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Entwurf einer Predigt zu Apk 19,1-8. Über die besondere Sprachkraft apokalyptischer Bilder und Metaphern

Unter besonderer Berücksichtigung der homiletischen Frage, wie apokalyptische Bilder und Metaphern in Predigten verwendet werden können

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 27 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eigener Zugang zum Predigttext

2. Exegetischer Kommentar
2.1. Analyse des biblischen Kontextes und der historischen Situation
2.2. Traditionsgeschichtliche Analyse
2.2.1. Das Motiv der Hochzeit und von Braut und Bräutigam

3. Systematischer Kommentar
3.1. Dogmatische Themen des Predigttextes
3.1.1. Hamartiologie (Sünde und Sündhaftigkeit des Menschen)
3.1.2. Eschatologie (Gericht und Erlösung durch Gott)
3.2. Ethische Themen des Predigttextes
3.2.1. Soziale Gerechtigkeit und Gerechtigkeit Gottes

4. Situationsanalyse

5. Homiletischer Kommentar

6. Liturgischer Kommentar

7. Predigt zu Apk 19,1-8: Die Gerechtigkeit Gottes wird kommen

8. Schlussbemerkungen

9. Literaturverzeichnis
9.1. Quellen
9.2. Hilfsmittel
9.3. Sekundärliteratur und Internetquellen

I. Anhang
I.I. Verssegmentierung des griechischen Textes I
I.II. Eigene Übersetzung des Predigttextes II

1. Eigener Zugang zum Predigttext

Ganz unscheinbar beginnt die Perikope vom himmlischen Jubel über den Untergang Babylons mit einer narrativ gestalteten Exposition, in der uns der Verfasser aus der Ich-Perspektive davon berichtet, dass er einen vielstimmigen Chor im Himmel hörte. Doch gleich beim ersten Lesen stellte ich mir gedanklich vor, dieses auditive Erleb­nis mitzuerleben: Es wirkt geradezu beeindruckend und doch zugleich etwas ein­schüchternd auf mich, wie die Wesen dort oben im Himmel in einen vielstimmigen Chorgesang fallen und immerzu das Halleluja anstimmen. Dies wird zugleich durch die Klimax von Heil, Herrlichkeit und Macht als Attribuierungen des einen Gottes verstärkt. In V. 2 ist davon die Rede, dass sein Urteil über die Hure Babylon voll Gerechtigkeit und Wahrheit sei, doch ich erschauere zugleich darüber, dass mein Gott scheinbar unter Anwendung von Gewalt das Blut seiner Knechte an ihr gerächt hat. Ist mein Gott etwa ein gewalttätiger und rachesüchtiger Gott? Doch der himmli­sche Chor ruft ein zweites Mal „Halleluja“ (V. 3) und lässt sich davon nicht beirren. Nun erschauere ich noch mehr, wenn ich V. 4 lese und mir vorstelle, wie die vier­undzwanzig Ältesten und die vier Wesen auf ihre Knie fallen und Gott anbeten, der wie ein König auf dem Thron sitzt. Wiederum sprechen sie „Amen, Halleluja!“. Und wenn es in V. 5 heißt „Kai pwvq äno tou Opovou s^pkOsv ÄSYOUoa“, dann frage ich mich unweigerlich, wem denn diese Stimme gehöre, die zum Lobpreis Gottes auf­fordert und wieder stoße ich mich an dem Zusatz, dass sich alle, sowohl die Kleinen, als auch die Großen vor ihm und seiner Macht fürchten sollen. Ich frage mich: Muss ich mich vor meinem Gott fürchten? Und wieder werde ich urplötzlich aus meinen Gedanken gerissen, wenn in V. 6 erneut vom vielstimmigen Chor die Rede ist, des­sen Gesang sich nun sogar anhört rög pwvqv uöaroiv nokkwv und rög pwvqv ßpovTröv roxupwv. Mir stockt geradezu der Atem, weil ihr Gesang klingt „wie das Rauschen vieler Wasser und wie das Dröhnen eines gewaltigen Donnerschlags“ (V. 6). Sie künden davon, dass der HERR, unser Gott, nun König geworden sei und ich fühle mich in eine Inthronisationsszene versetzt. Alle sollen fröhlich sein und ihn lobprei­sen, doch es ist mir ein verschlüsseltes Bild, wenn in V. 7 schließlich von der o Yapog Ton äpviou gesprochen wird und gesagt wird, dass p Yuvq aÜTon pToipaosv saurqv. Ich frage mich, wer denn mit der Braut des Lammes gemeint sei? V. 8 be­richtet davon, dass sie sich in leuchtend, weißes Leinen kleiden durfte und damit die Taten der Heiligen gemeint seien. Doch ich bleibe mit der Frage zurück, wozu mich der Text aufrufen will: Zum Lob, zur Nachfolge oder vielleicht auch zu beidem?

2. Exegetischer Kommentar

2.1. Analyse des biblischen Kontextes und der historischen Situation

Im größeren Kontext gesehen wird durch Apk 19,1-8 die sich bereits seit 17,1 ff entwickelnde „Darstellung des Gerichts gegen die Hure“1 abgeschlossen. Hier fällt auf, dass es zwar noch einen Bericht über das Wirken des Satans und des Tieres gibt, aber die Hure Babylon nicht mehr auftaucht. Auffällig ist an dieser Stelle auch eine große Parallelität der Wendung „sie verdarb die Erde mit ihrer Unzucht“ (V. 2) mit der Erklärung des Engels: „die Könige der Erde haben Unzucht mit ihr getrieben“ (17,2; ähnlich 18,3). 17,6 korrespondiert mit dem Hinweis auf die Vergeltungstaten Gottes für das Blutvergießen an den Christ*innen, wobei die große Hure dort sogar als von ihrem Blut ganz trunken geworden dargestellt wird. Dadurch wird letztlich „die Gesamtheit der Darstellung des Gerichts der großen Hure mit einander ähnli­chen bzw. parallelen Aussagen“2 durch den Vf. eingerahmt.

Der Vf. nennt in einem brieflichen Anfang, der an das paulinische Briefpräskript angelehnt ist, seinen Namen Johannes (1,4; vgl. 1,1.9). Von ihm selbst stammt die Bezeichnung seines Werkes als Prophetie (1,3; 19,10; 22,7 u. ö.). Demgemäß sieht er sich seinem eigenen Selbstverständnis nach als christlicher Prophet (vgl. 10,11). Er gibt an, dass er sich auf der Insel Patmos befand, als er die Visionen und Auditionen, die er in seinem Werk niedergeschrieben hat, empfing. Er befand sich dort „um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus“ (1,9). In der Forschung wird diese Angabe oftmals als Hinweis auf seine mögliche Verbannung gedeutet.

Erst seit frühkirchlicher Zeit, speziell durch Justin und Irenäus, wurde der Autor der Apk mit dem Zebaiden und Vf. des Johannesevangeliums gleichgesetzt. Allerdings machen sehr große Unterschiede, sowohl auf sprachlicher, als auch theologischer Ebene, diese Annahme eher unwahrscheinlich. Teilweise werden in jüngerer Zeit jedoch wieder mögliche Verbindungslinien zwischen dem Corpus Johanneum und der Apk diskutiert. Als Adressaten benennt der Vf. in 1,4 „die sieben Gemeinden in der Provinz Asien“, die er dann letztlich in 1,11 aufzählt: Ephesus, Smyrna, Perga­mon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea.

Wahrscheinlich ist es, dass er in diesen Gemeinden auch persönlich gewirkt hat. In den sieben Sendschreiben wendet er sich direkt an jede einzelne Gemeinde.

Die Gemeinden sind großen Bedrohungen von innen und außen ausgesetzt. So wir­ken laut den Sendschreiben Irrlehrer in den Gemeinden (2,2; 2,6. 15; 2,14; 2,20 ff.). Eine genaue Einordnung ist nur schwer vorzunehmen, da der Vf. oftmals mit alttes- tamentlichen Tarnnamen wie Bileam oder Isebel operiert. Aus seiner Sicht hat ihr Wirken die Folge, dass das persönliche Profil und damit die Identität der jeweiligen Gemeinde Stück für Stück verloren geht (vgl. z. B. die Verführung zum Verzehr von Götzenopferfleisch und zur Unzucht in 2,14.20 mit den Regelungen in Apg 15,20). Von außen sehen sich die Gemeinden insbesondere „durch die zunehmende Propa­gierung des Kaiserkultes (vgl. vor allem Kap. 13)“3 bedroht.

Auch scheint es teilweise Konflikte mit den örtlichen Synogalgemeinden gegeben zu haben (vgl. z. B. 2,9; 3,9). Die Beteiligung am Kaiserkult konnte als Ausdruck der Loyalität gegenüber der römischen Herrschaft angesehen werden. Der Vf. setzt dabei den Sachverhalt voraus, dass die Weigerung von Christ*innen, sich an diesem Kult zu beteiligen, z. T. lokale Verfolgungen zur Folge hatte (vgl. z. B. 2,10.13).

Aus der Situation der genannten Gemeinden lässt sich am besten auf die Abfas­sungszeit der Apk schließen. Seit dem Jahr 85 n. Chr. ließ sich der Kaiser Domitian (81-96) als „ dominus et deus noster “ (unser Herr und Gott) bezeichnen. Dies hatte eine stärkere Fokussierung des Kaiserkultes zur Folge, worunter v. a. die Christ*innen litten. Quellen belegen, dass er gegen Ende seiner Regierungszeit auch gewaltsam gegen Oppositionelle vorging. Die Quellen berichten zwar nicht von einer allgemeinen Christenverfolgung unter Domitian, „aber die Situation der Apk würde sich gut in das unter ihm entstandene Klima der Verunsicherung einfügen“4.

Traditionell wird die Apk daher in den Zeitraum von 90-95 datiert. Neuere Publikati­onen sprechen sich hingegen eher für eine spätere Datierung in die Regierungszeit des Kaisers Trajan (98-117) oder sogar erst Hadrian (117-138) aus. Beide Herrscher reisten oftmals persönlich in die Provinz Asia und waren dort überaus präsent.

Die „inschriftlichen und literarischen Quellen“ berichten sogar von einem „damit einhergehenden Aufschwung des Kaiserkultes (Traianeum in Pergamon, Olympieion in Ephesus)“5.

2.4. Traditionsgeschichtliche Analyse

2.4.1. Das Motiv der Hochzeit des Lammes und von Braut und Bräutigam

Das Motiv einer Heiligen Hochzeit stammt bereits aus dem altorientalischen und hellenistischen Kontext. Ursprünglich verstanden die Griechen unter der hieros gamos „ die Vermählung des Himmelsgottes Zeus mit der Erdgöttin Hera“6, also eine Theogamie („Götterhochzeit“). Ähnlich wie in den weisheitlichen und prophetischen Schriften des Alten Testaments werden auch im Neuen Testament Braut- und Hoch­zeitsmetaphorik verwendet. Abzugrenzen ist diese jedoch von der Vorstellung einer Heiligen Hochzeit, die das Neue Testament nicht kennt. Vielmehr dient die Metapho­rik dazu, das Verhältnis zwischen Christus und seiner Gemeinde zu umschreiben. Die metaphorische Vorstellung von Jesus als Bräutigam, wie sie sich z. B. in Mk 2,18-20 par. findet, nimmt die aus frühjüdischer Zeit stammende Vorstellung einer Verknüpfung der Hochzeit mit einer endzeitlichen Rettergestalt auf. Im Gleichnis von der königlichen Hochzeit (Mt 22,1-14 par. Lk 14,16-24) wird letztlich das Motiv des eschatologischen Hochzeitsmahles wieder aufgegriffen, indem die durch die Verkündigung Jesu Eingeladenen als Gäste der eschatologischen Hochzeit Gottes angesprochen werden. In ähnlicher Form findet sich diese Vorstellhung auch in Apk 19,6-9, wo die Geretteten als die Gäste für diese Hochzeit bezeichnet werden, die letztlich „im Himmel mit ihrem Retter zu einer Gemeinschaft 'vereinigt' werden“7 Nach Christl M. Maier (2011) geht es dabei jedoch vordergründig „nicht um eine körperliche Vereinigung des Lammes mit der 'Braut', die in Apk 21,2.9 f. als das himmlische Jerusalem identifiziert wird, „sondern um eine dauerhafte Gemeinschaft der Geretteten mit Christus als Vollendung einer Verheißung (vgl. 21,3 unter Auf­nahme von Ex 29,45 und Jer 7,23)“8.Von großer Bedeutung ist, dass im Predigttext nicht von irgendeiner Hochzeit, sondern von der Hochzeit des Lammes (vgl. Apk 19,7) die Rede ist. Und seine Braut hat sich schön gemacht (vgl. ebd). Wenn in V. 8 gesagt wird, dass sie sich in „leuchtend weißes, reines Leinen“ kleiden durfte und dieses Leinen „die gerechten Taten der Heiligen“ sind, dann dürfen wir uns als Ge­meinde Jesu Christi darauf berufen und können uns als Braut Christi ansehen, die wir für immer bleiben. Die Heiligen sollen uns dabei als Vorbilder dienen. Genau darin liegt die exegetische Pointe des Predigttextes, die es in der Predigt zu vermitteln gilt.

3. Systematischer Kommentar

3.1. Dogmatische Themen des Predigttextes

3.1.1. Hamartiologie (Sünde und Sündhaftigkeit des Menschen)

Eines der wichtigsten systematisch-theologischen Topoi im vorliegenden Predigttext ist womöglich die Sünde und damit auch die Sündhaftigkeit des Menschen, womit zugleich auch der Bereich der theologischen Anthropologie tangiert wird. Festma­chen lässt sich dies v. a. an V. 2.

[Dogmatisch gesehen ist die Sünde ein genuin] theologischer Begriff und bezeichnet das ver­kehrte Verhältnis des Menschen zu Gott, mit dem ein verkehrtes Selbst- und Weltverhältnis einhergeht.“9

Menschen, die sündigen, geben ihren Bruch des Gottesverhältnisses entweder als etwas Gu­tes oder als etwas Unbedeutendes aus. Sie versuchen sogar, ihn unter Berufung auf Gott zu verbergen. Wenn von S.[ünde] die Rede ist, geht es folglich immer zuerst darum., wie Sünder zu einer wahrhaften Erkenntnis ihrer S.[ünde] und damit zum Eingeständnis ihrer Sch.[uld] kommen.10

Sünde kann theologisch gar als generelle Äußerungsform menschlicher Existenz an­gesehen werden. Sünde äußert sich immer im konkreten Vollzug des menschlichen Seins.

Sie äußert sich in der Selbstgerechtigkeit und Selbstüberhebung Hybris) gegenüber Gott und den geschöpflichen Möglichkeiten. Menschen wollen >>wie Gott<< sein (vgl. Gen 3, 16) und ihr eigenes Leben, aber auch das der Anderen absolut bestimmen. Zugleich ist S.[ünde] immer auch die Vernachlässigung verhältnisgerechter, geschöpflicher Selbstentfal­tung. Sie ist sowohl eine aktive wie eine passive Wendung gegen Gott. Sie ist Hochmut und Sich-Hingeben an das >>Fleisch<<.11

Systematisch-theologisch geht es darum, den Zuhörer*innen zu vermitteln, dass sie zwar durch den Sündenfall Adams (vgl. Gen 3,19) von der Erbsünde (peccatum ori­ginale originatum) betroffen sind, aber durch Christi Tod und Auferstehung an der Heilsgeschichte Anteil haben, da dieser nach Paulus als „der neue Adam“ (vgl. Röm 5,12-21) verstanden werden kann. Entscheidend ist in der Predigt somit allein die Kommunikation des Evangeliums (Grethlein).12

[Unter den Bedingungen der Postmoderne] wollen die Menschen sich auf ihre Selbstverant­wortlichkeit für das Tun des Guten angesprochen finden, auf ihre Fähigkeit somit auch, das Gute zu erkennen und dasjenige, was als das Gute erkannt ist, auch zu tun.13

Diesen ethisch-theologischen Anspruch sollte die Predigt im besten Falle erfüllen.

3.1.2. Eschatologie (Gericht und Erlösung durch Gott)

Von weiterer zentraler Bedeutung ist in Apk 19,1-8 das Thema der Eschatologie so­wie die Vorstellung von einem Gericht Gottes über die Menschen, in der sich seine Gerechtigkeit offenbaren wird. Erkennbar ist dies z. B. in V. 2, wo juristische Termi­ni wie Wahrheit und Gerechtigkeit verwendet werden und konstatiert wird, dass Gott sein Urteil über die große Hure gesprochen und das Blut seiner Knechte gerächt hat. Außerdem finden sich im Text eschatologische Bilder und Metaphern, wie z. B. das Bild von der Hochzeit des Lammes in V. 7, den vierundzwanzig Ältesten und den vier Wesen in V. 4 (man achte hier auch auf die apokalyptische Zahlenmetaphorik!), die Brautmetaphorik in V. 7-8 oder natürlich der immer wiederkehrende Halleluja­Ruf der himmlischen Heerscharen, der in der jüdisch-christlichen Auslegungstraditi­on nicht nur als Ruf der überschwänglichen Freude, sondern auch als Ruf mit escha- tologischem Charakter verstanden wird, der das Kommen der Endzeit und des End­gerichts ankündigt.14

Gericht und Erlösung sind zwei dogmatisch sehr abstrakte Begriffe, die aber für den christlichen Glauben konstitutiv sind und damit homiletische Beachtung verdienen. Den Zuhörer*innen sollte durch die Predigt verständlich werden, was Johannes ei­gentlich damit meint, wenn er von der Hochzeit des Lammes, also der Hochzeit von Christus selbst, des Agnus Dei, spricht und für wen die Braut symbolisch steht: näm­lich für die durch Christus erlöste Menschheit und die ganze christliche Gemeinde, die sich an den gerechten Taten der Heiligen, das sind alle Menschen, die sich Gott zugehörig fühlen, ein Beispiel nehmen kann. Aller christlichen eschatologischen Vorstellung liegt ein gemeinsames Modell zugrunde:

Dieses Modell erwartet über das Sterben hinaus einen mehr oder weniger bewußt [sic!] erfah­renen Zwischenzustand, danach eine oder mehrere neue Inkorporationen, danach eine ge­richtsähnliche Scheidung, danach einen Zustand von Vollendung oder harmonischem Aus­gleich. [...] Die Eigenart des christlichen eschatologischen Denkens wird in diesem Vergleich erkennbar als charakterisiert durch strenge Einmaligkeit dieser Akte.

Das Gericht ist „ Ausdruck christlicher Eschatologie “ in besonderem Sinne, weil es

die Selbstverborgenheiten des Menschen vor sich selbst wie vor Gott aufhellt [...]. In der christlichen Eschatologie [geht es also] zentral um die Aufhebung der Verborgenheiten von Gott und Mensch füreinander.

Diese Aufhebung der Verborgenheiten von Gott und Mensch zueinander mag wohl die wichtigste systematisch-theologische Aufgabe einer Predigt über einen apokalyp­tischen Text sein, die stets zu einem besseren Gottesverhältnis beitragen möchte.

3.2. Ethische Themen des Predigttextes

3.2.1. Soziale Gerechtigkeit und Gerechtigkeit Gottes

Zwar sind einige Exeget*innen er Auffassung, dass „[i]n der Apokalypse des Johan­nes (...) Gerechtigkeit [lediglich] ein Gottesprädikat [ist], und zwar verbunden mit seinem gerechten Gericht [und ferner] [e]in reflektierter Sprachgebrauch (...) hier nicht zu finden und auch nicht zu erwarten [sei]“15, doch halte ich dies für zu einfach gedacht. Einerseits wird Gerechtigkeit in der Apokalypse oftmals eschatologisch gedacht und mit dem Gericht Gottes verknüpft, doch hat sie andererseits zumeist auch eine sozialethische Komponente, wie sich gut an Apk 19,2 sehen lässt, wo der Vf. konstatiert: „Denn sein Urteil ist voller Wahrheit und Gerechtigkeit“.

Freilich hat der Vf. hier das Endgericht vor Augen, indem sich die Gerechtigkeit Gottes offenbaren wird und es darf auch nicht vergessen werden, dass die „Einheit von Gottesgerechtigkeit und ethisch-politischer Gerechtigkeit (...) nach der Bibel erst der eschatologischen Zukunft an[gehört] (vgl. II Petr 3,13)“16, doch möchte der Text ganz im Sinne der präsentischen Eschatologie 17 auch die Hoffnung auf die Verwirk­lichung der Gerechtigkeit Gottes in der jetzigen Welt vermitteln, wenn in V. 7 expli­zit betont wird, dass die Hochzeit des Lammes bereits begonnen hat.18

Angesichts des vielen Leids und Übels auf der Welt, möchte ich aufzeigen, dass die Gerechtigkeit Gottes auch immer mit der sozialen Gerechtigkeit korrespondiert, weil sie in einem Verhältnis zur Liebe steht.

Zwar bezieht sich die Liebe „immer auf die Person, [wohingegen sich] die Gerechtigkeit auf die Sachverhalte, zu denen die Personen [sich verhalten]“ konzentriert, doch „[d]ie Gerech­tigkeit richtet sich nach der Gleichheit und gibt jedem, was ihm zukommt, und das, worauf er ein Recht hat. Die Liebe schenkt auch unverdient und unbegründet, nur um ihrer selbst wil- len.“19

Gott liebt nicht die Unterdrücker und Herrscher, sondern die Schwachen und Unter­drückten; als Christ*innen dürfen wir nach Apk 19,7 in der Gewissheit leben, dass die Hochzeit des Lammes und damit die Gerechtigkeit Gottes bereits begonnen hat. Am Bild der Hochzeit soll den Zuhörer*innen veranschaulicht werden, was es ei­gentlich bedeutet, wenn wir als Christ*innen als die Braut Christi angesehen werden.

[...]


1 Satake, Akira: Die Offenbarung des Johannes, KEK, Bd. 16, 369.

2 Ebd.

3 https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/offenbarung/ (abgerufen am 11.08.2019).

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Maier, Christl M.: Art. Heilige Hochzeit, in: WiBiLex, Stuttgart 2011.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Axt-Piscalar, Christine: Art. Sünde VII, in: TRE 32, 428.

10 Krötke, Wolf: Art. Sünde/Schuld und Vergebung, in: RGG4 7, 1887.

11 Ebd., 1890.

12 Siehe Grethlein, Christian: Praktische Theologie als Theorie der Kommunikation des Evangeliums in der Gegenwart - Grundlagen und Konsequenzen, in: ThLZ Ausgabe Juni 2012, Leipzig 2012.

13 Siehe Gräb, Wilhelm: Art. Sünde VIII, in: TRE 32, 436.

14 Vgl. Klaiber, Walter: Die Offenbarung des Johannes, 244.

15 Vgl. z. B. Lührmann, Dieter: Art. Gerechtigkeit III, in: TRE 12, 419.

16 Hägglund, Bengt: Art. Gerechtigkeit VII, in: TRE 12, 443.

17 Siehe z. B. das Jesuswort in Lk 17,20-21, wo Jesus auf die Frage antwortet, wie das kommende Reich Gottes aussehen wird. Er antwortet sinngemäß: „Wieso wird? Es ist schon da“.

18 Siehe hierzu auch das dogmatische Standardwerk zur Eschatologie von Joachim Valentin: Eschato­logie, in: Gegenwärtig Glauben Denken Systematische Theologie, Bd. 11, Paderborn 2013, 280-282.

19 So Hägglund, Bengt: Art. Gerechtigkeit VII, in: TRE 12, 442-443.

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346160171
ISBN (Buch)
9783346160188
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541310
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Evangelisch-Theologische Fakultät
Note
2,7
Schlagworte
Homiletik Neues Testament Predigtentwurf Offenbarung des Johannes Apokalypse Bilder Metaphern Predigt Praktische Theologie Gottesdienst Liturgie Theologie Evangelische Theologie Hauptseminar Hauptstudium Pfarramt

Autor

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Titel: Entwurf einer Predigt zu Apk 19,1-8. Über die besondere Sprachkraft apokalyptischer Bilder und Metaphern