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Kinderarmut in Deutschland

Diplomarbeit 2004 94 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Die Infanitilisierung des Phänomens Armut
1. Einleitung
2. Armut in einem „reichen“ Land?
3. Kurzer historischer Überblick über die „Armut“
4. Umriss des Begriffs „Armut“ (Versuch einer Definition)
4.1. Definitionen von Armut
4.1.1. Der Ressourcenansatz
4.1.2. Der Lebenslagenansatz
4.2. Die Sozialhilfe als Armutsindikator?
5. Umfang von Kinderarmut in Deutschland (Zahlen und Fakten?)
6. Allgemeine Ursachen der Armut von Kindern und Jugendlichen
7. Der Globalisierungsprozess als Mitverursacher der Armut?
8. Von Armut gefährdete Kinder im Sozialstaat

Kapitel 2
Auswirkungen auf das Soziale Umfeld, die Sozialisation, die Psyche und die Gesundheit des Kindes im familiären Kontext
1. Allgemeine Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Hintergrundinformationen über die Bereiche Soziales Umfeld, Sozialisation, Psyche und Gesundheit)
2. Familien in der Arbeitslosigkeit
3. Auswirkungen auf das soziale Umfeld des Kindes
3.1. Familie: Be- oder Entlastung in der Arbeitslosigkeit?
3.2. Veränderung der familiären Rollen- und Beziehungsstrukturen
3.3. Veränderungen der Eltern- Kind- Beziehungen
3.4. Kindesvernachlässigung und Misshandlung
3.5. Armut aus Sicht der Kinder
4. Auswirkungen auf die Sozialisation und die Psyche des Kindes
4.1. Der Sozialisationsprozess und die Bedeutung einer uneingeschränkten Entwicklungsmöglichkeit
4.2. Dimensionen von Mangellagen, die eine kindliche Entwicklung belasten bzw. gefährden können
4.3. Psychische Auffälligkeiten bei Kindern in benachteiligten Lebenssituationen
4.4. Die Geschlechtsrolle der Armutssituation und das Selbstbild der Eltern in Bezug auf die Auswirkungen der psycho-sozialen Situation bei Kindern und Jugendlichen
4.5. Leistungsorientierung und schulische Entwicklung von armen Kindern
4.6. Berufslaufbahn und Erwachsenenpersönlichkeit der Kinder Arbeitsloser
5. Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes
5.1. Kinderarmut und Schichtzugehörigkeit?
5.2. Gesundheitliche Auswirkungen der Armut im Kindes- und Jugendalter
5.3. Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten
5.4. Zukunftsaussichten
6. Personale Ressourcen zur Bewältigung bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der familiären Situation

Kapitel 3
Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit
1. Kinderarmut als aktuelle Herausforderung für die Soziale Arbeit
2. Kinderarmut als sozialstaatliche Herausforderung
3. Kinderarmut als sozialarbeiterische Problemstellung
4. Sozialarbeiterische Handlungsansätze zur Armuts- bekämpfung
4.1. Sozialarbeiterische Interventionsebenen
4.2. Die Sozialplanung
4.2.1. Der Sozialplanungsprozess
4.2.2. Die Rolle der Sozialarbeit bei der Sozialplanung
4.3. Die Gemeinwesenarbeit
4.3.1. Der Umsetzungsprozess der Gemeinwesenarbeit
4.3.2. Die Rolle der Sozialarbeit bei der Gemeinwesenarbeit
4.4. Allgemeine Handlungsansätze gegen die Kinderarmut
4.5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Sonstige Literatur und Internetadressen

Anhang
Anlage1
Anlage 2

„Hat man viel, so wird man bald

Noch viel mehr dazu bekommen.

Wer nur wenig hat, dem wird

Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,

Ach so lasse dich begraben-

Denn ein Recht zum Leben, Lump,

Haben nur, die etwas haben.“

Heinrich Heine

Kapitel 1 Die Infanitilisierung des Phänomens Armut

1. Einleitung

„Armut oder gar Kinderarmut gibt es in Deutschland nicht.“ Dieser Mythos war bis Ende der neunziger Jahre in dem gesellschaftlichen Gedankengut fest verankert. Selbst für die Politik und Wissenschaft war die „Armut in Deutschland“ ein stark vernachlässigter Themenbereich, obwohl bereits im Jahre 1976 Heiner Geißler mit der Veröffentlichung seines Buches „Die neue soziale Frage“ auf eine wachsende Armutstendenz hinwies. In seinen Ausführungen stellte Geißler neue Formen von Unterprivilegierungen in der Bundesrepublik Deutschland heraus und behandelte das Thema Armut im Kontext des herrschenden Sozialstaates: >Armut im Wohlfahrtsstaat<. Es folgten eine Reihe von Armuts- und Sozialberichten der Wohlfahrtsverbände (z.B. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband 1989), Kirchen usw., die intensiv auf dieses gesellschaftliche Phänomen hinwiesen. Während der neunziger Jahre wuchs dann das Interesse an der Armutsproblematik und setzte eine Welle von Armutsforschungen in Gang. Eine interessante Erkenntnis ergab sich mit der Veröffentlichung des zehnten Kinder- und Jugendberichtes im Jahre 1998. Hier wurde zum ersten Mal im Auftrag der Bundesregierung die Armut im Blickfeld des politischen Interesses analysiert. Die Forschungsergebnisse enthüllten vor allem auch eine starke Betroffenheit bei Kindern und Jugendlichen in der BRD. Mittlerweile wird regelrecht von einer „Infantilisierung“ der Armut gesprochen, da die Kinderarmut immer erschreckendere Ausmaße annimmt. Die Kinderarmut und die soziale Ungerechtigkeit hat, bezogen auf den Ursachen und deren Auswirkungen, sehr viele unterschiedliche Facetten. Die Umstrukturierung des Sozialstaates im Sinne der Globalisierung, Arbeitslosigkeit, die Zunahme von Elternteilfamilien infolge hoher Scheidungsraten, Kinderreichtum und Migration werden vorrangig als Risikofaktoren für diesen Prozess genannt. Kinderarmut hat nicht nur Auswirkungen auf die materiellen Ressourcen der Kinder, sondern bezieht sich auch auf die persönliche Entwicklung, Gesundheit und auf die Bildungschancen.

Mit dem Erscheinen des ersten Armut- und Reichtumsberichts in der Geschichte der Bundesrepublik im Jahre 2000 wurde die Diskussion über Armut und Reichtum publik gemacht und enttabuisiert und somit offiziell in das politische und gesellschaftliche Interesse gerückt.

Für mich gibt es tiefgehende Gründe, weshalb ich das Thema „Kinderarmut in Deutschland – Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Soziales Umfeld, Sozialisation und Psyche, Gesundheit)“ zum Gegenstand meiner Diplomarbeit gemacht habe.

Zum einen habe ich bereits durch mein Projekt in der Frühförderstelle XXXX direkte Erfahrungen mit Kindern in Armutsverhältnissen machen können. So habe ich in der Frühförderung eine kleine Kindergruppe mitgeleitet und betreut. Eine wichtige Aufgabe in der Frühförderung ist unter anderem die Kinder „übergreifend“ zu betreuen und zu fördern. Dass heißt, dass die Kinder so gefördert werden müssen, dass sie die erzielten Fortschritte auch für zu Hause übertragen können. Dies setzt natürlich auch voraus, dass die familiären Verhältnisse auch näher beleuchtet werden müssen. Hausbesuche und Gespräche mit den Eltern sind hierfür wichtig. Leider litt ein Kind in unserer Gruppe auch stark unter Armut. Durch die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit diesem Kind habe ich eine Vielzahl von Eindrücken über die Armutsprobleme in der Familie erfahren. Nicht selten geht Armut einher mit Belastungssituationen, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, familiären Schwierigkeiten, persönlicher Unzufriedenheit oder auffälligem Verhalten und Schulproblemen. Zum anderen finden zur Zeit in Deutschland immer mehr Kürzungen in den Sozialleistungen statt. Im Rahmen der Agenda 2010 möchte die Bundesregierung Anfang 2005 die Sozialhilfe und die Arbeitslosenhilfe zum so genannten Arbeitslosengeld II zusammenlegen. Für die Empfänger dieser staatlichen Unterstützung wird es zur Folge haben, dass sie weniger Sozialleistungen erhalten. Dadurch kommt es zu einen weiteren Anstieg bei der Kinderarmut. Somit ist die „Armut“ bzw. „Kinderarmut“ ein zentrales Arbeitsfeld für die Soziale Arbeit.

Diese Arbeit lässt sich in drei Bereiche gliedern. Zu Beginn werde ich den Begriff „Armut“ (Kinderarmut) mit seinen Hintergründen, bezogen auf Umfang und Ursachen, näher erläutern. Anschließend folgt die Ausführung der unterschiedlichen Auswirkungen auf das Soziale Umfeld, der Sozialisation, der Psyche und der Gesundheit des Kindes. Zum Schluss werde ich dann noch auf die Handlungsansätze in der Sozialarbeit und der Sozialpolitik eingehen.

Auf die weltweite oder europäische Armutssituation wird in dieser Arbeit nicht eingegangen.

2. Armut in einem „reichen“ Land?

Die Armut in Deutschland wurde lange Zeit offiziell totgeschwiegen, jedoch gibt es trotzdem einige unterschiedlichen Definitionen von einigen Professionen über die Erscheinungsformen und die Auswirkungen der Armut. Am prägnantesten sind wohl die Bilder und Berichte aus der „Dritten Welt“, die uns im Zuge der Massenmedien bekannt gemacht worden sind. Diese Vorgaben erschweren es demzufolge soziale Notlagen in mitten eines Wohlfahrtsstaates, wie Deutschland zu erkennen. Mit Armut wird oft als erstes Hunger assoziiert, doch verhungern muß in Deutschland niemand mehr, so heißt es. Der notwendige Lebensbedarf, der nicht aus eigener Kraft finanziell gedeckt werden kann, wird durch die staatlichen Sozialleistungen erbracht.[1] Diese Ansichtweise führt nur all zu leicht zu einer Beschwichtigung bei der nicht zu unterschätzende Armut in Deutschland, denn sie ist allgegenwärtig. Jedoch auf den ersten Blick kaum sichtbar, da es in Deutschland nur wenige hungerleidende Straßenkinder gibt, die wie in der „Dritten Welt“, um Essen betteln. Fast alle armen Kinder haben ein Dach über den Kopf und meist genug zu essen, doch in einem Wohlfahrtsstaat muß die Armut aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, denn sie nimmt ganz andere Dimensionen an. Es geht nicht um das pure Überleben, sondern um die ungleiche Verteilung von Gütern und Dienstleistungen unter der Bevölkerung und die daraus resultierenden Benachteiligungen. Kinder, die arm aufwachsen sind oftmals sozial ausgegrenzt, da sie sich Dinge, wie beispielsweise einen Kinobesuch oder Geschenke für einen Kindergeburtstag kaum leisten können. In einer sozial schwachen Familie aufzuwachsen heißt: Benachteiligung in allen Lebensbereichen, in denen auch die Unterversorgung bei Bildung und Gesundheit mit inbegriffen ist. Mittlerweile lebt jedes siebte Kind (circa 2 Millionen) in einem Haushalt, der als relativ arm (Vgl. 4.1) angesehen wird und jedes 14. Kind (circa eine Million) ist auf die Unterstützung von Sozialhilfe angewiesen.[2] Dabei gibt es eine hohe Dunkelziffer, also Menschen, die entweder nicht genügend Informationen haben, dass sie Sozialhilfe beantragen können oder sich schämen Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Der Alltag eines in relativer Armut lebenden Kindes kann sehr unterschiedlich aussehen. Bestenfalls besteht ein kindliches Wohlergehen trotz Armut, im Gegensatz dazu bestehen leider auch ungenügende Voraussetzungen in Bezug auf eine gelingende kindliche Entwicklung. Nicht selten wird dabei von Deprivation, Vernachlässigung oder gar von Mißhandlung gesprochen.

Dabei gilt die Kindheit als die bedeutendste Entwicklungsphase im Leben eines Menschen. Hier werden die Fundamente der physischen, psychischen, kognitiven und sozialen Entwicklung gelegt. Es entsteht eine Identitätsbildung durch das persönliche Erleben seiner Umwelt, sowie durch die Auseinandersetzung der eigenen Persönlichkeit.[3] Obwohl die Kindheit in der „modernen“ Gesellschaft als Schutz- und Vorbereitungsraum für das zukünftige Erwachsenenleben gesehen wird, wird die staatliche Unterstützung von Familien mit Kindern nicht ausreichend geleistet.

Das Armutsrisiko für Erwachsene steigt mit der Geburt eines Kindes, denn dieses kostet seinen Eltern wesentlich mehr Geld, als der Staat kompen- satorisch zur Verfügung stellt. Somit sinkt mit jeder Geburt eines Kindes der Lebensstandart der betreffenden Familie.[4] Kinder beziehen kein eigenes Einkommen für die Schul- und Bildungsarbeit für ihre Selbstqualifizierung, sie sind somit von den Ressourcen der Eltern abhängig. Diese entscheiden wesentlich über die Partizipation und Lebensqualität in der Gesellschaft. Es ist sehr schwer, aus eigener Kraft, aus dem „Teufelskreis“ Armut zu entkommen. Deswegen ist eine professionelle Hilfe durch die Sozialarbeit, sowie eine gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Unterstützung von Notwendigkeit. Unsere Kinder verkörpern einen greifbaren Bezug zu unserer Zukunft, denn sie sind für die Handlungsabläufe, die auf der „Welt von morgen“ passieren, verantwortlich. Deswegen ist es wichtig ihnen ein Bewusstsein einer kinderfreundlichen Gesellschaft zu vermitteln, damit sie dieses Bewusstsein später weitervermitteln können. Jedoch müssen für ein solches Bewusstsein zunächst die notwendigen Vorraussetzungen gegeben sein, die zur Zeit leider noch nicht so existent sind. Im Gegenteil, Kürzungen von Sozialleistungen und somit immer ungünstigere Lebensvoraussetzungen für Familien mit Kindern bestimmen die Realität. So bleibt uns nur unser Augenmerk auf das Bewusstsein der gegenwärtigen Gesellschaft zu richten.

3. Kurzer historischer Überblick über die „Armut“

Bei dem Begriff „Armut“ handelt es sich um ein uraltes Phänomen, dessen Erscheinungsformen und Definitionen sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklungen ständig verändert haben. Durch die starken wirtschaftlichen, ökonomischen und sozialen Unterschiede in den verschiedenen Regionen dieser Erde hat die Armut sehr unterschiedliche Ausprägungen in Bezug auf ihr Erscheinungsbild. Die Armut kann deswegen auch als ein Ergebnis einer ungerechten Ausgangssituation zwischen Industrie- und Entwicklungsländern gesehen werden. Betrachtet man den Verlauf des „Wirtschaftswunders“ in Deutschland gegen Ende der 50er Jahre, so war nur noch eine gewisse Restmenge von der Armut zu sehen. Somit verschwand das Thema Armut aus dem politischen und wissenschaftlichen Augenmerk. Durch Heiner Geißler und ein paar anderen CDU-Politikern wurden im Jahre 1976 im Zuge der „Neuen Sozialen Frage“, die finanziellen Verhältnisse der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in Deutschland näher unter die Lupe genommen, indem sie geprüft und verglichen worden sind. „Geißlers Kritik an einer auf die Arbeitnehmerschaft fixierten Sozialversicherungspolitik sollte die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie treffen, deren Mitglieder und Wähler durch die Sozialpolitik begünstigt erscheinen sollten gegenüber anderen, die >wirklich arm< waren: die alten Frauen, die Kranken und Behinderten.“[5] Auf diese Kritik wurde seitens der Sozialwissenschaften jedoch kaum eingegangen, da das Thema unter anderem nicht in das wohlfahrtsstaatliche Selbstbild der damaligen BRD passte.

In den 80er Jahren trat der Begriff die „Neue Armut“ mit der Ausdifferenzierung zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen zum Vorschein.

Der Armutsforscher Klaus Lompe wies daraus hin, dass immer mehr jüngere Menschen von der Armut betroffen sind. Der Begriff „alte Armut“ war dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen arbeitsunfähig, krank und alt waren. Bei der „neuen Armut“ sind die Betroffenen jedoch arbeitsfähig und jung, aber dennoch arbeitslos. Weiterhin verwies er darauf, dass immer mehr Kinder in sozialschwachen Familien aufwachsen. Durch diese sogenannte Kinderarmut geriet zum ersten Mal eine Betroffenengruppe zum Vorschein, die man nicht für ihre Situation verantwortlich machen kann.[6] In der BRD sorgte die Privatisierung und die Reformen des sozialen Systems für einen gesellschaftlichen Umbau; der Sozialstaat wird immer weiter zurückgedrängt und die sozialen Unterschiede zunehmend mehr verschärft. Aufgrund der Umverteilung >von unten nach oben< entstand eine immer stärker werdende Polarisierung zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft. Im Laufe der 90er Jahre hatte die Armutsdiskussion in der BRD eine neue Qualität erreicht, die Armutsforschung hat sich boomartig entwickelt und sich erheblich ausdifferenziert. Diese Entwicklung ist bis zum heutigen Zeitpunkt immer noch stark im Gange, immer häufiger wird man in den Medien auf das Problem der Kinder- und Bildungsarmut hingewiesen. Die PISA-Studie im Jahre 2000 hat darauf aufmerksam gemacht, dass arme Kinder in Deutschland extrem schlechte Bildungschancen haben, da es bei ihnen aufgrund der starken Belastung und der stressigen Atmosphäre im Elternhaus zu Nervosität und Konzentrations- schwächen kommen kann.[7] Die Situation der Kinderarmut wird sich leider noch weiter zuspitzen, denn die Bundesregierung möchte Anfang 2005 die Sozialhilfe und die Arbeitslosenhilfe zum „Arbeitslosengeld II“ zusammenlegen, d.h. dass die Empfänger einer solchen Hilfe ungefähr 15 Prozent weniger Geld im Monat erhalten.[8] Die Zielsetzung dieser Politik im Rahmen der Agenda 2010 ist eigentlich eine Ankurbelung der Konjunktur in Deutschland. Diese Zusammenlegung der beiden Hilfemaßnahmen soll die Menschen dazu bewegen, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen. Doch die Realität sieht ganz anders aus, die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Somit kann damit gerechnet werden, dass es zu einem erweiterten Anstieg der Kinderarmut kommen wird.

4. Umriss des Begriffs „Armut“ (Versuch einer Definition)

Über den Begriff „Armut“, was unter ihm zu verstehen ist und wie er zu definieren ist, gibt es bislang keinen eindeutigen Konsens. Aufgrund seiner facettenreichen Ausprägungen ist es vielleicht sogar unmöglich eine allgemeingültige Definition zu erstellen. Denn je nach politischem Standpunkt und Forschungsinteresse kann Armut beispielsweise im Zusammenhang mit relativer Einkommensarmut, mit sozialen Brennpunkten, mit Obdachlosigkeit oder mit Notlagen bei Überschuldung gesehen werden.[9]

4.1. Definitionen von Armut

Wie die Armut zu definieren ist, hängt von politisch-normativen Entscheidungen ab. Grundsätzlich wird zuerst unter absoluter und relativer Armut unterschieden. Von absoluter Armut wird gesprochen „…, wenn Personen nicht über die zur Existenzsicherung notwendigen Güter wie Nahrung, Kleidung und Wohnung verfügen und ihr Überleben gefährdet ist.“[10] Sie wird am physischen Existenzminimum gemessen und ist heutzutage noch in vielen Staaten der Entwicklungsländer vorhanden.

[...]


[1] Vgl. Kamensky, J.: „Kindheit und Armut in Deutschland“, Ulm, 2000, S.12

2 Vgl. Holz, G.: „Aus Politik und Zeitgeschichte“, bpb (Hrsg.), 26.05.2003, S.3

[3] Vgl. Butterwegge, C.: „Kinderarmut in Deutschland“, Frankfurt/Main, 2000, S. 272

[4] Holz, G.: „Aus Politik und Zeitgeschichte“, bpb, 26.05.2003, S.4

[5] Butterwegge, C., (Zitat nach Riedmüller, B.): „Kinderarmut in Deutschland“, Frankfurt/Main, 2000, S. 24

[6] Vgl. Butterwegge, C.: „Kinderarmut in Deutschland“, Frankfurt/Main, 2000, S. 25

7 Vgl. Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster, 1998, S.49

8 Vgl. Sigrist, A.: „Kinderarmut in Deutschland“, Sendung von Deutschlandfunk am 26.12.2003, (www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/223800/), S2

[9] Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Lebenslagen in Deutschland, Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin, 2000, S. 13f.

[10] und 11 Bäcker, G.: „Sozialpolitik und Soziale Lage in Deutschland“, 3. Auflage, Wiesbaden, 2000, S.232

Details

Seiten
94
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638494809
ISBN (Buch)
9783640259038
Dateigröße
10.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54228
Institution / Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Emden
Note
1.3
Schlagworte
Kinderarmut Deutschland

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Titel: Kinderarmut in Deutschland