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Antipsychiatrie in Theorie und Praxis

Referat (Ausarbeitung) 2006 14 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ursprung und Funktion der Psychiatrie
1. 1. Klinik
1. 2. Psychiatriebetroffene brauchen Alternativen

2. Antipsychiatrie
2.1. Das Weglaufhaus „Villa Stöckle“
2.1.1. Mitarbeiter
2.1.2. Konzeption

3. Literatur

1. Ursprung und Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie ist ein Fachgebiet der Medizin. Nach Gymnich (2000) beschäftigt sie sich insbesondere mit den Ursachen, dem Verlauf sowie der körperlichen und medikamentösen Behandlung psychiatrischer Krankheiten.

Psychische Probleme werden im psychiatrischen System, sprich in Kliniken, neurologischen und psychiatrischen Arztpraxen und psychiatrisch orientierten Therapeutischen Wohngemeinschaften, als Krankheiten körperlicher Natur betrachtet.

Foucault (1968) zeigt auf, dass psychische Erkrankungen nicht aus demselben Blickwinkel heraus zu betrachten sind, wie organische Krankheiten. (Wobei Körper und Geist trotzdem eine Einheit bilden.)

Die Feststellung einer psychischen Krankheit orientiert sich an gesellschaftlichen Normen. Was in einer Epoche in einem bestimmten Kulturkreis als psychisch Krank gilt, kann in einer anderen Epoche oder in einer anderen Gesellschaft als persönliche Eigenart oder gar als Anzeichen für übermenschliche Fähigkeiten gewertet werden.

Foucault nimmt damit an, dass der Wahnsinn, wie wir ihn heute sehen, als historische Universale nicht existiert. Es gab nicht schon immer Wahnsinnige im Sinne von psychischer Krankheit, diese Auffassung hat sich erst im Zeitverlauf als gesellschaftliche Meinung entwickelt, und mit ihr die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen des Wahnsinns - bis hin zum Gegenstand der medizinischen Beforschung und Behandlung - der Pathologisierung.

Foucault (1993) zeigt, dass mittlerweile die Gesellschaft, Natur- und Sozialwissenschaftler sowie Ärzte die Definitionsmacht über den Wahnsinn besitzen.

Die Originalität von Foucaults Theorie liegt darin, dass existierender Wahnsinn nicht einfach im Rahmen einer marxistisch geprägten Analyse auf gesellschaftliche Ursachen zurück geführt wird, sondern die Bewertung bestimmter Phänomene als verrückt durch die Gesellschaft erzeugt wird. (vgl. Kögler 1994)

Ausgehend von der Frage, woher die Psychiatrie die Legitimation bezieht, wenn sie gewisse Menschen als geisteskrank deklariert und in ihrer Freiheit einschränkt, hat Foucault festgestellt, dass diese, lange bevor sie sich um eine wissenschaftliche Begründung bemüht hat, eine sozialpolitische Strategie gewesen ist.

(vgl. Marti 1988)

Auch Jervis (1979) beschreibt, dass die Psychiatrie ursprünglich keine medizinische, sondern eine juristische Definition hatte: Innerhalb der Gesellschaft bestimmt “die Macht” über Abweichung und Normalität. “Potentiell Gefährliche” werden getrennt in Zurechnungsfähige (juristisch Verfolgbare) und Kranke.

Die Vorstellung von Verrücktheit hat sich in den 250 Jahren seit die moderne Psychiatrie existiert stetig gewandelt, angetrieben von philosophischen und politischen Erkenntnissen und Reformen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Psychiatrie weg von einer Institution für Irre, hin zu einer für Jedermanns Krankheiten. (vgl. Jervis 1979)

Es gab praktische oder theoretische Veränderungen in der Psychiatrie, die durch kulturelle Entwicklung, einen Wandel im bürgerlichen Selbstverständnis verursacht wurden. So zum Beispiel Veränderungen der traditionellen Vorstellungen der Rolle der Frau und später auch der Homosexualität gegenüber (vgl. Jervis 1979). Dass Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eine Frau gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden konnte, weil sie ihre Hausarbeit nicht erledigen wollte, ist heute kaum noch vorstellbar. Homosexualität galt vor nicht allzu langer Zeit noch als eine Perversion, die behandelt werden musste und war zu dem noch strafbar. Diese Veränderungen in der Psychiatrie waren jedoch niemals revolutionär und haben im Gegenteil letztendlich nur zur Förderung sozialer Kontrolle geführt. (vgl. Jervis 1979)

Jervis bezieht sich in der Hauptsache auf die Entwicklung der Psychiatrie in Italien, diese Grundsätzlichen Veränderungen gab es jedoch so auch in Deutschland (vgl. Spieker 2004). Die große Psychiatriereform in Italien fand bereits in den 1950er Jahren statt, in Deutschland gab es eine Reform in den 1970er Jahren. Am Ende der Psychiatriereform in Deutschland stand 1975 die “Psychiatrie-Enquete”. Nach Spieker (2004) hat sich die Qualität psychiatrischer Versorgung dadurch nicht gebessert. Zwar seien Bettenzahlen in vielen Kliniken reduziert worden und die Qualitätssicherung im Allgemeinen überprüfbarer geworden, der durch die Enquete geprägte Begriff der “gemeindenahen Psychiatrie” berge jedoch Gefahren: Unter diesem Namen entstünden zahlreiche Heime, Kliniken, Therapieeinrichtungen privater Träger, denen es nicht um das Wohl ihrer Klienten, sondern um kommerzielle Gewinne gehe. Spieker (2004) kommt zu dem Schluss, die Psychiatriereform berücksichtige die Bedürfnisse der Betroffenen nicht ausreichend. Als Belege hierfür nennt sie den Einsatz von Psychopharmaka, Insulin- und Elektroschocks gegen den Willen der Betroffenen, sowie das Fehlen von Hilfen zur Selbsthilfe, empathischer Zuwendung und Ermutigung.

1. 1. Klinik

Die psychiatrische Klinik ist nicht nur ein Teil, sondern das „Herzstück“ des psychiatrischen Systems. Dazu zähle ich auch die psychiatrischen Abteilungen von allgemeinen Krankenhäusern. Charakteristisch ist die Teilung in Ambulanz, offene und geschlossene Abteilungen. Für den Aspekt der zwangsweisen Behandlung sind geschlossene Stationen natürlich von großer Bedeutung, allerdings kann auch die ambulante Versorgung oder die freiwillige Aufnahme in eine offene Station der erste Schritt dahin sein. Einerseits weil der Betroffene dadurch bei den Psychiatern bekannt ist und möglicherweise gut beobachtet wird und wenn es mit der Freiwilligkeit zu Ende geht, die zwangsweise Weiterbehandlung für Nötig gehalten wird, andererseits weil der Zwang sich ja auch darin äußern kann, dass Druck auf den Betroffenen ausgeübt wird, Ängste bestehen und die Kenntnis über alternative Hilfen fehlt oder der Betroffene abhängig ist von Psychopharmaka.

Goffmann (1973) bezeichnet psychiatrische Kliniken als “totale Institutionen”.

“Eine totale Institution lässt sich als Wohn- und Arbeitstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen. Die zentrale These ist, dass der wichtigste Faktor, der den Patienten prägt nicht seine Krankheit ist, sondern die Institution, der er ausgeliefert ist.”

(Goffmann 1981, S.11)

Das Verhalten der Insassen in einer totalen Institution wird kontrolliert, beurteilt und reguliert.

Spieker (2004) kommt bei der Auswertung ihres Fragebogens für ein Psychose-Seminar zu dem Schluss, dass die psychiatrische Klinik diesen Betroffenen nicht nützt, sondern ihnen sogar schadet.

“In der Psychiatrie wird jeder Insasse irgendwann ‘lammfromm’, spätestens wenn er so vollgedröhnt ist, dass er wie ein Zombie, wie ein lebender Leichnam dahinvegetiert. Ist der Insasse dann endlich, zumindest nach außen hin, um den Repressionen zu entgehen ‘krankheitseinsichtig’, dann bekommt er bestimmte Privilegien, dass er zum Beispiel außer der Drogen-’Therapie’ auch noch an einer Beschäftigungs-, Musik- oder gar Gesprächstherapie teilnehmen darf (muss). Aber Therapie für einen Menschen, der vollgeknallt ist, der das Gefühl hat, in einem kleinen inneren Gefängnis zu sitzen, kann nur negative Auswirkungen haben, denn der Mensch erfährt in dieser Situation seine eigene Unzulänglichkeit, seine Unfähigkeit, was durch diesen Drogenkonsum verursacht ist, unheimlich stark und brutal und verzweifelt noch mehr an sich selbst.” (Stöckle 2000, S.134)

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Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638502351
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55222
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Antipsychiatrie Theorie Praxis Projektseminar Abweichendes Verhalten

Autor

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Titel: Antipsychiatrie in Theorie und Praxis