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Das Heidenbild in "Willehalm" von Wolfram von Eschenbach

Hausarbeit (Hauptseminar) 2020 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Darstellung der Heiden im Willehalm
2.1 Heidenbegriff und Heidnischer Glaube
2.2 Kriegsmotive der Heiden

3. Verhältnis von Heiden und Christen
3.1 Wertungen der Heiden durch den Erzähler
3.2 Die Taufe als Trennung zwischen Heiden und Christen

4. Spezifische Heidenporträts
4.1 Terramer der ideale Feldherr
4.2 Rennewart ein heidnischer Kämpfer fürs christliche Heer
4.3 Arofel ein gütiger Krieger ?

5. Schlussbetrachtungen

PROSEMINARARBEIT „Wenn Menschen nichts vom Christentum erfuhren, ist das Sünde?“ Analyse des Heidenbilds im Willehalm von Wolfram von Eschenbach

Lea Hauer

1. Einleitung

Wolfram von Eschenbach schildert in seinem Willehalm den kriegerischen Konflikt zwischen Christen und Heiden. Eine endgültige Lösung wurde trotz des Sieges des Christenheeres bis heute nicht gefunden und die Auseinandersetzung zwischen Okzident und Orient hält weiterhin an. Trotz der zeitgeschichtlich brandaktuellen Thematik befassen sich nur zwei Werke der höfischen Epik des deutschen Mittelalters mit den Kreuzzügen und den Kriegen gegen die Andersgläubigen: das Rolandslied des Pfaffen Rolands und der Willehalm von Wolfram von Eschenbach. Im erstgenannten herrscht ungebrochene Begeisterung für die Kreuzzüge und den Krieg im Allgemeinen. Das selbst gesetzte Ziel, nämlich die Bekehrung oder gegebenenfalls die Tötung der Heiden, galt es, um jeden Preis zu erreichen. Die Andersgläubigen waren als „Kinder des Teufels“ verschrien, womit der Mord an ihnen einen legitimen Rechtfertigungsgrund erhielt.[1]

Einen Gegensatz hierzu bietet Wolframs Protagonist Willehalm, er betrachtet seine heidnischen Gegner weitaus differenzierter. Die Erzählung fällt vor allem durch ihre tolerante Einstellung gegenüber diesen auf, was für die Entstehungszeit des Werkes äußerst ungewöhnlich ist.[2] Während im Rolandslied die muslimischen Krieger durchgehend als gottlos und verdammt beschrieben werden, zeichnet Wolfram ein Bild eines den Christen ebenbürtigen Gegners, der nach einem Wertekodex handelt, der dem christlichen in vielen Belangen ähnlich ist.

Die folgende Arbeit soll das Heidenbild, welches Wolfram in seinem Werk Willehalm beschreibt, analysieren. Hierbei wird zunächst auf die allgemeine Darstellung der Heiden näher eingegangen, wobei besonderer Fokus auf die kriegerischen Motive und auf den Glauben der Heiden gelegt wird. Anschließend wird ein tieferer Blick auf das Verhältnis der beiden gegnerischen Fraktionen geworfen. Zusätzlich soll die Wichtigkeit eines christlichen Sakraments, der Taufe, durch ausgewählte Stellen des Willehalms verdeutlicht werden.

An letzter Stelle werde ich einzelne Ritter Terramers. Das Ziel dieser Analyse muslimischer Ritter wird es sein, herauszuarbeiten, ob diese als menschlich, vielleicht sogar den Christen im Kampfe ebenbürtig angesehen werden, obwohl sie nicht demselben Glauben angehören. Wird den Heiden sogar Bewunderung geschenkt oder gilt es bloß, diese andersgläubigen Fremden zu bekämpfen?

2. Allgemeine Darstellung der Heiden im Willehalm

2.1 Heidenbegriff und Heidnischer Glaube

Bei genauer Betrachtung des mittelhochdeutschen Wortes vremde[3], welches im Neuhochdeutschen mit „gegen“ übersetzt werden kann, wird klar, dass dieses nur marginal von unserem heutigen Fremdheitsbegriff variiert. Für einen Menschen des Mittelalters gilt jeder als fremd, der ein anderes Aussehen aufweist, eine andere Sprache spricht, nach anderen Sitten lebt oder einen anderen Glauben praktiziert. Das anfängliche Misstrauen dem Fremden gegenüber kann durch vertrauenserweckende Gespräche, Gesten und vor allem durch das Hinweisen auf ein gemeinsames religiöses Bekenntnis überbrückt werden.[4]

Der Begriff „Heide“ bezieht sich zunächst auf alle Nicht-Christen. Dies kann als gezielte Strategie der Ausgrenzung betrachtet werden, bei der die Sicherung der christlichen Gemeinschaft im Vordergrund steht. Der mittelalterliche „Heide“ war also gleichbedeutend mit einem Fremden.[5] Als Heide galt im Mittelalter jeder, der nicht getauft war. Eine Ausnahme bildeten die Juden, da nicht davon ausgegangen wurde, dass sie mehrere Götter anbeteten. Den Muslimen wurde, ähnlich wie den Heiden im alten Rom und in Griechenland, ein Mehrgötterglaube nachgesagt, obwohl sie nach heutigem Wissensstand genauso eine monotheistische Religion sind wie das Judenoder Christentum.[6] Zu den heidnischen Göttern im Willehalm zählen Apollo, Mahomet, Kahun und Tervagantd[7]

Im Gegensatz zum Rolandslied werden im Willehalm die heidnische Religion und deren Sitten nicht verspottet, sondern respektvoll beschrieben. Jedoch stellt Wolfram die Gottheiten der Andersgläubigen eher als Götzen dar, die dem christlichen Schöpfer nicht ebenbürtig ist. Grundsätzlich definieren die mittelalterlichen Autoren den heidnischen Glauben sehr ungenau und verwenden deren Begriffe sehr unreflektiert.Der Erzähler bedauert das Schicksal der Gegner, deren Weg in die Hölle vorbestimmt ist (20,10ff.), sieht es dennoch als Sünde an, diese alsam ein vihe (450,17) zu töten. Doch in ihrer Handlungsmotivation sind die Heiden den Christen gar nicht so unähnlich, beide kämpfen um die Liebe der Frauen und um Ruhm.

Während jedoch die Christen an den einzig wahren Gott glauben, beten die Heiden eine Vielzahl von Göttern an. Zudem betrachtet Wolfram den heutigen Propheten Mohammed als göttliche Instanz der Heiden. An seiner und an der Existenz anderer, auch christlicher Götter, wurde nicht gezweifelt. Priester spielen bei beiden Lagern eine wichtige Rolle im Krieg, oft begleiten sie die Heeresführer und haben eine Berater- und „Seelsorgefunktion“ inne.[9] Bei den Franzosen legen die Priester sogar selbst Hand an und befestigen Kreuze an den Gewändern der Krieger. Der Großkönig Terramer hingegen setzt seinen Priester als Sündenbock ein, als er gezwungen wird, gegen seine Tochter zu ziehen.[10]

2.2 Kriegsmotive der Heiden

Zu der Zeit, die Wolfram im Willehalm beschreibt, waren Begegnungen der Christen mit den Heiden schier unausweichlich. Europas Bevölkerung wurde von den Kreuzzügen zerrissen, es schien unumgänglich, die eigenen Grenzen zu sichern und auszudehnen. Im Gegensatz zum Artusroman begegnen die christlichen Ritter den heidnischen nicht in Gestalt einer Aventiure, sondern in Form eines kriegerischen Einfalls in die französische Provence.[11] Dennoch stellt Wolfram die Heiden nicht als das personifizierte Böse dar, für sie gelten ähnliche Wertevorstellungen wie für die Christen. Die muslimischen Krieger handeln aus Liebe und Treue zu den Verwandten und aus höfischer Gesinnung.

Sowohl bei den Heiden als auch bei den Christen wird für die minne gekämpft. (vgl. 361, 1014; 402,24f.). Anhand dieser Stellen wird klar ersichtlich, dass die heidnischen Krieger für die Anerkennung ihrer Götter und ihrer Frauen kämpfen. Fraglich ist jedoch, ob sich der minneBegriff der Ungläubigen, von dem der Christen unterscheidet. Bei den Christen handelt es sich um eine doppelte minne, die sowohl den Frauen als auch Gott dienen soll (vgl. 16,30ff.; 299,26f). Für die heidnischen Ritter hingegen scheint ausschließlich der Frauendienst der entscheidende Antrieb für den Kampf zu sein: ir her almeistic frouwen mit zimierde santen dar (423,8f.). Terramers Ritter kämpfen für die Gunst der Frauen, von denen sie in die Schlacht geschickt worden sind. Bumke bemerkt hier, dass „die minne für sie [so sehr] Handlungsantrieb [ist], dass auch Terramers Gebot in den Hintergrund gestellt wird: den diu minne her gebot / noch mere dan durch sine bete (254,26f.)“[12]

Daraus folgt, dass sowohl minne als auch gote als voneinander unabhängige Kriegsmotive gesehen werden können. Bumke meint auch, dass „die Heiden in den Dienst der minne treten [können] wie in den Dienst der gote. Man kann eine der beiden Mächte bevorzugen und die andere vernachlässigen.“[13] Daraus kann geschlossen werden, dass die jungen heidnischen Ritter genauso der Minne dienen, wie Terramer den heidnischen Göttern.

Abou-El-Ela hingegen widerspricht Bumkes Meinung, sie spricht Tesereiz, einem

vorbildlichen Minneritter, ab, ausschließlich der Minne wegen zu kämpfen.[14] Dies begründet

sie mit der Tatsache, dass Tesereiz Willehalm zum Konvertieren zum Islam auffordert:

ich will dich unsren werden goten

wol ze hulden bringen:

da mac din dienst wol ringen

nach wibe lon und umb ir gruoz (86,22ff.)

Jedoch bringt Abou-El-Ela für ihre These keine weiteren Argumente, sodass hier nicht weiter darauf eingegangen wird. Der Verweis auf konträre Meinungen zu Burke soll zunächst genügen, da eine ausführlichere Analyse den Rahmen diese Seminararbeit sprengen würde.

[...]


[1] Greenfield/Miklautsch (1998), S.262.

[2] Abou-El-Ela (2001), S. 22.

[3] Lexer (1992), S. 297.

[4] Winterhalter (2012), S. 19.

[5] ebd. S. 26.

[6] Goetz (2013), S. 50f.

[7] Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Mhd. / Nhd. Nach dem kritischen Text von Werner Schröder ins Neuhochdeutsche übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Horst Brunner. Reclam 2018. (RUB 19462), V.449,23ff. (Im Folgenden werden die Versangaben direkt hinter den Zitaten in Klammern angegeben).

[9] Winterhalter (2012), S. 17.

[10] Goetz (2013), S. 58.

[11] ebd. S. 64 f.

[12] Bumke (2004), S. 170.

[13] Bumke (2004), S. 172.

[14] Abou-El-Ela, Nadia (2001) S. 166f.

Details

Seiten
15
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346151483
ISBN (Buch)
9783346151490
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542146
Institution / Hochschule
Universität Wien – Ältere Deutsche Literatur
Note
2
Schlagworte
Heidenbild ältere deutsche Literatur

Autor

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