlich, welche die Arbeit eines Konzerns wie TOTAL in einer menschenrechtlich so diffizilen Umgebung wie Burma überwacht.

2.2 Norsk Hydro in Indien

Im Jahr 2002 zog sich der norwegische Energie und Aluminium Konzern Norsk Hydro aus dem umstrittenen Utkal-Projekt zurück[13]. Norsk Hydro ist Unterzeichner des UN Global Compact und als Konzern bekannt, der bemüht ist die Idee der corporate responsibility und des corporate citizen voranzutreiben[14].

Das Projekt zur Erschließung eines Aluminiumvorkommens auf dem den Adivasis, einem einheimischen Volksstamm, heiligen Stammesland in der indischen Provinz Orissa war als joint venture zwischen Norsk Hydro, dem kanadischen Aluminiumgiganten Alcan sowie den indischen Firmen Hindalco und der Utkal Alumina Industries Ltd. (UAIL) geplant. Die Adivasis, traditionell ein Bauernvolk, stellten sich schon in der Planungsphase 1993 vehement gegen das Vorhaben, da sie ihre Existenz durch die Enteignung des Farmlandes bedroht sahen. Trotz dieser Proteste begann 1995 die Akquisition, bei der indische Polizeikräfte die Bevölkerung unter Androhung von Gewalt zwangen, ihr Land zu überschreiben, obwohl die indische Konstitution die Abgabe von Stammesland an andere verbietet[15]. Schätzungen der “Norwegian Agency for Development Cooperation”[16] (NORAD) sind 60.000 Adivasis negativ betroffen. Es folgten bürgerkriegsähnliche Zustände und die Arbeit der Konzerne konnte nur noch unter Polizeischutz weitergeführt werden. 1998 wurde hochrangiges Norsk Hydro Personal entführt, welches eine öffentliche Beschwerde gegen den eigenen Konzern unterschreiben musste. Im Dezember 2000 kam es bei einer Demonstration zu einem Übergriff der Polizei bei dem drei Stammesleute erschossen und neun weitere verletzt wurden.

Erst ein Jahr nach diesem Zwischenfall gab Norsk Hydro bekannt, sich aus dem Projekt zurückzuziehen.

3. Entscheidungstheorie und die Rolle von Institutionen

„Being trusted to meet societal expectations is essential for long-term profitablity.”
Sir Mark Moody Stuart, former Chairman of Royal Dutch/Shell

Als Teilgebiet der Wirtschaftsethik thematisiert die Unternehmensethik[17] die Frage, wie ethisch-moralische Wertvorstellungen begründet und unter den Bedingungen der modernen Marktwirtschaft zur Geltung gebracht werden sollen. Im Zentrum des Interesses steht hierbei ein möglicher Konflikt zwischen unternehmerischem Gewinnstreben und Moral. Es gibt allerdings keine vorgefertigte Relation zwischen Unternehmertum und Ethik: von vornherein gilt weder “good ethics is bad business” noch „good ethics is good business”.[18] Vielmehr findet sich ein Unternehmen in einer Dilemmasituation wieder, in der es zu Interessenkonflikten zwischen dem Unternehmen beziehungsweise dem unternehmerischen Gewinnstreben und seiner Umwelt beziehungsweise ihrer Moralvorstellungen, die einer Realisierung von Interaktionsgewinnen entgegenstehen, kommt.

3.1 Das Gefangenendilemma

Zur Darstellung dieses Konfliktes eignet sich das aus der Spieltheorie hervorgegangene so genannte “Gefangenendilemma”. Um den Bezug zur Unternehmensethik zu verdeutlichen wird die Erläuterung an folgendem Beispiel vollzogen:

Zwei Unternehmen wetteifern um den Zuschlag für ein großes Bauprojekt. Es besteht eine Chancengleichheit zwischen den Konkurrenten, solange keines der beiden Unternehmen auf eine Bestechung des Ausschreibenden zurückgreift, womit sich die Chance auf den Zuschlag für dieses erhöhen würde.

Angenommen wird außerdem, dass die beteiligten Unternehmen die Höhe eines eventuellen Bestechungsgeldes so wählen, dass sie bei Erhalt des Zuschlags trotzdem Gewinne erzielen. Ferner wird unterstellt, dass keine glaubwürdige Absprache zwischen den Konkurrenten möglich ist.

Somit ergeben sich mehrere Handlungsmöglichkeiten für die Bewerber:

1. Keines der Unternehmen zahlt Bestechungsgelder, die Chancen bleiben gleich.
2. Unternehmen A erkauft sich Vorteile bei der Auftragsvergabe, Unternehmen B nicht. Die Chancen den Zuschlag zu erhalten steigen für Unternehmen A und sinken für Unternehmen B.
3. Unternehmen B erkauft sich Vorteile bei der Auftragsvergabe, Unternehmen A nicht. Die Chancen den Zuschlag zu erhalten steigen für Unternehmen B und sinken für Unternehmen A.
4. Beide Unternehmen zahlen Bestechungsgelder, die Chancen bleiben gleich.

Daraus folgt die unten abgebildete payoff-Matrix der Handlungsalternativen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: payoff-Matrix für das kontextbezogene Gefangenendilemma

(Quelle: eigene Darstellung)

Zu einer wie hier gezeichneten Dilemmasituation kann es immer dann kommen, wenn es für die Akteure Ausbeutungsanreize gibt, den eigenen Vorteil in einer Situation, wie zum Beispiel durch die Zahlung eines Bestechungsgeldes, auf Kosten eines Anderen zu maximieren. Daraus ergibt sich, dass die Anreizbedingungen und somit die komplementären Interessen der Beteiligten einem fairen Wettbewerb entgegenstehen.[19] So entstehen Anreize zu präventiven Schutzmaßnahmen gegen eine erwartete Aktion des Interaktionspartners, die allerdings zu einem suboptimalen Ergebnis führen. Obwohl in dem Beispiel ein fairer Wettbewerb für beide Unternehmen sowohl finanziell als auch rechtlich und moralisch erstrebenswert ist, reicht allein das antizipierte Verhalten des Gegenspielers aus Bestechungsgeld zu zahlen, um das Risiko, den Zuschlag an den Mitbewerber zu verlieren, zu minimieren und nicht vom Markt gedrängt zu werden.

Eine zentrale Aufgabe der Unternehmensethik ist es somit, Ausbeutungsanreize zu reduzieren und gleichzeitig Anreize zu verantwortungsbewusstem Handeln zu schaffen. Hier können feste Regelwerke (engl. ethics policies, codes of conduct), denen sich die Unternehmen freiwillig verschreiben, Abhilfe schaffen. Indem Unternehmen ihren eigenen Handlungsspielraum ethischen Grundsätzen unterwerfen und ihre Geschäftspraktiken offen legen, senden sie Signale an ihre Umwelt aus, die negativen Anreizen und Unsicherheit entgegenwirken. Die Reputation eines Unternehmens hat bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser Signale und dem Vertrauen in sie einen hohen Stellenwert.

3.2 Reputation und Vertrauen

Reputation und Vertrauen stellen ein zentrales Element bei der Bewertung der moralischen Integrität von Geschäftspartnern dar. Reputationsbasiertes Vertrauen ist neben Werten[20] oftmals die einzige Bewertungsgrundlage von geschäftlichen Beziehungen.

3.2.1 Reputation

Reputation bezeichnet eine auf die Vergangenheit bezogene Evaluierung des Verhaltens eines Unternehmens. Sie spiegelt meist eigene Erfahrung im Umgang mit diesem wieder, kann aber auch auf einem allgemeinen guten Ruf oder Werbemaßnahmen, hierzu können auch die ethics policies der jeweiligen Unternehmen gezählt werden, beruhen. Reputation sorgt für Sicherheit in Entscheidungssituationen, in denen es an konkreten Informationen mangelt, indem sie Vertrauen in die Geschäftspraktiken des Interaktionspartners schafft.[21]

Reputation kann sich auf alle Geschäftsbereiche beziehen: Qualität, Pünktlichkeit, Freundlichkeit im Umgang mit dem Kunden aber auch auf den Schutz von Umwelt und Menschenrechten. Initiativen wie der Globale Pakt der Vereinten Nationen[22] ermöglichen es Unternehmen, von der guten Reputation anderer Institutionen zu profitieren. Ob das Vertrauen in die Reputation eines Unternehmens gerechtfertigt ist hängt jedoch nicht von bloßen Lippenbekenntnissen sondern ihrer tatsächlichen Implementierung ab. Es ist folglich auf jeden Fall eine kritische Hinterfragung, gerade im Bezug auf den Schutz der Menschenrechte, notwendig.

3.2.2 Reputationsbasiertes Vertrauen

Vertrauen ist Grundlage jeder Interaktion unter Unsicherheit, in der es entweder an Informationen oder institutioneller Absicherung mangelt. Reputationsbasiertes Vertrauen kann demnach als institutionell nicht abgesicherte Vorleistung auf eine erwartete Handlung des Interaktionspartners in Erwartung darauf, dass sich dieser nicht in Ermangelung eines Schutzes opportunistisch Verhalten wird, verstanden werden.[23] In Bezug auf das Bestechungsbeispiel[24] verzichtet ein Akteur demgemäß, in der Hoffnung darauf, dass der andere das in ihn gesetzte Vertrauen honoriert, auf die präventive Schutzmaßnahme der Bestechung. Gerade auf der internationalen Ebene ist Vertrauen unerlässlich, da hier viele Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen, sei es wegen asymmetrisch verteilten Informationen, unklarer Rechtslage oder anderer Barrieren.

Ein weiteres Charakteristikum des auf Vertrauen basierenden Handelns ist eine Kommunikation zwischen den Interaktionspartnern, welche die Bereitschaft zu eben diesem signalisiert.[25] Diese Signalfunktion wird von der eigenen oder einer von Dritten mit dem Interaktionspartner in der Vergangenheit gemachten Erfahrung, also dessen Reputation, übernommen, von der sein Verhalten in die Zukunft extrapoliert wird.

3.2.3 Reputationsbasiertes Vertrauen in der Spieltheorie

Eine spieltheoretische Betrachtung von Reputation und Vertrauen zeigt auf, dass sich das Bemühen um eine gute Reputation immer dann rentiert, wenn eine Interaktion über einen längeren Zeitraum angestrebt wird und/oder mehrere mögliche Interaktionspartner verfügbar sind.

Die Interaktion wird fortgesetzt,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Unterpfandmodell

(Quelle: eigene Darstellung)

In der obigen Abbildung gewährt Akteur A Akteur B einen Vertrauensvorschuss, sei es auf Grund der guten Reputation von B oder als Kooperationsanreiz, und behält dessen Reputation als “Unterpfand” ein. Es wird unterstellt, dass keiner der Partizipierenden einen Anreiz zum Ausstieg erfährt und dass die Interaktion auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden kann, also keinen festgelegten Endpunkt hat.[26] Dies gibt B nun die Möglichkeit eine Entscheidung unter verhältnismäßig hoher Sicherheit zu treffen. In einer Umweltsituation ohne Reputation und ohne ein Interesse an langfristiger Zusammenarbeit ist es für B die einzig rationale Aktion zu defektieren, also das in ihn gesetzte Vertrauen zu enttäuschen, um kurzfristig einen hohen Gewinn zu erwirtschaften.

Durch Einführung des Konzeptes des reputationsbasierten Vertrauens jedoch ist es für alle Beteiligten erstrebenswert, dieses zu mehren und eine langfristige Kooperation einzugehen. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen einer festen zwischenbetrieblichen Partnerschaft für die Unternehmen entstehen nun weitere Anreize für neue Interaktionspartner mit diesen zu interagieren. Während das Honorieren von Vertrauen belohnt wird, erfährt ein Opportunist, der das in ihn gesetzte Vertrauen ausnutzt um kurzfristig Gewinne zu erzielen, langfristig Nachteile: er verliert nicht nur die Möglichkeit zu einer langfristigen Zusammenarbeit, sondern verringert auch seine Aussicht auf Kooperation mit neuen Interaktionspartnern, da der von ihm geprellte Gegenüber das “Unterpfand“ einlöst, also das Wissen um den Vertrauensbruch anderen Akteuren zugänglich macht, und damit seine Reputation schädigt.[27]

Dieser Marktmechanismus ist daher wichtigstes Instrument von Institutionen, deren Betätigungsfeld im Schutz und Förderung der Menschenrechte liegt. Ihre Verantwortlichkeit liegt darin, internationale Richtlinien zu entwerfen, die einerseits die wirtschaftsethische Entwicklung in die gewünschte Richtung zu lenken, anderseits aber auch durch eine Verbesserung der Reputation Anreize bieten, von Unternehmen freiwillig befolgt zu werden.

3.3 Institutionen

Institutionen sind Einrichtungen mit Informations- und Anreizfunktion die geschaffen wurden oder sich selbst entwickelten, um das menschliche Zusammenleben in einer Gesellschaft zu regeln und gesellschaftlich erwünschte Ziele zu erreichen. Der Brockhaus definiert die Institution als eine “gesellschaftliche, staatliche oder kirchliche Einrichtung, in der bestimmte Aufgaben, meist in gesetzlich geregelter Form, wahrgenommen werden”.[28]

Eine Institution stellt keinen homogenen Entscheidungsträger dar, der wie ein Individuum agiert. Vielmehr muss für das Verständnis der Funktionsweise einer Institution das Verhalten der einzelnen Mitglieder analysiert werden.[29] Einerseits dienen Institutionen dem Interessenausgleich zwischen verschieden Akteuren und dem Auflösen von Interessenkonflikten. Dies geschieht durch das Formulieren von Verhaltensregeln und der Vergabe von Informationen, die Unsicherheit zwischen den Interaktionspartnern abbauen und es ihnen damit ermöglichen, ihre Entscheidungen unter Sicherheit zu treffen. Andererseits ist es Aufgabe von Institutionen eine Umwelt zu kreieren, in der das erwünschte Verhalten belohnt wird. Dazu müssen sie in der Lage sein wirksame Anreize zu schaffen, die das Defektieren sanktionieren und das Verhalten der Akteure dahingehend beeinflussen im Sinne der Institution zu agieren.

Eine funktionierende Institution schränkt demnach die Handlungsfreiheit von Akteuren durch Sanktionsmechanismen in dem Maße ein, dass als einzig rationale Handlungsalternative die von der Institution erwünschte verbleibt, bietet aber gleichzeitig Vorteile in Form eines Zuwachses an Interaktionsmöglichkeiten, welche die entstandenen Nachteile durch neue aufwiegen und den Akteur somit entlohnen.

Um ihrer Aufgabe gerecht werden zu können, müssen Institutionen über effiziente Sanktionsmechanismen verfügen um gegen Verstöße vorgehen zu können.

Man unterscheidet zwischen intrinsischen Mechanismen, wie dem Gewissen der Akteure, und extrinsischen Mechanismen, wie Sanktionen durch Interaktionspartner oder staatliche Instanzen.

Die Wirksamkeit dieser Mechanismen erfordert von allen beteiligten Akteuren eine konsensuale Anerkennung der Institution, denen sie ihre Interaktion unterwerfen wollen und somit muss diese für jeden Einzelnen, man spricht von individueller Rationalität, von Vorteil sein. Diese theoretische pareto-superiore Lösung, eine Besserstellung Aller ohne Nachteil für den Einzelnen, ist jedoch in der Praxis kaum zu erreichen, weshalb tatsächliche Institutionen vom Konsensideal oft abweichen.[30] Das Bedürfnis, allen Akteuren gerecht zu werden, ist auf globaler Ebene natürlich ungleich difiziler als auf nationaler Ebene zu befriedigen, was eine Implementierung von global anerkannten Institution äußerst schwierig gestaltet. Darin begründet sich der derzeitige Mangel an universell anerkannten Organisationen, deren Wirkungsbereich sich weltweit auf den Schutz und die Promotion von Menschenrechten erstreckt, wie auch die Kritik an den unzureichenden Kontroll- und Durchsetzungsmöglichkeiten, die bei exisitierenden Organisationen, wie zum Beispiel den Vereinten Nationen[31] und ihrer UN Global Compact Initiative, auftritt.

Bei der Entstehung von Institutionen unterscheidet man zwischen Institutionen mit intentionalen und mit spontanen Wurzeln, erstere werden in Hinblick auf eine besondere Problemstellung vorsätzlich entwickelt, letztere entstehen ohne gezielte Beeinflussung aus einer Problemsituation heraus. Auch Hybriden sind möglich, da spontan entstandene Institutionen oftmals eine intentionale Weiterentwicklung erfahren. Zusätzlich werden zwei Institutionsformen voneinander unterschieden, die formelle und die informelle Institution, deren spezielle Funktions- und Wirkungsweise auf den folgenden Seiten dargelegt werden.

3.3.1 Formelle Institutionen

Formelle Institutionen sind Regelsysteme, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie formelle Regelwerke verkörpern, welche vorsätzlich geschaffen wurden, um ein Bedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen. Sie werden hauptsächlich durch das Vorhandensein von fassbaren Überwachungs- und Sanktionsmechanismen, zum Beispiel von staatlichen Instanzen, geschützt, die eine Verletzung der erwünschten Verhaltensweise registrieren und ihre Einhaltung sichern. Zu den formellen Institutionen rechnet man beispielsweise Gesetze, Konstitutionen, Verträge, Ordnungen und Normen. Diese Regelwerke zeichnen sich meist durch eine schriftliche Fixierung aber auch durch Anpassungsfähigkeit aus. Die Flexibilität ist vonnöten, um die Glaubwürdigkeit einer Institution unter sich ändernden Umweltbedingungen zu gewährleisten.

In der Praxis können formelle Institutionen die an sie gestellten Anforderungen der Mitglieder, nämlich die Bereitstellung von Informationen und die Sanktionierung von Verstößen, nur begrenzt erfüllen. Der vollständigen Informationsvergabe stehen eine begrenzte Informationsverarbeitungskapazität, Transaktionskosten, welche den Wert der gelieferten Information übersteigen würden, und das Unvermögen, alle Anreizprobleme zu antizipieren und ex ante zu regeln, entgegen. Ebenso ist die Fähigkeit einer formellen Institution, Verstöße zu ahnden, aufgrund der Unmöglichkeit aber auch Unerwünschtheit einer vollständigen Überwachung, unvollkommen.

Dem Nutzenzuwachs einer vollständigen Institution steht demnach ein erhöhter Aufwand entgegen, der sich jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt rentiert, danach werden die Kosten der Einrichtung nicht mehr durch die Interaktionsgewinne, welche durch diese ermöglicht wurden,

aufgewogen.[32] Diesen Sachverhalt illustriert die nachfolgende Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Darstellung der steigenden Kosten einer formellen Institution bei abnehmendem Grenznutzen

(Quelle: eigene Darstellung)

Wegen dieser faktischen Unerreichbarkeit einer vollständigen formellen Institution werden Institutionen bewusst unvollständig, das heißt offen, gestaltet. Anstatt den Handlungsspielraum der Interaktionspartner innerhalb des Betätigungsfeldes der Institution bis ins Kleinste zu ordnen, werden den Akteuren gewollt Freiräume gelassen, damit diese in gegenseitigem Einvernehmen den Details der jeweiligen Situation entsprechen können. Zudem werden somit die hohe Komplexität und die sich daraus ergebene Unsicherheit einer vollständigen Institution vermieden.[33] Die Aufgabe der Ordnung dieser offenen Handlungsspielräume übernehmen Wertvorstellungen[34] informeller Institutionen und der Mechanismus des reputationsbasierten Vertrauens.

3.3.2 Informelle Institutionen

Informelle Institutionen unterscheiden sich von den formellen Institutionen dahingehend, dass sie nicht intentional kreiert wurden, sondern sich aus einer gesellschaftlichen Problemstellung heraus selbst entwickeln und demnach spontanen Ursprungs sind. Wie auch formelle Institutionen erfüllen informelle Institutionen den Informationsbedarf der Institutionsmitglieder, indem sie diesen Orientierungshilfen bieten, aus denen sich Rückschlüsse auf das Verhalten der Interaktionspartner in zukünftigen Situationen ziehen lassen. Im Gegensatz jedoch zu formellen Institutionen, die sich bei der Kontrolle und Durchsetzung ihrer Normen auf übergeordnete Instanzen, wie zum Beispiel staatliche Organe, stützen, verlassen sich informelle Institutionen auf andere Kontroll- und Sanktionierungsmechanismen. Die Bindungskraft ihrer Regelsysteme ist reputations-[35] und wertegestützt und ihre Einhaltung in höherem Maße intrinsisch motiviert, als dies bei den formellen Institutionen der Fall ist.

Durch den Verzicht auf formgebundene Durchsetzungsmechanismen weisen informelle Institutionen einen Kostenvorteil auf. Dieser ist allerdings relativ, die bei einer möglichen Verletzung einer informellen Institution entstehenden Ausfallkosten liegen weitaus höher, als dies bei formellen Institutionen in ähnlichen Situationen der Fall wäre. Dies ist mit dem Mangel an Sicherungsinstrumenten, wie zum Beispiel Entschädigungen und Bußgeldzahlungen, die das geschädigte Institutionsmitglied kompensieren, erklärbar.

Innerhalb informeller Institutionen nehmen, neben Sitten und Gebräuchen, auf Erfahrung der Interaktionsmitglieder basierende moralische Wertvorstellungen, aus denen sich gemeinsame Ansichten und Vorstellungen entwickeln, eine besondere Stellung ein.[36] Sie weisen aufgrund ihrer Formlosigkeit einen hohen Grad an Flexibilität auf und sind somit auf vielerlei unterschiedliche Situationen anwendbar.

Ein weiterer Vorzug dieser Werte liegt in ihrer Reaktionszeit: Sie reagieren auf Neuerungen und plötzlich auftretende Probleme weitaus schneller, als dies formellen Einrichtungen möglich ist.

Somit sind informelle Institutionen meist die zuerst auftretenden ordnenden Mechanismen, welche die Basis für Akzeptanz und Legitimität von formellen Institutionen legen. Die ihnen entspringenden moralischen Werte werden während der Entwicklung letzterer zu formgebundenen Regeln und Gesetzen formuliert.

Entstehen formelle Institutionen ohne diesen Rückhalt, gestaltet sich eine Durchsetzung der in ihr begründeten Regeln ungleich schwieriger.

Informelle Institutionen substituieren formelle Institutionen, wenn eine Lenkung durch diese wegen prohibitiv hoher Kosten nicht realisierbar ist.

In kleineren Gruppen und Gemeinschaften, in denen die Nähe der Individuen zueinander groß ist und die Akteure das Verhalten ihrer Aktionspartner aus eigener Erfahrung beurteilen können, wiegen die Folgen eines Reputationsverlustes schwer genug, um ein Mitglied vom Defektieren abzuschrecken.

[...]


[1] Vgl. www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/bm.html (abgefragt am 19. Oktober 2005)

[2] www.soros.org/initiatives/bpsai/articles_publications/publications/totalbcuk_2005 (abgefragt am 19. Oktober 2005), Seite 6 ff.

[3] www.burmacampaign.org.uk (abgefragt am 19. Oktober 2005)

[4] Vgl. Impe, Anne Marie (2001) zit. nach www.soros.org/initiatives/bpsai/ articles_publications/publications/totalbcuk_2005 (abgefragt am 29. Oktober 2005), Seite 12

[5] Vgl. www.web.amnesty.org/report2005/mmr-summary-eng (abgefragt am 19. Oktober 2005)

[6] Vgl. burma.total.com/en/publications/sustained_commitment.pdf (abgefragt am 20. Oktober 2005), Seite 8f.

[7] Vgl. burma.total.com/en/publications/code_conduct.pdf

(abgefragt am 20. Oktober 2005)

[8] www.unglobalcompact.org/content/AboutTheGC/TheNinePrinciples/10pr.pdf (abgefragt am 20. Oktober 2005)

[9] www.unhchr.ch/udhr/lang/ger.pdf (abgefragt am 20. Oktober 2005)

[10] Vgl. www.cdainc.com/publications/cep_field_visits.php (abgefragt am 29. Oktober

2005), Myanmar/Burma (Yadana Gas) I+II+III

[11] Vgl. www.soros.org/initiatives/bpsai/articles_publications/publications/

totalbcuk_2005; (abgefragt am 29. Oktober 2005), Seite 13 ff.

[12] Vgl. www.cdainc.com/publications/cep_field_visits.php (abgefragt am 29. Oktober 2005), Myanmar/Burma (Yadana Gas) I+II+III

[13] Vgl. www.norwatch.no/index.php?artikkelid=833&back=1 (abgefragt am 21. Oktober 2005)

[14] Vgl. www.hydro.com/library/attachments/en/global_commitment/hydro_social_resp _principles_en.pdf (abgefragt am 21. Oktober 2005)

[15] Vgl. corpwatch.org/article.php?id=620 (abgefragt am 21. Oktober 2005)

[16] Vgl. NORAD report (1998) zit. nach corpwatch.org/article.php?id=620 (abgefragt am 21. Oktober 2005)

[17] Vgl. 5.2 Begriff und Definition der Unternehmensethik

[18] Schramm (2005), Seite 56ff

[19] Vgl. Schäfers (2004), Seite 20ff.

[20] Vgl. 3.3 Institutionen

[21] Vgl. Schäfers (2004), Seite 42f.

[22] Vgl. 4.6.1.2 Der Globale Pakt der Vereinten Nationen

[23] Vgl. Schäfers (2004), Seite 43f.

[24] Vgl. Tab. 1: payoff-Matrix für das kontextbezogene Gefangenendilemma

[25] Vgl. Schäfers (2004), Seite 44

[26] Vgl. Thelen (1997), Seite 12, http://tobiasthelen.de/doc/tthelen_ipd.pdf (abgefragt am 17.11.2005)

[27] Vgl. Abb. 1: Unterpfandmodell

[28] Brockhaus Enzyklopädie Bd. 10 (1997), Seite 578f.

[29] Vgl. 3.1 Das Gefangenendilemma und 3.2 Reputation und Vertrauen

[30] Vgl. Schäfers (2004), Seite 30ff.

[31] Vgl. 4.6.1 Die Organisation der Vereinten Nationen

[32] Vgl. Schäfers (2004), Seite 33ff.

[33] Vgl. Schäfers (2004), Seite 34

[34] Vgl. 3.4. Reputations- und wertebasiertes Vertrauen und Institutionen

[35] Vgl. 3.2 Reputation und Vertrauen

[36] Vgl. Schäfers (2004), Seite 35

Details

Seiten
74
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638502504
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55240
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Internationales Management
Note
2,0
Schlagworte
Unternehmensethik Menschenrechte Kontext

Autor

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Titel: Unternehmensethik und Menschenrechte in internationalem Kontext