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Seneca. Vom Leben und vom Sterben

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorwort

I. Biographisches

II. Seneca in seiner Zeit

III. Das Werk

IV. Vom Leben und vom Sterben
1. Vom guten Leben und seiner Zeit
2. Die Verbindung zwischen Leben und Tod- das otium
3. Über den guten Tod

V. Zusammenfassung

VI. Verwendete Literatur

VII. Bibliographie

Vorwort

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schriften des römischen Philosophen Seneca seine Ansicht über das Leben und den Tod. Freilich beschäftigte er sich auch mit vielen anderen Bereichen der Philosophie. Doch schlussendlich dient sie dem Leben und dem Tod des Menschen.

Diesen roten Faden habe ich versucht durch einen Teil seiner Schriften hindurch zu verfolgen. Vornehmlich beschäftigte ich mich mit seinen Moralbriefen und einigen weiteren Schriften in denen er sich mit dem guten Leben, der Muße und der Zeit auseinandersetzte.

Seine Sicht auf die Bedeutung des Lebens, das ja eigentlich des Menschen wichtigstes Gut ist, und den Tod, als das furchtbarste Ereignis, dessen Notwendigkeit der Mensch noch nie hinnehmen wollte, halte ich für bemerkenswert, dreht er doch das gängige Konzept, wie in stoischer Tradition schon bekannt, komplett um.

Das Leben selbst ist nicht wichtig, es dient nur der Vorbereitung auf das Sterben, das man erst erlernen muss. Nutzt man das Leben ausgiebig zur Vorbereitung, ist dieses Ereignis dann nicht mehr bemerkenswert. Es ist nicht unverständlich, dass die christliche Tradition Seneca aufnahm und als einen ihrer Vorreiter postulierte; dennoch weiß man als Leser seiner Schriften, dass er schon aufgrund des geschichtlichen Kontext kaum mit dieser neuen Religion in Berührung gekommen sein kann.

Zunächst werde ich Senecas Kritik an der Lebensweise der Menschen darlegen, dann komme ich zu seiner Vorstellung von einem guten Leben unter Erreichung sittlicher Vollkommenheit. Zuletzt werde ich noch seinen Blick auf das Ableben erörtern und seine im gewissen Rahmen positive Einstellung zur Selbsttötung.

I. Biographisches

„Wie lange ich lebe, hängt nicht von mir ab. Ob
ich aber wirklich lebe, solange ich bin, das hängt
von mir ab.“

Lucius Annaeus Seneca wurde wahrscheinlich im Jahre 4 vor Christus in Corduba (Spanien) als Sohn des römischen Rhetors Lucius Annaeus Seneca, bekannt als Seneca der Ältere, und als Mitglied des ordo equester, geboren. Schon früh kam er nach Rom, wo er eine Ausbildung erhielt. Besonders beeinflusst wurde er durch den Stoizismus und die Pythagoeer. Nach einem langen Ägyptenaufenthalt bis 31 oder 32 nach Christus wurde er Quästor. Trotz der damaligen Tendenz zur Verurteilung des Principates[1], gab Seneca sich mit dieser Realität zufrieden. Dennoch forderte er clementia[2] als Charakteristikum kaiserlicher Macht. Kurz nach dem Regierungsantritt des Claudius wurde er auf Betreiben der Messalina nach Korsika verbannt, da man ihm Ehebruch vorwarf[3]. Dort verblieb er bis 48 n.Chr. Agrippina, die Mutter des Nero, rief ihn zurück und übergab ihm die rhetorische Ausbildung ihres Sohnes. Im Jahre 50 erhielt Seneca die Praetur. Im Jahre 55/56 begleitete er zusammen mit Afranius Burrus das Konsulat und war in dieser Zeit v.a. außenpolitisch sehr erfolgreich im Armenienkrieg. Da er die Gunst des Kaiserhauses genoss, vermehrte sich sein Vermögen schnell, er galt als einer der beiden klügsten und einflussreichsten Männer am kaiserlichen Hof.[4] Nach Burrus Tod ersuchte Seneca 62 den Nero um Rücktrittsgenehmigung und Vermögensrücknahme, doch der Kaiser lehnte ab. Dennoch zog sich Seneca zwischen 62 und 65 auf seine Besitzungen bei Rom und in Campanien zurück und widmete sich literarischen Arbeiten. Nach dem Scheitern der Pisonischen Verschwörung[5], wurde er als angeblicher Mitwisser zur Selbsttötung gezwungen und schied mit philosophischer (stoischer) Gelassenheit aus dem Leben.[6]

II. Seneca in seiner Zeit

Seneca lebte in einer Zeit, in der Rom zweifellos seinen Höhepunkt in Literatur, Wissenschaft, Kunst und Technik erlebte[7] und sich von der griechische Kultur nach Jahrhunderten der Adaption langsam emanzipierte. Cicero und der erste Princeps Roms eröffneten dieses Zeitalter, in dem Frömmigkeit und Glaube an die alten Götter immer noch (oder wieder) ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft waren.[8] Seit Augustus war „Tugend“ (virtus) wieder ein Begriff, und die Staatsreligion wurde mit neuem Leben erfüllt. So wurden neben den offiziellen Göttern des alten römischen Pantheons neue abstrakte Gottheiten eingeführt, die z.B. Begrifflichkeiten wie einzelne Tugenden personifizierten.[9] Trotz des Siegeszuges der lateinischen Sprache ab der frühen Kaiserzeit, wurde in den Schulen weiter die griechische Bildung vermittelt, man las Homer und die großen Tragödiendichter, ein Umstand, mit dem sich viele lateinische Intellektuelle nicht mehr abfinden wollten.

Sein Ideal einer concordia ordinum (Vorbilder finden sich in der Gesellschaftslehre der mittleren Stoa und im Augusteischen Principat) einschließlich der humanen Behandlung von Sklaven[10], war wohl keine pure Utopie, sondern stand durchaus als Vorbote einer Entwicklung im 2.Jh.[11] Senecas Leben und Lehre galt schon seinen Zeitgenossen als widersprüchlich.[12] Eine Kritik, auf die Seneca antwortete[13]: „Ich bin kein Weiser und…werde auch nie einer werden! Darum fordere nicht von mir, dass ich gleichwertig neben den Besten stehe, sondern nur, dass ich besser bin, als die Schlechten.“ Seneca weiß darum, dass sein Leben nicht unbedingt seiner Lehre entspricht, meint aber, dass er jemand sei, der den Lastern den Kampf angesagt hat und täglich ein wenig seiner Fehler verliert; vorschriftgemäß wird er leben, sobald er dazu in der Lage sei[14].

Philosophen lösen „einen großen Teil ihrer Versprechungen damit ein, dass sie erstrebenswerte Ziele erst einmal als geistige Aufgabe begreifen.“ Denn lässt sich der Staat, der noch zu retten ist, nicht finden, müssen sich die Philosophen zurückziehen und, wenn sie schon nicht einem großen Teil der Menschheit oder dem Staat behilflich sein können, wenigstens sich selbst von Nutzen sein.[15] Indem Seneca den Menschen nach seiner inneren Haltung beurteilt, gewinnt er für die Praxis breiten Spielraum. Er schafft sein eigenes Maß für sittliche Forderungen und ihre Erfüllung durch die Auslegung stoischer Güterlehren. Als Eklektiker sind ihm also die Bekenntnis zur Stoa und zu anderen Lehren sowie ein selbstständiges Urteil nicht widersprüchlich.[16] Besonders orientiert er sich an den Vorläufern der jüngeren Stoa, so benutzt er gelegentlich Poseidonios.[17] Die auffällig positivsten Bewertungen epikureischer Maximen finden wir in den epistulae 2-29. Quellen seines Philosophierens finden wir außerdem in doxographischem Lehrgut wie bei Hekaton, ein Stoiker des 2.Jh.s.

III. Das Werk

Das oberste Anliegen Seneca in seinen Schriften ist der Tod und die richtige Einstellung zu selbigem. Die Zielvorstellung liegt im otium -Ideal.[18]

Seneca schuf orationes, poemata, epistulae und dialogi. Die Reden sind uns nicht mehr erhalten. Bei dem berühmten Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus handelt es sich um eine Fälschung. Wichtigste Quellen für die Betrachtung der Philosophie Senecas sind seine epistulae und die διαλέξεις (philosophische Prosa). Zu letzteren gehören:

1. consolatio für Marcia (37-41)
2. de ira (ab 41)
3. consolatio für Polybios und Helvia (42-44)
4. de brevitate vitae (49)
5. de constantia sapientis (Ende des Exils oder später)
6. de vita beata (58/59)
7. de otio (62)
8. de tranquillitate animi (ca. 62)
9. de providentia (62-65)

[...]


[1] V.a. durch die Stoiker.

[2] Vgl. Seneca, De clementia.

[3] Natürlich war der eigentliche Grund für die Verbannung politischer Art. Vgl. Tac.ann. 13,42, 2: „Publius Suillius [...] beschimpfte Seneca als Feind der Freunde des Claudius…“

[4] Vgl. Cass.Dio 61 (Xiphilinos CXLVIII, 18, 3), 61 (Xiphilinos CXLVII, 18, 3[1]).

[5] G. Calpurnius Piso (gest. 65) führte eine Verschwörung gegen Nero an, die aber verraten und aufgedeckt wurde. Die Verschwörer wurden hart bestraft.

[6] Vgl. Tac.ann. XV 60-64, XV 60, 2: „Es folgte die Ermordung des Annaeus Seneca, zur größten Freude des Princeps, nicht weil er erfahren hatte, er sei der Verschwörung überführt, sondern weil er jetzt mit dem Schwert vorgehen konnte, da das Gift keinen Erfolg gehabt hatte.“ XV 61, 2: „…fragte Nero, ob Seneca sich auf einen freiwilligen Tod einstelle. Da versicherte der Tribun, er habe keine Anzeichen von Angst, keinerlei Traurigkeit in seinen (s.c. Senecas) Worten oder seiner Miene feststellen können.“

[7] Vgl. Bengtson, H.; Grundriss der römischen Geschichte mit Quellenkunde. Republik und Kaiserzeit bis 284 n.Chr. I, in: Handbuch der Altertumswissenschaften III. 5, München, 19823, 308 ff.

[8] Im Gegensatz zu diesem Glauben steht später der „Mysterienboom“ in dem sich Senecas Nachfolger Epiktet sah.

[9] Vgl. der Brustpanzer des Prima-Porta-Typus im Vatikanischen Museum.

[10] U.a. Seneca, epist.morales 47.

[11] Als Literatur empfehlenswert: Richter, W.; Seneca und die Sklaven, Gymnasium 65, 1958, 196-218.

[12] Vgl. Cass.Dio 61,10.

[13] Vgl. De vita beata

[14] Soll heißen, wenn er sich nicht mehr nur auf dem Wege zur absoluten Erkenntnis befindet, sondern wenn er sein Ziel, die Bedürfnislosigkeit, erreicht hat. Die Seele wird jetzt vorbereitet auf die Armut und lässt den Reichtum nach und nach zurück. (vgl. epist.morales LXX 18) Siehe auch Anm. 40.

[15] Vgl. De otio: „Was von einem Menschen gefordert wird, ist doch, dass er seinen Mitmenschen nütze, wenn es geht, recht vielen; ist das nicht möglich, einigen wenigen; ist auch dies nicht möglich, nur seiner näheren Umgebung; sollte auch das nicht möglich sein, dann allein sich selbst.“ Seneca spielt hier auf die ausweglose Situation im Staat an. Da Willkür und Terror an der Tagesordnung standen, konnte der Gedanke von dem tugendhaften Staat nicht mehr umgesetzt werden.

[16] Vgl. Seneca, epist.morales 2, 5 und de otio: „`Was vermischst Du die Grundsätze Zenos mit Epikurs Lebensregeln?´[…]Ich will zeigen, dass dies auch im Sinne der Stoiker ist, aber nicht, weil ich mir´s zum Gesetz gemacht hätte, niemals gegen eine Weisung Zenos oder Chrysipps zu verstoßen, sondern weil sich meine Zustimmung zu ihrer Meinung ganz aus der Sache selbst ergibt, denn wer immer nur einem einzigen folgt, wäre mehr bloßer Mitläufer als verantwortungsbewusstes Ratsmitglied.“

[17] Vgl. Seneca, epist.morales 92.

[18] Lektüre: Dahlmann, H.; in: Das neue Bild der Antike 2, 1942, 296 ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638132947
ISBN (Buch)
9783656676546
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5415
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie
Note
Schlagworte
Seneca Leben Sterben Moralbriefe

Autor

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Titel: Seneca. Vom Leben und vom Sterben