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Sport im geteilten Deutschland - Die Entstehung zweier deutscher Olympiamannschaften

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 42 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung von einer gesamtdeutschen zu zwei deutschen Olympiamannschaften und ihr erstes Auftreten bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968
2.1 Der Stellenwert des Spitzensports in Ost- und Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
2.2 Die Bemühungen der bundesdeutschen Regierung um eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft im Gegensatz zu den Bestrebungen der DDR-Regierung nach Eigenstaatlichkeit auf olympischer und völkerrechtlicher Ebene

3. Fazit Verzeichnis der benutzten und zitierten Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung von einer gesamt­deutschen Olympiamannschaft zu zwei souveränen deutschen Mannschaften und Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Dies bedeutet, dass der Frage nachgegangen werden soll, unter welchen Bedingungen die Olympiamann­schaft, zusammengesetzt aus BRD- und DDR-Sportlern, in den Jahren 1952-1964 existieren und agieren konnte, und welche politischen bzw. sportpoliti­schen Faktoren im Jahre 1966 zu einer Spaltung geführt haben. Im Folgenden sollen die politischen Ziele der Institutionen und Organisationen, die an der Zusammenstellung der jeweiligen Olympiamannschaft beteiligt waren, darge­stellt werden und im Hinblick auf die deutsch-deutsche Frage zur Zeit des Kalten Krieges diskutiert werden. Ergo sollen auf Regierungsseite die Aktivi­täten der BRD und der DDR sowie auf der Sportebene die Tätigkeiten der beiden NOKs und des IOC hinsichtlich des Zustandekommens oder Nicht-Zustandekommens einer gesamtdeutschen Olympiamannschaft beleuchtet werden. Es ist davon auszugehen, dass es nur geringen bis keinen Kontakt unter den beiden Regierungen gegeben hat, weshalb die Frage zu erörtern sein wird, inwiefern das IOC zum Spielball oder Vermittler zwischen den Regie­rungen wurde. Auf der anderen Seite soll untersucht werden, welchen Einfluss die Regierungen auf ihre Nationalen Olympischen Komitees nehmen konnten, um über sie wiederum ihre höchsteigenen politischen Ziele und Vorstellungen durchzusetzen. Da von meiner Seite ganz selbstverständlich die politischen Ziele der Regierungen und des Sports erwähnt werden, soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass seit Gründung der beiden deutschen Staaten und den an das IOC gerichteten Aufnahmegesuchen des BRD-NOK sowie des DDR-NOK stets eine Verquickung von Sport und Politik existiert hat, die je nach politischer Leitlinie in unterschiedlich starker Ausprägung in den Vorder­grund getreten ist. Als Forschungsfrage formuliert könnte es wie folgt lauten: Äußert sich - und wenn ja, wie äußert sich - das politische Gebaren der Sport­organisationen (IOC/NOK) und der beiden Regierungen in der Präsentation des Spitzensports auf internationalem Parkett bzw. olympischer Ebene?

Der Themenbereich Sport im geteilten Deutschland wurde, den Erscheinungs­jahren der Monographien und Sammelbände nach zu urteilen, seit dem ersten Auftreten zweier deutscher Olympiamannschaften in Mexiko 1968 von vielen Wissenschaftlern unter politischen und sportgeschichtlichen Gesichtspunkten zu Forschungszwecken aufgegriffen. Die einschlägige Literatur reicht von Überblicksdarstellungen (Asmuss Blödorn, Michaelis; s. Bibliographie S. 36ff) bis hinzu Auseinandersetzungen unter speziellen Gesichtspunkten. Kilian greift den olympischen Sport unter Berücksichtigung der Hallstein-Doktrin, während Pabst und Blasius sich sehr intensiv und ausführlich mit den engen Verflech­tungen von Sport/Olympia und deutsch-deutsche Politik befassen. Über die Jahrzehnte hinweg sind grob gefasst regelmäßig Veröffentlichungen unter der Themenstellung Sport im geteilten Deutschland erschienen, wobei die aktuellsten Darstellungen aus den Jahren 1996, 1999 und 2001 stammen. Auch wenn die neuesten Abhandlungen zwangsläufig auf ältere (Standard-)Werke verweisen, so ist dennoch davon auszugehen, dass dieses Thema bis in die Gegenwart und vor allem noch lange über die Existenz der DDR hinaus für Brisanz sorgt.

2. Die Entwicklung von einer gesamtdeutschen zu zwei deutschen Olympiamannschaften und ihr erstes Auftreten bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968

2.1 Der Stellenwert des Spitzensports in Ost- und West­deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Die olympischen Spiele nahmen aufgrund ihrer internationalen Popularität seit jeher die unbestrittene Spitzenstellung im internationalen Sport ein, was zwangsläufig auch dazu geführt hat, dass sie stets im Mittelpunkt der entge­gengesetzten politischen Bestrebungen beider deutschen Staaten gestanden haben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich schnell ein unerbittlicher Kampf zwischen den neuen Supermächten USA im Westen und UdSSR im Osten um militärische, politische und ökonomische Überlegenheit in der Welt ab. Besonders die Staats- und Parteiführungen der Länder des Ost­blocks nutzen als erste den internationalen Sport zur Demonstration der eigenen Stärken und der damit einhergehenden Bloßstellung der gegnerischen Schwächen. Die Ostblockstaaten - allen voran die UdSSR - versuchten den Westen über ihre sportlichen Erfolge zu demütigen. Der sozialistische Sport sollte ideologisch und medienpolitisch genutzt werden, um der Weltöffentlich­keit durch die sportlichen Erfolge die vermeintliche Überlegenheit des sozia­listischen Systems über den Kapitalismus aufzuzeigen. Der Westen stellte sich dieser Herausforderung, weshalb die überwiegend von Westeuropäern und Nordamerikanern geprägte olympische Bewegung zeitweise in das Fahrwasser der ideologischen Ost-West-Polarisierung geriet und als Werkzeug des Kalten Krieges benutzt wurde.[1] Auch in der DDR hatte der Spitzensport stets eine starke politische Funktion und wurde als beste Möglichkeit zur Selbstdarstellung angesehen, was sich im Sprachduktus der DDR allein in der Bezeichnung der DDR-Spitzenathleten als „Diplomaten im Trainingsanzug“ niederschlug. Im DDR-Jargon wurde ebenso vom Leistungssport als „ein wichtiges Feld der Klassenauseinandersetzung“, auf dem im besonderen Maße zwischen den beiden deutschen Staaten agiert werden müsse, gesprochen. Da der Sport ein Teil des Kampfes für eine gerechte und sozialistische Welt und Teil des ideologischen und politischen Anspruchs der SED, die Gesellschaft zu führen und zu gestalten, war, wurden die DDR-Spitzensportler als Vorreiter in diesem Kampf um die politische Anerkennung der DDR durch die internationale Völkergemeinschaft instrumentalisiert. Die errungenen Medaillen sowie die sportlichen Rekordleistungen dienten einzig dem Zweck, das Ansehen und die Bekanntheit des Staates DDR in der Welt zu fördern.[2] Michaelis geht in seiner Darstellung sogar so weit, zu behaupten, dass es „in jener Gesellschaft, in jener Zeit […] keine Alternative zu der im nachhinein gebrandmarkten Symbiose zwischen (Partei-)Politik und Leistungssport in der DDR [gab]. Ein von DDR-Sportlern errungener internationaler Meistertitel, ein Weltrekord, eine Olympische Medaille waren […] Politik, sie mussten nicht erst dazu gemacht werden.“[3]

Selbst nach der vollständigen Anerkennung der DDR-Olympiamannschaft durch das IOC im Jahre 1968 definierte das Sekretariat des Zentralkomitees der SED 1969 den politischen Auftrag des Leistungssports erneut in seiner „Grundlinie der Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980“:

„Objektiv ist die Auseinandersetzung im Leistungssport ein fester Bestandteil des Klassenkampfes. In der Auseinandersetzung zwischen den gegensätzlichen gesellschaftlichen Systemen geht es darum, die Überlegenheit der sozialistischen Ordnung auch durch hohe und höchste Leistungen im Bereich von Körperkultur und Sport zu doku­mentieren. […]“[4]

Diese „Grundlinie“ beinhaltete, dass die Förderung des Leistungssports aus­schließlich dem politischen Kampfauftrag unterzuordnen war und die Domi­nanz des sozialistischen Gesellschaftssystems vor allem gegenüber dem kapi­talistischen System der Bundesrepublik durch sportliche Erfolge zu dokumen­tieren und zu sichern war. Von da an wurden lediglich Sportler und Sportarten gefördert, die den Erfolg dieser politischen Direktiven langfristig gewährleisten konnten. Indessen sahen die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in München sogar eine politisch-ideologische Schulung der Athleten sowie eine allgemeine Unterweisung zu den Verhaltensregeln gegenüber dem Klassen­feind BRD vor. Dieses von der Westabteilung erarbeitete Argumentationspapier sah in Auszügen folgendermaßen aus:[5]

„Die Sportler der BRD sind zu potentiellen Gefolgsleuten der BRD-Imperialisten geworden. Sie sind, ob bewusst oder unbewusst, unsere Feinde, unsere Klassengegner. Mit ihnen kann es keine Freundschaft, keine Gespräche, keinerlei Kontakte geben. Denn es ist nicht Aufgabe der Leistungssportler, den Klassenkampf mit Diskussionen zu führen. Ihre Aufgabe ist es, den Klassengegner mit hohen sportlichen Leistungen zu schlagen, um damit dem imperialis­tischen System der BRD eine politische Niederlage beizubringen. […] Unser Kampf ist so hart, dass er mit voller Konsequenz in der Ab­grenzung, mit Hass gegen den Imperialismus und seine Abgesandten, auch gegen die Sportler der BRD, geführt werden muß. Für uns be­deutet das: Es kann keine Verbindungen, keine Kontakte mehr zu Personen der BRD und anderer kapitalistischer Länder geben. Jeder Briefverkehr, jedes auch noch so freundschaftlich scheinende und teilweise vielleicht auch ehrlich gemeinte Gespräch muß von unseren Sportlern abgelehnt und verhindert werden. Denn wir können dabei nicht mehr differenzieren, wer es von den BRD-Sportlern möglicher­weise ehrlich meint. Jede Lücke in unserer Mannschaft muß geschlossen werden.“[6]

Die feste Verankerung des DDR-Sports in den Statuten der Partei stieß beim IOC hingegen vorerst auf große Ablehnung. Es war gegen jedwede parteipolitische Abhängigkeit und stand für Neutralität. Da die DDR diese Prinzipien jedoch nicht einhalten konnte, wuchsen Misstrauen und Kritik gegen den sozialistischen Sport auch auf internationaler Ebene.

Das Sportsystem von Verbänden und Vereinen in der BRD kannte dem Selbst­verständnis der Sportführung nach keine politische Einmischung auf sportlicher Ebene, da der Sport sich freiwillig organisierte. Die Übertragungen der deutsch-deutschen Beziehungen auf den Sport ‚erzwangen’ in der BRD quasi eine staatliche Förderung des Spitzensports. Seit Auflösung der gesamt­deutschen Olympiamannschaft im Jahre 1965 und den zunehmenden Erfolgen der DDR-Sportler zeichnete sich auch in der BRD eine heftige Debatte über die politische Bedeutung des Hochleistungssports ab.[7] Mit der vollständigen Aner­kennung des DDR-NOK und den von DDR-Athleten erzielten Höchstleistungen wurde der Klassenkampf auf deutschen Territorium erst vollends entfacht.

2.2 Die Bemühungen der bundesdeutschen Regierung um eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft im Gegensatz zu den Bestrebungen der DDR-Regierung nach Eigenstaatlichkeit auf olympischer und internationaler Ebene

Im Folgenden sollen zum einen die Bestrebungen des Internationalen Olympischen Komitees (im Folgenden durch IOC (engl.: International Olym­pic Comitee) abgekürzt) in dem Zeitraum von 1948 bis zu den Olympischen Spielen in Mexiko im Jahre 1968 eine gesamtdeutsche Mannschaft zu bilden bzw. aufrecht zu erhalten, verfolgt werden und zum anderen die politisch moti­vierte Gegenentwicklung der DDR von einer gesamtdeutschen Mannschaft bis hin zu zwei erstmals 1968 getrennt voneinander auftretenden Teams bei den Olympischen Spielen als Auswirkungen des Kalten Krieges in Europa aufge­zeigt werden.

Bereits drei Monate nach Waffenstillstand in Europa im August 1945 nahm das IOC seine Arbeit wieder auf und beschäftigte sich vorrangig mit der Vergabe der Austragungsorte für die Olympischen Winter- und Sommerspiele im Jahr 1948. Die ersten Olympischen Spiele der Nachkriegszeit fanden in London statt. 1946 anerkannte das IOC insgesamt 47 Nationale Olympische Komitees (im Folgenden mit NOK abgekürzt), wobei Deutschland und Japan nicht vertreten waren, weil ihre NOKs von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges aufgelöst wurden.

Die „Interzonenkonferenz im Sport“, die am 27. und 28. November 1946 in Frankfurt abgehalten wurde, bemühte sich nicht nur um den persönlichen Einfluss auf die Sportentwicklung im „neuen“ Deutschland, sondern ebenfalls um die Neugründung eines NOK für Deutschland. Die Teilnahme einer deutschen Mannschaft an den Londoner Spielen scheiterte, weil das IOC es vorläufig noch vorzog, Deutschland (und Japan) als die Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von den Olympischen Spielen aus­zuschließen. Die grausamen Erinnerungen an den Krieg waren in den Köpfen aller Betroffenen noch allgegenwärtig. Erst mit der Existenz eines «neuen von den Weststaaten gebildeten Deutschlands» sollte die Anerkennung eines Deutschen Olympischen Komitees erfolgen. Die Formulierung «neues Deutschland von den Weststaaten» kennzeichnete die künftige politische Marschrichtung des IOC. Die Verantwortlichen des IOC sprachen sich für ein deutlich westlich geprägtes NOK aus, das stellvertretend für den gesamten deutschen Sport sprechen und agieren sollte. Einen Tag nach Konstituierung des ersten deutschen Bundestages am 24.11.1949 gründete sich in der neuen Bundeshauptstadt Bonn ein NOK und meldete sich zur Anerkennung beim IOC. Es entsprach dem Selbstverständnis der westdeutschen Sportfunktionäre und dem Alleinvertretungsanspruch (siehe Exkurs unten) der Regierung, dass der deutsche Sport auf internationalem Parkett alleinig durch die Fachver­bände der BRD vertreten werden sollte. Für jede Nation erkennt das IOC aus­schließlich ein NOK an; viele internationale Fachverbände haben diese Richt­linie übernommen, weshalb es für die NOK-Funktionäre an erster Stelle darum ging, erdenklich schnell in erdenklich vielen Verbänden Mitglied zu werden, um einen Aufnahmeantrag eines DDR-Verbandes zu einem späteren Zeitpunkt verhindern zu können.[8]

[...]


[1] Blödorn, Manfred: Olympismus in einer veränderten Welt. Sport und Politik nach 1945 – die Fortsetzung des Ost-West-Konflikts im IOC und in den Sportarenen. In: Blödorn, Manfred (Hrsg.): Sport und Olympische Spiele. Hamburg 1984, S. 77.

[2] Peiffer, Lorenz, S. 100. In: Krüger, Michael (Hrsg.), 2001.

[3] Michaelis, Andreas: Der Leistungssport der DDR im Spannungsfeld der Systemauseinandersetzung in den 50er und 60er Jahren. In: Vorsteher, Dieter (Hrsg.): Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR. Buch zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums von 13.12.1996-11.3.1997. Berlin 1996, S. 424f.

[4] Bundesarchiv Berlin – SAPMO (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR) – ZPA – J VI 2/3 – 1509. Zitiert nach: Peiffer, Lorenz: Die Olympischen Sommerspiele '72 in München. Sportlicher Systemvergleich auf dem Boden des Klassenfeindes. In: Krüger, Michael (Hrsg .): Olympische Spiele. Bilanz und Perspektiven im 21. Jahrhundert. Münster 2001, S. 102.

[5] Peiffer, Lorenz, S. 102-104. In: Krüger, Michael (Hrsg.), 2001.

[6] Bundesarchiv Berlin – SAPMO – IV A2/1002/14. Zitiert nach: Peiffer, Lorenz, S. 104f. In: Krüger, Michael (Hrsg.), 2001.

[7] Peiffer, Lorenz, S. 105f. In: Krüger, Michael (Hrsg.), 2001.

[8] Blödorn, Manfred, S. 78 u. S. 89f. In: Blödorn, Manfred (Hrsg.), 1984.

Details

Seiten
42
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638498661
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54743
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,7
Schlagworte
Sport Deutschland Entstehung Olympiamannschaften

Autor

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