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Kritik: "Bringing out the Dead". Nächte der Erinnerung

Essay 2015 4 Seiten

Anglistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Otto-Friedrich-Universität Bamberg Seminar: Der Regisseur Martin Scorsese Semester: WiSe 2014/15

V on: Marcel Wolf

Kritik: Bringing out the Dead – N ä chte der Erinnerung

Frank Pierce (Nicolas Cage) ist Rettungswagenfahrer in New York. Leid, Blut und Schmerzen gehören zu seinem Alltag. Das Retten von Leben ist sein Job. Doch genau das läuft seit geraumer Zeit alles andere als gut. Egal, wie sehr er sich bemüht, seine Patienten sind oft schon tot, bevor er den Unglücksort erreicht. Bei dem Versuch, einen Mann mit Herzeinfakt ins Leben zurück zu holen, trifft er auch auf dessen Tochter. Auf seltsame Weise fühlt sich Frank zu Mary Burke (Patricia Arquette) hingezogen, und so sucht er immer wieder ihren Kontakt. Sind es wirklich seine mit dem Tod ringenden Patienten, die gerettet werden müssen oder ist es Frank selbst?

Bringing out the Dead markiert die vierte Zusammenarbeit von Kultregisseur Martin Scorsese und Drehbuchautor Paul Schrader. Und das merkt man an allen Ecken und Enden. Zwar wirkt der Film auf den ersten Blick relativ unkonventionell und damit teilweise befremdlich, doch inhaltlich und strukturell ist die typische Scorsese-DNA unverkennbar.

Bereits die Anfangssequenz erinnert in bester Manier an Scorseses Noir-Drama Taxi Driver. Die Fahrt durch die verbrecherischsten Gegenden von New York. Nahaufnahmen der Augen des Protagonisten, der alles Gesehene in sich aufsaugt. Sich auf dem nassen Asphalt widerspiegelnde, gleißende Neonlichter in Rot und Blau. Bedrohliche Schattenwürfe.

Auch die Erzählerstimme aus dem Off kennen wir aus früheren und folgenden Scorsese-Werken. Anders als bei Casino oder Goodfellas ist der Protagonist in Bringing out the Dead aber deutlich zynischer, ernster und vor allem realistischer. Wir erfahren viel über Franks in Trümmern liegendes Innenleben. Seine Handlungen stehen diesem oft widersprüchlich gegenüber. So will er etwa ständig seinen Job aufgeben, doch kommt immer wieder zurück.

Im Laufe des Films erfahren wir, dass Frank in diesen ungewöhnlichen Beruf – so sehr dieser ihn auch zermürbt – hineingeboren wurde (sein Vater war Busfahrer, seine Mutter eine Krankenschwester). Er ist also für den Job wie gemacht, der Job ist wie gemacht für ihn. So bizarr es klingt, man könnte sagen, Frank braucht seinen Job, um zu überleben.

Nicht alles ist negativ. Das Retten eines einzigen Lebens scheint all die Abscheulichkeiten des Berufs zehnfach auszugleichen. Passend merkt unser Hauptcharakter in poetischem Ton an:

“Saving someone's life is like falling in love. The best drug in the world. For days, sometimes weeks afterwards, you walk the streets, making infinite whatever you see. Once, for a few weeks, I couldn't feel the earth - everything I touched became lighter. Horns played in my shoes. Flowers fell from my pockets. You wonder if you've become immortal, as if you've saved your own life as well.”

Das wird umso deutlicher, als Frank und sein Kollege Larry (John Goodman) mitten in einem heruntergekommenen Gebäude die Zwillinge einer Schwangeren auf die Welt bringen. Einer der beiden Säuglinge schafft es, der andere stirbt auf dem Weg zum Krankenhaus in Franks Armen. Leben und Tod liegen hier näher beieinander als irgendwo sonst. Während Larry auf Wolke Sieben schwebt, wird Frank einmal mehr in den Schlund der Depression gesaugt.

Uns wird klar: Das Retten von Leben ist ein Kompensationsmechanismus, eine Droge, die das Leid erträglich macht und das eigene Leben rettet. Wer keine Leben rettet, der muss andere Mittel und Wege finden. Exemplarisch zeigt uns der Film Franks Kollegen. Der übergewichtige Larry etwa kompensiert durch Essen, Tom (Tom Sizemore) reagiert auf das Gesehene mit Gewalt und der gläubige Marcus (Ving Rhames) wird durch sein Vertrauen in Gott angetrieben. Bei Frank sind es verschreibungspflichtige Schmerzmittel. Der Arzt wird zum Patienten.

Der ständige Schlafmangel, die Drogen, das Chaos der Nacht verursachen bei Frank Halluzinationen. Ständig sieht er die Geister von Menschen, die er nicht retten konnte. Immer wieder trifft er auf Rose. Ihr Gesicht ist allgegenwärtig. Rose, immer wieder Rose. Wie wir im Laufe des Films erfahren, ist das Mädchen aufgrund von Franks falsch ausgeführten Intubationsversuchen gestorben. Auch Marys im Koma liegender Vater ist der depressiven Grundstimmung unseres Protagonisten alles andere als zuträglich, wenn dieser auf wundersame Weise zu Frank spricht und ihn bittet, in Ruhe sterben zu können.

Hierbei muss man dem Film zu Gute halten, dass er es schafft, die Grenzen zwischen Realität und Traum zu verwischen. Was ist wahr, was nicht? Sieht Frank wirklich Geister oder spielt ihm sein vernebelter Verstand nur einen Streich? Der Film beantwortet diese Fragen nicht und das will er auch gar nicht.

Scorsese typisch findet sich viel religiöse Symbolik im Film wieder. So wird etwa die bereits erwähnte Schwangere in diesem Sündenpfuhl auf ironische Art und Weise als heilige, unberührte Maria Magdalena dargestellt. Die Unschuld in Person. Völlig realitätsfern ist ihr Freund der Einzige, der an die Geschichte der unbefleckten Empfängnis glaubt. Die Wahrheit aber sieht anders aus. In diesem Teil der Stadt haben wir keinen echten Glauben, keine Ehrlichkeit, keine Reinheit zu erwarten. Des Weiteren hört das Krankenhaus, in das Frank seine Patienten bringt, auf den Namen Our Lady Perpetual Mercy Hostpital. Perpetual Mercy, also immerwährende Gnade. Dass Frank immer wieder an diesen Ort zurückkehrt, ist kein Zufall (auch wenn er sich genau das einredet, weil ebenjenes Krankenhaus nun mal geographisch am nächsten liegt). Denn auch er sucht nach Gnade und Vergebung. Mercy. Gnade führt zu Erlösung. Bekannte Motive im Scorsese-Universum.

An dieser Stelle lässt sich ein Rückgriff auf Taxi Driver Travis Bickle nicht vermeiden. Auch dieser strebt nach Erlösung. Doch die Art und Weise, wie Travis und Frank ihr Ziel erreichen, ist höchst unterschiedlich. Vielleicht sogar genau entgegengesetzt. Während Robert de Niros Figur seine persönliche Erlösung durch das Nehmen von Leben findet, erreicht unser Protagonist selbiges durch das Retten von Leben. Ob immerwährende Gnade aber auch zu immerwährender Erlösung führt, bleibt bei beiden Charakteren am Ende offen.

Einmal mehr inszeniert Scorsese New York hier als die Hölle auf Erden. Hell's Kitchen. Ständig sehen wir Prostituierte, Zuhälter, Obdachlose, Drogen, Verbrecher. Den Abschaum der Menschen, wie Travis Bickle sagen würde. Doch während Taxi Diver ebenjenen Abschaum sehr deutlich, aber stilistisch eher behäbig (im Zusammenspiel mit dem ruhigen Thema von Bernard Herrmann) in Szene setzt, entfaltet Bringing out the Dead seine schockierende Wirkung vor allem durch schnelle Schnitte, rasante Kamerafahrten und hektische Musikuntermalung. Der abgestumpfte Protagonist zuckt nicht einmal mit der Wimper. So sind diese Szenen besonders verheerend und wirken ein wenig so, als würde man hier darstellen, was sich Taxi Driver seinerzeit noch nicht getraut hat.

Die Kamera von Robert Richardson ist schnell, flüssig und meistens in Bewegung. So werden uns oft wunderschöne Perspektiven und Aufnahmen beschert, die sich perfekt in das innere Chaos von Frank, aber auch in das Chaos des Mikrokosmos Rettungswagenfahrer einfügen. In den richtigen Momenten verweilt die Kamera jedoch auch und zeigt uns genau das, was wir sehen sollen. Ein auf die Bilder abgestimmter, stimmiger Soundtrack und toll ausgeleuchtete, dunkle Szenerien (der Film spielt so gut wie nur nachts) tun dabei ihr Übriges. Sowieso zieht Bringing out the Dead seinen größten Reiz aus seiner tadellosen stilistischen Aufmachung und der daraus resultierenden tiefen Atmosphäre.

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Details

Seiten
4
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346160980
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541429
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
n.a.
Schlagworte
kritik bringing out the dead martin scorsese nicolas cage englische kulturwissenschaft filmanalyse filmanalysis der regisseur martin scorsese

Autor

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