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Das Bild der Weiblichkeit im Roman der Weimarer Republik - Frauenbilder in Erich Kästners 'Fabian'

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Frauenbilder der Weimarer Republik
1.1 Die Neue Frau
1.2 Einflüsse auf die literarische Darstellung
1.3 Etwas zwischen Männern und Frauen – Zur literarischen Darstellung

2. Zum Roman „Fabian“ von Erich Kästner
2.1 Die Frauenbilder im Roman
2.1.1 Die Emanzipierte: Irene Moll
2.1.2 Die Unantastbare: Frau Fabian
2.1.3 Die Verführte: Cornelia Battenberg
2.1.4 Die Sündigen

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

0. Einführung

„Kinder heut abend, da such ich mir was aus,

einen Mann, einen richtigen Mann.

Wie er aussieht, mir egal,

irgendeinen trifft die Wahl.“

(Marlene Dietrich)[1]

Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars „Ein Autor der Neuen Sachlichkeit – Erich Kästner“ entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Werk „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. In diesem 1931 veröffentlichten neusachlichen Roman werden am Beispiel des kleinbürgerlichen Angestellten Fabian die gesellschaftlichen Verhältnisse der Weimarer Republik beschrieben.

Viele Romane dieser Epoche zeichnen sich als Zeitromane aus. Sie orientieren sich an Zeitlichkeit und Faktizität der zeitgenössischen Realität und deren wirklichkeitsgetreuer literarischen Reflexion. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit versuchten nicht als geistige Führer aufzutreten, sondern sahen sich, als sachliche Berichterstatter, der Aktualität verpflichtet. Aus dieser Verpflichtung zur Gegenwartsbezogenheit, sowie der Berichterstattung ergaben sich auch die Themen der Romane. Nicht selten hatten diese die zunehmende Urbanisierung, die neue Freizeitgestaltung durch das Aufkommen der Unterhaltungsbranche (Kino, Revue, etc.), die politischen Strömungen der Weimarer Republik, sowie das neue Selbstverständnis der modernen Frau zum Gegenstand.

Am Werk Kästners wird in dieser Arbeit auf die Darstellung der weiblichen Figuren in der Neuen Sachlichkeit eingehen. Der mit Beginn des 20. Jahrhundert stattfindende gesellschaftliche Strukturwandel fand auch in der Literatur seine Verarbeitung und weibliche Figuren wurden zunehmend im Wechselverhältnis mit der Öffentlichkeit unter dem realen Kontext interpretiert.

Zu Beginn werde ich einen Überblick über das Frauenbild der Weimarer Republik zeichnen. Insbesondere werde ich mich dabei mit dem Bild der Neuen Frau beschäftigen, auf die Einflüsse, die zu dessen Entstehung beitrugen, sowie auf deren literarische Verarbeitung eingehen. Bei der literarischen Verarbeitung wird zudem noch eine Unterscheidung zwischen Autorinnen und Autoren vorgenommen. Der weitere Verlauf der Arbeit widmet sich dann den Frauenfiguren in Kästners Roman „Fabian“. Abschließend werden meine Beobachtungen zusammenfassen.

1. Frauenbilder der Weimarer Republik

Die bereits mit Beginn der Industrialisierung immer stärker werdende Frauenbewegung und „die tief greifenden politischen und sozialen Veränderungen, die der verlorene Krieg, der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die neuen ökonomischen Strukturen“[2] mit sich brachten, sorgten für einen Ausbruchsversuch aus der traditionellen Frauenrolle.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges fanden Frauen erhöhten Zugang in die Berufswelt. Zum einen, um für die Aufrechterhaltung der heimatlichen Kriegsökonomie zu sorgen und zum anderen, um als Alleinversorger ihre Familien zu ernähren.

Neben der zunehmenden wirtschaftlichen Selbstständigkeit machten die politischen Veränderungen der Weimarer Republik[3] eine zunehmende Angleichung der Geschlechter möglich. Aus diesem veränderten Selbstbewusstsein heraus entstand ein modernes Frauenbild – die Neue Frau.

Dieses Bild war der Entwurf eines neuen Gender Typs sowie nach Veth ein vieldiskutierter Prototyp der Modernisierung.[4]

1.1 Die Neue Frau

Der Begriff Neue Frau wird in den 20er Jahren zu einem Topos verschiedener Frauenbilder, die im Sinne eines idealtypischen Leitbildes für real lebende Frauen oder als idealtypische Konstruktion in der Literatur fungierten.

Die bereits genannten Veränderungen, die die Weimarer Republik mit sich brachte, ermöglichte vielen einen Ausbruchsversuch aus der bis dahin tradierten Rolle der Frau.

„Die moderne Frau mußte ihren gesellschaftlichen Ort nicht mehr ausschließlich vom Haus, von ihrer Rolle als Hausfrau, Gemahlin und Mutter her definieren, sondern eroberte die Welt draußen […] Die Stadt mit ihren vielfältigen Netzwerken, Arbeitsplätzen und Freizeitangeboten wird [nun] zum eigentlichen Lebensraum der Neuen Frau.“[5]

Damit einhergehend, entwickelt sich auch ein neues Erscheinungsbild, denn „die für Frauen neue Welt erforderte ein neues Auftreten, eine neue Figur, eine neue Kleidung“.[6] Es entstand das imaginierte Idealbild der sportlich-schlanken Frau mit Kurzhaarschnitt und praktisch-freizügiger Kleidung.

Viele versuchten sich mit ihrem Lebensstil und ihrem Erscheinungsbild diesem Typus anzupassen, doch blieb für die meisten die Neue Frau ein imaginiertes Modell der Weiblichkeit, dass nur in wenigen Kulturidolen seine Entsprechung fand.

1.2 Einflüsse auf die literarische Darstellung

Das neue Modell der Weiblichkeit beruhte auf verschiedene Einflüsse, die auf die deutsche Kultur von außerhalb einwirkten. Auf der einen Seite inspirierte das Bild der engagierten sowjetischen Arbeiterin und auf der anderen das des amerikanischen Girls, die Mode wie auch Frisur und Lebenseinstellung junger deutscher Frauen.

Als Prototypen für Vorstellung eines Girls gelten die Revuegirls mit ihrem freien Umgang mit der eigenen Sexualität und ihrem Körperkult. Ihre Auftritte werden von Roebling auch als sachliche Demonstration des Fortschrittes gewertet.[7] Sie erscheinen als eine Art immer verfügbares Sexualobjekt und als Massenware, was nicht zuletzt auch zu einer Endindividualisierung des Frauenbildes führte. Doch lässt sich das Girl nicht allein anhand der Revuegirls charakterisieren. Das Girl ist wandelbar und passt sich wohl kalkuliert, je nach Bedürfnissen des kapitalistischen Warenmarktes, den Wünschen der Männer an. Durch Berufstätigkeit sind sie ein Stück weit selbstständig, bleiben jedoch aufgrund ihrer geringeren Löhne meist finanziell von Männern abhängig.

„Daß das Girl zu einer Art Ikone in der Weimarer Republik mit ihrem Jugendkult werden konnte, hängt sowohl mit dem Amerikakult dieser Epoche als auch mit dem neuen Trend zur Versachlichung von Vitalität zusammen, der im neuen Typus der jungen Frau erkannt wird.“[8]

Aus Russland kommt hingegen das neue Rollenbild einer freiheitsbewussten und politisch aktiven Frau, das sich bedingt durch die Revolution von 1917 dort herausgebildet hatte. In der damit einhergehenden „neuen Literatur spielen die Welt der Arbeit, das Engagement für die Partei, die Orientierung in der in Umwälzung begriffenen Gesellschaft und die Reflexion eines neuen weiblichen Selbstverständnisses eine zentrale Rolle.“[9] Und wie bereits bei der Girl -Kultur, werden junge Mädchen für die ikonografische Präsentation des Aufschwungs benutzt. Die sowjetischen Frauen haben eine ebenso sachliche Einstellung zu Liebesdingen, fordern jedoch, im Gegensatz zu den Girls, die gleichen Spielräume wie die Männer ein und wollen die traditionelle Frauenrolle gänzlich ablegen.

In beiden Kulturen ist, trotz einiger Unterschiede, „die Erscheinungsform der präsentierten Frauen […] erstaunlich ähnlich und macht verständlich, warum östliche und westliche Einflüsse in Deutschland zusammenfließen konnten.“[10]

1.3 Etwas zwischen Männern und Frauen – Zur literarischen Darstellung

In der literarischen Epoche der Neuen Sachlichkeit lässt sich eine Differenz in der Darstellung von Frauenfiguren bei weiblichen und männlichen Autoren erkennen.

Autorinnen reagieren in ihren Texte viel stärker auf die gesellschaftlichen Veränderungen und fertigen in ihren Texten ein vielfältiges Bild der modernen Frau im aktuellen Zeitgeschehen an. Viele Werke zeigen „die Neue Frau nach der veränderten gesellschaftlichen Rollendefinition und in Aufnahme amerikanischer und sowjetischer Einflüsse“.[11] Trotz einer facettenreichen Dartsellungsweise vom Bild der Neuen Frau weisen die Figuren eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Neben dem meist modischen Erscheinungsbild gehen die Frauen einer beruflichen Tätigkeit nach und leben nicht selten in einer Großstadt. Durch eine gewisse Art der Selbstständigkeit beanspruchen sie für sich einen nicht ganz konfliktfreien Platz in der modernen Welt.

„In vielen Romanen über die Nachkriegszeit stürzen sich die neuen Frauen wie Irmgard Keuns Gilgi[12] begeistert in die Arbeits- und Freizeitwelt des modernen städtischen Lebens. Sie wollen und müssen für sich allein verantwortlich sein.“[13]

Bei den Autoren führt das neue Frauenbild hingegen zu einer „Irritation der Männlichkeitsvorstellung“.[14] Durch die Anpassung der Frau an die gegebenen Verhältnisse bekommt ihr Wesen jene sachliche Kälte und Künstlichkeit der Realität aus der die Männer zu fliehen versuchten oder die auf sie verstörend wirkte. War die Frau doch auch immer eine Art Rückzugsort und Rückhalt in der vom Wettbewerb dominierten modernen Welt. Nur selten durchbrachen sie daher „den typischen Frauenraum oder die ihnen zugeschriebene Rolle als gehorsame Tochter, Mutter oder Gattin“.[15]

Doch auch Versuche sich der Neuen Frau zu nähern kommen meist nicht über die Darstellung

„[…] längst bekannter und hundertfach gestalteter regressiver männlicher Wünsche und Ängste hinaus, [sie] sagen nichts über das Leben von jungen Frauen in den zwanziger Jahren, über deren Probleme, deren Selbstbilder, deren Ziele, zeigen nicht die Frau als arbeitende oder Arbeit suchende, zeigen nichts von den neuen Beziehungsformen zwischen Männern und Frauen, die doch in dieser Umbruchzeit im realen Leben vielfach bezeugt sind.“[16]

Erich Kästners „Fabian“ ist für Roebling eines der typischen Beispiele „für die Gestaltung von Frauenbildern in der bürgerlichen Literatur“.[17] Es „[…] werden zwar junge Frauen in einer modernen Welt vorgestellt, aber gemessen werden sie immer noch daran, wie weit sie liebende und sich aufopfernde mütterliche Qualitäten entwickeln.“[18]

[...]


[1] Aus dem Film: Der Blaue Engel (1930), Text: Robert Liebmann.

[2] Stephan, Inge: Die Neue Frau. In: Wolfgang Beutin: Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart u. a. 2001, S. 402.

[3] Bereits seit 1908 erhielten die Frauen Zugang zu den Universitäten. 1918 wurde dann das aktive Wahlrecht für Frauen eingeführt. Vgl. hierzu Roebling, Irmgard: „Haarschnitt ist noch nicht Freiheit“. Das Ringen um Bilder der Neuen Frau in Texten von Autorinnen und Autoren der Weimarer Republik. In: Sabina Becker (Hrsg.): Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik. Bd. 5. St. Ingberg 2000, S. 13.

[4] Veth, Hilke: Literatur von Frauen. In: Bernhard Weyergraf (Hrsg.): Literatur der Weimarer Republik 1918-1933. München 1995, S. 460.

[5] Roebling, 2000, S. 14.

[6] Ebd. S.14.

[7] Vgl. ebd. S. 16.

[8] Ebd. S. 15.

[9] Ebd. S. 27.

[10] Ebd. S. 25.

[11] Ebd. S. 37.

[12] Keun, Irmgard: Gilgi – eine von uns (1931)

[13] Veth, 1995, S. 460.

[14] Vgl. Fähnders, Walter: Avantgarde und Moderne 1890 - 1933. Stuttgart; Weimar 1998, S. 240.

[15] Roebling, 2000, S. 31.

[16] Ebd. S. 34f.

[17] Ebd. S. 33.

[18] Ebd. S. 33.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638500258
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54945
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Weiblichkeit Roman Weimarer Republik Frauenbilder Erich Kästners Fabian

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