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Schülerclubs als Innovationszellen? Reaktionen der Sozialen Arbeit auf die veränderten Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen

Diplomarbeit 2006 109 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen heute –
Bedingungen, Chancen und Risiken
1.1 Soziostrukturelle Veränderungen
1.1.1 Auf dem Weg zur Risikogesellschaft
1.1.2 Die Bildungsexpansion in Deutschland
1.1.3 Demografische Veränderungen und die Multikulturelle
Situation/Gesellschaft
1.2 Kinder und Jugendliche in Deutschland
1.2.1 Kindheit heute – Merkmale und Trends
1.2.2 Signifikante Bestimmungsmerkmale von Jugend
1.3 Epochaltypische Schlüsselprobleme
1.3.1 Selbstvertrauen erreichen zwischen steigender Autonomie und
mangelndem Rückhalt
1.3.2 Selbstbestimmung erlangen zwischen persönlicher Lebens-
führung und gesellschaftlich verursachter Polarisierung
1.3.3 Selbstverständigung zwischen fehlender Alltagsroutine, Lust
auf Neues und Medienwelt
1.4 Zusammenfassung/Schlussfolgerungen

2. Die Sozialisationsinstanz Schule – zwischen Tradition und
modernen Herausforderungen
2.1 Sozialisation
2.1.1 Versuch einer Definition von Sozialisation
2.1.2 Kerngedanken zur Bedeutung von zentralen Sozialisations-
instanzen in der Gesellschaft
2.2 Funktionen und Defizite der Sozialisationsinstanz Schule
2.2.1 Funktionen an der Schwelle zur Wissensgesellschaft
2.2.2 Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen/
veränderten Aufwachsbedingungen auf die Institution Schule
2.3 Zusammenfassung/Schlussfolgerungen

3. Schulsozialarbeit: Kooperation von Schule
und Jugendhilfe
3.1 Historische Entwicklung, Etappen und Wendepunkte der
Kooperation
3.1.1 Entstehung des Begriffs Schulsozialarbeit
3.1.2 Etappen und Wendepunkte der Schulsozialarbeit
3.2 Zum Verhältnis von Jugendhilfe und Schule
3.2.1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten
3.3 Tätigkeitsfeld Schulsozialarbeit
3.3.1 Definition von Schulsozialarbeit
3.3.2 Arbeitsbereiche und Angebote der Schulsozialarbeit
3.3.2.1 Arbeitsbereiche und Zielgruppen der Schulsozialarbeit
3.3.2.2 Angebote der Schulsozialarbeit
3.4 Zusammenfassung/Schlussfolgerungen

4. Schülerclubs als Innovationszellen?
Ursprung, Methoden, Ziele, Dimensionen, Perspektiven
4.1 Entwicklung der Schülerclubs
4.1.1 Gründung/Gründungsursachen
4.1.2 Das Programm „Jugend mit Zukunft – gegen Gewalt“
4.2 Organisationsprinzipien und fachliche Standards von
Schülerclubs
4.2.1 Funktionen und Aufgaben von Schülerclubs
4.2.2 Fachliche (Qualitäts-)Standards der Arbeit von Schülerclubs
4.3 Das Innovationspotenzial von Schülerclubs
4.3.1 Der Beitrag zur Schulentwicklung
4.3.1.1 Aufbrechen des Rollenverhältnisses von Lehrern und Schülern
4.3.1.2 Die Schülerclubs als alternative Lernorte
4.3.2 Der Beitrag zur Erfolgsverbesserung von Schulsozialarbeit
4.3.3 Der Beitrag des Schülerclubs zur Persönlichkeitsentwicklung
4.4 Kritische Würdigung der Innovationspotenziale
von Schülerclubs

5. Reflexion der Praxis: Der Schülerclub an der E. O. Plauen-Grundschule
5.1 Sozialräumliche und schulinterne Ausgangslage des Schüler-
clubs
5.2 Der Schülerclub intern
5.2.1 Spezifische Aufgaben und Angebote
5.3 Probleme und Perspektiven des Schülerclubs

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Diese Arbeit entstand aus dem Bedürfnis heraus, die während meines Praktikums im Schülerclub der E. O. Plauen-Grundschule gesammelten Erfahrungen zu systematisieren und einer wissenschaftlichen (Be-)Wertung zu unterziehen. Aus den Gesprächen mit den Besuchern des Schülerclubs zeichnete sich sehr schnell die latente Unzufriedenheit der Jungen und Mädchen sowohl mit den Gegebenheiten des Schulalltags als auch bezüglich der vielschichtigen sozialen und individuellen Problemlagen ab, mit denen nahezu jeder von ihnen konfrontiert war. Migrationshintergrund – alle Besucher des Schülerclubs waren nichtdeutscher Herkunft -, Segregationstendenzen, Armut, unzureichende bzw. beengte Wohnverhältnisse, die individuelle „Rückzugsmöglichkeiten“ erschweren bzw. ausschließen, subjektiv als mangelhaft empfundenes Problembewusstsein der Lehrer waren nur einige der Fakten, die an mich herangetragen wurden.

Die „symptombezogene Therapie“ des Schülerclubs zur Linderung bzw. Lösung dieser Probleme erschien für mich zunächst ausreichend und zufriedenstellend. Je länger mein Praktikum währte, desto häufiger stellte ich mir jedoch die Frage, was bei einer umfassenden Kooperation von Schule und Jugendhilfe über den im Schülerclub der E. O. Plauen-Grundschule erreichten Stand hinaus leistbar wäre, wenn alle Kräfte und Ressourcen gebündelt werden würden. Dazu wollte ich vor allem die Stellung von Schülerclubs im „Spannungsfeld“ von Schule und Jugendhilfe sowie deren Innovationspotenziale untersuchen.

Durch die kollegiale und großzügige Unterstützung der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule Berlin (RAA) e. V., die auf dem Gebiet der Theorie und Praxis von Schülerclubs eine Vorreiterrolle einnimmt, konnte ich zahlreiche Materialien – darunter auch unveröffentlichte – studieren und für diese Arbeit nutzen.

Mein ausdrücklicher Dank dafür gilt der Geschäftsführerin der RAA Berlin e. V., Britta Kollberg, dem Leiter des Schülerclubs der E. O. Plauen-Grundschule, Till Hofmann, sowie den freundlichen Mitarbeitern der RAA-Mediathek.

Damit diese Diplomarbeit einfacher lesbar ist, werde ich bei Berufs- und Funktionsbezeichnungen nur eine Geschlechtsform - die maskuline - verwenden. Selbstverständlich meine ich in meinen Ausführungen immer auch die weibliche Form.

An Abkürzungen werden nur solche verwendet, die in den Regelwerken der Deutschen Rechtschreibung verzeichnet sind.

Berlin, im Januar 2006 Sandra Scheffczyk

Einleitung

„Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse haben nachhaltig die Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen verändert. Soziale Probleme in der Folge des Strukturwandels der Familie (Scheidungszahlen, Alleinerziehende), der Krise des Arbeitsmarktes (Jugendarbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel), aber auch die steigenden Problembelastungen im Gefolge des Strukturwandels der Jugendphase (Entstrukturierung der Jugendphase, Pluralisierung der Jugendkulturen, Gewaltbereitschaft, Aggressivität) oder biografische Verunsicherungen auf Grund umfassender Individualisierungsprozesse reichen heute in den pädagogischen Alltag des schulischen Unterrichts wie auch der sozialpädagogischen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit hinein.“ (SEITHE 1999, zit. nach OLK / SPECK 2001, S. 47).

Das obige Zitat gibt eine Analyse der Problemlage, in der sich die Gesellschaft in Bezug auf die Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen befindet. Es zeigt auf, dass sich infolge tiefgreifender soziostruktureller und ökonomischer Wandlungsprozesse die Bedingungen der Lebensführung und des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen einschneidend verändern. Insbesondere die hohe Sockelarbeitslosigkeit mit ihren vielfältigen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen beeinträchtigt die individuellen Startchancen von Kindern erheblich. Die daraus resultierenden Folgen treten zumeist erstmals in öffentlichen (Bildungs-)Institutionen - wie z. B. in Schule oder Kita – in aller Deutlichkeit zutage. Die Schule ist ein Ort, den alle Kinder und Jugendlichen besuchen müssen. Dort wird augenscheinlich, welche Problemlagen sich „angestaut“ haben.

Als Sozialisationsinstanz, deren Funktion u. a. darin besteht, dazu beizutragen, dass sich die Schüler zu sozial handlungsfähigen Menschen entwickeln, sieht sich die Schule zunehmenden Überforderungstendenzen gegenüber. Dies gilt um so mehr, da sie offensichtlich bereits bei der Erfüllung ihres grundlegenden Auftrages, der Vermittlung eines zeitgemäßen und praxisbezogenen Wissens, das die Kinder und Jugendlichen für die künftige Lebens- und Arbeitswelt fit machen soll, an ihre Grenzen stößt.

Das nur mäßige Abschneiden deutscher Schüler bei einschlägigen internationalen Studien (PISA, TIMSS[1] u. a.) ist nur ein Indiz für diese Feststellung.

Als gravierend veränderungsbedürftig ist vor allem die Tatsache einzustufen, dass in Deutschland – mehr als in jedem anderen entwickelten Land – die Höhe des erreichbaren Bildungsabschlusses ganz wesentlich von der sozialen Herkunft abhängig ist. Sowohl im Interesse der Betroffenen, aber auch der Gesamtgesellschaft – Deutschlands Zukunftsperspektiven liegen im Wissen und Können seiner Bürger, insbesondere der jungen Generation - muss hier dringend Abhilfe geschaffen werden. Dazu benötigt Schule Kooperationspartner, die in der Lage sind, mit den ihnen zu Gebote stehenden Ressourcen, Methoden und Handlungsmaximen an der Lösung dieser Aufgaben mitzuarbeiten und ihre Sichtweise bezüglich der Lage der Dinge einzubringen. Als solcher Kooperationspartner versteht sich die Jugendhilfe, deren Auftrag darin besteht, „(...) auf konkrete individuelle, soziale und gesellschaftliche Situationen, die die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien prägen, zu reagieren.“ (BÖHNISCH / LENZ 1997, zit. nach MÜNDER 2003, S. 72).

Im Rahmen dieser Arbeit wird die Schulsozialarbeit als Reaktion der Jugendhilfe und konkrete Kooperationsform, die zur Bewältigung bzw. Minimierung der o. g. Problemlage beitragen kann, vorgestellt und analysiert. Der Fokus ist dabei auf den Schülerclub gelegt, da dieser als eine praxisrelevante und effektive Antwort der Sozialen Arbeit auf die dargelegten Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht, einzustufen ist. Er generiert darüber hinaus effiziente Innovationsimpulse, die zur Öffnung von Schule nach innen und außen – und damit zur mehr denn je erforderlichen Schulentwicklung – beitragen. Als neue Angebotsform – sie existiert erst seit Anfang der neunziger Jahre - ist der Schülerclub zudem noch nicht umfassend etabliert und wissenschaftlich untersucht worden, so dass im Rahmen dieser Arbeit ein Beitrag geleistet werden soll, dieses Anliegen zu befördern.

Bezüglich der Zielgruppe gilt das Hauptaugenmerk den Kindern, weil nach Erkenntnissen der modernen Entwicklungspsychologie die grundlegenden Weichen für die (erfolgreiche) Persönlichkeitsentwicklung bereits im Vorschul- bzw. frühen Schulalter gestellt werden. Dies gilt sowohl für kognitive Fähigkeiten als auch für soziale Kompetenzen.

Es erweist sich als hilfreich, die Bearbeitung des Themas an die Beantwortung der folgenden Fragen zu knüpfen:

1. Wie wirken sich gesellschaftliche Veränderungen und veränderte
Aufwachsbedingungen konkret auf Kinder, Jugendliche und Eltern,
aber auch auf Schule und Jugendhilfe aus?
2. Reagieren Jugendhilfe und Schule auf veränderte Aufwachsbedingungen
von Kindern und Jugendlichen in angemessener Weise?
3. Welchen Beitrag leisten Schülerclubs zur Lösung der aufgezeigten
Probleme? Sind sie unverzichtbare „Innovationszellen“ der Schulsozialarbeit?

Nachfolgend wird der inhaltliche Aufbau der vorliegenden Arbeit erläutert und begründet:

Um das Thema in seiner gesamten Dimension erfassen zu können, macht es sich erforderlich, die Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen intensiv zu beleuchten. Da diese Aufwachsbedingungen von den soziostrukturellen Veränderungen in der Gesellschaft in erheblichem Maße beeinflusst werden, ist es unverzichtbar, diese in ihren Einzelheiten und Wirkungen zu beschreiben. In der Arbeit erfolgt das unter Zugrundelegung der umfassenden Gegenwartsdiagnose von BECK. Daran schließt sich die Darstellung des Phänomens der Bildungsexpansion in Deutschland an, deren historische Entwicklung beschrieben wird und deren aktuelle Auswirkungen auf die unteren sozialen Schichten dargestellt sind. Demografische Veränderungen und die Multikulturelle Situation in Deutschland sind ebenso zu berücksichtigen, weil deren Ausstrahlung auf die Aufwachsbedingungen relevant ist.

Eine Beschreibung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland in ihren Facetten und Veränderungen ist ebenso unentbehrlich wie die der epochaltypischen Schlüsselprobleme. Ohne deren Verständnis sind Notwendigkeit und Dringlichkeit von Schulsozialarbeit – und deren inhaltliche Ausgestaltung - nicht erschließbar.

Entsprechend der grundlegenden Bedeutung, die die Sozialisation als Entwicklungsprozess der Persönlichkeit hat – und im Hinblick auf die Funktionen und Aufgaben der Sozialisationsinstanz Schule bei der Beförderung dieses Prozesses – wird in der Arbeit eine Definition von Sozialisation gegeben. Kerngedanken zur Bedeutung von Sozialisationsinstanzen schließen sich unmittelbar an, weil in ihnen wichtige Voraussetzungen für das Verständnis der Funktionen und Defizite der Sozialisationsinstanz Schule enthalten sind.

An der Schwelle zur Wissensgesellschaft ist es unabdingbar, die Funktionen von Schule als (Bildungs-)Institution herauszuarbeiten und deren aktuelle Aufgaben, Probleme und Widersprüche zu verdeutlichen. Da die Veränderungen der gesellschaftlichen Aufwachsbedingungen voll auf die Institution Schule „durchschlagen“, werden diese Auswirkungen ausführlicher dargelegt. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Defizite gelegt, die deshalb entstehen, da sich die Schule den neuen Herausforderungen nicht adäquat stellt bzw. stellen kann. Daraus leitet sich die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit – und damit die Unverzichtbarkeit der Kooperation von Schule und Jugendhilfe - ab.

Die historische Entwicklung, Etappen und Wendepunkte dieser Kooperation werden skizziert, da sie von Bedeutung für das Verständnis der konkreten Ausgestaltung der Zusammenarbeit der beiden Institutionen in der Gegenwart - vor allem auch für deren Probleme – sind. Das Verhältnis von Jugendhilfe und Schule ist deshalb ebenfalls Gegenstand des Kapitels zur Schulsozialarbeit. Die Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation dieser beiden Partner werden dargestellt. Ausgehend von Untersuchungen zur Entstehung des Begriffs „Schulsozialarbeit“ und zu deren Entwicklungsetappen wird der Versuch unternommen, aus der Fülle von unterschiedlichen Arbeiten, die sich mit Schulsozialarbeit auseinander setzen, eine Definition von Schulsozialarbeit auszuwählen, der die Verfasserin am ehesten zustimmen kann. Daran schließt sich eine ausführliche Analyse der inhaltlichen Aspekte von Schulsozialarbeit (Arbeitsbereiche, Angebote, Zielgruppen) an. Da für die erfolgreiche Gestaltung von Schulsozialarbeit die Herstellung eines gleichberechtigten Kooperationsverhältnisses und vertrauensvoller Arbeitsbeziehungen zwischen den Akteuren – Sozialpädagogen und Lehrern – von essentieller Bedeutung ist, wird auf die wesentlichen Voraussetzungen, die hierfür vorliegen bzw. geschaffen werden müssen, eingegangen. So wird die Suche nach Gemeinsamkeiten und die Reflexion der eigenen (Berufs-)Rolle beleuchtet. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Erschließung von „Reserven“ der Schulsozialarbeit geschenkt, weil die Auffassung besteht, dass die Potenziale dieses Handlungsfeldes noch nicht ausgeschöpft sind. In diesem Zusammenhang gelangt der Schülerclub in das Blickfeld der Untersuchungen, der die Schulsozialarbeit durch zahlreiche neue Impulse bereichern kann.

Um die Einrichtung „Schülerclub“ und deren Arbeitsweise verstehen und bewerten zu können, ist deren historische Entwicklung zu betrachten. Die Ursachen für die Gründung von Schülerclubs im Land Berlin – in dem die ersten Schülerclubs Deutschlands entstanden – werden benannt. Ihre Kenntnis ist wichtig für das Verständnis von Arbeitsweise, Funktionen und Zielsetzung von Schülerclubs, auf die im weiteren Verlauf der Darstellung ausführlich eingegangen wird. Die Benennung von fachlichen Standards der Arbeit der Schülerclubs ist unverzichtbar, da diese die Basis für eine sozialpädagogisch wertvolle Arbeit schaffen.

Innovationspotenziale, deren Vorliegen beim Schülerclub im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden soll, können sich nur dann entfalten, wenn die o. g. Voraussetzungen erfüllt sind. Bei der Herausarbeitung der Leistungen, die der Schülerclub als innovative Einrichtung von Jugendhilfe und Schule erbringen kann, wird dessen Beitrag zur Schulentwicklung besonders gewürdigt. Das resultiert u. a. aus dem dringenden Handlungsbedarf, der sich aus den Defiziten im deutschen Bildungswesen ergibt, die durch kooperierendes Handeln von Jugendhilfe und Schule vermindert werden können. Des weiteren kann Schule – durch das Wirken des Schülerclubs - dazu gebracht werden, dass sie neben der Wissensvermittlung auch die Begleitung von Kindern und Jugendlichen auf dem Weg des Erwachsenwerdens stärker beachtet.

Die Vorstellung der Aktivitäten des Schülerclubs an der E. O. Plauen-Grundschule vermittelt einen beispielhaften Einblick in die tägliche Praxisarbeit von Schülerclubs. Sie dient der Veranschaulichung und Illustration der theoretischen Ausführungen dieser Arbeit.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Schülerclubs durchaus noch keine gefestigten Einrichtungen sind, deren Theorie und Praxis allgemein bekannt und anerkannt ist, erweist sich die Literaturrecherche zu diesem Thema als problembehaftetes Unterfangen. Die Anzahl von Veröffentlichungen über Schülerclubs bewegt sich in äußerst überschaubaren Grenzen und vermittelt kein umfassendes Bild. So gibt es zwar Materialien, die die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Modellprojektes „Schülerclub“ in Berlin und Brandenburg zum Inhalt haben, diese erfolgt jedoch logischerweise immer konkret objektbezogen. Eine übergreifende „Theorie des Schülerclubs“ bleibt noch zu erarbeiten.

1. Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen heute – Bedingungen, Chancen und Risiken

1.1 Soziostrukturelle Veränderungen

1.1.1 Auf dem Weg zur Risikogesellschaft

Das menschliche Zusammenleben ist nicht durch statische, unveränderbare Komponenten geprägt, sondern befindet sich in der Regel in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. So wirken sich auf jeden einzelnen Menschen die Veränderungen aus, welche sich auf der Makro- oder Meso-Ebene vollziehen. Herausragende Ereignisse wie politische oder industrielle Revolutionen brachten erste einschneidende Veränderungen für das Zusammenleben mit sich. Im folgenden Teil wird sich im Wesentlichen jedoch auf das Darstellen der gesellschaftlichen Veränderungen seit 1945 beschränkt, da sich in dieser Zeit der soziostrukturelle Wandel rasant vollzog und besonders nachhaltig - z. B. gewandelte Werte und Normvorstellungen - auf Familien, Kinder und gesellschaftliche Institutionen auswirkte.

Breiter Zustimmung erfreut sich in der wissenschaftlichen Diskussion um die gesellschaftlich-historischen Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg die von dem Soziologen ULRICH BECK 1986 veröffentlichte Gesellschaftsanalyse „Risikogesellschaft“. BECK beschreibt dort „den Abschied von der traditionellen Klassengesellschaft und das Heraufziehen einer `Risikogesellschaft`, die den Menschen in immer stärker individualisierte Lebenssituationen setzt.“ (TILLMANN 2000, S. 193). In einer später veröffentlichten Analyse (1997) rekonstruiert er phasenweise den Übergang von der Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft. Nach BECK gibt es drei Phasen. Die erste Phase reicht vom Ende des zweiten Weltkrieges bis in die 60er Jahre hinein und trägt folgende Merkmale: Deutschland wird nach dem zerstörerischen Weltkrieg schrittweise wieder aufgebaut. Die Nachwirkungen körperlicher und seelischer Misshandlungen der Menschen müssen verarbeitet werden. Eine latente Angst vor möglicher Wiederholung des Schrecklichen ist vorhanden. In dieser Situation erfahren traditionelle Werte - wie Arbeitssinn, Fleiß, Opferbereitschaft, Selbstverzicht, Unterordnung - eine immense Aufwertung und Betonung (vgl. BECK 1998, S.22f.). Daran schließt sich die zweite Phase an, die bis in die 80er Jahre reicht. In dieser Zeit entwickelt sich die Wirtschaft stark, nicht zuletzt aufgrund vielfältiger technischer Errungenschaften. Der durchschnittliche Nettolohn und damit die Kaufkraft pro Bürger nehmen zu und der allgemeine Wohlstand erreicht auch die unteren Schichten. Auswirkungen des Massenkonsums führen dazu, dass die Menschen ihren Bewegungsspielraum/Handlungsspielraum und Lebensstil unterschiedlich gestalten können. Unterstützt wird diese Pluralisierung von Lebensstilen durch die Zunahme von erwerbsfreier Zeit und die wachsende Lebenserwartung der Menschen. Zusätzlich führt die gestiegene geografische und soziale Mobilität der Individuen vermehrt zu Individualisierungsschüben, die mitunter in Konkurrenz zu den althergebrachten Bindungen und Beziehungen der Menschen stehen (vgl. BECK 1986, S. 122-126). Eine Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen sorgt u. a. dafür, dass die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse schneller in die Familiensysteme hineingetragen werden und die traditionelle Rolle der Geschlechter, sowie die patriarchalischen Familienformen in Frage gestellt werden. Schließlich nennt BECK die Steigerung der Bildungsmöglichkeiten als weitere Ursache für die Individualisierung, da diese die Selbstfindungs- und Reflexionsprozesse des Einzelnen begünstigt. Vermehrt werden deshalb traditionelle Orientierungen und Lebensstile in Frage gestellt (ebd., S. 127-129). Die dritte Phase beginnt nach BECK ab Mitte der 80er Jahre und hält derzeit noch an. Er bezeichnet sie als Weltrisikogesellschaft. In einer immens vernetzten und komplexen Welt - wie sie sich heute darstellt - können politische und wirtschaftliche Entscheidungen globale Krisen auslösen, kriegerische und terroristische Gewaltaktionen fördern oder ökologische Katastrophen zeitigen. Im wirtschaftlichen Bereich können sicher geglaubte Arbeitsplätze schon morgen wegrationalisiert werden. So entsteht eine neue Abhängigkeit. Eine wachsende Anzahl von Menschen wird vom persönlichen Arbeitsmarktschicksal abhängig. Angst vor dem Verlust des erarbeiteten Wohlstandes macht sich breit. Auch Zukunftsängste, bezogen auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche, gewinnen an Bedeutung z. B. Rentenvorsorge, Ausbildungschancen des Nachwuchses u. a.

Die o. g. Entwicklungsphasen begünstigen und fördern nach BECK den Individualismus. Aufgrund dieser drei Phasen hat BECK drei zentrale Dimensionen des gesellschaftlichen Individualisierungsprozesses wahrgenommen und beschrieben. Die erste Dimension ist die Freisetzungsdimension, d. h. dass die Lebensbiografie des Einzelnen aus den ehemals historisch vorgegebenen Beziehungen und Sozialformen - wie z. B. Klasse, Schicht, Ethnie, Geschlecht herausgelöst wird (vgl. BECK 1986, S. 206). Als Entzauberungsdimension definiert er die zweite Dimension. Hiermit meint er, dass ein Verlust von traditionellen Sicherheiten und Handlungsformen bezüglich Normen, Werten und Handlungswissen einsetzt (vgl. BECK 1986, S. 206). Da die Menschen demzufolge kaum noch die Möglichkeit haben, auf Traditionen zurückzugreifen, sind die Individuen verstärkt den Chancen und Risiken einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Lebensgestaltung ausgeliefert. Jeder Mensch, gerade auch der Jugendliche, kann und muss also mehr als früher individuelle Entscheidungen treffen. Der Anteil der von vornherein entscheidungsverschlossenen Lebensoptionen verringert sich und demgegenüber nimmt der Anteil der entscheidungsoffenen Lebenssituationen zu. „Normalbiografien verwandeln sich in Wahlbiografien - mit allen Zwängen und Frösten der Freiheit, die dadurch eingetauscht werden.“ (BECK / BECK-GERNSHEIM 1990, S. 13). Das Individuum unterliegt dem Zwang, seinen Lebenslauf selbst zu gestalten, in Bezug auf z. B. Ausbildung, Wohnort, Kinderanzahl etc. Solche großen Herausforderungen können jedoch nicht nur Initiative, sondern auch Angst und Unsicherheiten erzeugen. So ist es realistisch, dass das Individuum vor lauter Handlungsoptionen den Überblick verliert und in seiner Entscheidungsfindung blockiert wird. Oder es trifft die Entscheidungen unüberlegt und muss dann versuchen mit den Konsequenzen, die daraus folgen, konstruktiv umzugehen. Als dritte und letzte Dimension nennt BECK die Kontroll- und Reintegrationsdimension (BECK 1986, S. 206). Das bedeutet, der Mensch wird zwar aus seinen traditionellen Bindungen herausgelöst, tauscht dafür aber die Zwänge des Arbeitsmarktes oder die des Konsums ein. Anstelle von althergebrachten Sozialformen treten nun Institutionen, die von Märkten, Moden und Konjunkturen abhängig machen.

BECKs Veränderungsdimensionen stellen einen möglichen Erklärungsansatz für die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland dar. Obwohl generell Einigkeit darüber besteht, dass es BECK in einem recht spannenden und kurzweiligen Maße gelungen ist, eine überzeugende Analyse der Gegenwartsgesellschaft zu präsentieren, ohne althergebrachte Gesellschaftstheorien ad absurdum zu führen, werden in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auch kritische Stimmen laut (vgl. TILLMANN 1993, S. 275ff.). So wird ihm zum Vorwurf gemacht, er würde zu stark in Übertreibungen schwelgen, um den Unterschied zwischen Industriegesellschaft und Risikogesellschaft hervorzuheben. Des weiteren kritisiert z. B. JOAS BECKS voreilige Verallgemeinerungen bezüglich zeitgenössischer Phänomene, ohne diese jedoch immer mit stichhaltigen (ausreichend) empirischen Daten belegen zu können (vgl. JOAS nach TILLMANN 1993, S. 276). Fragwürdig erscheint auch die Gleichsetzung von Pluralisierung und Individualisierung. Wenn BECK von Pluralisierung spricht, vergisst er, dass es auch in früheren Zeiten eine Vielfalt von Familienformen gab und unterstellt, es hätte nur diese wenigen Typen gegeben (vgl. BURKART 1994, S. 123).

1.1.2 Die Bildungsexpansion in Deutschland

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es im ländlich-bäuerlichen sowie im städtisch-proletarischen Milieu durchaus üblich, die schulpflichtigen Kinder als vollwertige Arbeitskräfte in die Heim-, Hof- oder Fabrikarbeit mit einzubeziehen, da es für das tägliche Überleben der gesamten Familie vonnöten war. Schule wurde damals nicht als Qualifikationsinstanz, sondern als eine Art Disziplinierungsinstanz von Seiten des Staates betrachtet (vgl. HARDACH-PINKE 1993, S. 40). Eine berufliche, qualifizierte Ausbildung für Kinder von Bauern und Arbeitern, sowie der Besuch einer weiterführenden Schule, waren eher selten. Der Besuch eines Gymnasiums stand primär männlichen, bürgerlichen, bildungsnahen Kindern und Jugendlichen zu. Mädchen aus dieser Schicht wurden vorrangig in und durch ihre Familie auf ihre zukünftige Hausfrauen-, Mutter-, und Ehefrauenrolle vorbereitet. Mit der in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzenden Bildungsexpansion vollzogen sich einschneidende Veränderungen. So kam es z. B. zu einer Angleichung der proletarischen an die bürgerliche Jugend und Kindheit bezogen auf die Jahre des Schulbesuchs sowie zu einer allgemeinen Anhebung des Bildungsniveaus auf die Gesamtbevölkerung bezogen (vgl. TILLMANN 1999, S. 199). Des Weiteren trug die Bildungsexpansion dazu bei, dass sich Frauen stärker im Bildungsbereich etablierten. Mittlerweile stehen sie ihren männlichen Mitstreitern, was die Qualität der Schulabschlüsse angeht, in nichts mehr nach. Mehr noch, im allgemeinbildenden Bildungswesen haben die weiblichen Schulabgängerinnen die männlichen Absolventen bereits überholt (vgl. HRADIL 2001, S. 160f.). Frauen und Mädchen verfügen heutzutage durchschnittlich über ein weit höheres Bildungsniveau als vor 40 Jahren und entwickeln sich weg vom Leben und Wirken nur für ihre Familie, hin zum Führen und Ausleben ihres eigenen selbstbestimmten Lebens. Insofern sind die Frauen die offensichtlichen Nutznießer der Bildungsexpansion. Dies hat aber auch Auswirkungen auf das Zusammenleben von Mann und Frau, auf die Familienorganisation allgemein, sowie auf das Erziehungs- und Reproduktionsverhalten (vgl. BECK 1986, S. 127ff.).

Aufgrund der Bildungsexpansion, die alle Bevölkerungsschichten erfasste, kam es jedoch ab Mitte der 80er Jahre zu einem Überangebot an qualifizierten Abschlüssen und in Verbindung mit der Abnahme von Arbeitsplätzen zu dem kuriosen Effekt, dass die Bildungsabschlüsse eine Auf- und Abwertung zugleich erfuhren. Ohne Bildungsabschlüsse bzw. mit niedrigen Schulabschlüssen sind die Chancen heutzutage gering, einen Ausbildungsplatz oder gar einen Arbeitsplatz zu erhalten. Hohe Bildungszertifikate gewähren jedoch auch keine Garantien für den Erhalt eines Arbeitsplatzes. Vielmehr wird mit diesen Zertifikaten nur noch eine „(...) Teilnahmeberechtigung an der Vergabe von Arbeitsplatzchancen erworben (...)“ (BECK 1986, S. 138). Das bedeutet zum einen, dass die individuell vorhandenen Bildungsabschlüsse nicht ad hoc ausreichend sind, um eine berufliche Existenz aufzubauen und dauerhaft zu erhalten. In diesem Sinne werden Abschlüsse abgewertet. Zum anderen gewinnen die Abschlüsse an Relevanz, da sie überhaupt erst die Türen zum Wettbewerbsfeld Arbeitsmarkt eröffnen. Insofern erfährt das Phänomen Bildung eine gesellschaftliche Aufwertung (vgl. ebd., S. 139).

Die vorangegangene und immer noch aktuelle Bildungsexpansion darf jedoch nicht die andere Seite der Realität ausblenden, nämlich, dass sich die um vieles verbesserten Bildungschancen immer noch ungleich zwischen den verschiedenen Gruppen der Gesamtgesellschaft und auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen von Kindern und Jugendlichen verteilen.

So bleiben vor allem in Deutschland die Chancen auf eine gute Schulbildung bzw. einen gesellschaftlich hoch honorierten Abschluss schichtspezifisch verteilt. Die Bildungserfolge der Kinder und Jugendlichen hängen in Deutschland besorgniserregend eng mit der sozioökonomischen Situation ihrer Eltern - sowie deren Position im Erwerbsleben - zusammen.

Noch dramatischer fällt die enge Korrespondenz von sozialer Herkunft und Bildungserfolg aus, wenn die Schul- und Ausbildungsabschlüsse der Eltern betrachtet werden. So ist es bereits allseits bekannt, dass Kinder von Eltern mit Abitur bzw. Fachabitur in einem wesentlich stärkeren Maße das Gymnasium besuchen, als dies Kinder tun, deren Eltern niedrigere Schulabschlüsse besitzen (vgl. BECKER 2000, nach HRADIL 2001, S. 164-168). Als noch gravierender erweist sich die Bildungssituation unter den Migrantenjugendlichen. So ist tendenziell der Anteil der Migranten an Hauptschulen doppelt so hoch wie der von autochthonen Schülern. Mit dem Abitur schließen nur ca. 10% von ihnen ab, während ca. 25% ihre Schullaufbahn ohne jeglichen Abschluss beenden. Im Vergleich dazu liegt die Quote bei Schülern, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, bei 8% ohne Schulabschluss (vgl. HURRELMANN 2004, S. 86f.). Die Gründe für diese erheblichen Unterschiede sind vielfältig - z. B. ungünstigere Lernbedingungen in der (Migranten-)Familie und in der Schule, vorhandene Sprachdefizite - und nicht allein auf das Bildungsniveau in der Herkunftsfamilie zurückzuführen.

1.1.3 Demografische Veränderungen und die Multikulturelle

Situation/Gesellschaft[2]

In Deutschland lebten Ende des Jahres 2003 ca. 83 Millionen Einwohner, von denen verfügten 7,3 Millionen über eine ausländische Staatsangehörigkeit (Statist. Bundesamt 2004). Die meisten Migranten, die hier leben, kamen ursprünglich aus der Türkei. Ende des Jahres 2003 waren es 1 877 661 Menschen, die mit einer türkischen Staatsbürgerschaft in Deutschland ansässig waren. Ein hoher Prozentsatz stammt zudem aus Italien, Griechenland und dem früheren Jugoslawien. Es lässt sich also erkennen, dass Deutschlands Gesellschaft multiethnisch bzw. multikulturell ist, da zu den Kulturen der einheimischen Majorität die vielen Kulturen der eingewanderten Minoritäten hinzugekommen sind (vgl. MECHERIL 2002, S. 15ff.). Oft wird jedoch die Realität des multikulturellen Deutschland zugunsten eines sturen Glaubens an eine Gesellschaft als ein ethnisch homogenes Kollektiv in der Öffentlichkeit verdrängt. Solche Sichtweise kann u. a. dazu führen, dass Migranten jeden Alters soziale Ungleichheit erleben, die wiederum in Diskriminierung, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit übergehen kann (vgl. MARSCHKE 2003, S. 49). Die multikulturelle Realität mit all ihren konstruktiven und weniger konstruktiven Auswirkungen findet sich auch in gesellschaftlichen Institutionen wie z. B. der Schule wieder. Kinder mit Migrationshintergrund unterliegen wie einheimische Kinder der Schulpflicht. So ist die Schule der Ort, wo sich beide über einen längeren Zeitraum begegnen. Fast automatisch treffen dort verschiedene Normen, Werte, Sprachen, Religionen und andere kulturelle Besonderheiten aufeinander, so dass mitunter heftige Diskussionen zwischen autochthonen und allochthonen Kindern und Jugendlichen entstehen können. Des öfteren kommen sich Migrantenkinder und Kinder der Mehrheitsgesellschaft mit einem ganzen Bündel an unterschiedlichen Einstellungen, Verhaltensweisen und Voreingenommenheiten näher. Einher geht dies mitunter mit einem Mangel an sinnstiftenden Orientierungshilfen im kulturellen Raum der jeweils eigenen Heimatkultur als auch der anderen Kulturen. Die Institution Schule müsste die Fragen und Ängste der jungen Menschen diesbezüglich stärker aufgreifen und sie zu einem konstruktiven Umgang mit Fremdem und Vertrautem sowie zu einem solidarischen Miteinander anleiten. Diesem Aspekt kommt eine besondere Bedeutung zu, da nach Zuwanderungsprognosen die Zuwanderung in den kommenden Jahrzehnten aus demografischen Gründen steigen wird und ihr “jugendliches Image“ beibehält (vgl. ANDERSEN / WOYKE 2003, S. 18). Denn im Vergleich zur inländischen Bevölkerung weist die Bevölkerung mit Migrationserfahrung eine junge Altersstruktur auf. Die Herausforderungen der multiethnischen Gesellschaftsform in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts wirken sich also z. B. auf die Realität in den Schulen aus und damit auch auf das Erleben und Handeln der Schüler. Zukünftig wird dies noch stärker der Fall sein. Das stellt die gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen vor immer neue Herausforderungen.

Neben dem Migrationsgeschehen in Deutschland wirken sich die Veränderungen im Bereich der Bevölkerungsentwicklung auf die Lebenszusammenhänge der Kinder und Jugendlichen aus und stellen ein weiteres Element der veränderten Aufwachsbedingungen der jungen Generation dar. Demografische Trends zeigen in Deutschland verstärkt in Richtung einer alternden Gesellschaft und einer schrumpfenden Bevölkerungszahl, da die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Geborenen künftig immer deutlicher übersteigen wird und die Anzahl der alten Menschen stark zunimmt. Der Anteil der Menschen unter 20 Jahren an der deutschen Bevölkerung wird von ca. einem Fünftel im Jahre 2001 auf ein Sechstel im Jahre 2050 sinken. Im Gegensatz dazu erhöht sich der Anteil der Menschen über 60 in der gleichen Zeitspanne von ca. einem Viertel auf mehr als ein Drittel und der Anteil der Personen über 80 Jahren wird sich verdreifachen und könnte im Jahre 2050 bei ungefähr 12% liegen (Statistisches Bundesamt 2003). Ursächlich für diese demografischen Veränderungen sind im wesentlichen zwei Grundtendenzen: Erstens hat sich die Lebenserwartungszeit stetig verlängert, was u. a. auf die verbesserte Gesundheits- und Lebensqualität der Deutschen zurückzuführen ist. Zweitens ist die anhaltende niedrige Geburtenrate der deutschen Frau - 1,4 Kinder bringt sie durchschnittlich zur Welt - (vgl. http://europe.eu.int/scadplus/leg/de/cha/c10128.htm, 07.09.2005) ursächlich. Wegen der Verschiebung der Anteile zugunsten der Senioren wird es aller Voraussicht nach für die Kinder und Jugendlichen zukünftig komplizierter, ihre Bedürfnisse und Interessen im Vergleich zu den älteren Generationen im gesellschaftspolitischen Kontext durchzusetzen (vgl. HURRELMANN 2004, S. 15). Die sich bereits heute abzeichnende Ungerechtigkeit in der Verteilung der materiellen Ressourcen und Investitionen zwischen Alt und Jung wird sich zukünftig weiter zuspitzen.

1.2 Kinder und Jugendliche in Deutschland

1.2.1 Kindheit heute – Merkmale und Trends

Im Zuge der oben beschriebenen soziostrukturellen Veränderungen traten im

Laufe der letzten beiden Jahrhunderte die Veränderungen im Kindsein in Deutschland deutlich hervor. Das Kindsein hat sich hierzulande erheblich gewandelt. Kinder wachsen heutzutage in anderen gesellschaftlichen Kontexten auf. Das Wesen der Kindheit wird modifiziert. Erzählen beispielsweise Urgroßeltern von ihrer Kindheit und unter welchen Bedingungen sie aufwuchsen und sozialisiert wurden, lassen sich signifikante Unterschiede zu denen ihrer Urenkel heute feststellen. Veränderungen gab es vor allem im Bereich der Demografie (z. B. gestiegene Lebenserwartung – vgl. dazu Pkt.1.1.3 -, niedrigere Geschwisterzahl), im Bereich der Arbeit (Zunahme der Müttererwerbstätigkeit, Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz, zunehmendes Risiko des Arbeitsplatzverlustes), im familiären Bereich (z. B. vermehrter Umgang der Kinder mit Erwachsenen in der „Einkind-Familie“, Pluralität der Familienformen) und im Bereich der staatlichen Institutionen (Entstehung neuer Schultypen, flächendeckendere Einrichtungen von Kitas und anderen Betreuungsformen) (vgl. HARDACH-PINKE 1993, S. 35-42). Auch die essentielle Eltern-Kind-Beziehung ist im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen zu betrachten.[3] Das gegenwärtige modernisierte Eltern-Kind-Verhältnis wird u. a. von einer Lockerung bestimmter Zwänge, Respektreduzierung gegenüber der älteren Generation, aber auch von einem Rechtfertigungszwang für Auflagen und Erwartungshaltungen an das Kind geprägt. Der heutige Erziehungsstil ist tendenziell eher kindzentriert und wird von partnerschaftlichen Umgangsformen dominiert. Kommunikation stellt einen wichtigen Faktor in der Eltern-Kind-Beziehung dar. Es hat sich gewissermaßen ein Übergang vom „Befehlshaushalt“ der Eltern zum „Verhandlungshaushalt“ der Kinder vollzogen (vgl. DE SWAAN 1982, nach NAVE-HERZ 1994, S. 62). In diesem Zusammenhang weist BÜCHNER auf eventuell eintretende Probleme hin. Er meint:

„(...) Schwierig wird es nicht dann, wenn Eltern keine Befehle mehr ausgeben; Schwierigkeiten entstehen dann, wenn es am Verhandlungspartner fehlt - innerhalb und außerhalb der Familie. Insofern kommt es darauf an, soziale Lernmöglichkeiten für Kinder dort bereitzustellen, wo diese nachweislich fehlen.“ (BÜCHNER 1992, nach SÖRENSEN 2001, S.41).

Kindheit heute wird oft beschrieben mit Begriffen wie z. B. Medien- und Konsumkindheit, Verinselung, Pluralisierung, Verhäuslichung und Verrechtlichung der Kindheit, Auflösung der familiären Systeme etc. Wie sich die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen auf kindliche und jugendliche Lebenszusammenhänge sowie deren Erleben konkret auswirken können, zeigen die nachfolgenden Ausführungen.

Familien waren und sind den verschiedenen gesellschaftlichen Umständen und Umbrüchen zum Trotz in aller Regel die primäre Sozialisationsinstanz. Obwohl das gesamte soziale Netzwerk außerhalb der Familie (z. B. Gleichaltrigengruppe, Schule, Jugendhilfe) große Bedeutung für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen hat, spielt die Familie immer noch die zentrale Rolle in ihrem Leben. Zwar wird sie immer weniger im Sinne einer Versorgungsgemeinschaft betrachtet, dafür aber „als Ressource, (...) emotionaler Rückhalt, (...) Ort von Verlässlichkeit, Treue und Häuslichkeit verstanden“. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002, S. 125). Die Familien zählen also zu den wichtigsten Bausteinen der Gesellschaft, da sie Orte der Geborgenheit sind und sie die Kinder am stärksten prägen. Durch die Familie werden Kindern die in einer Gesellschaft üblichen Normen und Werte vermittelt, Begabungen können frühzeitig erkannt sowie gefördert werden und in der Familie wird soziales Verhalten erlernt und erprobt. Je vielschichtiger und differenzierter jedoch diverse gesamtgesellschaftliche Prozesse wie z. B. Ausbildung, Beruf, Öffentlichkeitswahrnehmung geworden sind, desto weniger gelingt es der Familie ohne unterstützende Angebote des Staates ihr(e) Kind(er) erfolgreich auf das Erwachsenenleben vorzubereiten und umso mehr steigt der Bedarf an institutioneller Unterstützung in diesem Bereich. Heutzutage stehen den Familien und Kindern eine Vielzahl an staatlichen Einrichtungen bzw. Institutionen zur Seite, die jeweils spezifische Erziehungs-, Bildungs-, Lern-, uns Förderungsintentionen verfolgen (vgl. PIEPER 2003, S. 24). Des weiteren wirken sich - im positiven wie im negativen Sinne - unzählige politische Regelungen auf das Familienleben aus. So beeinflussen beispielsweise die Höhe des Kindergeldes oder die Streichung des Haushaltsfreibetrages für Alleinerziehende das monatliche Nettoeinkommen der Familie in nicht zu unterschätzendem Maße (vgl. ebd., S. 30). Die Höhe der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel wirkt sich aber auf das familiäre Zusammenleben sowie das kollektive Wohlbefinden aus.

Auch im juristischen Sektor ist Kindheit heute großflächig abgesichert. So haben Kinder nach § 1631 Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, § 1666 BGB lässt Kindern einen rechtlichen Schutz vor Misshandlung angedeihen (vgl. PESCHEL-GUTZEIT 2003, S. 74). Das Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit und das Kinder- und Jugendhilfegesetz machen die veränderte Wahrnehmung des Kindes - der Kindheit - deutlich. Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass in zunehmendem Maße mittels der heutigen Massenmedien - vor allem TV, Bücher, Internet - unzählige Erziehungsideale und –methoden transportiert werden. Für fast alles scheint es Empfehlungen zu geben, die den geneigten Eltern - begonnen beim pädagogisch wertvollen Spielzeug über angemessene Erziehungsmethoden bis hin zur Höhe des Taschengeldes - das vermeintlich Beste nahe legen. Anzumerken gilt in diesem Zusammenhang, dass vor allem die Fülle der Erziehungskonzepte die Eltern verunsichern kann in dem, was nun wirklich wichtig für die Entwicklung ihres Kindes ist. So ist es angezeigt, dass die Institutionen, die sich um die Erziehung der Kinder außerhalb der Familie sorgen, eine willkommene Entlastung für die Eltern bieten (vgl. ROLFF / ZIMMERMANN 2001, S. 136).

Anhand der angeführten Beispiele lässt sich erkennen, dass die Kindererziehung bei weitem nicht mehr allein im Privaten vollzogen, sondern vielmehr von der Öffentlichkeit direkt und auch indirekt mit beeinflusst wird. BAACKE bezeichnet dieses Phänomen als eine „Vergesellschaftung der Kindheit“ (BAACKE, S. 92ff.). Vergesellschaftungsprozesse vollziehen sich – entsprechend der anderen Lebensphase modifiziert[4] – auch bei der Jugend.

1.2.2 Signifikante Bestimmungsmerkmale von Jugend

Das heutige soziologische Verständnis von Jugend geht auf ein Modell von der (männlichen)[5] Jugend des Bürgertums Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Nach diesem Modell war die wesentliche Aufgabe der Jugendlichen in dieser Phase, sich auf ihr künftiges Berufsleben vorzubereiten. Dies geschah mittels umfassender schulischer Bildung und Qualifizierung. In dieser Zeit waren die jungen Heranwachsenden vom Produktionsprozess ausgeschlossen (vgl. HURRELMANN 2004, S. 21). Das damit verfolgte Ziel bestand – und besteht auch heute noch - in der Herausbildung einer stabilen Persönlichkeit und einer starken Ich-Identität als Voraussetzung „(...), um in einer sich individualisierenden, äußere soziale Kontrollen und festlegende Milieus abbauenden Gesellschaft bestehen zu können (...).“ (MÜNCHMEIER 2001, S. 816). Des weiteren hebt MÜNCHMEIER hervor, dass es in dieser Phase von Bedeutung ist, durch den Erwerb eines qualifizierten Berufsabschlusses und die Aneignung von sozialen Schlüsselkompetenzen wichtige Voraussetzungen für die gesicherte materielle Existenz in der Wissensgesellschaft zu schaffen (vgl. ebd.).

Im folgenden wird auf wesentliche Bestimmungsmerkmale der Jugendphase eingegangen. Aus soziologischer Perspektive heraus argumentiert, trägt Jugend diese Charakteristika:

„Jugend ist eine gesellschaftlich institutionalisierte, intern differenzierte Lebensphase, deren Verlauf, Ausdehnung und Ausprägungen wesentlich durch soziale Bedingungen und Einflüsse (sozioökonomische Lebensbedingungen, Strukturen des Bildungssystems, rechtliche Vorgaben, Normen und Erwartungen) bestimmt sind. Jugend ist keine homogene Sozialgruppe, sondern umfasst unterschiedliche „Jugenden“. (SCHÄFERS / SCHERR 2005, S. 23).

Letzteres impliziert, dass es die Jugend als eine einheitliche soziale Gruppe mit identischen Lebensbedingungen und Verhaltensweisen nicht gibt. Vielmehr findet sich eine Vielfalt an Lebensstilen und Identifikationsmustern innerhalb dieser „Großgruppe“. Klar ersichtlich ist, dass auch im obigen Zitat auf das Phänomen der „Vergesellschaftung“ der Jugend eingegangen wird.

Die Jugend stellt somit heutzutage nicht mehr nur eine mehr oder weniger kurze Übergangsphase vom Kindes- zum Erwachsenenalter - wie in vergangenen Zeiten - dar. Vielmehr ist sie zu einer eigenständigen Lebensphase[6] Heranwachsender aller sozialen Schichten mit ganz eigenen Aufgaben geworden, die nur schwer durch ein bestimmtes Lebensalter abgegrenzt werden kann. Zwar ist das Lebensalter ein wesentliches Konstitutionsmerkmal von Jugend, doch

„Was Jugend bedeutet - und zwar sowohl für die Gesellschaft als auch für die jungen Menschen selbst – wird weitaus stärker durch die gesellschaftlichen Muster, durch die Vergesellschaftung der Jugendphase, bestimmt als durch das Lebensalter selbst.“(MÜNCHMEIER 2002, S. 816).

Hieraus geht hervor, dass die Jugend eine soziale Konstruktion darstellt, die sich – ohne dass das im o. g. Zitat explizit genannt ist – im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung und der damit einhergehenden Veränderungen in den Normen- und Wertvorstellungen ebenfalls verändert – sie unterliegt einem regelrechten „Strukturwandel“. Die These vom Strukturwandel der Jugend besagt,

„(...) dass sich gegenwärtig nicht nur einzelne Verhaltensweisen, Orientierungsmuster und Einstellungen der Jugendlichen wandeln, sondern dass innere Qualität, Zuschnitt und Aufgabenstruktur des Jugendalters, das, was Jugend historisch-gesellschaftlich war, sich in unseren Tagen auflöst (...).“ (MÜNCHMEIER 2000, S. 817).

Als Ergebnis dieses Strukturwandels wird die „Entstrukturierung“ bezeichnet, die u.a. folgende Merkmale trägt:

- Ausdehnung der Jugendphase „nach unten“ (Vorverlagerung der Sexualreife) - auf Kosten von Kindheit – und „nach oben“ bis an das 30. Lebensjahr
- Aneinanderreihung mehrerer Ausbildungsphasen ohne Einstieg in das Erwerbsleben
- „Warteschleifen“ vor Ausbildungs- und Berufseintritt (vgl. HURRELMANN 2004).

1.3 Epochaltypische Schlüsselprobleme der Lebensbewältigung

Im Rahmen der Diskussion um die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse findet - wie unter Punkt 1.1.1 bereits festgestellt - das Konzept der „Individualisierung“ in modernen Gesellschaften regen Zuspruch. Zur Erinnerung: BECK versteht unter Individualisierung die Aspekte, dass im Zuge von Modernisierungsprozessen die Lebensverläufe der Individuen immer weniger vorgegeben und stärker offener und entscheidungsabhängiger sind. Dieser Prozess der Individualisierung bedeutet für den Einzelnen jedoch nicht nur eine Freisetzung und Erweiterung seiner Lebensperspektiven/Lebensoptionen, sondern verlangt gleichzeitig die Fähigkeit von ihm, sich neu zu orientieren, um sich in einer „veränderten Welt“ zurechtfinden zu können.

„Die Subjekte werden zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Lebensführung, der Einzelne muss lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen“ (BECK 1986, S. 217).

Daraus resultieren jedoch die unterschiedlichsten Lebensstile, Interessenlagen, Werte und Handlungsweisen, die sich auch diametral gegenüberstehen können. Dies kennzeichnet die heutige pluralistische Gesellschaft.[7] Gegenwärtig tragen also die in Deutschland lebenden Menschen - in einem starken Maße in Eigenregie - die mitunter belastende Verantwortung für eine von ihnen selbst und der gesellschaftlichen Mehrheit akzeptierte und emotional zufriedenstellenden Lebensgestaltung . Immer öfter tun sich hierbei aber Widersprüche zwischen den objektiven Lebensbedingungen und den subjektiven Möglichkeiten der Gestaltung der Lebensführung auf. Realistische Zukunftsperspektiven und Zukunftschancen von Kindern und Erwachsenen hängen wesentlich davon ab, inwieweit sie sich den alltäglichen Lernanforderungen und Entwicklungsherausforderungen stellen und sie produktiv verarbeiten können. Viele Widerspruchskonstellationen fordern den Menschen jeden Tag auf ein Neues heraus und jedem obliegt es, sie zu bewältigen oder daran zu scheitern. Im Folgenden werden einige prägnante Widersprüchlichkeiten im alltäglichen Leben in Anlehnung BRAUN / WETZEL (2000) vorgestellt.

1.3.1 Selbstvertrauen erreichen zwischen steigender Autonomie und mangelndem Rückhalt

Während der vergangenen zwanzig Jahre hat sich die Art und Weise des Kommunizierens und Interagierens zwischen den Eltern und Heranwachsenden deutlich verändert. Der Übergang vom „Befehlshaushalt“ der Eltern zum „Verhandlungshaushalt“ der Kinder (s. o.) bedingte, dass das hierarchische Gefälle in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern weitestgehend abgebaut wurde. Dominierten in der Vergangenheit ein autoritärer Erziehungsstil und ein damit einhergehendes Kommunikationsverhalten, lässt sich heutzutage ein eher demokratischer Erziehungsstil der Eltern den Kindern und Jugendlichen gegenüber erkennen (vgl. z. B. ROLFF / ZIMMERMANN 2001, S.136ff.). Demzufolge haben Heranwachsende gegenwärtig in einem besonderen Maße die Option, ihr Handeln eigenständig zu bestimmen und erhalten damit die Chance ihre eigene Autonomie sukzessiv aufzubauen und zu erweitern. Es gilt das Motto: Vieles gemeinsam verhandeln in Form von Diskussionen und Erläuterungen statt einseitig auf Verbote bzw. Gebote zu setzen. PREUSS-LAUSITZ stellt darüber hinaus fest, dass „(...)heutigen Kindern im Vergleich zu vorausgehenden Kindergenerationen größere Handlungsspielräume und mehr Entscheidungsmacht über ihre eigenen Lebensverhältnisse zugewiesen werden.“ (PREUSS-LAUSITZ 1990, nach NAVE-HERZ 1994, S. 62). Kritisch betrachtet kann dieser Sachverhalt auch so ausgelegt werden, dass den Kindern bereits ab frühester Kindheit abverlangt wird, permanent Entscheidungen zu fällen.

Damit die jungen Heranwachsenden zu einer selbst bestimmten Lebensführung gelangen können, bedürfen sie - vor allem im Kindesalter - der physischen und psychischen Anwesenheit sowie der Unterstützung von erwachsenen Bezugspersonen, die bei der Verarbeitung bzw. Aufarbeitung von Konflikt- bzw. Krisensituationen im alltäglichen Geschehen vor Ort sind und ggf. helfend zur Seite stehen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Heranwachsende das notwendige Selbstvertrauen in ihre eigene Entwicklungs- und Lernfähigkeit aufbauen und erweitern können. Es gilt jedoch festzuhalten, dass eine immer größer werdende Anzahl von Familien diese an sie gerichteten gesellschaftlichen und entwicklungsbedingten Anforderungen nicht mehr zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten erfüllen kann. Familien sind zunehmend nicht mehr ausreichend in der Lage, ihren Kindern kontinuierliche und vor allem verlässliche und vertrauensvolle Sozialbeziehungen anzubieten (vgl. THOMÄ 1999, nach SÖRENSEN 2001, S. 26). Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich deshalb dazu genötigt, Ersatzbeziehungen zu suchen, die sie in verstärktem Maße u. a. in den neuen Kommunikationsmitteln wie Internet und TV finden (vgl. SÖRENSEN 2001, S. 26).

Besonders der Fernseher avanciert zu einem neuen, verlässlichen „Familienmitglied“[8], das wohl auch Formen der Sozialisation und der Erziehung übernimmt und Veränderungen im Sozialverhalten der Kinder bewirken kann. Feststellbar ist, dass die traditionellen sozialerzieherischen Aufgaben, die der Familie obliegen, nicht ausreichend erfüllt werden. Vor allem Lehrer beklagen sich verstärkt über das mangelnde Sozialverhalten ihrer Schüler - und das bereits im Grundschulalter[9].

Gründe für einen fortschreitenden Verlust traditioneller Funktionen der Familie sind zahlreich vorhanden. Zum einen ist in diesem Zusammenhang der sogenannte „Strukturwandel der Familie“ anzuführen. Dessen Charakteristika und Konsequenzen fassen GRIES / RINGLER kurz und prägnant zusammen:

„So werden Mehrgenerationenfamilien immer seltener, Einpersonenhaushalte nehmen zu, weniger Ehen werden geschlossen, mehr Ehen bleiben kinderlos, Mehrkinderfamilien werden immer seltener, nichteheliche Geburten nehmen zu, die Anzahl der allein Erziehenden und der Scheidungen steigt, die außerhäusliche Erwerbstätigkeit verheirateter Mütter und allein Erziehender ist in den letzten Jahren stark gestiegen“ ( GRIES / RINGLER 2002, S. 96).

Zum anderen wirken sich die verschlechterte Situation auf dem Arbeitsmarkt sowie die nicht immer konstruktiven sozialpolitischen Entscheidungen/Rahmenbedingungen auf die Beziehungen zwischen Eltern und Heranwachsenden aus. Für den Fall, dass Eltern über einen Arbeitsplatz verfügen, verlangt der Arbeitgeber von ihnen eine hohe Bereitschaft zur Flexibilität - zeitlich wie räumlich. Selbst wer einen relativ krisensicheren Job hat, muss kontinuierlich seinen aktuellen beruflichen Wissensstand mittels Fort- und Weiterbildungen erweitern. Angesichts dessen bekommen Kinder und Jugendliche in immer jüngeren Jahren die negativen Aspekte der Leistungsgesellschaft zu spüren und die Kindheit und Jugend ist nicht mehr die sorgenlose Zeit, die sie vielleicht – zumindest in gut situierten Elternhäusern - zu früheren Zeitpunkten in der Geschichte war. Einerseits eröffnet dieser Umstand eine große Anzahl an Gestaltungsspielräumen, andererseits steigt die persönliche Verantwortung und Belastung. Der zeitgemäße Arbeitnehmer soll – wie bereits oben angeführt - die permanente Bereitschaft zeigen, räumlich und zeitlich stets bereit zu sein, damit er flexibel eingesetzt werden kann und somit seine Chance erhält, den Arbeitsplatz und persönlichen Lebensstandard zu sichern. Aufgrund der organisatorischen und sonstigen Bedingungen am Arbeitsplatz kommt es also zu einer immensen Verknappung von Zeit und zu einer Handlungsverdichtung. Damit einhergehende individuell empfundene Belastungssituationen können Ängste, psychische- und psychosomatische Beschwerden nach sich ziehen. Ein Zuviel an Arbeit wirkt sich u. U. ähnlich konflikterzeugend auf Familienbeziehungen aus wie ein Zuwenig:

„Dauerarbeitslosigkeit, Verarmung, Erosion sozialer Netze sind Faktoren, die viele Familien überfordern können. Sie sind eine Belastung und bewirken eine Verschlechterung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen“ (ebd., S. 97)

[...]


[1] TIMSS: Third International Mathematics and Science Study. Diese internationale Studie wurde 1997 durchgeführt, um die mathematischen Fertigkeiten und Fähigkeiten von Schülern zu testen. Die Leistungen der deutschen Schüler lagen dabei im internationalen Vergleich nur im unteren Mittelfeld. Diese Tatsache löste in der deutschen Bildungspolitik den so genannten „TIMSS-Schock“ aus, der – im Verbund mit dem „PISA-Schock“ - zu verstärktem Nachdenken über die Veränderung von Unterrichtsmethoden und schulischen Strukturen führte. Nicht zuletzt erhielt hieraus auch die Diskussion zur Öffnung von Schule und zur Gewinnung von Kooperationspartnern – z. B. aus der Jugendhilfe – kräftige Impulse. Der Ausbau der Ganztagsgrundschule in einer Reihe von Bundesländern ist ebenfalls mit ein Ergebnis dieses Prozesses.

[2] Multikulturelle Gesellschaft beschreibt, „Das Zusammenleben von Menschen, deren Kenntnisse, Glaubensvorstellungen, Künste, Sitten, deren Rechte, deren Gewohnheiten und Fähigkeiten, deren gesellschaftliches Leben und deren Werte auch und vor allem im Alltag durchaus voneinander abweichen können“ (RICHTER 2000, S. 8). Ferner ist darauf hinzuweisen, dass eine Eigenschaft von Multikulturalität darin besteht, dass nicht nur die Gesellschaft als faktisch multikulturell oder multinational zu beschreiben ist, sondern auch, dass jeder Mensch mehreren „Kulturen“ angehört. Eine Vorstellung darüber, wie eine Gesellschaft mit ihren Verschiedenheiten umgehen soll, entwickelt NIEKE und erläutert diese in zwei Stufen. Die erste Stufe bezeichnet die Akzeptanz der Tatsache einer multikulturellen Gesellschaft inklusive aller darin enthaltenen Ungleichheiten. Die daran gekoppelte Herausforderung gilt es dabei im ersten Schritt zu akzeptieren. Die zweite Stufe bezeichnet die faktische Gleichheit - politisch wie ökonomisch - ohne eine Assimilation der Einwanderer in Kauf nehmen zu müssen (vgl. NIEKE 2000). Realisiert ist dieser Zustand jedoch (noch) nicht.

[3] Eine nähere Auseinandersetzung mit den Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehung im Laufe der Jahrhunderte findet sich bei LLOYD DE MAUSE 1977, S. 12-111. Er zeigt dort auf, dass Eltern zunehmend in der Lage sind, sich in die psychische Situation ihrer Kinder zu versetzen.

[4] Laut BAACKE ist für die Vergesellschaftung von Jugend kennzeichnend, dass abstrakte soziale Regelungen und Handlungsweisen, die nicht mehr an der unmittelbaren Lebenswelt der Jugendlichen orientiert sind, ja diese sogar substituieren, global von Jugendlichen aufgegriffen und „ausgelebt“ werden, z. B. die kritiklose Nachahmung des Lebensstils und Gehabes von „Superstars“. Darüber hinaus gewinnen die (Werbe-)Medien dominierenden Einfluss auf die Lebensweise der Jugendlichen. Der Einfluss der Eltern geht demgegenüber signifikant zurück; ein weiteres Indiz für Vergesellschaftung. (vgl. BAACKE 1994, S. 46f.).

[5] Der Erwerb eines Berufsabschlusses bildete für weibliche Angehörige des Bürgertums bis in das 20. Jahrhundert hinein eher eine Ausnahme; auch insofern unterschied sich die Jugend der Mädchen von der der Jungen.

[6] Noch bis 1900 war die Jugend als eine eigenständige Phase in der Lebensbiografie des Menschen den Wissenschaftlern unbekannt (vgl. ARIES 1975, nach HURRELMANN 2004, S. 19). Sie beschrieb vielmehr die Übergangsphase/Zwischenphase vom Kindesalter zum Erwachsenenalter, die mit biologischen und psychologischen Entwicklungsschüben einherging.

[7] Der Begriff „Pluralistische Gesellschaft“ bezeichnet einen in der modernen westlichen Welt signifikanten Gesellschaftstyp, in dem vor allem die verschiedenen - z. T. konfliktträchtigen - Weltanschauungen, Werte, Interessen, Lebensstile und Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen. Dem Einzelnen wird darin ein großer Freiheits- und Entfaltungsraum, allerdings verbunden mit erhöhten Gefahren der Desorientierung und Verhaltensunsicherheit, zugesprochen (vgl. HILLMANN 1994, S. 672).

[8] Ausführlicher dazu z. B. die empirische Untersuchung von BETTINA HURRELMANN zum „Familienmitglied“ Fernseher . So werden dort in verschiedenen Familienformen ( z. B. Ein-Eltern-Familien, Zwei-Eltern-Familien, Familien mit mehr als zwei Kindern) jeweils charakteristische Merkmale, Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede im Fernsehgebrauch und der Fernseherziehung dargestellt (vgl. HURRELMANN/HAMMER/STELBERG 1996).

[9] MARIA FÖLLING-ALBERS führte dazu eine Untersuchung („Schulkinder heute“) mit Grundschullehrerinnen durch, bei der es u. a. um die Frage ging, wie die Grundschullehrerinnen die heutigen Kinder im Vergleich zu denen vor ca. 10 Jahren wahrnehmen. Bezogen auf das Sozialverhalten stellten sie eine steigende Ich-Bezogenheit (66%) fest, die sich u. a. durch eine vermehrte Erwachsenenzentriertheit und eine geringere Bereitschaft zu Rücksichtnahme ausdrückte. Als weiterer Aspekt der Veränderungen im sozialen Verhalten der Kinder wurde seitens der Lehrerinnen die steigende Anzahl an Aggressionen beobachtet.

Details

Seiten
109
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638497022
ISBN (Buch)
9783638709033
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54522
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Schülerclubs Innovationszellen Reaktionen Sozialen Arbeit Aufwachsbedingungen Kindern Jugendlichen

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Titel: Schülerclubs als Innovationszellen? Reaktionen der Sozialen Arbeit auf die veränderten Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen