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"Des tages dô ich daz kriuze nam'" von Reinmar dem Alten. Philologische und Literaturhistorische Analyse

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Philologische Analyse: 'Des tages dô ich daz kriuze nam'
2.1 Übersetzung & Kommentar
2.2 Aufbau

III. Literaturhistorische Betrachtung
3.1 Personenkonstellation
3.2 Der Weg zur saelde

IV. Fazit

V. Bibliographie
5.1 Primärliteratur
5.2: Sekundärliteratur

I. Einleitung

Wie weit muss man für seinen Glauben gehen? Wird man von Gott bestraft, wenn man ihm nicht dient, wie es ihm gebührt? Religion und Glauben spielten seit jeher eine große Rolle für den Menschen. Doch darf man an Gottes Weg zweifeln? Gerade zu den Zeiten der Kreuzzüge im Mittelalter, in der das Heilige Land Gottes aus den Händen der sogenannten ungläubigen Muslime befreit werden sollte, beschäftigten diese Fragen die Menschen.

So auch das lyrische Ich im Lied Reinmars des Alten 'Des tages dô ich daz kriuze nam'. Darin geht es um den inneren Konflikt eines Ritters, der sich bereits Gottes Weg verpflichtet hat, aber dennoch Zweifel hegt.1

Es gehört zur Gattung des Kreuzliedes. Dieses ist seit ca. 1190 belegt, dem Jahr, als Friedrich von Hausen auf einem Kreuzzug starb.2 Das eigentliche Wort kriuzliet fand jedoch erstmals um 1300 mit Reinmar dem Fiedler einen Beleg. Kreuzlieder beinhalten das Problem der Datierung: es gilt als unwahrscheinlich, dass sie speziell für Kreuzzüge verfasst worden sind, sondern eher im Allgemeinen den Geist der damaligen Zeit ansprechen.3 So umfasst die mittelhochdeutsche Lyrik vier große Bereiche: Liebe, Religion, Moral und Politik.4

Es ist schwer, die Gattung Kreuzlied exakt zu bestimmen. Es ist schon am Begriff selbst offenbar, dass vor allem Religion und Politik die Thematik dominieren, doch spielen auch Moral und Liebe, beispielsweise die Liebe zu Gott, mit hinein.

Reinmar der Alte gestaltet im Vergleich zu anderen Kreuzliedern, etwa Walter von der Vogelweides Palästina-Lied, seine Lieder nicht als Abschiedsklagen, sondern als moralisch-religiöse Verse.5 Er stellt eine bereits getroffene Entscheidung in Frage, zweifelt am vollkommenen "Dienst an Gott" und der "Notwendigkeit des Kreuzzuges".6 In der folgenden Arbeit sollen diese und andere Fragen näher diskutiert werden.

Als Grundlage dient das Lied 'Des tages dô ich daz kriuze nam' aus der grundlegenden Sammlung 'Des Minnesangs Frühling'.78

Die Arbeit beginnt mit der Übersetzung und einem Kommentar des besagten Gedichts, darauf folgt eine philologische Analyse bezüglich Überlieferung, Aufbau, Sprache und Rhetorik.

Im weiteren Verlauf werde ich im Rahmen einer literaturhistorischen Betrachtung genauer auf Inhalt und dabei besonders auf die Personenkonstellation des Werkes eingehen.

II. Philologische Analyse: 'Des tages dô ich daz kriuze nam'

2.1 Übersetzung & Kommentar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Lied 'Des tages dô ich daz kriuze nam' ist allein im 'Codex Manesse', der großen Heidelberger Liederhandschrift, überliefert. Die Strophen I-IV folgen der Leithandschrift C.9 Hierbei stellt die erste Strophe des Liedes die 125. Strophe unter dem Namen Reinmar dar, die zweite Strophe die 126. usw., nach der Zählung Karl Lachmanns gehören die Strophen I-III unter die Nummer 181, Strophe IV zu 182.10 Zum besseren Verständnis wurden die Strophen durch die Herausgeber nach dem vierzeiligen Aufgesang eingerückt.

Die obige Übersetzung verlangt an mancher Stelle nach Erklärungen.

So stellt sich in I,211 die Frage, das Verb huoten im heutigen Sinne von hüten zu verwenden. Die ursprüngliche Bedeutung bewachen 12 vorzuziehen wäre im Hinblick auf das Kreuzsymbol als Gegenstand sicherlich die bessere Variante, jedoch ist es in dem Sinne zu verstehen, dass man seine Gedanken13 im Angesicht Gottes, für welchen jenes Kreuz eben steht, verbergen soll. Ungewöhnlich erscheint auch die die Wendung (...) vuoz ûz sîme dienste mêr getraeten (I,6), die als einen Fuß breit übersetzt werden kann. Gemeint ist wohl die Tatsache, dass die Gedanken des lyrischen Ichs keine Zweifel mehr aufbringen und sich alleine Gott verschreiben sollten, es im Nachhinein aber nicht schaffen werden, was die Verwendung des Konjunktivs unterstreicht. Nach dem Ende des Stegs wendet sich nun das Erzähltempus vom Präteritum14 ins Präsens, welches bis IV nun das dominierende Tempus ist.

In II,5 wirft das Wort saelde Probleme auf, ob hier das irdische Glück, also die Freude, gemeint ist, oder das Seelenheil. Diese Frage klärt sich schließlich aus dem Kontext. Die Gedanken zweifeln an Gott und dessen Plan und sind daher für das Seelenheil nicht zu beachten. Auch fügt sich die Übersetzung mit Seelenheil besser in den generell religiösen Kontext ein. Dieser zeigt sich erneut in II,9 mit der Periphrase muoter unde maget, mit der schlicht die Jungfrau Maria gemeint ist.15

Die Verwendung des Begriffes lant (III,2) stellt den Übersetzer vor das Problem, einen sinngemäß passenden Ausdruck im Neuhochdeutschen zu finden. Den Gedanken ihr eigenes Land im Sinne eines geographischen Raumes16 zu geben, scheint nicht sinnvoll. Passender ist wohl eher, es als Reich anzusehen, ein Raum, in dem die Gedanken die Kontrolle übernehmen und sich so vielleicht vom lyrischen Ich abspalten können. Dies verdeutlichen die Folgeverse in erlóube in eteswenne dar und aber wider sâ zehant. In der Übersetzung ist in III,3 zu gehen zu ergänzen, da somit die Ellipse Reinmars in ein besseres Verständnis aufgelöst wird.

Bei III,10 ergibt es Sinn, das von Reinmar gewälte Präsens bestân zum Neuhochdeutschen hin als Futur mit werden zu übersetzen, da der Kontext den Schluss eines Ausblicks in die Zukunft zulässt. Strophe IV zeigt das Problem auf, dass der Inhalt nicht mehr zum Schwerpunkt der vorherigen Strophen passt. Sind dort die Zweifel der Gedanken vorherrschend, hat Strophe IV den Verlust des Glaubens an Gott zum Inhalt. Auch wenn es thematisch möglich ist, an die vorherigen Strophen anzuknüpfen, so ist es doch offensichtlich, dass das Lied bereits nach Strophe III vollständig hätte sein können.17

2.2 Aufbau

Das Lied 'Des tages dô ich daz kriuze nam' von Reinmar dem Alten gehört zur Mittelhochdeutschen Sangverslyrik, die "durch die Verwendung von deutlich gegliederten und wiederkehrenden Abschnitten"18 definiert wird, d.h. das Lied besteht aus Strophen. In diesem Fall sind es vier Strophen, jeweils in zehn Verse unterteilt, die wiederum in Stollen und einen Steg aufteilbar sind. Somit erfüllt das Lied Reinmars die formalen Kriterien einer Kanzonenstrophe.19 Hierbei ist jedoch zu beachten, dass mittelhochdeutsche Lieder oft verschiedene Versanzahlen- und längen, Strophenanzahlen und Reimanordnungen besitzen, was zu großem Variantenreichtum führt.20

Daher ist es hier besser, von einer variierten Kanzonenstrophe zu sprechen.

[...]


1 Kasten, Ingrid (Hrsg.): Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters; Frankfurt am Main, 2005, S. 877.

2 Schweikle, Günther: Minnesang (Sammlung Metzler: Band 244); Stuttgart/Weimar, ²1995, S. 144f.

3 Schweikle, S. 146.

4 Müller, Ulrich: Das Mittelalter, in: Hinderer, Walter: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart; Stuttgart, 1983, S. 24.

5 Schweikle, S. 144.

6 Ebd., S. 145.

7 'Des Minnesangs Frühling' (im weiteren Verlauf der Arbeit als MF 181 abgekürzt), hrsg. von Hugo Moser/Helmut Tervooren; Stuttgart, 381988.

8 Text nach: Reinmar der Alte, 'Des tages dô ich daz kriuze nam', in MF 181, Ton XXXI, S. 352f.

9 Eben jender Codex Manesse, vgl. MF, S. 12.

10 Somit stellt sich die Frage, ob die IV. Strophe nach Lachmann somit überhaupt zum Lied gehört, dieser Frage soll jedoch im weiteren Verlauf nicht nachgegangen werden.

11 Strophe I, Vers zwei (Strophe und Vers werden im weiteren Verlauf auf diese Weise nach obiger Darstellung benannt – diese weicht teilweise von der Vorlage ab, da aufgrund der Formatierung eine andere Darstellung nicht möglich war).

12 Hennig, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch; Tübungen, 52007, S. 164.

13 Womit hier sicher Zweifel gemeint sind.

14 Das Präteritum wechselt nun vermutlich, da die "Vorgeschichte" beendet ist.

15 Näheres hierzu in 3.1.

16 Hier das Heilige Land selbst anzunehmen scheint im Hinblick auf die Gedanken nicht sinnvoll.

17 Diese Thematik wird in 3.2 genauer behandelt.

18 Müller, S. 23.

19 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur; Stuttgart, 82001, "Kanzonenstrophe" (eine Gedichtform mit meistens fünf bis zehn Strophen, sieben bis zwanzig Versen etc.).

20 Müller, S. 23.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783346174239
ISBN (Buch)
9783346174246
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541217
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Schlagworte
Kreuzlied Minnesang Reinmar Mediävistik

Autor

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