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"Du siehst nur mit dem Herzen gut" - Die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses von Kinderliteratur

Diplomarbeit 1996 120 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Teil 1: Interdisziplinäre Überlegungen zu Tod und Sterben
1.1. Historisch - Philosophische Aspekte des Todes
1.1.1. Historisch - Philosophische Erklärungen der griechischen Antike
1.1.2. Historisch-Philosophische Erklärungen der römischen Antike
1.1.3. Der Tod im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
1.1.4. Moderne Gedanken zum Tod
1.2. Theologisch - Christliche Aspekte des Todes
1.2.1. Der Tod im Verständnis des Alten Testaments
1.2.2. Das Todesverständnis des Neuen Testaments
1.3. Psychologische Aspekte von Tod und Sterben
1.4. Soziologische Aspekte von Tod und Sterben
1.4.1. Die Frage nach einer Thanatosoziologie
1.4.2. Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod
1.4.2.1. Der verbotene Tod
1.4.2.2. Der akzeptierte Tod
1.5. Tod und Sterben in der sozialarbeiterischen Praxis

Teil 2: Entstehung und Entwicklung des Todeskonzepts bei Kindern
2.1. Die Kognitive Entwicklung des Kindlichen Sterblichkeitswissens
2.1.1. Das Kind bis zu fünf Jahren
2.1.2. Das Kind von sechs und sieben Jahren
2.1.3. Das Kind von acht und neun Jahren
2.1.4. Das Kind von zehn bis vierzehn Jahren
2.2. emotionale Faktoren des kindlichen Todesverständnisses
2.3. Das kindliche Trauerverhalten
2.4. Pädagogische Überlegungen zur Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes
2.4.1. Die Rolle der Eltern
2.4.2. Die Rolle des Kindergartens
2.4.3. Die Rolle der Schule
2.4.4. Die Bedeutung der Massenmedien
Exkurs: Das schwerkranke Kind

Teil 3: Praxis des kindlichen Todesverständnisses: Projektarbeit des Hospizvereins Wattenscheid e. V.

Teil 4: Das Thema „Tod und Sterben“ in der Kinderliteratur
4.1. Die Bedeutung der Literatur für die Sterbeerziehung
4.2. Tod und Sterben in Kindermärchen
4.3. Ausgewählte Kinderlitearatur
4.3.1. Antoine de Saint - Exupéry: Der Kleine Prinz
4.3.2. Marit Kaldhol / Wenche Oyen: Abschied von Rune
4.3.3. Sigrid Zeevaert: Max, mein Bruder
4.3.4. Astrid Lindgren: Mio, mein Mio / Die Brüder Löwenherz
4.3.5. Peter Härtling: Alter John
4.3.6. Elfie Donnelly: Servus Opa, sagte ich leise
Exkurs: die irische Sagenwelt

Teil 5: Anhang
5.1. Resümee und Reflexion
5.2. Literaturverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
5.3. Bildverzeichnis

Vorwort

Ergänzendes Vorwort zur Buchveröffentlichung:

Mittlerweile sind 11 Jahre vergangen seit ich begonnen habe, diese Arbeit zu konzipieren und zu verfassen. Am Ende war ich persönlich mit einem wichtigen Lebensthema auch ganz persönlich einen großen Schritt weiter und gereift.

Die Arbeit an dem Thema Sterben und Tod hat mich mit Anfang 20 geprägt. Initiiert wurde dies durch Dr. Franco Rest, dem ich bis heute dafür dankbar bin. Die Auseinandersetzung mit sonst eher tabuisierten Themen und Ängsten gibt mir heute Gelassenheit im Leben und hat so manchen Abschied und manche Trauer „anders“ verarbeiten lassen.

Mitte der 90er Jahre war das Internet noch Pionierswerk. Daher hatte ich mich irgendwann entschlossen, diese Arbeit dort zu veröffentlichen und einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Bis heute bin ich erstaunt, wie viele Anfragen, Rückmeldungen oder Fachfragen immer wieder bei mir landen.

Ich muss zugeben: mit dem zeitlichen Abstand bin ich nicht mehr tief im Stoff, meine Arbeit scheint aber an Aktualität nicht verloren zu haben. Somit wünsche ich jedem Leser zu finden, was er sucht.

Gewidmet ist diese Buchveröffentlichung Rudi Stockhausen.

Bochum im Juli 2007

Warum beschäftigt man sich (in einer Diplomarbeit eines Sozialarbeiters) mit dem Thema „Kinder und Tod“?

Diese Frage stellten mir in den vergangenen Monaten nicht nur viele Bekannte, sondern auch ich mir selbst. Nun kann ich sie zwar rein rational beantworten, indem ich von meiner über zweijährigen Tätigkeit bei Prof. Rest berichte, durch die ich in spannender Weise immer wieder mit Grenzproblemen der Geisteswissenschaften konfrontiert worden bin. Allerdings habe ich die Literaturrecherchen, Bibliographien, Annotierungen, Gesprächsauswertungen, Aktenstudien etc. kaum als „Arbeit“ empfunden, sondern vielmehr als Bereicherung.

Sie haben mich immer wieder mit mir selbst und meinen Vorstellungen v. a. zum Thema „Tod“ konfrontiert, diese beeinflusst oder revidiert und mich nur selten unberührt gelassen. Fragen kamen auf, über die ich zuvor nie oder nur selten nachgedacht habe, und so war stets meine persönliche Auseinandersetzung gefragt. Diese Diplomarbeit mit ihrer Thematik ist daher das gewachsene Ergebnis dieser Beschäftigung mit dem Thema Tod / Sterben / Trauer. Sie soll persönlich sein und sie soll persönlich ansprechen.

Sie soll sensibilisieren für die Fragen, die uns Kinder mit der ihnen eigenen Naivität stellen, die uns erschrecken, weil wir sie selbst nicht zulassen oder uns den Antworten nicht stellen können oder wollen. Uns alle begleiten unsere in der Kindheit erworbenen Konzepte, Bilder und Vorstellungen über den Tod bis eben dorthin, sofern man sich nicht an einer Stelle im Leben (wie z. B. anlässlich dieser Diplomarbeit) noch einmal intensiv mit ihnen befasst hat.

Eine Auseinandersetzung mit den kindlichen Todeskonzepten ist somit eine Auseinandersetzung mit den Todeskonzepten unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die beim Wort „Tod“ zusammenschreckt und das Sterben in die Anonymität von Krankenhäusern oder Pflegeheimen verdrängt. (Auf die Bedeutung von ambulanten oder stationären Hospizen möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen.) In dem, was Kinder dazu vermittelt bekommen, spiegeln sich zwangsläufig all die Tabuisierungen und verdrängten Ängste wider, aber auch die Probleme, die entstehen, wenn die traditionellen Wertvorstellungen einer Gesellschaft erodieren.

Den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren und keine Ängste, sondern Hoffnungen zu wecken, das sollte Ziel in der Entwicklung kindlicher Todeskonzepte sein. Als Sozialarbeiter sollte man sich nicht nur privat für diese Thematik interessieren, bietet sie doch für eine im Aufbruch befindliche Profession die Möglichkeit, einen neuen Schwerpunkt und eine neue Position zu besetzen, wissenschaftliche Konzeptionen zu erarbeiten und somit der „Patchworkidentität“ der Sozialarbeit ein neues, wichtiges Mosaikstück hinzuzufügen[1]. Insofern verstehe ich diese Diplomarbeit auch als einen Beitrag zu mehr Wissenschaftlichkeit und Professionalität in der Sozialen Arbeit.

An dieser Stelle sei allen gedankt, die mir mit Rat und Tat, mit Verständnis und Interesse zur Seite standen; sie haben in welcher Form auch immer, sei es in Gesprächen oder durch Hinweise, durch Hilfestellung und kritischer Analyse meiner Arbeit dazu beigetragen , dass sie in vorliegender Form entstehen konnte: Anja Stockhausen, Andreas Kolodziej, Hannelore Stockhausen, Heinz Gockel, Christian Jenicek, Norbert Philipp, Marianne Oberhaus, Franco Rest und alle weiteren, die sich mit mir und diesem Thema beschäftigt haben.

Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich auseinandersetzen mit kindlichen Vorstellungen über Sterben und Tod und der Entwicklung dieser Vorstellungen in ihren Bezügen zu gesellschaftlichen, sozialen und entwicklungspsychologischen Einflüssen besondere Beachtung schenken. Die Ausführungen über kindliche Todeskonzepte beschränken sich im wesentlichen auf Aussagen über Kinder unseres Kulturkreises, die keinen Ausnahmesituationen wie Krankheit oder Krieg ausgesetzt sind.[2] Unter Tod und Sterben verstehe ich das Lebensende im biologisch - medizinischen Sinne. Die medizinisch-ethische Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Mensch als tot zu gelten hat, ist hierbei von keiner besonderen Bedeutung.

Das Interesse dieser Arbeit richtet sich somit nicht auf die kindlichen Vorstellungen über den tatsächlichen biologischen Ablauf des Sterbeprozesses, sondern auf ihre Vorstellungen und Empfindungen, mit denen sie den Begriff „Tod“ mit Inhalt füllen. Dies ist gleichzeitig die Definition der Begriffe „kindliches Todeskonzept“ bzw. „-verständnis“. Der Tod ist für ein Kind zunächst lediglich ein Begriff, der aufgrund fehlender Erfahrungen sehr unscharf ist. Da Erfahrungen ein wesentlicher Bestandteil der Begriffsbildung sind, werden sie im Geiste kategorisiert und zu einem Konzept, d. h. zu einem Plan oder Entwurf von der Erfahrungswelt und ihrer Zusammenhänge, zusammengefaßt. Abhängig von der gebildeten Hierarchie logischer und unscharfer Begriffe entwickelt sich das „Wissen von der Welt“. Unter den genannten Begriffen sind folglich die Entwürfe, die sich Kinder auf der Basis ihrer Erfahrungen von dem Phänomen Tod machen, zu verstehen. Diese Entwürfe bzw. Konzepte[3] sind, ebenso wie das aus ihnen resultierende Wissen, von der Erfahrungswelt des Kindes abhängig. Es gibt folglich kein universelles Todeskonzept bei Kindern, wie man aufgrund der Themenstellung meinen könnte, sondern höchst unterschiedliche Entwicklungslinien. Die vorliegende Arbeit wird ich die wichtigsten Gemeinsamkeiten dieser Entwicklungen aufzeigen.

Kinder im Sinne dieser Arbeit sind, in Anlehnung an die gesetzliche und somit als gesellschaftsfähig geltende Definition, alle Menschen, die „noch nicht 14 Jahre alt“[4] sind. Eine pauschale Altersuntergrenze will ich nicht setzen; dennoch ist die Betrachtung der Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes abhängig von der Sprachentwicklung. Mit ihr lernt ein Kind, Begriffe und Phänomene zu benennen und sich eine Vorstellung über ihren Inhalt zu machen.

Sterbeerziehung ist daher als diejenige pädagogische Arbeit, die zur inhaltlichen Bestimmung des Begriffes Tod bei Kindern führt. Sie beinhaltet Aussagen, Verhalten, Umgang und Erfahrungsaustausch hinsichtlich Sterben und Tod in der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern.

Als Grundlage für die Ausführungen über kindliche Einstellungen und deren Entwicklung dienten v. a. entwicklungspsychologische Quellen und empirische Forschungsergebnisse. Da ich selbst keine empirische Erhebung angelegt habe, stützen sich meine Ausführungen im wesentlichen auf die entsprechenden Ergebnisse anderer Autoren. Ergänzt wird dies durch Erfahrungen aus der Praxis, die der Hospizverein Wattenscheid e. V. gesammelt und weitergegeben hat.

Der inhaltliche Aufbau der Arbeit ist in fünf Teile gegliedert:

-Der erste Teil dient der interdisziplinären Analyse des aktuellen Todesverständnisses. „Wie wir Kindern den Tod erklären, hängt davon ab, was wir selbst über den Tod denken und fühlen“[5] ; daher soll der erste Teil dieser Arbeit zum Verständnis des Umgangs mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft dienen. Es werden philosophisch-historische sowie christlich-theologische Grundlagen und Ursprünge ebenso dargestellt wie das psychologische Phänomen der Todesangst. Abschließend soll die Position in dieser Thematik der beruflichen Sozialarbeit dargestellt werden.
-Der folgende zweite Teil befasst sich intensiv mit der Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses. Dabei wird unterschieden zwischen der kognitiven Entwicklung und emotionalen Faktoren, die gleichermaßen von Bedeutung sind. In Abhängigkeit dazu stellt sich das kindliche Trauerverhalten dar und lassen sich pädagogische Folgerungen ableiten.
-Im dritten Teil der Arbeit wird der praktische Bezug der Thematik zur professionellen Sozialarbeit erläutert, indem eine Projektarbeit des Hospizvereins Wattenscheid e. V. vorgestellt wird.
-Die medienpädagogische Bedeutung der Kinderliteratur wird im vierten Teil erörtert. Darin sollen zudem ältere (Märchen) und neuere Kinderliteratur bezüglich ihrer inhaltlichen Behandlung der Todesthematik untersucht werden. Abschließend folgt aufgrund meines persönlichen Interesses ein Exkurs in die irische Sagenwelt.

Zum Sprachgebrauch sei abschließend angemerkt, dass mir der z. T. diskriminierende Charakter der Sprache bekannt ist. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich jedoch weitestgehend auf die Benutzung sowohl femininer als auch maskuliner Begriffe verzichtet; das daraus resultierende Ungleichgewicht ist mir durchaus bewusst, doch hat unser Sprachgebrauch leider noch keine adäquate Lösung des Problems geschaffen.

Teil 1: Interdisziplinäre Überlegungen zu Tod und Sterben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Der Ruf des Todes. Lithographie von Käthe Kollwitz, Blatt 8 der Folge „Tod“, 1934 / 35

1.1. Historisch - Philosophische Aspekte des Todes

1.1.1. Historisch - Philosophische Erklärungen der griechischen Antike

In der griechischen Antike hat es zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Antworten zu den Fragen nach dem Tod gegeben. Die Angst vor dem Tod herrschte im 8. - 6. Jahrhundert v. Chr. vor; geprägt wurde dies durch das homerische Epos und die Vorstellung, die Toten müssten als leblose Wesen ein ruheloses Schattendasein führen. Da es keine Verbindung mehr zu den Lebenden gäbe und sich die Seelen der Toten vor einem gnadenlosen Richter (Minos, Aikos und Rhadamanthys) zu verantworten hätten[6], fürchteten viele Menschen den Tod, „der keineswegs als friedlicher Schlaf oder als Durchgangsstufe zu einem glücklichen Leben aufgefasst wurde“, sondern dem „vielmehr etwas Bedrückendes und Furchterregendes“[7] anhaftete.

Die philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Tod hatten in den folgenden Jahrhunderten demnach zumeist das Ziel, dem Tod seinen Schrecken und den Menschen die Angst zu nehmen. Sowohl bei Pythagoras (572 - 497 v. Chr.) als auch bei Sokrates (469 - 399 v. Chr.) findet sich die Zweiteilung in Körper und Seele, wobei der Leib als Hülle für das Diesseits dient. Die Seele aber wird entweder im Kreislauf der Geburten gereinigt (Pythagoras), um mit dem Göttlichen wiedervereinigt zu werden, oder sie geht an einen anderen, jenseitigen Ort über (Sokrates). Unabhängig davon, ob die Seele nach dem Tod den Körper verlässt oder der Tod gar nur ein traumloser Schlaf sei, gibt es aus Sicht Sokrates’ keinen Grund, den Tod zu fürchten, da es demgegenüber die Hoffnung gäbe, dass der Tod besser sei als das Leben[8]. Pythagoras als Vertreter der orphischen Lehre sah die Seele göttlichen Ursprungs gar gefangen im diesseitigen Körper, von dem sie erst im Tod wieder befreit wird.

Platon ( 427 - 347 v. Chr.), ein Schüler von Sokrates, unternahm den Versuch, die unterschiedlichen Todesvorstellungen in einer schlüssigen Systematik zu

vereinen. Die Zweiteilung in einen vergänglichen Körper als Sitz des Bösen und der Begierde und in eine unzerstörbare Seele göttlichen Ursprungs, die in diesem Leib gefangen ist, ist konstitutiv für Platons Philosophie. Das Leben des Menschen sei nur eine Vorbereitung auf die Vollendung durch die Befreiung der Seele in der Welt des Göttlichen, so dass für Platon der Tod ein erstrebenswertes Ziel ist. Platon „verstand den Tod als Befreier, als Erlöser des Menschen“[9].

Sein Schüler Aristoteles dagegen überwindet den Leib - Seele - Dualismus, indem er den Menschen als geschlossenes Ganzes in der untrennbaren Verbindung von Körper und Seele versteht. Daher ist auch ein Überleben der Seele nach dem Tod des menschlichen Körpers nicht vorstellbar, sondern lediglich der Geist bzw. der reine Verstand kann als göttliches Element unsterblich sein. Der Tod ist demnach nichts weiter als ein notwendiges Übel der menschlichen Existenz.

Epikur (341 - 271 v. Chr.) reagiert ebenfalls auf den platonischen Dualismus; für ihn hat der Tod weder für die Lebenden noch für die Toten eine Bedeutung, denn „Seele und Körper vergehen ... also zur gleichen Zeit, damit war alle Furcht vor Drangsal und Leid der Seele nach dem Tode als unbegründet bewiesen“[10]. Die Seele stellt sich Epikur als runde, feuerartige Atome in der menschlichen Brust vor, die gleichzeitig mit dem Körper im Tod zerfallen.

Im Weltbild der Stoiker (4. Jahrhundert v. Chr.) gab es eine enge Verbindung zwischen den Menschen und dem göttlichen Prinzip, so dass die Welt von universalen Gesetzen regiert wird. Die menschliche Seele ist Teil des göttlichen Lebensatems und kann daher niemals vergehen; in der frühen Philosophie der Stoiker glaubte man an periodisch auftretende Weltenbrände, nach denen die Seelen in neuen Körpern wiederkehren würden. Später verwarf man diese Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit und den Weltenbränden und vertrat die Ansicht, „die Seele des Verstorbenen steige aus dem Körper in die höchsten Regionen des Himmels auf, wo sie sich nach einiger Verweildauer in ihre Bestandteile auflöse. Seele und Körper werden als freischwebende Energien verstanden, die nach dem Tod wieder ins All zurückkehren und von Gott aufgenommen werden.“[11]

Die Auseinandersetzung mit dem Problem des Todes bedeutete für die griechischen Philosophen der Antike die Suche nach dem Sinn des Todes und damit auch nach dem Sinn des Lebens. Ihre Antworten reichten von der völligen Verdrängung des Todesgedankens (Epikur) über den Dualismus bei Platon, der das diesseitige Leben als Vorbereitung für eine jenseitige Existenz sah, bis zu der Annahme der Stoiker, es gäbe eine Wiedergeburt der unsterblichen Seele. Einige Elemente dieser Todesvorstellungen sind später übernommen worden und haben selbst heute noch Bedeutung. So findet sich z. B. der Leib - Seele - Dualismus in der christlichen Theologie wieder; die Verdrängung des Todesgedankens Epikurs wiederholt sich in der heutigen, rational denkenden Welt, die sich ebenfalls nur schwer vorstellen kann, Körper und Seele würden nicht gleichzeitig im Tod vergehen. Und hinsichtlich der späteren Vorstellung der Stoiker über das Aufsteigen der Seele in den Himmel und die spätere Vereinigung mit dem Göttlichen ist ebenso eine deutliche Parallele zu einem Bild der christlichen Lehre erkennbar („Der Herr Jesus nun wurde ... in den Himmel emporgehoben und setzte sich zur Rechten Gottes.“ Evangelium nach Markus 16, 19). Somit wird der große Einfluss der philosophischen Überlegungen zum Tod in der griechischen Antike bis heute erkennbar.

1.1.2. Historisch-Philosophische Erklärungen der römischen Antike

Nicht nur in der griechischen, sondern auch in der römischen Antike setzten sich die Philosophen mit dem Tod auseinander. Aufgrund der zeitlichen Verzögerung zu den Überlegungen der griechischen Philosophen ist deren Einfluss auf die römischen Todesvorstellungen erklärbar. M. Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.) z. B. glaubte wie Platon an die Unsterblichkeit der Seele. Nach dem Tod seiner Tochter ging es ihm vor allem darum, die positiven Seiten des Todes deutlich zu machen, und die Sorge der Menschen über den Tod und ein mögliches Weiterleben über diesen Zeitpunkt hinaus erschien ihm „als der sicherste Beweis, dass die Natur stillschweigend für die Unsterblichkeit der Seele eintritt“[12].

L. Annaeus Seneca (55 v. Chr. - 40 n. Chr.) bemühte sich ebenfalls um die Überwindung der Todesfurcht, wobei er ausschließlich die Beschäftigung mit der Philosophie als angemessene Lösung erachtete. Lediglich die Philosophie mache dem Menschen deutlich, dass er so leben müsse, dass er in der Stunde des Todes keinen Teil seines Lebens bedauern oder bereuen müsse, sondern sein Leben gelebt habe, als sei er ‘sich nur geliehen’. Seine Lebensweisheit lautete demzufolge: „Denke stets an den Tod, um ihn nicht zu fürchten.“ [13]

Marc Aurel (121 - 180), römischer Kaiser und Philosoph, schließlich führte diesen Gedanken weiter, indem er postulierte, das ständige Denken an den Tod und an die eigene Vergänglichkeit führe zu einer vernünftigen und moralischen Lebensgestaltung, insbesondere wenn jeder bedächte, dass seine nächste Handlung seine letzte sein könnte. Für Marc Aurel war die Vergänglichkeit aller Dinge, einschließlich der Menschheit, und die Unbeständigkeit irdischer Dinge ein wesentliches historisches Gesetz. Allerdings war auch Marc Aurel, trotz dieses starken Bewusstseins des Übergangscharakters aller Dinge, nicht frei von Todesfurcht und „ruft zwar die Götter um Hilfe an, ist sich aber nicht sicher, ob es sie gibt“[14].

Trotz dieser Einstellungen zum Tod, die ein bewusstes Hinleben auf den Tod andeuten, und auch entgegen der Verehrung der Grabstätten, gab es eine strikte Trennung zwischen Lebenden und Toten. Man legte Wert auf eine deutliche räumliche Trennung der Stätten der Toten von den Stätten der Lebenden, weniger aus hygienischen Gründen denn aus der Überzeugung, die Toten könnten wiederkehren, die Lebenden belästigen oder deren Stätten verunreinigen. Daher legten die Römer ihre Friedhöfe immer außerhalb der Städte an den Ausfallstraßen an[15].

In Rom war dies dementsprechend die Via Appia (vgl. Bild 2), die ausgehend vom Circus Maximus Richtung Süden aus der Stadt führte. Dort wurden die Verstorbenen zu Grabe getragen, denn trotz der Angst vor einer Rückkehr der Toten, „sollte doch jeder Tote seine eigene Grabstätte haben, bezeichnet mit dem Namen, die Identität über den Tod hinaus bezeugend und die Erinnerung an den Toten bewahrend“[16].

Bild 2: Via Appia

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es bleibt also auch für die römische Antike festzustellen, dass die These, die Einstellungen zum Problem des Todes reflektierten auch stets die Einstellungen zum Leben, durchaus zu verifizieren ist. Denn trotz der Akzeptanz des Todes als Teil des Lebens und der Pflege der Erinnerung an die Verstorbenen, blieb die römische Gesellschaft auf das diesseitige Leben konzentriert. Charakteristisch ist hierfür insbesondere das Denken Marc Aurels, der zwar versuchte, sich mit seiner persönlichen Vergänglichkeit zu arrangieren und daraus verhaltensnormierende Konsequenzen für sein Leben zieht, sich jedoch nicht von der Furcht über das ungewisse Schicksal nach dem Tod freimachen konnte.

1.1.3. Der Tod im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

Bis zum Beginn des Mittelalters sind die Gräber in die Städte hineinverlagert worden. Grund hierfür war die Christianisierung Europas, in deren Zug die Friedhöfe Teil der Kirchen wurden, die wiederum den Mittelpunkt jeder Ortschaft darstellten. „Die Lebenden sollten sich der Gestorbenen erinnern, ihrer im Gebet gedenken und sich vor Augen führen, dass auch sie selbst zu Staub würden. Aus der strikten Trennung der Antike war eine Koexistenz von Lebenden und Toten geworden.“[17] Dabei gab es aber sehr wohl Unterschiede zwischen armen und reichen Gestorbenen, denn die Mehrzahl wurde in Gemeinschaftsgräbern, den sogenannten „Armengräbern“, ohne Sarg und nur in ein Leichentuch gehüllt zusammengeschichtet. War eines dieser Massengräber gefüllt, wurde an einer anderen Stelle in den Gruftgewölben der Kirche ein anderes Grab geöffnet, und die dort befindlichen Gebeine brachte man in die Beinhäuser. Dieses Schicksal ereilte zwar auch die Überreste der Wohlhabenden, doch waren sie zuvor unterhalb der Bodenfliesen in der Kirche begraben worden.

Geistesgeschichtlich bleibt für das Mittelalter festzuhalten, dass es einen großen Einfluss der Kirchen gab und hinsichtlich der Beschäftigung mit dem Tod christliche Bilder und Vorstellungen dominierten. Im Zentrum stand dabei das Jüngste Gericht, vor dem sich jeder Mensch am Ende der Welt verantworten muss. „Man glaubte an ein Jenseits des Todes, das sich nicht zwangsläufig bis in die grenzenlose Ewigkeit erstreckte, sondern einen verzögerten Grenzbereich zwischen dem Tod und dem Ende der Zeiten bildete.“[18] Dabei wird über die persönliche Biographie gerichtet; die Kirche verstand es über Jahrhunderte hinweg, die Angst der Menschen vor dem Jüngsten Gericht und der Möglichkeit, in das ewige Feuer verdammt zu werden, auszunutzen.[19] Als Beispiel seien hierfür die Kreuzzüge genannt, die für die Menschen der Zeit „Heilige Kriege“ waren und von deren Teilnahme sie sich die Befreiung von Sünden und das Ewige Leben versprachen, wenn sie ihr irdisches Leben lassen sollten.

Während z. B. die Kreuzfahrer in dem Bewusstsein starben, am Ende der Zeit vor Gott treten zu können, um das ewige Leben zu empfangen, fürchteten die mittelalterlichen Menschen vor allem den plötzlichen Tod, der sie mit ihren ungebüßten Sünden in die ewige Verdammnis reißen würde - „eine Angst, die besonders in Zeiten plötzlich hereinbrechender Pestepidemien geschürt wurde“[20].

Zum Umgang mit den Sterbenden bleibt anzumerken, dass der Tod als etwas Alltägliches gesehen wurde; das Sterben fand zumeist daheim unter Anwesenheit der Familie bzw. der Freunde statt, wobei sich die Bräuche zu diesem Anlass im Laufe der Jahrhunderte leicht modifizierten.[21] Insgesamt gewinnt der Tod im Verlauf des Mittelalters an Bedeutung, wie sich z. B. in den (kirchlichen) Künsten der Zeit zeigt. Im Übergang zur Neuzeit allerdings wird er zunehmend als Bruch im Leben der Menschen gesehen; es entwickelt sich ein Bewusstsein, ein „Lebender auf Abruf“ zu sein.

Zu Beginn der Renaissance im 15. Jahrhundert wenden sich die Menschen vom Mittelalter und seinen Geisteshaltungen, insbesondere der Beherrschung durch die Kirche, ab. Vielmehr widmet man sich wieder den Zeugnissen der antiken Vergangenheit. Wie aus den bisherigen Ausführungen hervorgeht, gab es z. B. einen wesentlichen Unterschied im Zeitverständnis antiker und mittelalterlicher Gesellschaften. Während man in der (griechischen) Antike von einem Kreislauf der Dinge ausging und somit ein zirkuläres Zeitverständnis hatte, gab es im Mittelalter durch die christliche Lehre vom Jüngsten Gericht ein lineares Zeitverständnis.

Wie schon die griechischen und römischen Philosophen, u. a. Platon und Seneca, wenden sich die Menschen wieder stärker dem Diesseits zu, und die Einstellung zum Tod verändert sich demzufolge: Der Tod soll warten. Durch intensive Nutzung der gelebten Zeit, durch Mitgestaltung der sich verändernden Welt entgehen die Menschen dem Schrecken des Todes, da sie sich nicht auf eine Glückseligkeit im Jenseits vertrösten. Somit verliert der Tod und die Beschäftigung mit ihm an Bedeutung und es entwickelt sich eine bis heute gewahrte Distanz zum Tod.

1.1.4. Moderne Gedanken zum Tod

Mit dem neuzeitlichen, heliozentrischen Weltbild und der Aufklärung beginnen die Menschen, sich stärker von der Bevormundung der Kirche in geistesgeschichtlichen Fragen zu lösen. Vielmehr entwickeln sich neue, vernunftgesteuerte Wissenschaften, deren Ziel es ist, die Natur mit mathematischer Vernunft objektiv zu beschreiben. Somit verliert der Tod im Verständnis dieser Zeit allmählich seinen metaphysischen Charakter und „schien nicht mehr zu sein als ein unvermeidlicher und unangenehmer Unglücksfall der Natur, man machte sich am besten nicht zu viele Gedanken darüber. Im Geiste der Aufklärung vertrauten die Philosophen mit Überschwang und Inbrunst auf die Kraft der Vernunft: ... Glückseligkeit war schon in diesem Leben erreichbar ... , und was den Tod anging, so gehörte das Wissen, wie man richtig stirbt, die ‘ars moriendi’ also, einfach mit zur Lebenskunst des aufgeklärten Weltbürgers.“[22]

Die Möglichkeit, die Natur über vernunftgesteuerte, wissenschaftliche Erkenntnisse beherrschbar zu machen, faszinierte nicht nur die Naturwissenschaftler, sondern auch die Philosophen. Descartes z. B. interessierte sich ausdrücklich für medizinische Möglichkeiten der Lebensverlängerung, die ihm durch intensive Kenntnis des menschlichen Körpers realisierbar schien. Als er schließlich erkennen musste, dass diese Hoffnung illusorisch war, kam er zwecks Überwindung der Todesfurcht zumindest zu der Überzeugung, die Seele würde den Körper unversehrt überleben.

Ähnliche Vorstellungen zeigen sich auch bei den deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900) und Artur Schopenhauer (1788 - 1860). Schopenhauer äußerte die Forderung, sich den Willen zum Untertan des Intellekts zu machen und somit letztlich die Natur zu beherrschen. Der Begriff der Seele wird bei Schopenhauer mit dem Begriff des Willens (vgl. Freud: „Trieb“) als Urgrund der menschlichen Existenz gefüllt und ersetzt. Nietzsche wiederum hält den Willen zur Überwindung der herrschenden Dekadenz („Nihilismus“) für unabdinglich und sieht die ewige Wiederkehr als Motor der Geschichte. Er knüpft dabei an die antiken Vorstellungen der griechischen Philosophen an. Die Gedanken dieser beiden Philosophen zur Gesellschaft und zum Tod finden sich in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ wieder: „Was war der Tod ? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und wichtigtuerischen Worten: ... Der Tod war ein Glück, so tief, dass er nur in begnadeten Augenblicken, wie diesem, zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglichen peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den widrigsten Banden und Schranken - einen beklagenswerten Unglücksfall machte er wieder gut. Ende und Auflösung ? Dreimal erbarmungswürdig jeder, der diese nichtigen Begriffe als Schrecknisse empfand ! Was würde enden und sich auflösen ? Dieser sein Leib ...“[23]

Diese Ablehnung des beklagenswerten Diesseits zeigt auf, wie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen zum einen bereit waren, ihr eigenes Leben zu opfern[24] und zum anderen der Tod verfügbarer gemacht worden ist[25].

Will man moderne geistesgeschichtliche Haltungen zum Tod betrachten, bleibt zusammenfassend festzuhalten, dass sich „Einstellungen zum Tod ... nicht oder nur höchst selten schlagartig (ändern). Zeitgenossen nehmen sie kaum an sich selber und an ihrer Umgebung wahr:“[26] Im Laufe der Jahrhunderte gab es selten einschneidende Veränderungen in der Haltung der Menschen und Philosophen zum Tod, sondern meist nur Modifizierungen. Historisch - philosophisch sind zwei wesentliche Strömungen zu unterscheiden: die antiken Auseinandersetzungen mit dem Problem des Todes, die zu Beginn der Renaissance eine Wiedergeburt erlebten und bis in die heutige Zeit Einfluss nehmen, und die christlichen Antworten auf die Fragen nach dem „Wie“ und dem „Danach“ des Todes, deren größter Einfluss historisch im Mittelalter anzusiedeln ist, aber auch bis in die heutige Zeit vielen Menschen Trost und Hoffnung in ihrer Furcht vor der Ungewissheit angesichts des Todes spenden.

Zusammenfassend zeigen somit beide Strömungen ein unterschiedliches Zeitverständnis und haben die heutigen Einstellungen zu Tod und Sterben maßgeblich beeinflusst; zu deren Verständnis ist die Kenntnis über diese historischen Entwicklungslinien für unerlässlich. Im folgenden Kapitel werde ich mich noch einmal intensiver den theologischen Todeskonzepten widmen und anschließend an eine Analyse bestimmter psychologischer Aspekte von Tod und Sterben (s. Kapitel 1.3.) die modernen Todeskonzepte bzw. die heutigen Einstellungen zu Tod und Sterben untersuchen (s. Kapitel 1.4.). Dabei sollen sowohl die bisherigen Erkenntnisse als auch mögliche soziologische Ergebnisse eine Rolle spielen.

1.2. Theologisch - Christliche Aspekte
des Todes

1.2.1. Der Tod im Verständnis des Alten Testaments

Im AT spielt der Tod keine zentrale Rolle, sondern wird als vorgegebener Teil des Lebens hingenommen. Der Tod des Menschen wird gleichgesetzt mit der Rückkehr zu seinem Schöpfungsursprung: „Du lässest die Menschen zum Staube zurückkehren, sprichst zu ihnen: ‘Kehret zurück ihr Menschenkinder!’ “ (Psalm 90, 3) „... nimmst Du ihren Odem hin, so verscheiden sie und werden wieder zu Staub“ (Psalm 104, 29), „Fährt sein Odem aus, so kehrt er wieder zur Erde ...“ (Psalm 146, 4). Diese Bibelstellen machen eine weitere Auffassung des AT zum Tod deutlich; das Leben ist nicht Eigentum des Menschen, sondern von Gott geliehen. Gott allein entscheidet über Leben und Tod: „Der Herr tötet und macht lebendig, er stößt in die Grube und führt herauf“ (1. Samuel 2, 6).[27]

Der alttestamentliche Mensch kann also nur in Beziehung und im Vertrauen zu Gott leben. Er ist abhängig vom Schöpfer und muss sich seiner Sterblichkeit bewusst sein: „Wo lebt der Mann, der den Tod nicht sieht, der seine Seele vor dem Totenreich rettet?“ (Psalm 89, 48) Dennoch bejaht der Israelit das Leben, denn Gott ist lebendig und gibt Leben. Als Segen Gottes wird ein langes erfülltes Leben gesehen, während der frühe, unerwartete Tod als Strafe Gottes verstanden wurde (vgl. Kapitel 1.1.3.). Der gläubige Mensch widersteht dem Tod jedoch nicht, sondern nimmt ihn genauso an wie das Leben. „Das Gute nehmen wir an von Gott, und das Böse sollten wir nicht annehmen?“ (Hiob 2, 10) Er ist sich aber auch bewusst, dass sein Verhältnis zu Gott auf das irdische Leben beschränkt ist und mit dem Tod eine Trennung von Gott für den Einzelnen vollzogen wird. „Unter den Toten muss ich wohnen, Erschlagenen gleich, die im Grab liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hilfe geschieden sind“ (Psalm 88, 6).

Diese Trennung von Gott kann aber bereits vor dem Tod durch Sünde vollzogen werden. Der Tod wird als direkte Folge der Zerstörung des Verhältnisses zu Gott verstanden. „Der Tod ist nicht selbständig, sondern der Macht Gottes untergeordnet.“[28] Trost angesichts des Sterbens bietet den Israeliten daher der Glaube in die Güte und Gnade des Herrn. Sie kennen zwar auch ein Totenreich (vgl. u. a. Hiob 7, 9 f.; 10, 21; 26, 6; 28, 22), aber nicht im Sinne eines jenseitigen Lebens. Die Auferstehung der Toten bzw. ihre Form galt vielmehr als umstritten[29]: „Schon zähle ich zu denen, die zur Grube fuhren, ich bin geworden wie ein kraftloser Mann ... Wirst du an den Toten Wunder tun ? Können Schatten auferstehen, dich zu preisen?“ (Psalm 88, 5. 11).

Die Todesvorstellungen des AT spiegeln sich in den Begräbnisriten wider, entsprechen aber zugleich der Zeit (vgl. Kapitel 1.1.2.). Die Toten wurden außerhalb der Siedlungen ohne Särge und Grabinschriften in Totenstädten begraben und Trauerbräuche halfen über die Zeit der Trauer hinweg. Da der Tod als Symbol der Sünde bzw. der Zerstörung der Beziehung zu Gott verstanden wurde, galt der Tote als unrein, so dass Reinigungsriten Teil der Loslösung von den Toten war.

1.2.2. Das Todesverständnis des Neuen Testaments

Das Leben und Sterben sowie die Lehren Jesu Christi in der neutestamentlichen Glaubensgeschichte lassen ein neues Verhältnis zum Tod entstehen, das sich im wesentlichen an seiner Person orientiert. Im folgenden sollen die charakteristischen Merkmale zum Verständnis dieses neuen Todesverständnisses erarbeitet werden, ohne das Ziel zu verfolgen, Tod und Sterben exegetisch aufzuarbeiten.

Der anthropologische Hintergrund des NT ist nicht vom griechischen, sondern vom jüdischen Denken beeinflusst, so dass es kein dualistisches (vgl. Kapitel 1.1.1.), sondern ein ganzheitliches, monistisch und schöpfungstheologisch geprägtes Menschenbild gibt. Wie bereits erarbeitet, gibt und nimmt Gott das Leben im AT, während Jesus gegen die Todesmacht durch Heilung von Kranken oder durch die Auferweckung der Toten zum Ewigen Leben kämpft, sich für das Leben entscheidet und so den Tod überwindet. Aber nicht sein Tod allein befreit die gläubigen Christen vom Tod, sondern erst der Glaube an das

Ostergeschehen, an die Auferstehung Jesu Christi durch Gottes Auferweckung verspricht die Überwindung der Todesherrschaft. Diese neue Beziehung zwischen Leben und Tod bildet die Hoffnung für die Glaubenden.

War die Urchristenheit noch davon überzeugt, dass der ganze Mensch die Erlösung durch Christus erfahren wird, führt die Ausbreitung des Christentums später zur Übernahme des dualistischen Menschenbildes der griechischen Philosophie[30]. Außerdem glaubte man nicht mehr an das Ende der Beziehung zu Gott mit dem Eintritt des Todes; Teil des neutestamentalichen Glaubens und Todesverständnisses war die Hoffnung, im Tod dem gleichen liebenden Gott zu begegnen, der schon das diesseitige Leben begleitet hat. „Denn ich bin dessen gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn.“ (Römerbrief 8, 38). Der neutestamentliche Gott ist nicht mehr allein ein Gott der Lebenden, sondern auch ein Gott der Toten, und das Sterben und die Auferweckung Jesu Christi sollen den Glaubenden Hoffnung für dessen eigene Auferweckung nach dem Tod sein. „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ (Römerbrief 8, 11)

Das „neue“ Leben, auf das der Glaubende nach seinem Tod hofft, darf aber nicht als Verlängerung oder Rückkehr in seine irdische Existenz verstanden werden; „es wird eine wesensidentische, leiblich - geistige Existenz sein, aber mit einer andersartigen Leiblichkeit“[31]. Die Auferweckung bedeutet also Teilhabe am Leben Gottes, nicht nur eine Hoffnung der glaubenden Christen, sondern auch ein Trost angesichts der Unausweichlichkeit des Sterbens. Somit ergaben sich aus dem NT für die christliche Theologie „drei verschiedene Bedeutungen des Begriffes Tod. Einmal wurde damit der physische Tod bezeichnet, das Ende des biologischen Lebens. Zum anderen, als geistiger Tod, das Leben derjenigen Menschen, die außerhalb des christlichen Glaubens stehen. Und schließlich, als mystischer Tod, jene Teilhabe am Göttlichen - noch während dieser irdischen Existenz und trotz des physischen Todes - die Jesus den Menschen ermöglicht hat ... Dieser mystische Tod aber bedeutet den Sieg über den physischen Tod. Die Auferstehung ist nur eine zweite Phase des mystischen Todes, und sie bringt den Menschen das ewige Leben.“[32]

Diese neue Hoffnung der Christen auf Auferweckung von den Toten und auf das Ewige Leben spendet glaubenden Menschen seit Jesus Christus Trost angesichts des Todes und gibt ihnen Kraft im diesseitigen Leben [33]. Auch wenn es keine Beweise für diese Hoffnung gibt - sie entzieht sich völlig dem menschlichen Erfahrungsbereich und der menschlichen Vorstellungskraft - so ist der christliche Glaube dennoch das wichtigste Hoffnungsbild der abendländischen Gesellschaft geworden. „Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben ein Gewinn ... indem ich Lust habe, abzuscheiden und bei Christus zu sein“ (Philipperbrief 1, 21. 23). Trotz aller fortschreitenden Abkehr in unserer Gesellschaft von Kirche und Christentum, bleibt diese Hoffnung weiterhin in vielen Menschen erhalten, vielleicht nicht immer als christlicher Auferstehungsglaube bezeichnet, aber doch als Teil menschlicher Vorstellungen und Hoffnungen auf kein abruptes Ende durch den Tod. Für das Verständnis kindlicher Todeskonzepte ist dieser Glauben wichtig, da er in unserer abendländischen bzw. christlichen Kultur tief verwurzelt ist.

1.3. Psychologische Aspekte von Tod und Sterben

Bereits in der Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungslinien menschlicher Todeskonzepte[34] wird erkennbar, dass diese entweder geprägt sind von Furcht vor dem Tod oder zumindest die Angst vor dem Sterben lindern sollen. Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, ist der Motor allen Nachdenkens über das Sterben und den Tod die Furcht vor der Ungewissheit und die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Seins.

Zunächst einmal muss grundsätzlich unterschieden werden zwischen Furcht vor dem Tod und Furcht vor dem Sterben. Die Furcht vor dem Sterben bezieht sich weitestgehend auf den biologischen Ablauf des Sterbeprozesses; hier ist historisch betrachtet ein wesentlicher Unterschied der heutigen Zeit zu früheren Jahrhunderten festzustellen. Während die Menschen früher den plötzlichen Tod fürchteten (vgl. Kapitel 1.1.) und den Tod über sich kommen spürten, hoffen heute viele Menschen, eben jenen überraschenden und schnellen Tod zu erleben. Hintergrund ist v. a. der medizinische Fortschritt und die Verlagerung des Sterbens in Krankenhäuser o. ä., in denen Ärzte versuchen, das Leben bis an die Grenze ihres Könnens zu verlängern. Die Furcht vor dem Sterben bedeutet heute für viele Menschen die Angst vor Schmerzen und Qualen, eine Vorstellung, mit der sich die meisten Mitglieder der Konsumgesellschaft, in der alles Positive verfügbar scheint, nicht anfreunden können. In einer Gesellschaft, in der wahllos Mittel gegen allerlei Schmerzen verfügbar sind (Stichwort „Selbstmedikation“), niemand ernsthafte gesundheitliche Probleme „ertragen“ muss und sich das Gesundheitswesen darum bemüht, den Gesundheitswahn der Öffentlichkeit zu fördern und zu nutzen, sind sowohl das eigene Erleben als auch das „Miterleben“ von Schmerzen und Leid unerwünschte Erfahrungen.

Daneben gibt es aber zudem die Furcht vor dem Tod, vor der Ungewissheit über die Zeit nach dem Sterben. Dahinter steht zum einen wohl seit Jahrhunderten die Angst der Menschen, das irdische Leben sei mit dem physischen Tod unweigerlich beendet und würde keinerlei Fortsetzung finden. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit lässt viele Menschen erschrecken, nur wenige können sich in ihrer Einstellung zum Leben damit arrangieren, dass dieses eine Leben die einzige Existenz ist, die dem Menschen zur Verfügung steht. Bezogen auf das Thema dieser Diplomarbeit muss man zu dem Schluss kommen, dass jemand, der selbst nur Furcht vor dem Tod und keine ehrlichen Antworten kennen gelernt hat, dies auch zwangsläufig entsprechend weitergibt. Solange sich soziale Systeme, in denen Kinder heranwachsen, davor scheuen, den Tod als solchen zu bezeichnen und ehrlich zu der eigenen Unwissenheit und der Furcht davor zu stehen statt ihn mit Euphemismen (entschlafen, einschlafen, von uns gehen etc.) zu verharmlosen, können Kinder diese Furcht nur übernehmen.[35] Daher sollte noch einmal darauf verwiesen werden, dass „Vorstellungen, die Kinder zu Sterben und Tod entwickeln, ... ein Licht auf entsprechende Sozialisationsprozesse in unserer Gesellschaft werfen (dürf- ten)“[36].

Zum anderen kann die Todesangst verstanden werden als Reaktion auf die Geburt. Die Geburt des Menschen bedeutet für ihn die Trennung vom warmen, beschützenden Mutterleib; dieser brutale Akt der Loslösung und des Hereinstoßens in eine fremde und kalte Umgebung ist ein Schockerlebnis jedes Menschen, an welches er nur mit Angst zurückdenkt und an das er sich daher nicht erinnern kann. Der Tod, verstanden als „zweite Geburt“, wird als ebensolches Schockerlebnis, das mit Gefühlen des Verlustes und eines kampfähnlichen Übergangs ins neue Leben verbunden wird, erwartet. Das sich ausbildende rationale Bewusstsein des Menschen zu Geburt und Tod lässt ihn - angesichts der gespeicherten Erfahrungen mit der Geburt - Angst vor dem Tod entwickeln.

Hinsichtlich der Furcht vor dem Tod und des Umgangs damit möchte ich in der psychologischen Betrachtung die Thesen Sigmund Freuds (1856 - 1939) über die Abwehrmechanismen des Ich aufgreifen. An dieser Stelle soll nicht der Ansatz der Psychoanalyse umfassend erläutert und aufgearbeitet werden, zumal psychodynamische Theorien nur eine Möglichkeit der Erklärung zur Entstehung und Entwicklung von Persönlichkeit sind.[37]

Auch wenn man die Theorien Freuds eher skeptisch betrachtet, so bieten sie doch für die Angst vor dem Tod adäquate Erklärungen. Grundlage der Psychoanalyse ist die Dreiteilung in Ich, Über - Ich und Es. Die unbewussten, triebhaften Anteile der Persönlichkeit stellen das Es dar, in dem sich alle vererbten sexuellen, aggressiven und andere Impulse befinden, die nach Befriedigung streben. Die psychische Energie des Es, das nach dem Lustprinzip handelt, ist unbewusst und steht somit nicht in Verbindung mit der Außenwelt. Es gibt jedoch Impulse und Energien an das Ich weiter, das z. T. bewusst ist und in Verbindung mit der Außenwelt steht. Das Ich, das nach dem Realitätsprinzip arbeitet, übernimmt im wesentlichen die Aufgabe, die Bedürfnisse des Es zu befriedigen und gleichzeitig den Organismus vor Gefahr zu schützen. Im Laufe der Entwicklung der Persönlichkeit eines jeden Menschen

bildet sich nach Freuds Theorie zudem das Über - Ich, das auch als „Gewissen“ bezeichnet werden kann. Es enthält die Belehrungen der Sozialisationsinstanzen und der Kultur eines Individuums über Ethik, Moral und Werte, d. h. es gibt vor, wie man sich verhalten sollte. Das Über - Ich funktioniert somit als eine Art internalisierter Repräsentant der Gesellschaft, der versucht, uns zu beeinflussen, so dass wir uns auf sozial akzeptable Weise verhalten.

Die dreiteilige Struktur der Persönlichkeit, in der das Ich an den meisten intrapsychischen Konflikten teilnimmt, da es einen Weg zur Vereinbarung der Impulse des Es und den Forderungen des Über - Ich und den Erfordernissen der Außenwelt finden muss, wird in der folgenden Abbildung noch einmal optisch verdeutlicht.

Die Abbildung macht die drei Bewusstseinsebenen sichtbar, auf denen die psychischen Prozesse ablaufen. Wichtig für die Untersuchung der Todesangst nach diesem Modell der Persönlichkeitsstruktur ist die Feststellung, dass das Es und die entsprechenden natürlichen Anteile der Persönlichkeit im unbewussten Teil zu lokalisieren sind. Demgegenüber wird der bewusste Teil vom Über - Ich und der Außenwelt dominiert.

Abbildung 1: Beziehungen des Es, Ich und Über - Ich zu den Bewusstseinsebenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf eine weitere ausführliche Erläuterung der Psychoanalyse möchte ich an dieser Stelle, wie bereits erwähnt, verzichten, da diese Kenntnisse ausreichen, um die Abwehrmechanismen des Ich zu verstehen und die Theorien Freuds zu umfangreich sind, als dass sie an dieser Stelle dargestellt werden könnten. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Steuerung des Verhaltens durch Unbewusstes die Quelle größter Kontroversen über Freud war und ist.

Da ich selbst der Psychoanalyse eher skeptisch gegenüberstehe, möchte ich zum Verständnis des Umgangs mit der Todesangst neben der psychodynamischen Theorie Freuds auch den Einfluss sozialer Lernprozesse berücksichtigen. Dabei sei v. a. auf die Arbeiten des Psychologen Albert Bandura zum Beobachtungslernen verwiesen. In Banduras Theorie entwickelt sich die Persönlichkeit nicht nur durch das, was man direkt lernt[38], sondern auch durch Beobachtung des Verhaltens anderer Personen sowie seinen Folgen und dem Wissen, wie diese Folgen auf einen selbst zutreffen könnten. Bandura hebt hervor, wie einerseits Beobachtungs- und kognitive Prozesse eine Rolle beim Lernen spielen und wie andererseits soziale Verstärkung die weitere Ausführung neuer oder veränderter Verhaltensweisen beeinflussen. Veränderungen im menschlichen Verhalten entstehen durch die Interaktion der drei Faktoren:

-Was Menschen denken, wahrnehmen, wissen und erwarten (kognitive Variablen).
-Was Menschen tatsächlich tun (Verhaltensvariablen).
-Was mit Menschen geschieht (Umweltvariablen).

Angst vor dem Tod sollte verstanden werden als ein Prozess, in dem Anteile aus beiden vorgestellten Theorien über Persönlichkeitsentwicklung eine Rolle spielen. Sie ist einerseits das Produkt aus der Projektion der unangenehmen Geburtserfahrungen auf den Tod und den angstproduzierenden Erwartungen, die mit diesem Ereignis verbunden werden. Da sich niemand an seine Geburt erinnern kann, aber die unangenehmen Gefühle dieses Erlebnisses im Unterbewusstsein gespeichert hat, mögen auch nur wenige ohne Angst an den Tod und die Wiederholung der Geburtserfahrungen denken.

Aus lerntheoretischer Sicht sollte festgehalten werden, dass einerseits der Umgang mit dieser Furcht im Laufe des Lebens durch Imitation und Ausbildung eines entsprechenden Denkapparates erlernt wird. Dies stützt die These, Kinder könnten keine angstfreie Einstellung zu Sterben und Tod entwickeln, wenn ihnen ihr soziales Umfeld keine entsprechenden Konzepte vorlebt. Die Angst vor dem Tod ist nicht ausschließlich naturgegeben, sondern wird durch den gesellschaftlichen Umgang mit ihr im Laufe der Zeit verstärkt. Indem der Tod und seine Endgültigkeit nicht vergegenwärtigt, sondern verleugnet werden, indem man ihn mit anderen Begriffen verharmlosen möchte, indem Tod, Vergänglichkeit und Trauer im Widerspruch stehen zur gelebten Realität und der Glauben an die eigene Unsterblichkeit genährt wird [39], wird der Tod im Laufe der Lebenszeit rasch zu einer furchterregenden Unbekannten. Die teils unbewusste, teils bewusste Furcht vor dem Tod wird somit im Laufe der Jahre fest im Unterbewusstsein der Menschen verankert.

Auch Freud geht davon aus, dass das Kleinkind ursprünglich ohne Todesangst ist, die „als kindliche, umgewandelte Schuldgefühle, die als Bestrafung den Tod nachsichziehen, interpretiert“[40] wird. Mit der Entwicklung des Über - Ichs und der Schuldgefühle und Gewissensangst entwickelt sich auch erst die Todesangst. Diese These kann durchaus kritisch betrachtet werden, doch möchte ich schließlich die Aufmerksamkeit auf die angesprochenen Abwehrmechanismen des Ich lenken.

[...]


[1] Die Debatte um die Professionalisierung und Wissenschaftlichkeit der Sozialarbeit möchte ich nicht gesondert aufgreifen, da sie in diesem Kontext hier zu weit führen würde. Dennoch möchte ich Frau Gerhild Fliedner für ihre Denkanstöße danken, die mich sensibler für die eigene berufliche Identität und die Fragen nach den übergreifenden Zusammenhängen der beruflichen Sozialarbeit gemacht haben. Näheres zu dieser Thematik findet sich in der kürzlich eingereichten Diplomarbeit meines Kommilitonen Volker Salzmann.

[2] Die Besonderheiten schwerkranker Kinder werde ich in einem Exkurs am Ende des zweiten Teils kurz ansprechen.

[3] Im Verlauf der Arbeit werde ich die Begriffe „Todeskonzept“, „Todesverständnis“ etc. im selben Sinnzusammenhang benutzen.

[4] § 7 I Nr. 1 SGB VIII

[5] Reed, Elizabeth: Kinder fragen nach dem Tod; S. 17. Stuttgart 1972

[6] Vgl. Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 32 f., Stuttgart 1967

[7] Iskenius-Emmler, Hildegard: Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen; S. 16, Frankfurt a. M. 1988

[8] Vgl., Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 44 ff., Stuttgart 1967

[9] Braeker, Gudrun: Das Phänomen „Sterben / Tod“ in Religionsbüchern; S. 12, Dortmund 1992

[10] Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 60, Stuttgart 1967

[11] Iskenius-Emmler, Hildegard: Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Jugendlichen; S. 22, Frankfurt a. M. 1988

[12] Iskenius-Emmler, Hildegard: Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen; S. 22, Frankfurt a. M. 1988

[13] Vgl. Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 74 ff., Stuttgart 1967

[14] Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 81, Stuttgart 1967

[15] Dieses Phänomen ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Verlagerung der Friedhöfe von der kirchlichen Nähe vor die Stadtmauern in unserem Kulturkreis wieder zu beobachten. Dies fördert die Entwicklung bzw. Verstärkung der Todesangst, die in Kapitel 1.3. näher erläutert wird.

[16] Winau, Rolf: Einstellungen zu Tod und Sterben in der europäischen Geschichte; aus: Winau, Rolf / Rosemeier, Hans Peter (Hrsg.): Tod und Sterben; S. 17, Berlin - New York 1984

[17] Winau, Rolf: Einstellungen zu Tod und Sterben in der europäischen Geschichte; aus: Winau, Rolf / Rosemeier, Hans Peter (Hrsg.): Tod und Sterben; S. 18, Berlin - New York 1984

[18] Ariès, Philippe: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München - Wien 1976

[19] Da es erst in der Neuzeit zu einer Trennung von Kirche und Staat in den meisten Ländern Europas gekommen ist, hatte neben der Kirche auch der Staat, d. h. der Adel bzw. die herrschenden Klassen, größere Möglichkeiten, das Volk im Namen der Kirche auszubeuten bzw. Willkürherrschaft zu legitimieren.

[20] Iskenius-Emmler, Hildegard: Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen; S. 25, Frankfurt a. M. 1988

[21] Z. B. wird seit dem 13. Jahrhundert der Leichnam in ein Leichentuch gehüllt und sein Gesicht verdeckt, nachdem in den vorhergehenden Jahrhunderten der Tote mit entblößtem Gesicht zu Grabe getragen wurde.

[22] Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 140, Stuttgart 1967

[23] Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie; S. 559, Frankfurt a. M. 1988

[24] Man bedenke nur die Kriegsbegeisterung zu Beginn des I. (s. u. a. Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“) und des II. Weltkriegs.

[25] Die Diskussion um die Euthanasie soll nicht gezielt aufgegriffen werden. Allerdings sei an dieser Stelle auf die Veränderung des Begriffs „Euthanasie“ hingewiesen (eu = gut, thanatos = der Tod), der schon in der antiken griechischen Philosophie aufgetaucht und nicht unbedingt mit Lebensverkürzung gleichzusetzen ist. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die Diskussion um die Verfügbarkeit menschlichen Lebens unter dem Einfluss darwinistischer Ideen, die zur Perversion des ursprünglichen Begriffs durch die Nationalsozialisten und deren Umgang mit „lebensunwerten“ Leben geführt hat.
Juristisch bleibt angesichts des Todes anzumerken, dass über Art 1 und 2 GG die Würde des Menschen und seine Person geschützt sind. Daraus ergeben sich vier Prinzipien der juristischen Bewertung (vgl. Rest, Franco: Sterbebeistand - Sterbebegleitung - Sterbegeleit; S. 61 ff.; Berlin - Köln 1994):
- Das Verbot der Tötung eines anderen Menschen.
- Die Straffreiheit der Selbsttötung.
- Die Straffreiheit der Beihilfe bzw. die Strafmilderung der Tötung auf Verlangen.
- Die Unbegrenztheit des Selbstbestimmungsrechts der Patienten.
Im juristischen Sprachgebrauch ist der Tod zumeist nur dann thematisiert, wenn er als Folge einer (unterlassenen) Handlung in einem konkreten Fall eingetreten ist. Im Hinblick auf die Debatte um Euthanasie bzw. aktiver und passiver Sterbehilfe möchte ich auf die Menschenrechtslehre von Janusz Korczak und das postulierte Recht auf einen eigenen Tod verweisen.

[26] Winau, Rolf: Einstellungen zu Tod und Sterben in der europäischen Geschichte; aus: Winau, Rolf / Rosemeier, Hans Peter (Hrsg.): Tod und Sterben; S. 16, Berlin - New York 1984

[27] Für meine Ausführungen zum christlich - theologischen Todesverständnis habe ich mich v. a. an Gudrun Braekers Dissertation „Das Phänomen ‘ Sterben / Tod ’ in Religionsbüchern“ orientiert.

[28] Braeker, Gudrun: Das Phänomen „Sterben / Tod“ in Religionsbüchern; S. 19, Dortmund 1992

[29] Das Judentum glaubte z. B. an die kollektive Auferstehung des auserwählten
Volkes.

[30] Thomas von Aquin (1225 - 1275) versuchte diesen Dualismus wieder mit einer ganzheitlichen Auffassung des Menschen zu überwinden, aber eine Abwertung der Leiblichkeit konnte er nicht verhindern.

[31] Braeker, Gudrun: Das Phänomen „Sterben / Tod“ in Religionsbüchern; S. 23, Dortmund 1992

[32] Choron, Jaques: Der Tod im abendländischen Denken; S. 92, Stuttgart 1967

[33] Ein solcher Glauben kann auch Gefahren bergen, wie z. B. in Kapitel 1.1.3. angeführt oder durch blindes Vertrauen in ein besseres Jenseits.

[34] Der Mensch ist wohl auch das einzige Lebewesen, das sich in irgendeiner Form mit seinem eigenen Tod beschäftigt und sich seiner Vergänglichkeit bewusst ist, wenngleich Freud festgestellt hat: „Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: Im Unbewussten ist jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt.“

[35] Eine intensivere Beschäftigung mit dem Einfluss verschiedener Sozialisationsinstanzen auf die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes wird in Teil 2 dieser Arbeit folgen.

[36] Woll - Schumacher, Irene: Sozialisation heutiger Todesvorstellungen; aus: Sociologia Internationalis, 23. Band, S. 208, 1985

[37] Darüber hinaus sollen auch Veranlagungstheorien, Lerntheorien oder phänomenologische Theorien erwähnt sein.

[38] Als Stichworte seien das klassische und operante Konditionieren genannt.

[39] Vgl. Gudjons, Herbert: Der Verlust des Todes in der modernen Gesellschaft; aus: Pädagogik: Tod und Sterben - Erfahrungen mit einem Tabu; 48. Jahrgang, Heft 9, S. 6 f., Hamburg 1996

[40] Braeker, Gudrun: Das Phänomen „Sterben / Tod“ in Religionsbüchern; S. 38, Dortmund 1992

Details

Seiten
120
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638498319
ISBN (Buch)
9783638806671
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54693
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
Herzen Entwicklung Todeskonzeptes Berücksichtigung Einflusses Kinderliteratur

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Titel: "Du siehst nur mit dem Herzen gut" - Die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses von Kinderliteratur