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"Der geteilte Himmel" von Christa Wolf. Ein Musterbeispiel sozialistisch-realistischer Literatur des Bitterfelder Weges?

Seminararbeit 2004 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund

3. Konzeption
3.1 Darstellung der Figuren
3.1.1 Rita – persönliches Liebesglück vs. gesellschaftliche Verantwortung
3.1.2 Manfred – der bürgerlich-intellektuelle Antiheld?!
3.2 Darstellung der Gesellschaftssysteme
3.3 Darstellung der Arbeitswelt

4. Form
4.1 Formale Ziele sozialistisch-realistischer Literatur
4.2 Gebrauch formaler Gestaltungsmittel

5. Der geteilte Himmel – ein Musterbeispiel der Literatur des Bitterfelder Weges?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hausarbeit untersucht die Fragestellung, inwiefern Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel als ein Musterbeispiel für die Literatur des Bitterfelder Weges angesehen werden kann.

Zuerst wird dargelegt, unter welchen entstehungsgeschichtlichen und politischen Rahmenbedingungen die Erzählung entstand. Hierbei werden die Bitterfelder Konferenz und die dort formulierten realsozialistischen Anforderungen an Literatur im Vordergrund stehen, um so einen Ausgangspunkt für die in der Sekundärliteratur häufig auftretende These, Christa Wolfs Erzählung sei ein sehr gutes Beispiel für die Literatur des Bitterfelder Weges, zu schaffen.

Im Anschluß daran wird untersucht, inwiefern dieses kontrovers diskutierte Werk tatsächlich als ein Musterbeispiel für realsozialistische Literatur angesehen werden kann. Zunächst wird dabei eine inhaltlich-thematische Betrachtung des Werkes vorgenommen. Anschließend stehen die Darstellung der beiden Protagonisten Rita und Manfred sowie die Darstellung der zwei Gesellschaftssysteme Sozialismus – Kapitalismus und der Arbeitswelt in der Erzählung zentral, um dann eine Abgrenzung hinsichtlich Erfüllung, Annäherung oder Unterlaufung der literaturpolitischen Vorgaben des Bitterfelder Weges vornehmen zu können.

Im weiteren folgt eine kurze allgemeine Darlegung der formalen Ziele sozialistisch-realistischer Literatur, worauf die Umsetzung der von Christa Wolf in ihrer Erzählung Der geteilte Himmel verwendeten formalen Gestaltungsmittel betrachtet wird. Auch dies wird in Hinsicht auf die Anforderungen an die sozialistisch-realistische Literatur des Bitterfelder Weges erörtert.

Die Untersuchung schließt mit einer Gesamtbetrachtung, in der die Ergebnisse der Analyse hinsichtlich der inhaltlichen als auch formalen Aspekte zusammengefaßt und in Bezug zu Christa Wolfs schriftstellerischen Zielen gesetzt werden, um so eine Antwort auf die Fragestellung der Hausarbeit zu geben.

2. Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund

Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel von 1963 erschien gegen Bedenken dogmatischer Zensoren und löste im Osten sowie im Westen viele Kontroversen – wenn auch bei widersprüchlicher Beurteilung der beiden deutschen Staaten – und großes Aufsehen aus.[1] Die Auflagenhöhe von 160.000 Exemplaren, die Übersetzungen in mehrere Sprachen sowie die Verfilmung durch Konrad Wolf ein Jahr später spiegeln das enorme Interesse für die Erzählung wider.[2]

Der geteilte Himmel gilt in der Sekundärliteratur als ein typisches Beispiel für die Literatur des Bitterfelder Weges, den realsozialistischen Anforderungen an Literatur entsprechend. Der ‚Bitterfelder Weg’ gründet sich auf eine vom Mitteldeutschen Verlag Halle 1959 in Bitterfeld durchgeführte Autorenkonferenz, auf der eine literarische Gestaltung und damit zugleich eine Unterstützung des sozialistischen Aufbauprozesses in Überwindung der Trennung von Kunst und Leben angestrebt wurde. Das Ziel sollte neben klar formulierten literaturpolitischen Vorgaben auch mit der Aufforderung an die Schriftsteller erreicht werden, in die Betriebe zu gehen und dort die Situation der Arbeiterklasse praktisch kennenzulernen, um diese wirklich zu erfahren und, auf eine sozialistische Gegenwartsthematik hin orientiert, anschließend realitätsnah wiedergeben zu können. Christa Wolf folgte der Aufforderung und absolvierte in den Jahren 1960/61 ein Betriebspraktikum im VEB Waggonbau Ammendorf, was sie in die Lage versetzte, „sich das Wissen und die Erlebnisse zu verschaffen, die nötig sind, um ein Gesamtbild der modernen, komplizierten Industriegesellschaft zu bekommen [und sich nicht] mit Randerscheinungen zufrieden geben [zu müssen], sondern zum Wesentlichen gedrängt [zu werden].“[3]

Hier, während ihres Praktikums, fand sie auch den Stoff für ihre Geschichte: es ist die Verknüpfung einer Brigadegeschichte mit der letztlich unerfüllten Liebesgeschichte zwischen einem Chemiker und einem Mädchen vom Land. Christa Wolf gestaltete diesen Stoff zunächst in der Erzählung Dienstag, der 27. September, wurde sich hierbei allerdings der Schwierigkeit bewußt, daß die Stoffindung und die literarische Verarbeitung der Arbeiter und ihres Lebens im Betrieb nicht nur schwierig ist, sondern auch keine tragfähige Geschichte liefert. Es wird deutlich, daß es Christa Wolf nicht einzig um eine parteilinientreue Darstellung und didaktisch-bewußtseinsbildende Funktion der Literatur im Hinblick auf die Ziele des Bitterfelder Weges ging, die ihr ohne Zweifel wichtig waren. Neben der authentischen und wahrheitsgetreuen Wiedergabe wollte Christa Wolf zudem einem, ihrem, literarischen Anspruch gerecht werden: sie war auf der Suche nach einer „Überidee“, um die Erzählung in einen größeren Kontext einordnen zu können, welcher sich mit dem Mauerbau am 13. August 1961 von allein ergab.[4] Der Mauerbau sowie die Literaturpolitik des Bitterfelder Weges bilden also den entstehungsgeschichtlichen Hintergrund von Christa Wolfs Der geteilte Himmel.

3. Konzeption

Die Erzählung handelt von einer Liebesgeschichte zwischen der 19jährigen Rita Seidel und dem 29jährigen Chemiker Manfred Herrfurth. Rita zieht von ihrem kleinen Heimatdorf zu Manfred in die Großstadt Halle, wo sie ein Pädagogikstudium beginnt und nebenher ein Praktikum bei einer Arbeiterbrigade in einem Waggonwerk macht. Als Manfred nach dem Mauerbau von einem Chemikerkongreß in Westberlin nicht zurückkehrt, steht Rita vor der Entscheidung, ihm zu folgen. Nach einem Besuch Manfreds in Westberlin entscheidet sie sich gegen das westliche Gesellschaftssystem und damit zugleich gegen ihre Liebe zu Manfred.

Diese knappe Inhaltswiedergabe scheint deutlich den thematischen Anforderungen an Literatur des realen Sozialismus zu entsprechen. Die Handlung der Erzählung spielt sich zum großen Teil in einem Waggonbetrieb ab und spiegelt ganz im Sinne des Bitterfelder Weges die Arbeitswelt wider. Zugleich thematisiert und diskutiert die Erzählung zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme, wobei die Identifikation mit dem Sozialismus und die Ablehnung des Kapitalismus deutlich wird: so endet der Reifungsprozeß Ritas in Zeiten politischer Krise in der bewußten Entscheidung für die DDR. Doch zeichnet Der geteilte Himmel von Christa Wolf trotz starker Affirmativität nicht die typische Schwarz-Weiß-Malerei der Literatur des Bitterfelder Weges. Dies wird besonders in der Gestaltung der Charaktere deutlich.

3.1 Darstellung der Figuren

Während die Nebenfiguren weniger plastisch geformt sind, entwickelt Christa Wolf von den Protagonisten Rita und Manfred ein differenziertes Charakterbild. Beide sind nicht einzig als positive, bis ins Klischee hineingesteigerte Helden dargestellt, die immer das Richtige (im Sinne des realen Sozialismus) tun und sich zu jeder Zeit optimistisch zur Welt und zur Zukunft verhalten. Es sind vielmehr gemischte Charaktere, deren Darstellung ein vielseitiges Bild beider Figuren und ihrer Handlungsmotive ergibt.

Sowohl Ritas als auch Manfreds Entscheidung für und gegen die DDR werden in ihrer Motivation nicht eindimensional gezeichnet, sondern sind Ergebnisse von Denkprozessen, die von Schwierigkeiten, Abwägungen und Auseinandersetzungen durchzogen sind. Christa Wolfs Grundthema, wie sie selbst in einem Interview des Hessischen Rundfunks sagte, sei die Fragestellung, wie es kommt, daß Menschen auseinandergehen müssen. Dies behandelt sie vor dem Hintergrund der DDR-Gesellschaftsordnung: wie kann man in dieser leben, sich selbst verwirklichen und was gibt es für Hindernisse, die innerhalb der Gesellschaft dagegen aufgerichtet sind? Ritas und Manfreds Liebe scheitert: „‚Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen’, sagte Manfred spöttisch. Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer? ‚Doch’, sagte sie leise. ‚Der Himmel teilt sich zuallererst.’“[5]

3.1.1 Rita – persönliches Liebesglück vs. gesellschaftliche Verantwortung

Obwohl Rita in ihrem Entschluß für die DDR ihre persönlich-individuelle Verwirklichung hinter die gesellschaftlichen Interessen stellt, entspricht dies nicht der vom realen Sozialismus angestrebten Darstellung eines Happy-Ends: gegenüber dem geforderten ungebrochenen Optimismus und einem lebensbejahenden Glauben an die Zukunft nehmen die Perspektive des persönlichen Unglücks sowie Zweifel über die Richtigkeit ihrer Entscheidung einen zu großen thematischen Raum ein, als das Rita dem Leser ein „zur Nachahmung einladendes Identifikationsangebot“[6] bieten würde.

[...]


[1] Hierzu mehr in Reso: „Der geteilte Himmel“ und seine Kritiker.

[2] Siehe Emmerich: Literaturgeschichte DDR, S. 205.

[3] Wolf: Dimension Autor, S. 11.

[4] Siehe Hörnigk: Christa Wolf, S. 86-89.

[5] Wolf: Der geteilte Himmel, S. 223.

[6] Emmerich: Literaturgeschichte DDR, S. 120.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638498937
ISBN (Buch)
9783638752039
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54771
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Christa Wolfs Himmel Musterbeispiel Literatur Bitterfelder Weges

Autor

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Titel: "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf. Ein Musterbeispiel sozialistisch-realistischer Literatur des Bitterfelder Weges?