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Werbung oder Propaganda - Der IG-Farben Konzern im Nationalsozialismus

Seminararbeit 2006 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Die Entstehung des Konzerns und seine Geschichte bis zur Machtübernahme

3.) Wirtschaftspolitik im Nationalsozialismus
3.1) Autarkiepolitik und Vierjahresplan
3.2) Bedeutung der IG für die deutsche Kriegswirtschaft

4.) Werbung im NS
4.1) Das Wirtschaftswerbegesetz (WWG)
4.2) Der Werberat der deutschen Wirtschaft
4.3) Hervorhebung deutscher Produkte
4.4) Die Gemeinschaftswerbung

5.) Beispiele für Werbeträger und Werbemittel im NS
5.1) Rundfunkwerbung und Werbefilm
5.2) Die Anzeigenwerbung
5.3) Plakatwerbung
5.4) Weitere Werbearten

6.) „Erzeugnisse unserer Arbeit“ – eine Mitarbeiterzeitschrift
6.1) Imagewerbung
6.2) Aufbau und Einordnung der Zeitschrift
6.3) Propaganda und Deutschtum in der Werbung am Beispiel Bayer

7.) Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Werbung begegnet uns heute, da wir bereits das Jahr 2006 schreiben, in den verschiedensten Facetten und Formen. Denken sie nur an den letzten Fernsehabend, an dem an der spannendsten Stelle des Films einmal mehr eine fünfminütige Werbepause eingelegt wurde. Wenn sie aktuelle Zeitschriften oder Tageszeitungen aufschlagen, werden sie mit Anzeigen und Inseraten werbetreibender Unternehmen überhäuft. Diese Aufzählung könnte noch beliebig fortgeführt werden. Ein Kennzeichen moderner Werbung ist die Möglichkeit eines jeden Unternehmens das Werbemittel und den Werbeträger frei zu wählen und auch den Inhalt der Werbebotschaft nahezu frei bestimmen zu können. Jedoch war dies nicht immer der Fall. Im Jahr 2005 wurden wir anlässlich zahlreicher

60. Jahrestage, es seien genannt 60 Jahre Kriegsende, die Befreiung vieler Konzentrationslager, etc. durch unzählige Fernsehdokumentationen und Filme an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Es stellte sich für mich daher die Frage, wie die Werbung in dem wohl dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte betrieben wurde? Was waren die zu dieser Zeit bevorzugten Werbeträger und –mittel? Inwiefern wurden die Werbebotschaften von nationalsozialistischer Ideologie beeinflusst bzw. vom Regime im vorn herein bestimmt?

Diesen Fragen soll in folgender Arbeit durch Bezugnahme auf einen der wichtigsten deutschen Konzerne, der IG-Farben AG, nachgegangen werden. Dabei möchte ich zu Beginn das Unternehmen kurz vorstellen, bevor ich sodann auf die Wirtschaftpolitik nach 1933 eingehe, die zum Verständnis für die Ausrichtung der Werbung grundlegend ist. Danach werden ausgehend von speziell die Werbung betreffenden Institutionen und Gesetzen Merkmale deutscher Werbung und anschließend wichtige Werbemittel dargestellt. Abschließend wird konkret auf eine Mitarbeiterzeitschrift der IG-Farben als Werbemittel eingegangen um Zusammenhänge zwischen Werbung und Propaganda zu erarbeiten.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass in dieser Arbeit Werbung mit Wirtschaftswerbung gleichzustellen ist. Aufgrund des beschränkten Umfangs der Arbeit muss auf eine ausführliche Analyse der einzelnen Punkte verzichtet werden. Es wird aber doch ein Überblick über die wichtigsten Kennzeichen der Werbung während des Nazi-Regimes gegeben, sodass die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Werbung und Propaganda verständlich werden.

2.) Die Entstehungsgeschichte des IG-Farben Konzerns

Bevor nähere Ausführungen zu wirtschaftspolitischen Zielen und Werbemaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes gemacht werden, wird nun die Entstehungsgeschichte des Konzerns kurz zusammengefasst, sodass die enorme Bedeutung der IG-Farben für die deutsche Wirtschaft deutlich wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten die deutschen Chemieunternehmen, allen voran Bayer, BASF und Höchst praktisch alleine den Weltmarkt. Dies resultierte aus einer stürmischen Wachstumsphase der deutschen Farbstoffindustrie, welche in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts begonnen hatte und von nur schwachen Rezessionen unterbrochen bis zum Ersten Weltkrieg anhielt.[1] Dieses rasante Wachstum aller deutschen Chemieunternehmen hatte jedoch zur Folge, dass sie sich gegenseitig im Kampf um die Marktführerschaft behinderten, sodass es zu einem Konkurrenzkampf sonders Gleichen kam. Die Lösung für dieses Problem erkannte Carl Duisberg, Generaldirektor bei Bayer und einer der dominanten Persönlichkeiten der deutschen Farbenindustrie. Er gab das Motto aus: „Getrennt produzieren, vereint schlagen.“[2] Deshalb traten zunächst 1904 Bayer, BASF und Agfa zu einer auf lange Jahre abgeschlossenen Interessengemeinschaft (IG) zusammen.[3] Außerdem bildeten Höchst und Cassella im selben Jahr einen Zweibund, in den 1906 das Chemieunternehmen Kalle aufgenommen wurde, sodass zwei etwa gleichstarke Kartelle entstanden.[4] Diese zwei Dreibünde näherten sich im Laufe der Jahre immer mehr an, sodass aus denselben Motiven wie zu Beginn des Jahrhunderts, also Rationalisierungsmaßnahmen und Schaffung einer geeigneten Basis für weitere technische Expansionen auf den Weltmarkt, Anfang August des Jahres 1925 die I.G. Farbenindustrie AG durch Fusion der beiden Dreibünde entstand.[5]

Hierbei handelte es sich nicht um ein kapitalistisches Großunternehmen im üblichen Sinne, dass sich durch Expansion vom Gründerunternehmen zum Weltkonzern entwickelt hat. Vielmehr ist dieser Konzern das Ergebnis eines Konzentrationsprozesses der wichtigsten deutschen Großunternehmen im Chemiesektor. Die Zusammenfassung aller produktiven Kräfte lautete angesichts verschärfter internationaler Konkurrenzkämpfe die Devise. Als Ergebnis dieses Prozesses entstand der größte Konzern Europas und das größte Chemieunternehmen der Welt mit 100.000 Angestellten und einer für damalige Verhältnisse sehr hohen Bilanzsumme von 1.366.236.817 Reichsmark.[6]

Die gesamte Tätigkeit in wissenschaftlicher, technischer und kaufmännischer Hinsicht wurde sowohl in räumlicher Konzentration als auch in fachlicher Gliederung zusammengesetzt. Es wurden daher fünf Betriebsgemeinschaften gebildet, deren Grundgedanke auf die lockere Zusammenfassung regional benachbarter Werke abzielte.[7] Dieser regionalen Koordinierung von Werkseinheiten stand der vertikale Aufbau von vier Verkaufsgemeinschaften (Chemikalien, Pharmazeutika, Photo und Kunstseide, Farben) gegenüber.[8] Diese wickelten die Geschäfte ihres Produktionsbereiches mit großer Selbstständigkeit ab. Im technischen Bereich wurden chemisch verwandte Produkte in drei Sparten folgendermaßen zusammengefasst:

Sparte I: Stickstoff, Öl und Gruben, umfasste Produkte wie Stickstofferzeugnisse, synthetische Betriebsstoffe wie Benzin, Öle, Schmiermittel; Methanol; Eisen- und Nickelcarbonyl und das Gebiet des Kohlebergbaus. (Leiter: Karl Krauch)

Sparte II: Farben, Chemikalien, Pharmazeutika – im Einzelnen und andere Teerfarbstoffe aller Art, anorganische Chemikalien wie Schwefelsäure, Chlor, Chlorkalk, Natron- und Kali-Lauge usw.; Metalle wie Aluminium, Magnesium, Molybdän und deren Legierungen; komprimierte Gase wie Sauerstoff, Wasserstoff und Edelgase; autogene Schweiß- und Schneidgeräte; organische Zwischenprodukte; Lösungsmittel, Kunstharze, Kunststoffe, synthetische Wachse; Buna, Ruß; Rohstoffe für Lack- und Kunststoff-Industrie; pharmazeutische Produkte; Schädlingsbekämpfungsmittel. (Leiter: ter Meer);

Sparte III: Kunstseide, Zellwolle, Photographie (Leiter: Fritz Gajewski)[9]

Allein diese Bandbreite der Produktionsvielfalt belegt die enorme Bedeutung des Konzerns für die deutsche Wirtschaft. An dieser Stelle soll die unternehmensgeschichtliche Analyse der IG-Farben unterbrochen werden, um einen Überblick über wirtschaftspolitische Zielsetzungen und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Werbung nach 1933 zu schaffen.

3.) Wirtschaftspolitische Ziele des Regimes

3.1) Autarkiepolitik und Vier-Jahresplan:

Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 gingen ein abrupter Richtungswechsel wirtschaftspolitischer Zielsetzung und ein verändertes Verhältnis von Staat und Wirtschaft einher. Die „liberalistische Wirtschaftsauffassung“ der vergangenen Jahrzehnte und die freie, marktwirtschaftliche Unternehmerinitiative wurden konsequent abgelehnt.[10] Die Ausdehnung des totalitären Machtanspruchs des Nationalsozialismus in allen Bereichen von Gesellschaft, Politik und auch in die Wirtschaft war für die Erfüllung Hitlers Vorhaben, nämlich die Erweiterung des Lebensraumes in den Osten, von enormer Bedeutung. Bereits vier Tage nach der Machtübernahme, am 3. Februar 1933 erklärte er vor der Generalität der Reichswehrführung:

„Die deutsche Wirtschaftskrise lässt sich nicht durch innere Kolonisation oder Erhöhung der Exporte lösen, sondern allein durch eine Erweiterung des Lebensraumes. []Sicher ist, dass die jetzigen wirtschaftlichen Zustände nur durch Kampf geändert werden können.“[11]

Es wird hier deutlich, dass die Wirtschaft klar auf einen bevorstehenden Krieg ausgerichtet werden musste. Um dieses Ziel zu erreichen, musste absolute wirtschaftliche Autarkie, d.h. Unabhängigkeit insbesondere von Ölimporten erreicht werden. So erklärte Hitler in einem Gespräch mit Vorstandsmitgliedern der IG-Farben bereits 1932, er habe aus dem Verlauf des Ersten Weltkriegs gelernt, dass Deutschlands Rohstoffarmut den Erfolg der britischen Blockade begünstigt hatte. Er wolle durch ein Programm der Selbstversorgung Deutschlands Rohstoffarmut beseitigen und die Grundlagen einer eigenständigen militärischen Macht schaffen.[12] Es waren also nicht mehr wirtschaftliche Aspekte ausschlaggebend, sondern ganz allein die Kriegsführung war zu beachten. Allein die Autarkiepolitik Hitlers musste verfolgt werden. Mit diesen Voraussetzungen mussten sich alle Unternehmen auseinandersetzen und arrangieren, wenn sie überleben wollten, unter anderem auch der IG-Farben-Konzern. In einer 1936 von Hitler erstellten Denkschrift über Wirtschaftsfragen stellte er den so genannten Vierjahresplan vor:

„I: Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein.

II: Die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.“[13]

Welche Bedeutung hierbei der IG zukommt, wird im folgenden Abschnitt erläutert.

3.2) Bedeutung der IG für die deutsche Kriegswirtschaft:

Der deutschen Industrie kam bei der Durchsetzung Hitlers Autarkievorstellungen und der Erfüllung seines Vierjahresplans also eine immer bedeutendere Schlüsselrolle zu. Bei der IG begann nach der Machtübernahme Hitlers eine pragmatische Denkart die Oberhand zu gewinnen. Es wurde schnell begonnen, den Mangel an wertvollen politischen Beziehungen durch personelle Änderungen in den obersten Rangordnungen und auch durch großzügige Spenden zum neuen Regime zu verbessern.[14] Es ist auch eine gewisse wechselseitige Abhängigkeit zwischen Hitler und dem IG-Farben-Konzern zu beobachten. Dazu ein paar Zahlen: 1936/37 entfielen ein Drittel der Investitionsplanung des Vierjahresplans, 1937/38 sogar 72,7% aller Chemieinvestitionen auf die IG-Farben.[15] Viele Historiker sprechen daher auch vom IG-Plan. Kurz gesagt, nie zuvor hatte ein Industriekonzern eine so wichtige Rolle bei der militärischen Planung und Vorbereitung eines Krieges. IG Farben wurde der wichtigste, unentbehrliche Rüstungskonzern Hitlerdeutschlands vor allem auf den Gebieten der Chemie, der Mineralöle, der Nichteisenmetalle und Zellstoffe. 70% der Angestellten der Ende 1936 eingerichteten Vierjahresplanbehörde entstammten dem Personal der IG-Farben.[16] Auf der einen Seite waren daher die Produkte der IG zur Vorbereitung und Durchführung eines Krieges für Hitler unentbehrlich, auf der anderen Seite boten die kriegswirtschaftlichen Vorbereitungen des Zweiten Weltkrieges neben steigenden Profiten vielmehr neue Möglichkeiten, ihre immer schon als oberste Prämisse angesehene Vormachtstellung auf dem Weltmarkt auszubauen und zu verwirklichen. Allerdings muss an dieser Stelle nochmals angemerkt werden, dass nicht mehr die freie Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage über Preise und angebotene Mengen entschieden, sondern dass das unternehmerische Risiko durch garantierte Abnahmepreise seitens des NS-Regimes minimiert wurde. Somit konnte die IG mit dem 1932 ausgearbeiteten Hydrierverfahren zur synthetischen Herstellung von Benzin trotz des Verfalls des Ölpreises auf dem Weltmarkt fortfahren.[17] Zwar war die IG nicht direkt an der Produktion von Panzern oder Waffen beteiligt, jedoch lieferte der Konzern den Treibstoff, die Schmiermittel, die Bereifung für andere Kriegsfahrzeuge,[18] etc. Ohne die IG wäre also ein Krieg 1939 nicht möglich gewesen.

[...]


[1] Vgl. Plumpe, Gottfried: Die I.G. Farbenindustrie AG, S. 40

[2] Schreiber, Peter Wolfram: „IG Farben: Die unschuldigen Kriegsplaner“, S. 16

[3] Vgl. Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G.-Farben-Konzerns“, S. 19

[4] ebd.

[5] Vgl. Plumpe, Gottfried: Die I.G. Farbenindustrie AG, S. 140

[6] Gross, Hermann: „Ein Beitrag zur Aufteilung der I.G. Farbenindustrie AG“, Schaubild V b

[7] Vgl. Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G.-Farben-Konzerns“, S. 33

[8] ebd., S. 34

[9] Vgl. ebd., S. 35

[10] Rücker, Matthias: „Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus“, S. 66

[11] Zitat nach: Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G.-Farben-Konzerns“, S. 69

[12] ebd., S. 58

[13] Vgl. Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G.-Farben-Konzerns“, S. 81

[14] Vgl. Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns“, Tabelle über Spenden an die NSDAP, S. 65

[15] Vgl. Schneckenburger, Artur: „Die Geschichte des I.G. Farben-Konzerns“, S. 81

[16] Vgl. Schreiber, Peter Wolfram: „IG Farben: Die unschuldigen Kriegsplaner“, S. 88

[17] Vgl. Sator, Klaus: „Großkapital im Faschismus“, S. 44

[18] Vgl. hierzu die Kautschuksynthese zur Herstellung von Kunstgummi (Buna) in: Plumpe, Gottfried: Die I.G. Farbenindustrie AG, S. 339ff.

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638499422
ISBN (Buch)
9783638809955
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54832
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Werbung Propaganda IG-Farben Konzern Nationalsozialismus Geschichte Jahrhundert

Autor

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