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Die Poetik des volkstümlich Schlichten und Kindlichen in Brentanos Poetik

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Spinnerin Lied

3. In der Fremde

4. Abendlied

5. Zusammenfassung

Anhang

Der Spinnerin Lied

In der Fremde

Abendlied

Bibliographie

1. Einleitung

Der Dichter Brentano wurde maßgeblich von der literarischen Bewegung der Romantik beeinflusst. In dieser Epoche wuchs unter dem Einfluss der französischen Revolution die Begeisterung der Romantiker für die so genannte Volkspoesie. Dabei wurde der bereits von den Stürmern und Drängern aufgenommene Begriff der Volksdichtung weiterentwickelt. Die Romantiker wählten volkstümliche Texte bewusst als Opposition gegen die Erstarrung poetischer Regelhaftigkeit und suchten nach ursprünglichen Naturformen der Dichtung. Der Mythos über die gemeinsame Herkunft von Sprache und Musik gewann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an Bedeutung. 1778 hatte Herder mit der Sammlung und Edition von „Volksliedern“ begonnen. Im Volkslied glaubte er Reste einer sprachsingenden Zeit zu finden. 1805/08 folgte die wohl berühmteste romantische Sammlung von Volksliedern, `Des Knaben Wunderhorn´, herausgegeben von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Bei letzterem handelt es sich nach di Stefano um denjenigen, „der nach den Aussagen seiner Zeitgenossen (…) dem Bild des Dichters als Sänger am meisten nahe“[1] kam. Brentano erkannte im Volkslied die ursprüngliche Schönheit des rhythmisch geformten, dichterisch gebundenen und melodisch intonierten Wortes. Sein Verhältnis zum Überlieferten charakterisiert Enzensberger als besonders aufgrund seiner Generation.[2] Auf der einen Seite hatte er nicht mehr selbstverständlich Zugang zum literarischen Erbe des 17. Jahrhunderts. Er musste ausdrücklich darauf zurückgreifen und begann auch aus diesem Grund mit der Sammlung von Volksliedern und der Einrichtung einer eigenen Bibliothek. Auf der anderen Seite war er an das Vergangene durch seine familiäre Herkunft und seine Beziehungen zur älteren Generation, besonders die zu seiner Großmutter, gebunden. Allerdings verbrachte er nur 6 Jahre bei seinen Eltern, ab 1784 wurde er außerhalb des väterlichen Elternhauses aufgezogen. Die mangelnde Liebe, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit von Seiten der Eltern ließen ihn eine unerfüllte Kindheit erleben. Brentano erkannte diese Erfahrungen später als besonders wichtig, sah er sich doch als Produkt seiner Kindheit.[3] Seine unbefriedigte Kindheit bewirkte „in ihm sein Leben lang eine überreizte, unstillbare Sehnsucht nach Kindheit“.[4] Bei seiner Suche danach schien er solche Eigenschaften vor allem bei Leuten aus den unteren Volksklassen, wie Handwerkern, Bauern, Bediensteten oder andere Plebejern vermutet und gefunden zu haben. Mit seiner Sympathie für Menschen aus dem ‚einfachen Volk’ folgte er dem Ruf Rousseaus ‚Zurück zur Natur’ und zurück zum ‚natürlichen Menschen’. Seine Vorliebe für diese Menschen ist nicht nur eine Folge kulturhistorischer- und literarischer Einflüsse, sondern resultierte auch aus seinen persönlichen Erfahrungen. In jungen Jahren pflegte er den Umgang mit der katholischen Kindermagd und dem Buchhalter seines Vaters, den zwei geschichtenerzählenden und liedersingenden Gestalten seiner Kindheit. Ihnen verdankte er die frühe Bekanntschaft mit Volksliedern und Volksmärchen. Sein Interesse für Volkslieder entwickelte sich nicht zuletzt aus dem Aspekt, dass ihm ein kindliches Herz besonders in allen niederen Ständen begegnet. Später sollte er als Volkslieddichter (-ein eigentlich widersprüchlicher Begriff-) in die deutsche Literaturgeschichte eingehen, wenngleich er auch „kein (…) deutscher Volksmensch“[5] war. Der von ihm nachgeahmte Volkston war weniger Ausdruck seines wahren Wesens, als vielmehr das Bedürfnis eines Bildungsdichters nach Natur- und Volkshaltigem. Ebenso wie er das Kindliche wohl mehr begehrte als besaß.[6] In seinen Werken schlagen sich die hier aufgeführten Rahmenbedingungen deutlich nieder. Selten stellt sich bei einem Dichter das Problem von erhaltener und zurückgewonnener Kindheit so fundamental, was seine Lyrik außergewöhnlich macht.

Die folgende Arbeit soll die volkstümliche Schlichtheit und Kindlichkeit der Poetik Brentanos anhand seiner Gedichte „Der Spinnerin Lied“, „In der Fremde“ und „Abendlied“ untersuchen und darstellen.

2. Der Spinnerin Lied

Brentano verfasste „Der Spinnerin Lied“ vermutlich 1802 und veröffentlichte es 1817 in seiner „Chronika eines fahrenden Schülers“. Schenkt man Richard Arley Glauben, gehört es zu den kunstvollsten und einfachsten Werken deutscher Dichtung zugleich.[7]

In volksliedartiger Schlichtheit wird in dem Liebesgedicht das Thema der Trennungsklage verarbeitet.

Das Gedicht besteht aus sechs Strophen zu je vier drei-hebigen Versen, wie sie besonders gern im Volkslied verwendet werden. Die Strophen sind aus einfachen, kurzen und wenig gegliederten Sätzen zusammengesetzt, Nebensätze sind durch einfache Konjunktionen an Hauptsätze angeschlossen. Diese sind nur durch Komma, unverbunden aneinandergereiht. Am Ende fast jeder Zeile - nie in der Zeile - wurde ein kleineres Satzzeichen gesetzt. Jene Schlichtheit entspricht im Wesentlichen den Grundzügen des Kinderliedes oder Volksmärchens, in welchem verschiedene Ereignisse, Motive und Bilder häufig ohne logische, kausale Verknüpfung beiordnend, aneinandergereiht werden. Mit Hilfe des Kopulatives „da“ (V.4) kann auf kindliche Weise ein Glied neben das andere gestellt werden. Die syntaktisch übersichtliche Gliederung bewirkt eine leichte Verständlichkeit und ist somit dem gemeinen Leser aus dem Volk zugänglich. Trotz der sechs Strophen besitzt das Gedicht lediglich vier Reime: -aren, -all, -einen und –ein, welche assonierende Beziehungen aufweisen. Auf die 24 Verse verteilen sich die verschränkten Reime nach dem Schema abba cddc abba cddc abba cddc. Somit trennen sich die Verse in zwei Gruppen, in solche mit a-Reimen und in jene mit ei-Reimen. Ebenso wie die Reime stimmt auch ihre Wortfüllung, abgesehen von drei Ausnahmen, überein. Das virtuose Sprachspiel Brentanos geht schließlich soweit, die ersten acht Verse immer wieder zu variieren und in den folgenden Strophen erneut aufzugreifen. Bezeichnet man die ersten acht Verse mit den Ziffern 1-8 und sieht man von kleineren, jedoch bedeutungstragenden Veränderungen ab, ergibt sich folgendes Schema[8]:

a-Reime ei-Reime

1.Strophe 1 2 3 4 2.Strophe 5 6 7 8
3.Strophe 4 2 3 1 4.Strophe 8 6 7 5
5.Strophe 1 2 3 4 6.Strophe 5 6 7 8

Die kombinatorische Variation lässt das Gedicht als einen einzigen Kehrreim wirken. Die letzte Zeile der Strophe wird in der darauf folgenden Strophe der gleichen Art als erste Zeile wieder aufgenommen, der Strophenkern behält seine Reihenfolge dagegen bei. Diese kreuzreimende Bewegung läuft der umarmenden Reimbewegung der Einzelstrophen entgegen. So wird die „Klangmonotonie des Gedichtes“[9] - durch die jeweils weiblichen Kadenzen der Außen- und die männlichen Kadenzen der Mittereime verstärkt – volksliedartig aufgebrochen. Gerade in dem Zusammenwirken von Umarmung und Durchkreuzung der Zeilen bzw. Strophen entsteht bei flüchtigem Zuhören der Eindruck einer ständigen Wiederholung. Gesteigert wird dieses Gefühl noch durch das Nebeneinander von Gleichklang und Variation. Die Symmetrie der Strophen- und Zeilenanordnung zieht jedoch nicht die Möglichkeit nach sich, die Strophen und Zeilen in ihrer Reihenfolge vertauschen zu können. In diesem Fall wäre der „Fortgang der Zeitbewegung vom Präteritum zum Präsens und die Akzentuierung der invarianten Verse“[10] nicht mehr gegeben. Aber gerade die Akzentuierung verweist auf leitende Motive des Gedichtes. Der unveränderte a- Vers „Da wir zusammen waren“ (V.4) spiegelt die Erinnerungen an das Glück des Zusammenseins in der Vergangenheit, wider. In Verbindung gebracht wird diese Zeit mit dem Gesang der „Nachtigall“ (V.2), der auch jetzt noch erklingt. Im Gegensatz dazu steht der ei - Vers „Gott wolle uns vereinen“ (V.16). In diesem wird die Sehnsucht nach einer Vereinigung mit dem Geliebten in der Zukunft ausgedrückt. Erinnerungsmotiv und Sehnsuchtsmotiv geben Leitmotive der Romantik wieder: die Idee von der ursprünglichen Einheit der Schöpfung in der Natur, dem Bewusstsein der Trennung, und dem Streben nach vollkommener, jedoch nicht erreichbarer Harmonie. Jene Gedanken stellen wiederum einen Querverweis zum Volkstum dar. Hieraus ergibt sich für dieses Gedicht die Mischung von Einfachheit und Raffinesse, von Klang und Echo, Monotonie und Variation, Bewegung und Statik.[11] Dargestellt wird dieser Gedanke anhand des Liedes eines verlassenen Mädchens am Spinnrad. Diese im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert häufig verwendete Szene bildet Brentano thematisch und formal weiter. Das Singen des einsamen Ichs ist als Antwort auf den Gesang der Nachtigall zu vernehmen. Die für solche Volkslieder charakteristische Affektbetonung wird mit der Monotonie des Arbeitens am Spinnrad konfrontiert. Den Eindruck des Monotonen und sich stets Wiederkehrenden erweckt die poetische Tonart, verknüpft mit der gleichförmigen Melodie des Gedichtes. Das visuelle Element verliert seine dominante Position gegenüber dem akustischen, das klangliche Element tritt hervor. Frühwald verweist darauf, dass sich Brentanos Gedichte „häufig von den Reimworten aus entwickeln“.[12] Die wenigen Reimworte des Gedichtes legen ein solches etymologisches Konzept nahe. Es entspricht der kindlichen Lust und Freude am Reim. Aus der Kindersprache ist vor allem die Begeisterung für das Wortspiel bekannt.[13] A.W.Schlegel erklärt den Geist der „Kindheit, Liebe und Kindlichkeit“ sogar als Ursprung des Wortspieles. Dieses umfasst Klänge, Rhythmen und Bedeutungen. Bereits in den ersten Versen lassen sich eine Vielzahl lautlicher Gleichklänge bzw. Anklänge finden. Hier sei unter anderem die Assonanz auf „a“ in den Worten „sang“, „langen“ und „Jahren“ (V.1) genannt, oder die Assonanz auf „i“ im Vers fünf. Eine kindliche Sprachmusikalität erzeugt auch die Alliteration, bspw. im dritten Vers anhand der Worte „wahr wohl“. Das gleichmäßige, dem Volkslied entlehnte Metrum, der Kehrreim und die Variation lassen das virtuose Sprachspiel als einen einzigen Singsang erklingen. Der Dichter evoziert Stimmungen und Bilder auf der Grundlage rhythmisch motivierter Assoziationen.[14] Das Spinnrad als allgemein bekanntes Arbeitsgerät wird zum Rad der Zeit. Hinter diesem mechanischen Vorgang, mit physischen Elementen verbunden, erscheinen verborgen Mythen - gewöhnliche Trennungsmythen, die Paradiesesthematik, der Mythos vom Schicksalsfaden, usw. -, welche in den Generationen verwurzelt sind.[15] Wie die Bilder beschränkt sich auch die Sprache des Gedichtes auf das dem Volk Geläufige. Der Dichter baut keinerlei Vokabular aus der bildenden Sprache ein. Im Gegenteil, wesentliche Elemente des Gedichtes sind aus dem Volkslied übernommen. Jedoch spricht der virtuose Aufbau des Werkes weniger für eine Anlehnung an dieses Musikgenre. Er zeugt vielmehr von dem kindlich-künstlerischen Phänomen Brentanos und seinem artistischen Geschick

[...]


[1] Vgl. Giovanni, Stefano di: Der ferne Klang, S. 61.

[2] Vgl. Enzensberger: Brentanos Poetik, S.111

[3] Vgl. Schaub : Le génie enfant, S. 64.

[4] Ebd., S. 79.

[5] Gundolf : Romantiker, S. 286

[6] Vgl. Schaub : Le génie enfant, S. 29.

[7] Vgl. Alewyn : Clemens Brentano, S. 158

[8] Vgl. Enzensberger: Brentanos Poetik, S. 116

[9] Frühwald : Die artistische Konstruktion des Volkstones, S. 271.

[10] Ebd., S. 273.

[11] A.a.O.

[12] Frühwald: Das Spätwerk Clemens Brentanos, S. 71.

[13] Vgl. Schaub: Le génie enfant, S. 165.

[14] Giovanni: Der ferne Klang. Musik als poetisches Ideal in der deutschen Romantik,. S. 58.

[15] Vgl. Frühwald: Die artistische Konstruktion des Volkstones, S. 272.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638493765
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54104
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philologische Fakultät - Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Poetik Schlichten Kindlichen Brentanos Proseminar Lyrik Romantik

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Titel: Die Poetik des volkstümlich Schlichten und Kindlichen in Brentanos Poetik