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Verwandlung und Wandlung in Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind"

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Vorwort

2) Zwischen Lebenswitz und Todesangst – Raimunds Biographie

3) Menschenfeindlichkeit als Zeiterscheinung und Hypochondrie als Modekrankheit?

4) Wie viel Raimund steckt in Der Alpenkönig und der Menschenfeind ?

5) Wandlung und Verwandlung im Der Alpenkönig und der Menschenfeind
5.1) Spiegelmotiv, Doppelgänger und Menschenfeindlichkeit
5.2) Verwandlung, Wandlung und Erkenntnis?

6) Literaturverzeichnis

1) Vorwort

Die vorliegende Arbeit soll ein Stück von Ferdinand Raimund behandeln, das wahrscheinlich als sein erfolgreichstes gelten muss. Es mag mehrere dafür Gründe geben, einer ist auf jeden Fall die herausragend inszenierte Wandlung der Hauptfigur Rappelkopf vom Misanthrop zum „pensionierten Menschenfeind“. Dieser Aspekt der Wandlung soll deswegen auch im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Vorangeschickt wird ein biographischer Abriss von Raimunds Leben, der sich hauptsächlich mit (negativen) Vorfällen in seinem Leben beschäftigen soll, und einer allgemeinen Bestandsaufnahme der vormärzlichen Gesellschaft. Der Grund für diesen Vorspann liegt vor allem in der Wichtigkeit und der engen Verknüpfung dieser Umstände mit dem ganzen Stück, besonders aber mit der Figur des Rappelkopfs. Auch wenn eine zu eng gefasste biographische Interpretation unpassend sein mag, ist es doch nicht zu übersehen, dass erhebliche Parallelitäten zwischen Raimund und Rappelkopf, aber auch anderen Figuren bestehen.

Der menschenfeindliche Rappelkopf bildet also unsere Ausgangsbasis und wird von Raimund in seinem rasenden Wahn besonders wirksam dargestellt, um im Verlauf der Handlung deutlich seine Wandlung zeigen zu können. Der leitmotivische Gebrauch des Spiegels und daraus resultierende Schaffung eines Doppelgängers durch den Alpenkönig bilden so den ersten Höhepunkt. Rappelkopf, der am Gipfel seines Wahns sämtlichen Kontakt zu seinen Mitmenschen aufgekündigt hat, soll in einem „Versuch“ wieder in die Gesellschaft geführt werden. Langsam aber stetig kann man den Wandel mitverfolgen, allmählich distanziert sich Rappelkopf immer mehr von sich selbst. Das tragische Finale stellt ein Duell dar, das nur einen Verlierer kennen kann. Er kurz vor Rappelkopfs Tod wird das Schauspiel abgebrochen und der „pensionierte Menschenfeind“ kann im „Tempel der Erkenntnis“ seine Familie in die Arme schließen. Ob dieser skizzierte Wandel Rappelkopf schlussendlich von seinem Menschenhass erlöst oder ihn nur „pensioniert“ hat, muss und soll offen bleiben.

2) Zwischen Lebenswitz und Todesangst – Raimunds Biographie

Ferdinand Jakob Raimund wurde am 1. Juni 1790 als zwölftes Kind von Jakob und Katharina Raimund geboren. Neben dem Sterben mehrer Geschwister musste Raimund als Jugendlicher den Tod seiner Eltern am „Lungenbrand“ miterleben (1802/04). 1809 begann Raimunds Karriere am Theater, die jedoch von zahlreichen Rückschlägen begleitet wurde. 1819 verliebte er sich in Toni Wagner, wird jedoch von ihrem Vater abgewiesen. Ein psychosomatisches Leiden setzte Raimund 1820 stark zu und seine Krankenschwester Luise Gleich wird noch im selben Jahr seine Frau, nachdem sie von Raimund ein Kind erwartete. Tochter Amalia starb allerdings bereits 1821, kurz darauf verließ ihn Luise Gleich und reichte die Scheidung ein. Noch im selben Jahr verlobten sich Raimund und Toni Wagner. 1822 wurde Raimund während einer Benefizveranstaltung vom Publikum ausgebuht, 1824 musste er sich gegen Gerüchte verteidigen, er habe den Barometermacher nicht selbst geschrieben. Daraufhin brach 1825 sein latentes Nervenleiden wieder aus und Raimund begab sich in homöopathische Behandlung. Wie in seiner Selbstbiographie zu lesen ist, war er ein überzeugter Anhänger der Homöopathie und vertraute sich in dieser Hinsicht immer seinem Vertrauensarzt Dr. Lichtenfels an:

„Durch fortwährend geistige und physische Anstrengung auf der Bühne und Kränkungen im Leben verfiel ich im Jahre 1825 in eine bedeutende Nervenkrankheit, welche mich der Auszehrung nahebrachte, und fünf Monat von der Bühne entfernt hielt. Ich wurde durch homöopathische Kurart wieder hergestellt und danke diese Rettung dem Dr. Lichtenfels.“[1]

1826 brach er wegen panischer Tollwutangst eine Reise ab. Man kann annehmen, dass dieses Ereignis maßgeblich sein Leben, aber vor allem seinen Tod beeinflusst hat. Sein Reisegefährte, der Schauspieler Josef Schmidt, berichtet von Raimunds Verhalten.

„Eine gewisse Geschichte, die er mit seinem Hund hatte, von dem er ein Stückchen Brot nahm und aß, an welchem der Hund zuvor geleckt hatte, und den er nachher für wütend hielt, setzte ihn in fortwährende Besorgnis den Krankheitsstoff in sich übertragen zu haben so sehr auch sein Arzt Hr. Lichtenfels ihn vom Gegenteil versichert.“[2]

Die Draufgabe bildete dann die Lektüre des Buches Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, das tatsächlich ein Kapitel über tollwütige Hunde beinhaltete.

„Beim Erwachen stand Raimund vor mir mit starrem Blick, und kündigte mir an, dass unsere Reise nur bis Salzburg gehen würde. Er hatte nämlich zufällig in der Gaststube ein Buch gefunden, worin allgemeine Regeln für Unglückfälle enthalten waren, und kam unter anderem auch auf den Artikel: Über den Biß der tollen Hunde; und lebte in der Einbildung, alle die angegebenen Symptome bereits in sich zu fühlen. Von dem Augenblick an hatte er weder Ruhe noch Rast, und es war mit ihm kaum auszuhalten.“[3]

In den folgenden Jahren grassiert die Cholera in Europa und Raimund flüchtete von einer Stadt in die nächste. Sein Nervenleiden zwang ihn 1831 zum Abbruch eines Gastspiels in München. In einem Brief an seinen Freund Adolf Bäuerle gestand er sein Nervenleiden durchaus ein und betont gleichzeitig die Wichtigkeit der homöopathischen Mittel.

„Wir besprachen uns, du weißt, dass ich Professor der Hypochondrie bin, und gleich nach der Einnahme des ersten Mittels hatte ich eine ruhige Nacht.“[4]

Auch wenn sich Raimund seine Hypochondrie eingestanden hatte (wobei zu vermuten ist, dass er selbst darunter eher krankhaften Schwermut oder ähnliches verstand), so sah er sich auf keinen Fall als „eingebildeten Kranken“ (der er jedoch auch war). Aus heutiger Sicht muss man Raimund eine tief greifende Depression attestieren, die immer wieder in schwere seelische Krisen führte. In einem Gespräch mit einem Bekannten wird deutlich, wie sehr er unter der schlechten Nachrede der „anderen Leute“ litt und ein psychisches Tief einem werkschaffenden Hoch folgte und umgekehrt.

„Das leidet meine Gesundheit nicht; jetzt hielt ich die Strapazen nicht mehr aus. Sie lachen darüber, wie schon andere Leute, und schelten mich einen milzsüchtigen, eingebildeten Kranken! Aber das muß ich besser wissen, denn in mir sitzt es tief und böse, was mich untergräbt, und ich versichere Sie, dass meine komischen Erfolge nur zu oft eine gründliche Desperation zur Mutter haben. Man sollte mir’s oft nicht ansehen, welch’ ein trauriger Spaßmacher ich bin…“[5]

Schon von Zeitgenossen wurde erkannt, dass Raimunds Leiden maßgeblich sein Schaffen beeinflusst hat, allerdings fand weder Raimund selbst noch ein anderer eine Erklärung für seine innere Zerrissenheit[6]. 1836 wurde Raimund leicht von einem Hund in den Finger gebissen. Wenige Tage später schießt er sich aus panischer Angst, der Hund könnte tollwütig gewesen sein, mit einer Pistole in den Mund und verstirbt nach fünftägigem Leiden am 5. September 1836.

3) Menschenfeindlichkeit als Zeiterscheinung und Hypochondrie als Modekrankheit?

Die Biedermeierzeit war von einem resignierenden Rückzug in die eigenen vier Wände, einer allgemeinen Unterordnung unter das Schicksal und einer Unterdrückung der Leidenschaft geprägt. Das Bürgertum reagierte auf den Ausschluss vom politischen Leben mit einer verstärkten Zuwendung zur Natur und einer besonderen Form der Schicksalsergebenheit und Entsagung. Nicht umsonst war das „Hobellied“ aus Raimunds Der Verschwender (1834) längst zum vielsagenden Volkslied geworden:

„Da streiten sich die Leut herum

Oft um den Wert des Glücks,

Der eine heißt den anderen dumm.

Am End weiß keiner nix.

Da ist der allerärmste Mann

Dem anderen viel zu reich.

Das Schicksal setzt den Hobel an

Und hobelt’s beide gleich.“[7]

In diesem Zusammenhang ist es auch nicht verwunderlich, dass 1838 ein Buch veröffentlicht wurde, das zeitweise mit dem erfolgreichsten Buch dieser Zeit – Goethes Werther – mithalten konnte[8]. Ernst Freiherr von Feuchtersleben, ein Mediziner und Schriftsteller, setzte es sich zum Ziel, mit der Diätetik der Seele Menschen bei der Vermeidung und Behandlung von seelischen Leiden zu helfen (unter anderem durch Selbst- und Seelenbeobachtung). „In der Antike [und im Biedermeier] verstand man darunter [unter Diätetik] nicht nur die Kunst der richtigen Ernährung, sondern die Ausgewogenheit der Lebensweise zwischen Schlafen und Wachen, Arbeit und Ruhe, Anstrengung und Entspannung […].“[9] Bedeutend sind vor allem Feuchterslebens Erkenntnisse zur Wechselwirkung zwischen Geist und Körper, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Ärzte beschäftigte. Zweifelsfrei kann er daher als ein „Pionier der Psychosomatik“ bezeichnet werden, nicht zuletzt da er selbst in seiner Jugend an diversen Nervenkrankheiten und Hypochondrie litt. Eben jenen Menschen, die „müde, blasirt, zerfallen, incomplet“ und „am Weltschmerz“ leiden, widmete er sein Vorwort zur zweiten Auflage. Darüber hinaus kritisiert er den „Hypochondristen“ scharf und stellt fest, dass dieses „Uebel“ des Hypochondristen „eigentlich in einem dumpfen, traurigen Egoismus besteht. Nur für das jämmerliche, von tausend Feinden bedrohte Ich lebt, denkt und leidet er; abgewendet von allem Schönen und Großen, das die Natur und die Menschenwelt einem offenen Herzen bietet, theilnahmslos für die Freuden – und was noch fürchterlicher ist! – für die Leiden seiner Brüder“[10]. Interessant sind hier vor allem die großen Überschneidungen mit dem Charakter Raimunds und Rappelkopfs. Besonders die Dichter als Seismographen der Gesellschaft schienen anfällig für diverseste Seelenleiden gewesen zu sein. So schreibt Franz Grillparzer in seiner Selbstbiographie, dass er „durch frühes Unglück zur Schwermut und Selbstpeinigung“[11] und zur Hypochondrie neigte. Auch er musste das Sterben und die Selbstmorde verschiedener Familienangehöriger miterleben und scheint nachhaltig darunter gelitten zu haben.

Nicht zu vergessen ist auch, dass die ganze Atmosphäre des vormärzlichen Wien voll Misstrauen war. Das Spitzelwesen wirkte sich sehr negativ auf die Geselligkeit aus, viele Menschen zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, führten – wie der Herr von Rappelkopf – ihr eigenes, ungeselliges, oft misanthropisches Leben[12].

[...]


[1] zitiert nach: Deutschmann 1996, S. 219

[2] ebd., S. 222

[3] ebd.

[4] ebd., S. 220

[5] ebd., S. 224f.

[6] http://ferdinandraimund.at/biographisches/bausteine.html#Anchor-Hypochondrie-49425

[7] Raimund, Ferdinand: Der Verschender, 3. Aufzug, 6. Auftritt, S. 117 (http://ferdinandraimund.at/stuecke/verschwender/verschender_screen.pdf)

[8] vgl. Pisa 1998, S. 81

[9] Pisa 1998, S. 82

[10] zitiert nach: Pisa 1998, S. 86

[11] ebd., S. 88

[12] vgl. Kahl, 1967, S. 72

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638501576
ISBN (Buch)
9783638663755
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55116
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Fachbereich Germanistik
Note
1
Schlagworte
Verwandlung Wandlung Ferdinand Raimunds Alpenkönig Menschenfeind Motiv“

Autor

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Titel: Verwandlung und Wandlung in Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind"