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Die konstruierte Wirklichkeit. Über konstruktivistische Fährten und surrealistische Falltüren

Bachelorarbeit 2019 36 Seiten

Kunst - Sonstiges

Leseprobe

INDEX

Prolog

Einleitung

Kapitel 1 Wirklichkeit —
Wahrnehmung oder Konstrukt?
Die menschliche Psyche
Einführung in den Konstruktivismus

Kapitel 2 Erfahrung —
Spieglein, Spieglein
Die Tanzschritte der Sprache

Kapitel 3 Immersives Theater —
Begriffsklärung »Immersion«
Das immersive Theater
Die Hintertür von Tino Seghal

Kapitel 4 Begehren —
Begriffsklärung »Begehren«
Salon des Begehrens
Illusion oder Realität?

Epilog

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Prolog

Nachdem ich meinem besten Freund vor zwei Jahren sagte, dass ich wohl schon immer Gefühle für ihn hatte, es mir aber bis zu jenem Tag nie eingestehen wollte, meinte er, ich würde die »Wirklich- keit verzerren«. Eine Ironie in sich, schließlich hatte ich persönlich das Gefühl, alles mal entzerrt und klar zu sehen. Dennoch, dieser Satz war nicht neu für mich. Es war ein Akt seiner Gewohnheit, mir zu erklären, dass ich mich »einer Illusion hingäbe«.

Die Bachelorarbeit mit dem selbstgewählten Schwerpunkt schien mir wie ein günstiger Umstand. Ich empfand sie als Appell, mich mit der Thematik objektiver auseinanderzusetzen, in der Hoff- nung, dass mein Geist durch literarisches Vertiefen und neue Wissensaneignung auch an inneren Erkenntnisssen dazu gewinnt. In diesem durchwachsenen Lernprozess versank ich nicht nur in geisteswissenschaftlicher Literatur, sondern bereicherte mich anhand diverser Dokumentationen über große Denker und deren Weltbild wie auch andere Medienformate über die vielseitigen, inter- disziplinären Themenschwerpunkte. Ich danke daher dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkveran- stalter ARTE, der mich mit seiner Programmreihe Philosophie, in welcher Raphaël Enthoven und

Gäste die vermeintlich trockene Literatur großer Philosophen diskutieren und für Laien dadurch zugänglicher machen. Großer Dank gilt meiner Betreuerin Prof.in Dr. Sandra Schramke für ihre motivierenden Worte, wichtige Hinweise und für ihre wunderbare menschliche Art. Großer Dank an Prof. Dipl. Ing. Manfred Schulz für die ständige Offenheit und Bereitschaft hinsichtlich gemeinsamer Treffen und Gespräche, für neue Perspektiven, und anregende Fragen. Ich möchte mich in diesem Vorwort auch besonders bei meiner Mama bedanken, die mich stets ermutigt weiter zu gehen, mir immer ein offenes Ohr schenkt, und trotz schwerer Hindernisse ihren Humor nicht verliert. (Abb 1.) Wenn ich nur einen Teil deiner Stärke in mir trage, habe ich schon gewonnen.

Danke an meine Freunde, Geschwister, Unterstützer und Gedankenspender. Mein Schaffen ent- springt einer großartigen Gemeinschaft mit Herzblut und ich bin dankbar, dass ich diesen Weg gehen darf und so wertschätzend unterstützt werde. Ich hatte das Gefühl mich in meiner Person richtig entfalten zu dürfen, ohne mich zu verbiegen.

Danke.

Die folgende Thesis ist bewusst selektiv. Sie erhebt nicht der Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist von beispielhaf- tem Charakter. Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Bachelorarbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen (z.B. »Kunde«, »Rezipient«, »Interpret« in Kapitel 3&4) verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen oder fluiden Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

Einleitung

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“1 — Karl Lagerfeld, 2012.

Obwohl diese Thesis in keinster Weise weder Modewelt noch Bekleidungsindustrie behandelt, empfinde ich Karl Lagerfelds Aussage als eine ideale Einleitung in die eigentliche Thematik meiner Bachelorarbeit-die der Wirklichkeitswahrnehmung. Natürlich hätten mir auch Worte des Kom- munikationstheortikers Paul Watzlawick beim Öffnen der literalen Pforten weitergeholfen. Stellen Sie sich also gerne vor, ich hätte Sie mit folgenden Worten empfangen: „ jeder konstruiert sich die Wirklichkeit, die er anschließend erfährt.“2 Danach hätten Sie bestimmt gedacht, ich wolle Ihnen etwas über das Phänomen der »selbsterfüllenden Prophezeiung« erzählen, und ganz so simpel es dann schließlich doch nicht. Zudem widme ich Watzlawick ohnehin fast ein ganzes Kapitel, daher nehme ich lieber einen deutschen Modezar zu Hilfe, der den selbst entfachten Kritikhagel nicht mal peripher wahrnahm. Er stand zu seiner Wirklichkeit, zu seinem Weltbild und seiner Wahrneh- mung, selbst wenn das bedeuten würde, bei einem großen Bevölkerungsanteil nicht mehr beliebt zu sein.

Wohin und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, schafft unsere Wirklichkeit, und das stimmt umso mehr in diesen heutigen Zeiten, wo wir von medial vermittelten Informationen ab- hängig sind: Ein lauter Herrscher propagiert alternative Wahrheiten, mit der Konsequenz, dass ein Teil der Hörerschaft die Massenmedien als Fake News 3 abmahnt und nicht merkt, wie sie selbst einer Wirklichkeit bestimmter Machtinteressen aufsitzt ... oder ein Politiker wird bei einem feucht- fröhlichen Umtrunk gefilmt, während er einer vermeintlich russischen Oligarchin und möglichen Partei-Sponsorin die Vergabe von Staatsverträgen und die Übernahme der größten Landeszeitung verspricht. Das Video gelangt an die Öffentlichkeit, sein Verhalten wird verurteilt und er sieht sich schlussendlich als das Opfer: Schuld sei der Kameramann, nicht das Gesagte.

Kapitel 1

Die Wirklichkeit– Wahrnehmung oder Konstrukt?

Ist unsere Wahrnehmung tatsächlich real oder nehmen wir nur einen Bruchteil dessen wahr, was wirklich ist? Können wir Einfluss auf unsere Realität nehmen oder sind wir in einer Illusion gefan- gen? Und, was genau ist die »Wirklichkeit«? Gibt es bloß »die« Eine, oder sprechen wir tatsächlich von mehreren, unterschiedlichen? Schlagen wir im Deutschen DUDEN nach, können wir folgende Definition und Synonyme unter dem Begriff »Wirklichkeit« finden:

„ [Alles] das, Bereich dessen, was als Gegebenheit, Erscheinung wahrnehmbar, erfahrbar ist. Synonym: Realität, Gegebenheit, Tatsächlichkeit, Wahrheit; (bildungssprachlich) Faktum.“4

Betrachten wir den Synonymbereich genauer, erkennen wir, dass das Wort »Realität« direkt am An- fang steht, doch wird »Realität« oft fälschlicherweise der »Wirklichkeit« semantisch gleichgesetzt. In der Deutschen Sprache gibt es Begriffsverwendungen innerhalb der Linguistik, in denen mit »Wirklichkeit« tatsächlich eine »Realität« gemeint ist, und/oder umgekehrt; u.a. sind gedankliche Gegenstände wie Zahlen oder Theorien zwar Bestandteil der »Realität«, aber nicht der »Wirklich- keit«.5 Ich beschließe, das Phänomen »Wirklichkeit« an andere Begriffe anzulehnen, nämlich die der »Wahrnehmung« und des »Wahrnehmens«.

Wasist »Wahrnehmung«?

Auch hier finden sich in der deutschen Rechtschreibung DUDEN einige aufschlussreiche Defini- tionen: Als »Wahrnehmung« kann der „Prozess und das Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und dem Körperinnern eines Lebewesens“6 verstanden werden. Das geschieht durch unbewusstes (manchmal auch bewusstes) Filtern und Zusammenfüh- ren von Teil-Informationen zu subjektiv sinnvollen Gesamteindrücken. Diese werden laufend mit gespeicherten Vorstellungen (Konstrukten) abgeglichen, dabei können Inhalte und / oder Quali- täten einer einzelnen Wahrnehmung manchmal (aber nicht immer) durch gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit oder durch Wahrnehmungsstrategien verändert werden.7 Wenn von Sinnesein- drücken die Rede ist, nehmen wir z.B. ein Geräusch, einen Geruch, einen Lichtschein »wahr«, gleichfalls die Umwelt um uns herum, wie auch Gelegenheiten oder Chancen. Wir können aber auch Termine wahrnehmen, wenn wir sie tätigen oder eine Frist, indem wir sie einhalten.8 Die Wahrnehmung selbst kann als ein psychischer oder physischer Vorgang gesehen werden, durch den der Mensch Informationen aus seiner Umwelt (Außenwahrnehmung) und aus seinem Inneren (Innenwahrnehmung) erhält. Der Mensch verfügt darüber hinaus über 5 Sinnesorgane: visuell (Augen / sehen), olfaktorisch (Nase / riechen), auditiv (Ohren / hören + Gleichgewichtssinn), kinästhetisch (Haut / fühlen), und gustatorisch (Mund, Zunge / schmecken). Der Ausdruck »6. Sinn« wird häufig verwendet, wenn jemand etwas wahrnimmt, ohne es bewusst mit den 5 genann- ten Sinnesorganen wahrzunehmen. »Wahrnehmen« bedeutet daher das, was der Mensch durch seine Sinne und seiner Aufmerksamkeit »erkennt«, für »wahr« nimmt. In eigenen Worten: »Wahr- nehmung« ist ein im Mensch stattfindender Prozess, in welchem das, was der Mensch durch seine Sinne an Informationen erhält, mit Bedeutungen auflädt.

Alleseine Frage der Wahrnehmung

Wie ein Mensch die Welt um sich herum wahrnimmt, kann dabei von Mensch zu Mensch nicht unterschiedlicher sein-wie auch die Einzigartigkeit einzelner Essiggurken nicht uneinheitlicher sein kann. Stichwort: Erwin Wurm und seine Gurken in Salzburg.9 (Abb.2) Wahrnehmung ist also immer subjektiv. Die menschlich wahrgenommene Perspektive der allumfassenden »Wirk- lichkeit« wird oftmals so wahrgenommen als sei diese die »absolute« in sich, doch wie Sokrates so schön schon sagte: „ Scio me nihil scire.10 (dt. Ich weiß, dass ich nichts weiß). Die »Wahrnehmung« eines Menschen kann lediglich eine individuelle Perspektive auf die »Wirklichkeit« sein, denn die menschliche »Wahrnehmung« ist durch ihre Sinne beschränkt und damit ist die erste Falltür ge- schaffen: Wir werden die absolute »Wirklichkeit« nie erfahren können, da unsere »Wahrnehmung« nicht allumfassend ist und dadurch innerhalb des Gesamten immer etwas fehlt. Selbst wenn wir z.B. die chemische Abfolge des Generierungsprozesses von Elektrizität in Worte fassen, so ist alleinig das Beschreiben des Vorganges eine beschränkte Sicht auf die gesamte »Wirklichkeit«. Die universelle »Wirklichkeit« ist das, »was ist«. Wir können sie in ihrer Gesamtheit nicht beschreiben, da unsere »Wahrnehmung«, wie wir nun wissen, limitiert ist. Versuchen wir das zu beschreiben, »was ist«, entspricht es nicht mehr der »Wirklichkeit«. Dazu kommt die geistige Interpretation eines jeden, welche dazuführt, dass die »Wirklichkeit« verzerrt wird. Die »Wirklichkeit« ist also das, »was ist«.

Menschen identifizieren sich mit dem, was sie zu wissen glauben, und nehmen das Wahrgenomme- ne in das Selbst auf. Dabei wird das Wahrgenommene Teil ihrer eigenen Identität. Ein Beispiel: Per- son A hat ihre wahrgenommene Wahrnehmung zum Teil ihrer Identität gemacht. A fühlt sich darin sicher und meint, es sei die für sie stimmigste, absolute Wahrheit. Nehmen wir nun an, Person B versucht Person A von der eigenen B-Wahrnehmung zu überzeugen, oder lediglich von dieser zu be- richten. Person A wird das eigene Wahrgenommene abgleichen und merken, dass die Perspektiven, also Wahrnehmungen, nicht übereinstimmen, daher könnte sich A in der eigenen wahrgenomme- nen Wahrnehmung verletzt fühlen bzw. beginnen, diese zu verteidigen. Die Crux hinter alldem: die individuelle, menschliche Erfahrung. Jede im Leben eines Menschen gemachte Lebenserfahrung ist im Gehirn und jeder Zelle des Körpers gespeichert und wird als Teil der Persönlichkeit mitgetragen (Siehe Kapitel 1.4). Der Mensch hat sich zudem seine gedanklichen Konstrukte zu Eigen gemacht, und kann daher nur schwer von diesen loslassen, da diese Konstrukte nun Teil des Selbst sind. Wir identifizieren uns mit dem was wir zu wissen glauben, und wenn jemand jenem widerspricht, was wir zu wissen glauben, dann fühlen wir uns direkt, in unserer Person, in unserem Selbst, angegriffen – da der Mensch sich selbst und sein Selbst mit seiner individuellen Wahrnehmung identifiziert. Die Wahrheit spielt dabei aber genauso ihre Rolle, als ein Teil der »Wirklichkeit«, gleichzeitig gilt dies ebenfalls für die Unwahrheit, denn wie wir wissen, besteht die universelle »Wirklichkeit« aus dem »was ist«: Die Wahrheit ist, dass ich mich wie 65 fühle, die Unwahrheit, dass ich 65 bin.

Auch das Beispiel einer optischen Täuschung (Vexierbild) kann verdeutlichen, was genau ich damit meine (Abb. 3). In Abbildung 3 sehen wir zwei Damen, von denen die eine nur erscheinen kann, indem die andere kurz verschwindet. Die visuelle Information ist nicht eindeutig. Das Bild lässt gleichzeitig zwei Sichtweisen zu, und dennoch bleibt es ein einziges Bild. Es gibt hier ein sowohl als auch. Das Gleiche könnte auch in Bezug auf das Debakel zwischen Person A und B zutreffen. Denn oftmals sprechen wir sogar von der selbigen Sache, trotz verschiedener Perspektiven. Nun stellen Sie sich vor, wir transferierten beide Wahrnehmungen zusammen, und kämen zu dem Schluss, dass wir nicht nur zwei Bilder in einer Abbildung wahrnehmen, sondern sogar, dass wir zusammenhängen- de Papierseiten vor uns liegen haben, die unsere Tat noch dazu mit Wörtern umschreibt, während die Vögel draußen zwitschern. Wir würden uns so eventuell der Wahrheit nähern, die näher an der »Wirklichkeit« liegt, jedoch niemals die »absolute« sein kann. Denn das eine ist gleichzeitig auch das andere, oder in unserem Fall, sowohl eine junge, als auch eine alte Dame.

Wasist die Realität eines Gegenstandes?

Der Surrealist René Magritte behandelte von 1929 bis 1966 die Beziehung zwischen dem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner Repräsentation. La trahison des images (Abb.4) ist eines der bekann- testen Bilder dieser Reihe: Es bildet eine Pfeife ab, die mit einem zierlichen Schriftzug auf Franzö- sisch Ceci n’est pas une pipe (dt. Dies ist keine Pfeife) unterzeichnet ist. Zu Magrittes Werk gibt es zahlreiche Interpretationsversuche, der bekannteste womöglich von Michel Foucault. Als Vertreter der Diskursanalyse sprach er des öfteren über die allein diskursiv konstituierte Wirklichkeit. Neben der offensichtlichen Deutung, dass ein Abbild nicht identisch mit dem Originalgegenstand ist, weist Foucault darauf hin, dass Magritte durch das Aufzeigen eines scheinbaren Paradoxons den Beobachter zur Reflexion darüber zwingt, was man eigentlich überhaupt unter der Realität eines Gegenstandes zu verstehen hat.11

The famous pipe. How people reproached me for it! And yet, could you stuff my pipe? No, it's just a representation, is it not? So if I had written on my picture 'This is a pipe', I'd have been lying!12

— René Magritte.

Einige Jahre später griff auch der amerikanische Künstler Joseph Kosuth, die Thematik auf, und markierte im Jahr 1965 mit seinem Kunstwerk One and Three Chairs den Beginn seiner Konzept- kunst. Anders als bei Magritte, besteht sein Werk jedoch aus mehreren Objekten: einem tatsäch- lichen Stuhl, einer Photographie des selbigen und einer lexikalen Definition des Wortes »Stuhl«. Kosuth hinterfragt damit die verschiedenen Erscheinungsformen (Exponat, Abbild und Begriff ) des Objekts, indem er sie auf divergenten Ebenen ausstellt und subtil an Platons Ideenlehre des Ge- genstandes erinnert. Dabei wird die Abbildung immer in Bezug zu dem taktilen Objekt aufgenom- men. Dadurch wird der dreidimensionale Gegenstand an seinem gegenwärtigen Ausstellungsort fotografiert, so dass sich die Photographie stets mitverändert. Lediglich zwei Elemente der Arbeit bleiben bestehen: Zum einen der Lexikonartikel des Wortes sowie die beiliegende Anweisung für den Aufbau der Installation.13 (Abb.5)

Nach diesem kleinen Aperçu in die Kunstgeschichte, fassen wir nochmal zusammen, was wir bis hierhin erfahren haben: Jeder Mensch nimmt die Welt unterschiedlich »wahr«; unsere Wahrneh- mung besteht aus Informationen, denen wir Bedeutungen aufladen; und die vom Mensch aus- gehende individuelle Perspektive (»Wahrnehmung«) kann niemals die »absolute« »Wirklichkeit« widerspiegeln. Sie kann lediglich näher an der »Wirklichkeit« liegen, oder weiter von ihr entfernt. So betrachtet, stellt sie ein gewisses Spektrum dar. Das Problem dabei und auch gleichzeitig die Lösung: die menschliche Psyche.

1.1. Die menschliche Psyche.

oder: Bin ich »normal«?

„ Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekommt. ” 14

— Woody Allen.

Für viele Menschen gilt der Wirklichkeitsbegriff, den wir im Laufe unseres Lebens sozia- lisiert bekommen. Das, was wir als »wirklich« oder »wahr« empfinden, wird uns von klein auf mitgegeben und kann durch mehrere Faktoren beeinflusst und ge- bzw. verformt wer- den: Kulturelle Einflüsse, Erziehung, Bildungsstand, Politik, Religion, Informationsquellen, etc. Eine Wahrnehmung gilt in unserer westlichen Gesellschaft als »normal«, wenn sie sich an den verschiedenen Konventionen der oben genannten Teilbereiche so gut wie möglich an- passt. Von diesem Begriff stammt schließlich auch das Wort »Norm«, und oft bewegen wir uns in recht eingeschränkten Standards, sowie gesellschaftlich und/oder religiös geprägten Nor- men. Was in Bezug auf die menschliche Psyche als nicht »normal« gilt, bringt auch die Bedeu- tung der »Wirklichkeit« wieder ins Schwanken. Aber alles mit der Ruhe, wir haben ja Zeit.

Wasist »Normalität«?

»Normalität« bezeichnet in der Soziologie „das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. [...] Dieses Selbstverständliche be- trifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt.“15 Innerhalb der Psychologie wird »Normalität« als ein „erwünschtes, ak- zeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungs- bedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.“16 definiert. Der Psychologe Paul Watzlawick äußert sich eher skeptisch gegenüber der Erklärung, dass eine psychische Erkrankung oder Störung auf einer gestörten Wahrnehmung oder so genannten »Wirklichkeit« beruhen soll und weist darauf hin, dass das Verhalten des »normalen« Menschen in den medizinischen Wissenschaften oftmals zwischen die Pole von Gesundheit und Krankheit gelegt wird.17

Falls es ein Normalsein und ein Irresein gibt, wie unterscheiden wir diese voneinander? »Normali- tät« sollte kein Graubereich zwischen krankhaftem und gesundem Verhalten sein, geschweigedenn einer allgemein gültigen Wirklichkeitswahrnehmung unterliegen. Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, möchte ich Ihnen folgende Anekdote näherbringen, die Watzlawick in seinem Es- say Die Konstruktion klinischer »Wirklichkeiten« abdruckte: Der Psychologe Sigmund Freud führte Anfang des 20. Jahrhunderts eine recht pragmatische Definition von »Normalität« ein, indem er sie als „die Fähigkeit zu arbeiten und zu lieben“18 definierte. Dies schien in der Auffassung der Gesellschaft dieser Zeit ihren Zweck zu erfüllen, weshalb sie anfänglich auch breite Anerkennung fand. Unglücklicherweise versagt Freuds Definition aber, wenn die Rede von besonders außerge- wöhnlichen Menschen ist. Nach dieser wäre Adolf Hitler nämlich ein normaler Mensch gewesen, weil er (wie wir alle wissen) sehr hart arbeitete, und zumindest seinen Hund, wenn nicht sogar seine Geliebte, Eva Braun, liebte.19

Jahrzehnte später stieß eine andere Erklärung auf breite Akzeptanz, nämlich „die Anpassung an die Wirklichkeit“20, der zufolge normale Menschen die »Wirklichkeit« so wahrnehmen, wie sie »wirk- lich« ist, während Menschen, die unter emotionalen oder geistigen Störungen leiden, sie »verzerrt« sehen würden. Ich nehme an, dies scheint sogar heute noch für viele Menschen als Definition gut zu funktionieren. Doch das Kriterium von »Normalität« als die Anpassung an die Wirklichkeit hat zur Folge, dass eine »wirkliche« Wirklichkeit bestehen muss, die dem menschlichen Geist zugänglich ist – eine Annahme, die schon seit Jahrhunderten als philosophisch unhaltbar und wirklichkeitsfremd galt.21 Schon Aristoteles und weitere Denker wie Hume, Kant, Schopenhauer haben zu Lebzei- ten immer wieder betont, dass wir lediglich ein subjektives Bild, eine individuelle Interpretation, eine Meinung über die »wirkliche« Wirklichkeit haben können. Nicht mehr und nicht weniger. Dies lässt mich zu einer weiteren Theorie kommen, die ich in dieser Hinsicht für relevant halte, und welcher ich nachfolgend ein eigenes Subkapitel widme und anschließend auch in Kapitel 2 verstärkt auf diese eingehen werde: Die Theorie des philosophischen Konstruktivismus.

1.2. Kurze Einführungin den Konstruktivismus

oder: Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt22

Constructivism is an epistemological premise grounded on the assertion that, in the act of knowing, it is the human mind that actively gives meaning and order to that reality to which it is responding.23

— Juan Balbi. 2008.

So wie »die« Wirklichkeit, gibt es »den einen« Konstruktivismus nicht, vielmehr verschiedenste The- orien und Sammelbereiche zu diesem breiten Forschungsfeld. Der Konstruktivismus ist u.a. eine Erkenntnistheorie innerhalb der Philosophie, entwickelt vorwiegend im 20. Jahrhundert, welche Denker verschiedenster Wissenschaften u.a. der Kybernetik, Biophysik, Psychotherapie, Kommu- nikationslehre und Literatur zusammenführt. Die meisten Varianten des Konstruktivismus gehen davon aus, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens »konstruiert« wird. Während im Radikalen Konstruktivismus die menschliche Fähigkeit, objektive Realität zu erkennen, mit der Begründung bestritten wird, dass jeder Einzelne sich seine Wirklich- keit im eigenen Kopf »konstruiert«, glauben Anhänger des Erlanger Konstruktivismus an eine gemeinsame Konstruktionsweise. Das bedeutet soviel, dass es mit Hilfe einer besonderen Sprach- und Wissenschaftsmethodik möglich sei, „das naive Vorfinden der Welt“24 zu überwinden und durch „methodische Erkenntnis- und Wissenschaftskonstruktion“25 zu ersetzen. Mehrere Strömungen werden aufgrund des gemeinsamen Namens manchmal irrtümlich für übereinstimmend gehalten (z.B. der Konstruktivismus innerhalb der Kunst).

Die konstruktivistischen Psychologien theoretisieren und untersuchen, wie Menschen Systeme schaffen, um ihre Welten und Erfahrungen sinnvoll zu verstehen. Einer ihrer Anhänger war der Kom- munikationstheoretiker und, wie wir bereits wissen, Psychologe Paul Watzlawick. Dieser erklärte, dass es sich im Konstruktivismus vor allem um eine Denkschule handelte, die sich mit dem »Wie« im menschlichen Verhalten zu seiner Wirklichkeit beschäftigt, und dabei folgende Frage in den Vor- dergrund rückt: »Wie verhalten sich Menschen zu der von Ihnen selbst konstruierten Wirklichkeit?« und »Wie setzt sich der Mensch in Beziehung: zu sich selbst, zu den Anderen und zur Welt?«26. So erläutert er in seinem Werk Kurzzeittherapie und Wirklichkeit aus dem Jahr 1999 folgendermaßen:

[...]


1 Lagerfeld, Karl: Talkshow Markus Lanz, ZDF, 19. April 2012.

2 Watzlawick, Paul; Nardone, Giorgio (Hg.): Kurzzeittherapie und Wirklichkeit. München: Piper Verlag GmbH, 1997. S. 11.

3 Vgl. https://www.zeit.de/thema/fake-news, abgeru- fen am 14. Juni 2019.

4 DUDEN – Die deutsche Rechtschreibung, https:// www.duden.de/rechtschreibung/Wirklichkeit, abgerufen am 11. Februar 2019.

5 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wirklichkeit, ab- gerufen am 11. Februar 2019.

6 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung, abgerufen am 11. Februar 2019.

7 Vgl., Ebd., abgerufen am 11. Februar 2019.

8 Vgl. DUDEN – Die deutsche Rechtschreibung, https://www.duden.de/rechtschreibung/Wahrnehmung, abgerufen am 23. Mai 2019.

9 Siehe Abb. 2. „Die Faszination an der Vielfalt der Formen, die man nicht ausschöpfen kann, weil kei- ne der anderen gleicht – das hat schon was. [...] Jede Gurke ist individuell verschieden, aber doch sofort als Gurke erkennbar und einem Ganzen zuordenbar … ähnlich den Menschen.“, http://salzburgfoundation.at/ walk-of-modern-art/erwin-wurm-2011/, abgerufen am 25. Mai 2019.

10 Platon: Apologie. 21d–22a.

11 Vgl. Foucault, Michel: Dies ist keine Pfeife [franz. Original: Ceci n'est pas une pipe. Sur Magritte. ]. Mün- chen: Hanser (hansermanuskripte), 1974. S. 10.

12 Torczyner, Harry: Magritte. Ideas and Images. S. 71.

13 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/One_and_Three_ Chairs, abgerufen am 23. Mai 2019.

14 Siehe Abb. 6. Walther König Buchhandlung Ham- burg, Besuch am 28.Mai 2019.

15 Lexikon der Universität Hamburg: Normalität. https://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/ seitendvd/konzeptg/l53/l5311.htm, abgerufen am 25. Mai 2019.

16 Lexikon der Psychologie: Normalität. spektrum.de, 2000, abgerufen am 25. Mai 2019.

17 Vgl. Watzlawick, Paul; Nardone, Giorgio (Hg.): Kurz- zeittherapie und Wirklichkeit. München: Piper Verlag GmbH, 1997. S. 11.

18 Watzlawick, Paul; Nardone, Giorgio (Hg.): Kurz- zeittherapie und Wirklichkeit. München: Piper Verlag GmbH, 1997. S. 27.

19 Vgl., Ebd., Ders., S. 27.

20 Ebd., Ders., S. 27.

21 Vgl. Ebd., Ders., S. 27.

22 https://www.managerseminare.de/ta_Artikel/Trai- ningsspitzen-Von-Pippi-Langstrumpf-lernen,232078, abgerufen am 25. Mai 2019.

23 Balbi, Juan: Epistemological and theoretical foundations of constructivist cognitive therapies: post-rationalist develop- ments (PDF). Dialogues in Philosophy, Mental and Neu- ro Sciences, 2008. S. 15 – 27.

24 Zitterbarth, Walter: Der Erlanger Konstruktivismus in seiner Beziehung zum Konstruktiven Realismus. – Ge- meinsamkeiten zwischen Radikalem Konstruktivismus und Erlanger Konstruktivismus. (PDF), in: Peschl, M. F. (ed.) Formen des Konstruktivismus in Diskussion. Wien: WUV–Universitätsverlag. 1991, S. 75.

25 Ebd., Ders., S. 75.

26 Vgl. Watzlawick, Paul; Nardone, Giorgio (Hg.): Kurzzeittherapie und Wirklichkeit. München: Piper Verlag GmbH, 1997. S. 11–14.

Details

Seiten
36
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346164322
ISBN (Buch)
9783346165671
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542150
Institution / Hochschule
Muthesius Kunsthochschule Kiel – Raumstrategien
Note
1,3
Schlagworte
Wirklichkeit Konstruktivismus Philosophie Psychologie Inszenierung Tino Seghal Begehren Surrealismus Erfahrung Sprache

Autor

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Titel: Die konstruierte Wirklichkeit. Über konstruktivistische Fährten und surrealistische Falltüren