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Der Mythos Odysseus - damals und heute

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung- Odysseus und die Odyssee

2. Der vorhomerische Odysseus

3. Die Welt von Odysseus – Reale Welt contra Fiktion

4. Frühe Odysseusbilder
4.1 Das Odysseusbild der Odyssee
4.2 Das Odysseusbild bei Dante

5. Mythossuche in der Romantik- Exkurs

6. Odysseus und die Moderne
6.I.1Odysseus- Mythos in der Moderne
6.I.2 Vielfältigkeit des Mythos-Begriffs in der Moderne: Kafka, Benjamin, Brecht
6.I.3 Odysseus als Ulisses bei Joyce
6.I.4Primo Levis Roman Ist das ein Mensch?
6.II Odysseus und die Dialektik der Aufklärung bei Horkheimer/ Adorno
6.II.1 Begriff der Aufklärung
6.II.2Abgrenzung Mythos – Logos
6.II.3 Was bedeutet „Dialektik der Aufklärung“?
6.II.4 Verkörperung des Begriffs der Aufklärung durch Odysseus
6.II.5 Interpretation der Abenteuer
6.II.5.1 Sirenen-Episode
6.II.5.1.1 Fazit der Sirenen Episode aus der Sicht von Horkheimer/ Adorno
6.II.5.2 Kyklopen-Episode

7. Die kosmische Odyssee - "2001: Odyssee im Weltraum"

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung- Odysseus und die Odyssee

Odysseus ist einer der bekanntesten Helden der griechischen Mythologie und mit Sicherheit der berühmteste Heimkehrer der gesamten Literatur. Viele Autoren haben sich mit ihm beschäftigt und dabei verschiedene Aspekte betont und heraus gearbeitet. So erscheint der Odysseus der Ilias bald als Nebenfigur, in Sophokles` Philoktet bald negativ gezeichnet und in der Odyssee als „klassischer“ Held. Ausgehend vom Odysseusbild der Odyssee wird seine Rezeption im Laufe der Geschichte weiterverfolgt. Dabei steht vor allem der Umgang mit dem Mythos und das Verständnis der Figur in der heutigen Zeit im Vordergrund. Zunächst stellt sich die Frage: Wer ist Odysseus?

Gleich zu Beginn der Odyssee wird er als Held besungen und beschrieben: „Nenne mir Muse, den Mann, den vielgewandten, der vielfach / Wurde verschlagen, seit Trojas heilige Burg er zerstörte. / Vieler Menschen Siedlungen sah er und lernte ihr Wesen [...].“[1] In der griechischen Literatur galt Odysseus allgemeinen als Repräsentant von Klugheit, List und Tugendhaftigkeit. Er war Identifikationsfigur der Herrscher, der Vorausplanende, der Verantwortliche, nie Verzweifelnde, immer auf Rettung Sinnende. In der Odyssee ist er der Dulder, der die Wirren der Irrfahrt besteht und am Ende doch zu Hause angelangt. Dafür gibt es im Epos eine immer wiederkehrende Phrase: Odysseus „litt auf dem Meer viel Schmerzen“[2]. Die Schmerzen, die er erleidet, sind vielfältig. Sie gelten den Gefährten, der Sehnsucht und später der Erniedrigung im eigenen Hause. Er ist auch der Listenreiche der als Bettler verkleideter Täuscher. Der Stadtzerstörer, der Erfinder vieler Listen, von dem sogar Zeus sagt: „Könnte ich je vergessen den göttergleichen Odysseus? / Sterblichen ist an Verstand er voraus, und er brachte vor allen / Opfer den Göttern dar [...].[3]

All diese Begriffe verweisen auf eine andere Charakterebene des Odysseus, nämlich die des Märchenhelden aus Abenteuergeschichten, denn er überwindet die ihm gestellten Aufgaben mit der Findigkeit des Helden. Er vertritt sowohl den kriegerischen Heroen, als auch den märchenhaften Seeräuber der Erzählungen. Märchenhaft ist auch der Aufbau der Odyssee, ähnelt ihre Struktur doch sehr der Novelle, dem Märchen und der Sage: Ein junger Held zieht in die Fremde, um etwas Geraubtes zurück zu gewinnen, er erlebt Abenteuer, Gefangenschaft, steigt sogar hinab in die Welt der Toten. Er rächt sich an seinem Nebenbuhler und wird durch dessen Tod wieder zum rechtmäßigen Herrscher. Die Handlung endet, was wichtig ist, glücklich. Eine Abweichung vom märchenhaften Schema besteht im Aufbau der Odyssee, der, aus erzähltaktischen Gründen, nicht chronologisch ist.

Woran liegt die Besonderheit der Odyssee ?

Die Elemente der Dichtung sind denkbar einfach, oder anders formuliert: fundamental.

Die Geschichte des nach langer Irrfahrt heimkehrenden Seefahrers ist uralt und aus unzähligen Märchenüberlieferungen bekannt. Ebenso archetypisch ist auch die Tatsache, dass der Held spät, aber gerade noch rechtzeitig zu seiner Frau nach Hause heimkehrt und das über seinem Haus schwebende Unheil abwehrt. Auffallend ist auch die Ähnlichkeit mit Märchen, in denen der Held zunächst einen Kampf in der Ferne bestehen muss, um den Preis, sei dieser in Form der Königswürde, einem Privileg dessen oder die Hand einer bereits wartenden Prinzessin.

In der Odyssee kommt aber noch die Geschichte Telemachs hinzu, der verzweifelt versucht, die Zügel der Ordnung wieder in die Hand des Vaters zu legen. Die Ereignisse ranken sich um verschiedene Personen, zielen aber alle auf Odysseus ab. Die „exzentrische Einsamkeit und Ruhelosigkeit“[4] stehen übrigens im scharfen Kontrast zur Welt Telemachs dessen Welt von Tradition, Gemeinschaft und Ordnung bestimmt ist.

Im Gegensatz zur Ilias spielt die Odyssee in den zentralen Stellen auf See, welche das Symbol der Irrfahrt als Medium der immer gefährdeten, vom Scheitern bedrohten Suche nach Wahrheit, Identität und Heimat darstellt. Das Meer spielt deshalb als einziger, nicht menschlicher Handlungsträger und Schicksalsträger eine wichtige Rolle.

Ein weiteres konstituierendes Element des Epos ist der heroische Stil, der es vom Märchen abgrenzt und die Gestaltung des Textes und der Handlung entscheidend mitprägt. Die Erzählung spielt in einer Welt der Belagerer und Eroberer, deren Lebenselemente Kampf und Sieg, Ruhm und Ehre darstellen. Odysseus ist einer dieser Helden, der geprägt ist von den Idealen einer mythischen Adelsgesellschaft. Er vergisst seine Herkunft und seine Existenz auch nicht in Momenten der größten Gefährdung und beinahen Unvorsicht in den Abenteuern. Die einzige Hilfestellung, die Odysseus je von außen bekommt, ist diejenige der Göttin Athene, die ihm an zahlreichen Stellen beisteht und weiterhilft.

2. Der vorhomerische Odysseus

Wie neueste Untersuchungen zeigen entsprang die Figur des Odysseus keinesfalls der Phantasie des Dichters der Odyssee; sie war schon vorher bekannt. Der Held wird am Anfang des Epos mit der Bezeichnung des „Städtezerstörers“ vorgestellt. Dies verweist darauf, dass Odysseus schon vorher durch die Ilias als der Erfinder des hölzernen Pferdes bekannt gewesen sein muss. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass Odysseus, wie Fragmente belegen, der vormärchenhaften oder schamanischen Zeit entstammt. Besonders auffällig und archaisch muten die Beschreibungen des Helden der Odyssee in der Ferne an. Der Leser hat den Eindruck, es würde nur Dunkles, Verborgenes und Unbekanntes, aber auch Phantastisches und Irrationales erzählt, was so gar nicht in die luzide dargestellte Welt des frühgriechischen Epos, wie wir es heute kennen, passen mag. Außerdem scheint Odysseus schon immer derjenige gewesen zu sein, dessen Aufgabe es war, das Verborgene aufzudecken und das scheinbar Unüberwindbare zu überwinden.

Um seiner Erzählung noch mehr mythologische Tiefe zu geben, zitiert der Dichter ein anderes Epos. Im X. Gesang verrät Kirke dem Odysseus, wie er dem sicheren Untergang entgehen könne. Nämlich indem er nicht zwischen den verhängnisvollen Felsen, den Plankten, sondern zwischen Skylla und Charybdis hindurchführe. Sie weist Odysseus darauf hin, dass es zuvor nur die Argo geschafft hätte, dem Unglück zu entgehen.

Am Ende der für Odysseus langwierigen Episode mit Kalypso folgt das Eingreifen der Götter, was die Handlung voranbringt und die Heimfahrt begünstigt. Nachdem Odysseus mit den Phaiaken zusammentrifft, gelingt seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Rache an den Freiern der Penelope übt. Homer spart die vorangegangenen neun Jahre zunächst aus, um sie dann von Odysseus erzählen zu lassen, was wegen der Telemachie und den Abenteuern sinnvoll ist insofern, da die sich daran anschließen. Die Erzählung ließe sich nicht mit der Realhandlung in Ithaka koordinieren, obgleich am Wahrheitsgehalt des Inhalts nichts geändert würde.

3. Die Welt von Odysseus – Reale Welt contra Fiktion

Die Odyssee wird sowohl von einem Erzähler als auch Odysseus selbst geschildert. Der Leser weiß, der Held wird überleben.Dadurch, dass Odysseus der Protagonist seiner eigenen Irrfahrt ist, besteht eine Verbindung zur irrealen Welt seiner Erzählung. Unterstützend kommt die Tatsache hinzu, dass die Phaiaken, denen Odysseus seine Geschichte erzählt, irgendwie, aber auch doch wieder nicht, noch am ehesten den Menschen und der realen Welt ähneln, und somit die Schnittstelle zur Märchenwelt bilden. Dies wird dadurch verdeutlicht, dass sie Odysseus nach Ithaka bringen, und wieder verschwinden, ohne gesehen zu werden, was sie für die Menschen der Welt von Odysseus inexistent macht.

Die Phaiaken werden als ein Volk beschrieben, das in einem Utopia lebt: in einer Stadt, die ideal an einem Hafen liegt. Fern von Menschen, naturliebendend, in Wohlstand lebendend, erfreuen sie sich ihrer unabhängigen Lebensweise. Ihr innere und äußerer Friede ist seit Jahren gesichert. Das Oberhaupt ist ein König, der neben den zwölf „skeptertragenden Königen“ als primus inter pares gilt. Er ist sich seiner königlichen Würde und der natürlichen Autorität gegenüber seinen Untergebenen bewusst, sodass der Zustand der Eunomia, autonom und autark zu sein, gewährleistet ist. Im Gegensatz dazu steht die Anomia in Ithaka. Da der Regent nicht anwesend ist, herrschen Überheblichkeit und Anmaßung. Dies erhöht den Druck auf Odysseus, in die Heimat zurückzukehren und für Ordnung zu sorgen. Der Kontrast lässt durchaus auf das Wechselspiel des Dichters zwischen Realität (das jammervolle Ithaka) und Fiktion (das ideale Land der Phaiaken) schließen.

Ein weiteres Kontrastbild findet sich auch in der Gestalt des Polyphem. Wie oben beschrieben leben die Phaiaken und Ithakeser in der Welt der polis. Polyphem dagegen vertritt den Einzelgänger, das a- politische Wesen. Polyphem und die Wesen seiner Art leben ohne Recht, ohne Gesetze, ohne die Regeln der Gastfreundschaft und ohne Gottesfurcht. Auch die Tatsache, dass sie keine Häuser, Schiffe oder andere Einrichtungen bauen, lässt sie in schärfsten Kontrast zur Auffassung eines Menschen nach der griechischen Vorstellung treten: Diese Wesen sind die Un- Menschen schlechthin.

Die Heimkehr am Ende erweist sich als bewusst gewählter Erzählbogen des Dichters. Die Rache, die Odysseus an den Freiern am Ende verüben wird, wird bereits am Anfang der Erzählung erwähnt. Es wird gleichsam eine Brücke über die märchenhafte Binnenhandlung geschlagen, die einsetzt, als Odysseus sich all das zurückholt, was ihm zuvor genommen wurde: seine Frau, seinen Besitz und seine königliche Ehre. Die Heimkehr gipfelt im Racheakt gegen die Hybris der Freier und wird zur Sühne für erlittenes Unrecht. Odysseus Ehre ist wiederhergestellt. Die Handlung des Epos besteht folglich aus einer Abfolge von Tatsachenberichten, wobei der Mittelteil durch seine realwerdende Reprise nicht ernsthaft in Frage gestellt wird und „reale“ Fiktion wird.

4. Frühe Odysseusbilder

4.1 Das Odysseusbild der Odyssee

Odysseus ist aber auch der Übermütige und Verblendete. Wäre er nicht auf ein Gastgeschenk Polyphems aus gewesen, hätte er dessen Insel nie betreten, ihn nie geblendet und somit Poseidons Zorn auf sich gezogen. Auf dem Gipfel seines Übermutes enthüllt er seine wahre Identität und gibt das Niemand- Spiel auf. In der Episode, als Odysseus, als Bettler verkleidet, Eumaios aus seinem Leben berichtet, enthüllt sich seine Wandlung vom kühnen Soldaten zum selbstdarstellerischen Draufgänger wider Willen. Andererseits löst Odysseus seinen Übermut ein, indem er die Freier seiner Rache spüren lässt. Bezeichnend ist vor allem am Ende des Epos Odysseus´ Kampf ums Dasein; dort kommt sein Charakter vollends zum Vorschein. Er setzt sich mit allen Mitteln gegen seine Rivalen durch. Es zählt letztlich seine Selbsterhaltung, Zurückhaltung und sein Misstrauen allem gegenüber. Selbst Verstellung und Lüge sind legitime Waffen geworden.

Odysseus ist kein Abenteurer, sondern einer, der dazu verschlagen wird. Er besitzt nicht den Drang, Gewaltiges zu erleben, nicht die unbändige Lust an der Gefahr. Er ist kein Herumtreiber, sondern ein Herumgetriebener. So wird er gleich zu Beginn charakterisiert. Alleine das Schicksal lässt ihn Situationen tiefster Demütigung, bitterster Verzweiflung und purer Existenzangst erleben. Ihm bleibt nichts menschliches erspart, gemäß dem Motto: Leben heißt Leiden. Was den Dichter der Odyssee auch heute noch heute interessant macht, ist die psychologische Struktur seiner Figuren. Die Handlungsweisen der Figuren sind oft erst im nachhinein zu verstehen und zu deuten. Der Einblick in das Agieren der Personen verleiht dem Werk eine seelische Dimension.

In der Art wie der Dichter der Odyssee den Aspekt des Sich- Suchens, Sich- Verfehlens und schließlich Wieder- Findens darstellt, werden die Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens erkennbar. Die ganze Odyssee ist eine einzige Variationsanordnung von Figuren, die sich einander nähern, sich finden wollen, aber davon abgehalten werden. Auch wird dies durch andere Figuren vereitelt oder einfach nur verzögert durch Lügen, Verleumdung und den anderen Auf- die- Probe- stellen. Wichtig ist am Ende das Finden des Guten und des Wahren. Gerade das Ende der Odyssee legt davon beredtes Zeugnis davon ab, wie sich zwei Menschen nach langer gegenseitiger Entbehrung wiederfinden, welch sublimer Kampf um Vertrautheit und Fremdheit, Nähe und Ferne zwischen Penelope und Odysseus ausgetragen wird.

[...]


[1] Homer; Odyssee, Reclam, Stuttgart 2004, Seite 3

[2] ebenda, S. 3

[3] ebenda, S. 5

[4] Imbach, Ruedi; Tennysons Ulysses, in: Fuchs, Gotthard (Hrsg.), u.a; Lange Irrfahrt- große Heimkehr – Odysseus als Archetyp- zur Aktualität des Mythos; Frankfurt 1997; S. 115

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638501897
ISBN (Buch)
9783638680400
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55161
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Schlagworte
Mythos Odysseus

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