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Theodizee-Frage. Welche Position beziehen Kinder zur Frage nach Gott und dem Leiden?

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theodizee-Problem
2.1 Theodizee: Was man darunter versteht
2.2 Voraussetzungen

3. Theodizee bei Kindern und Jugendlichen
3.1 Ausgangspunkt
3.2 Leiderfahrungen
3.3 Theodizee in Verbindung mit der Wahrnehmung der Religion und dem Gottesbild
3.4 Argumentationen als Lösungsansätze

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kurz vor Mitternacht. Ein Kino in den USA. Gespannt wartet das Publikum, darunter auch viele Kinder, auf die Premiere des neuen Batman-Films „The Dark Knight Rises“. Eine junge Frau twittert noch, dass der Film bereits 20 Minuten Verspätung habe. Dann geht es los. Etwa eine Viertelstunde später kommt ein schwarzgekleideter junger Mann mit Gasmaske, Helm und schusssicherer Weste in den Saal, wodurch er perfiderweise dem Bösewicht im Batman-Film ähnelt. Später stellt sich heraus, dass er zudem seine Haare rot gefärbt hatte, so wie ein anderer mörderischer Schurke des Batman-Universums – der Joker. Der Mann zündet Tränengas und fängt an zu schießen, erst in die Decke, dann auf die Menschen. Wahllos. Diese halten es zunächst noch für einen Teil der Inszenierung. Doch nun merken sie, dass es tödlicher Ernst ist. Der 24-jährige Student ermordet zwölf Menschen, darunter auch einen sechsjährigen Jungen und die Frau, die kurz vorher noch ihre Kurznachricht nach draußen gesandt hatte. Dazu kommen Dutzende Schwerverletzte. Später wird der Massenmörder festgenommen.“1

Dies ist nur ein Beispiel der vielen Katastrophen, die in unserer Welt geschehen. Oft handelt es sich um Taten, die für uns unbegreiflich sind und aus moralischer Perspektive eigentlich nicht vorhanden sein sollten. Katastrophen ergeben sich aber nicht nur aus solchen Verbrechen beziehungsweise den Taten von Menschen, denn auch Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben können Leid in unserem Leben hervorrufen. Solche Übel in der Welt, welche keinem höheren Sinn nützen, stellen den Glauben an Gott in Frage. „Si deus est, unde malum? […] Wenn Gott existiert, woher kommt dann das Leid?“2 Mit dieser Frage setzt sich das sogenannte Theodizee-Problem auseinander. Dieses Anliegen beschäftigt nicht nur Wissenschaftler, Theologen, Philosophen und Erwachsene. Auch Kinder im Grundschulalter und Jugendliche setzen sich bereits damit auseinander. Um herauszufinden, welche Positionen diese zur Frage nach Gott und dem Leiden beziehen, werde ich im Folgenden zunächst zum Verständnis den Begriff der Theodizee genauer unter die Lupe nehmen, um anschließend zur Theodizee bei Kindern und Jugendlichen überzuleiten. Im Anschluss wird der Ausgangspunkt dargestellt, ehe auf die Leiderfahrungen der Heranwachsenden eingegangen wird. Danach wird untersucht, in welcher Verbindung die Theodizee mit der religiösen Einstellung und dem Gottesbild steht, bevor die Argumentationsweisen als Lösungsansätze herausgearbeitet werden.

2. Theodizee-Problem

2.1 Theodizee: Was man darunter versteht

Der Begriff Theodizee lässt sich in die griechischen Wörter „theos (Gott) und dike (Gerechtigkeit)“3 zerlegen. Es hat also etwas mit der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes zu tun. Dabei geht es allerdings nicht darum, die Gerechtigkeit Gottes zu beweisen, sondern um die Rechtfertigung des Glaubens an Gott. Diese Rechtfertigung kommt durch den Widerspruch zustande, der durch die Eigenschaften Gottes (Allgüte, Allmacht, Allgewissenheit) kombiniert mit der Tatsache sinnlosen Leidens in der Welt entsteht.4 Aufgrund dessen ist auch der Begriff „Widerspruchsproblem“5 gebräuchlich. So kommt die Frage auf, ob Gott mit seiner Allgüte und Allmacht nicht eine Welt hätte erschaffen müssen, die dem Bösen keine Möglichkeit zum Bestehen gibt. Allerdings wird schon in der Bibel von tragischen Ereignissen wie der Sintflut berichtet, die von Gott mit dem Vorwand der Strafe über die Menschen losgetreten wurde.6 Das Theodizee-Problem wurde also aufgeworfen, da der „Gedanke an einen gütigen Gott als völlig unvereinbar erschien mit den schrecklichen Übeln in der Welt, die angeblich seine gute Schöpfung sein sollte.“7

2.2 Voraussetzungen

Allerdings kann nicht jeder über Gott in dem Sinn der Theodizee klagen. Deshalb muss es „logische Voraussetzungen“8 geben, damit man sich überhaupt erst in das Problem hineinversetzen kann.

Als erstes muss man davon ausgehen, dass es „Übel in der Welt gibt“9. Wenn man nicht annimmt, dass schlimme Dinge in der Welt passieren, kann man sich folglich auch nicht die Frage nach der Theodizee stellen, da es dann überhaupt keine Bedeutung besitzt.

Zum anderen muss man akzeptieren, dass „Gott existiert“10. Auch wenn es sich hier um eine umstrittene Aussage handelt, muss derjenige, der sich auf das Problem einlassen will, diese Bedingung annehmen. Die jüdisch-christliche Voraussetzung der Theodizee-Frage ist somit der „Glaube an den Weltschöpfer, ohne dessen Wille und Wissen nichts geschieht, auch kein Unglück und Böses Tun.“11

Als dritte Voraussetzung gilt die „Allmachtsvermutung“12, also der Gedanke, dass Gott allmächtig ist. Das bedeutet, Gott hat Einfluss auf einfach alles. Er schuf Himmel und Erde (Gen 1,1), er ließ das Licht auf der Erde entstehen, er erweckte Tiere (Gen 1, 24) und Menschen (Gen 1, 26) zum Leben.13 Man versteht unter Allmacht aber nicht nur Handlungsmöglichkeiten, sondern auch die Allwissenheit.14 Wenn jemand die Meinung vertritt, Gott sei schwach, kommt das Theodizee-Problem wiederum nicht zu Stande.

Als letzte Bedingung ist die „Gutheit Gottes“15 zu nennen. Denn wenn Gott böse wäre, würde er nicht die Verpflichtung eingehen, Menschen im Leid behilflich zu sein. Daher handelt es sich um eine unverzichtbare Bedingung, da das Problem mit einem bösen Gott keine Bedeutung hat.

3. Theodizee bei Kindern und Jugendlichen

Laut Rommel ist die Rede von Gott in der Öffentlichkeit so gut wie nicht mehr vorhanden, was auf das zutrifft, was der Philosoph Friedrich Nietzsche proklamierte: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!“16. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass Gott in den Gedanken heutiger Kinder und Jugendlicher sehr wohl noch präsent ist. Hier werden sehr unterschiedliche Positionen zu der Thematik angenommen, was im Folgenden noch deutlich wird. Die Theodizee-Frage kann als Argument gegen die Existenz Gottes vorkommen, sie kann nur in persönlichen Leidsituationen auftauchen oder aber auch gar nicht erst gestellt werden.17

3.1 Ausgangspunkt

Anstoß für die Theodizee-Frage bei Kindern und Jugendlichen ist zum einen das sogenannte „malum morale“18. Darunter versteht man das als ungerecht bewertete Verhalten der Menschen untereinander, also zum Beispiel Kriege und Attentate. Zum anderen ist das „malum metaphysicum“19 von Bedeutung, was Kategorien wie Krankheit, Tod und Leid der Tiere vertritt. Grundschulkinder wurden gebeten, ihre Fragen an Gott zu notieren, wobei festgestellt wurde, dass jeder Zweite das Theodizee-Problem ansprach. Also bestätigt sich die These von oben, dass das Problem in den Gedanken verankert ist. Dabei kamen Fragen auf wie: „Warum lässt du es zu, dass es Kriege und Hungersnöte gibt? Warum werden manche Menschen krank? Warum werden so viele Tiere getötet?“20 Dies liefert ebenfalls einen Beweis dafür, dass die Gedanken der Kinder oft um die Theodizee-Frage kreisen. Dagegen werden Naturkatastrophen selten thematisiert, was zu empirischen Ergebnissen der Vorstellung Gottes bei Jugendlichen passt. Demnach wird Gott als Schöpfer der Welt angesehen, aber nicht als naturmächtiger Gott.

Bei Umfragen wird aber fast nie die persönliche Leidsituation hinterfragt, es werden eher allgemeine Formulierungen für die Frage gewählt.21

3.2 Leiderfahrungen

Auch wenn das persönliche Leiden von Kindern selbst nicht thematisiert wird, bedeutet das nicht, dass es keins gibt. Denn sie machen sehr wohl Erfahrungen mit Leid.

Jedes zehnte Kind in Deutschland lebt in Armut. Das bedeutet, dass sich die Eltern beispielsweise keine Ausstattung für die Schule leisten können. Hier erkennen die Kinder ihre Situation viel eher als noch im Vorschulalter, da die Differenzen der materiellen Möglichkeiten deutlich werden. Damit in Verbindung steht das Thema Mobbing, was heutzutage nicht selten in solchen Kontexten vorkommt. Täter nutzen diese Unterschiedlichkeiten, um die Betroffenen zu schikanieren und ihnen das Schulleben somit zur Hölle zu machen. Auch Scheidungskinder leiden, da sie sich alleine fühlen und sich teilweise sogar die Schuld an der Trennung ihrer Eltern geben, was zu einer seelischen Erschütterung führen kann. Die Misstrauenserfahrungen führen oft zu Unmut mit dem christlichen Glauben und lassen Zweifel an Gott entstehen, da die gestörte Bindung mit dem leiblichen Vater auf das Gottesbild projiziert wird.

Schwere Erkrankungen wie Krebs führen bei Kindern und Jugendlichen ebenfalls zu Leiden, egal ob das Kind selbst erkrankt oder jemand aus dem näheren Umfeld.22

Somit erleben sie den Schmerz am eigenen Leib, egal ob sie einen nahestehenden Menschen verlieren, ob eine Liebesbeziehung in die Brüche geht oder Familien auseinanderbrechen.

Sie können das Leiden aber auch anders wahrnehmen, nämlich durch die Medien. Egal ob es sich um Attentate, Kriege oder Naturkatastrophen handelt, auch diese Aspekte lassen Kinder und Jugendliche nach Erklärungen suchen. Hier kommen dann Fragen auf wie beispielsweise diese: „Gott ist unser Schöpfer, er ist angeblich immer für alle da. Aber warum gibt es Krieg und Elend? Und warum geht es manchen Menschen besser als anderen?“23 Die Konfrontation mit solchen Konflikten muss aber nicht zwingend die Theodizee-Frage aufflammen lassen.

Bei der Verarbeitung ist die Stütze der Familie und Freunde für viele von großer Bedeutung, da sie ihnen Hoffnung auf ein baldiges Ende der Leiderfahrung geben und sie nicht alleine lassen. Auch der Gedanke, dass Gott da ist und einen unterstützt, lässt einen Lichtblick im Dunkeln entstehen. In diesem Fall spricht man von einer „positiven Theodizee […] da neben innerweltlich verankerten Bewältigungsstrategien gerade die religiöse Sicht auf die Wirklichkeit konstruktive Momente der Leidverarbeitung eröffnet.“24 Die Tatsache, jemanden in der Rückhand zu haben, der das Problem noch in letzter Sekunde beheben kann, ermutigt und stärkt Kinder und Jugendliche: „Ich stelle mir Gott als eine allgegenwärtige Vertrauensperson vor, die mir hilft, schwierige Situationen zu meistern. Ich habe ein Gefühl von Sicherheit, weil ich weiß, dass ich Gott vertrauen kann und er immer da ist.“25

Das genaue Gegenteil kann aber auch eintreten, wenn man einen Schicksalsschlag erlitten hat und somit keine Hilfe von Gott erhalten hat: „Ich habe oft versucht zu beten und an Gott zu glauben, aber er hat mir nur viele liebe Menschen weggenommen.“26

3.3 Theodizee in Verbindung mit der Wahrnehmung der Religion und dem Gottesbild

Der Konflikt von Heranwachsenden mit der Theodizee-Frage hängt nicht nur mit den Leiderfahrungen, sondern auch von ihrer Wahrnehmung der Religion sowie ihrer Einstellung zu Gott ab. Wie empirischem Datenmaterial zu entnehmen, hat das Theodizeeproblem „eine hohe Affinität dazu, ob das eigene Gottesbild als plausibel oder unplausibel empfunden wird und ob eine sichere, ambivalente oder unsichere Gottesbeziehung aufgebaut wurde.“27 Als Ausgangslage der Kritik kann man meist ein Gottesbild im positivem Sinne erkennen, was allerdings immer mehr zur Fiktion wird, denn die Gott zugeschriebenen Charakterzüge lassen sich in der Realität nicht nachweisen.

Die Studie von Ziebertz/Riegel untersuchte die Weltbilder Jugendlicher. Dabei verstehen die Autoren unter Weltbildern „kognitive Konstrukte, die kodieren, wie die Welt strukturiert ist, welche Stellung dem menschlichen Leben und welche Bedeutung dabei Religion und Glaube zukommen“28. Den Schülern wurde von den Forschern ein Fragebogen vorgelegt, der Items zu sechs verschiedenen Weltbildkonzepten beinhaltet, um die Frage nach der Existenz Gottes herauszufiltern.

Die Untersuchung zeigt, dass Items, die die Existenz Gottes voraussetzen, viel Anerkennung bekommen. Die höchste Zustimmung fand die Aussage, dass „der eine Gott in verschiedenen Religionen unterschiedlich benannt wird“29. Immerhin stimmen fast 75 % der Befragten zu, dass Gott existiert. Jugendliche, die als gläubig im christlichen Sinn betitelt werden können, sehen Gott als ihren Ansprechpartner an, der ihnen Kraft und dem Leben Sinn gibt.30 Allerdings sind 60% der Meinung, dass es sich um eine große Frage handelt, ob es Gott auch tatsächlich gibt, und ganze 45% zweifeln die Existenz an.

[...]


1 Thomas Hartmann: Gott im Himmel, das Böse auf Erden? Warum es Krankheit, Leid und Katastrophen gibt, Regensburg 2013, S. 11.

2 Ebd.

3 Klaus von Stosch: Theodizee, Paderborn 2013, S. 7.

4 Ebd.

5 Herbert Rommel: Mensch-Leid-Gott. Eine Einführung in die Theodizee-Frage und ihre Didaktik, Paderborn 2011, S. 18.

6 Hartmann: Gott im Himmel, das Böse auf Erden? S. 14.

7 Ebd.

8 Rommel: Mensch-Leid-Gott, S. 15.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Walter Sparn: [Art.]: Theodizee, in: Evangelisches Kirchenlexikon, hg. v. Erwin Fahlbusch u.a., Bd.3, Göttingen 1996, S. 726.

12 Rommel: Mensch-Leid-Gott, S. 17.

13 Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, hg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands u.a., Stuttgart 1980.

14 Rommel: Mensch-Leid-Gott, S. 17.

15 Ebd., S. 18.

16 Ebd., S. 12.

17 Eva Stögbauer: Leid und die Frage nach Gott bei Jugendlichen, in: Leid erfahren-Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, hg. v. Michael Böhnke u.a., Freiburg im Breisgau 2007, S. 150

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Barbara Hanekamp-Kalvelage: Warum nur? Die Theodizeefrage im Religionsunterricht der Primarstufe, Berlin 2007, S. 50f.

23 Stögbauer: Leid und die Frage nach Gott bei Jugendlichen, S. 147.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Ebd., S. 148.

28 Rommel: Mensch-Leid-Gott, S. 28.

29 Ebd., S. 29.

30 Stögbauer: Leid und die Frage nach Gott bei Jugendlichen, S. 148.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346166340
ISBN (Buch)
9783346166357
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v544359
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,3
Schlagworte
frage gott kinder leiden position theodizee-frage welche

Autor

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Titel: Theodizee-Frage. Welche Position beziehen Kinder zur Frage nach Gott und dem Leiden?