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Eine Analyse der Pilotfolge der Serie "Dexter"

"Living The Dream" (Staffel 4, Folge 1)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Serie Dexter

2 Recap & Titelsequenz

3 Akt I

4 Akt II, Midpoint & Akt III

5 Akt IV

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Serienverzeichnis

Einleitung

Seit den 1990er Jahren entstehen vor allem im US-amerikanischen Fernsehen mehr und mehr Serien, die aufgrund ihrer inhaltlichen und visuellen Qualitäten als , Quality TV‘ betitelt werden. Angeregt durch den Erfolg von Produktionen wie The Sopranos oder The Wire des Pay-TV-Kanals HBO versuchen schließlich auch andere Sender sich auf diesem Gebiet mit eigenen Serien zu etablieren; so etwa FX mit Nip/Tuck, AMC mit Breaking Bad oder Showtime mit Dexter.1 Robert Blanchet beschreibt diese Entwicklung wir folgt:

Im Verlauf der letzten Jahre hat sich in der amerikanischen Serienlandschaft ein markanter Wandel vollzogen - weg von einfach gestrickten Wiederholungsmustern und trivialen Stoffen hin zu komplex und nuanciert gestalteten Erzählungen, die den Vergleich mit dem Kino nicht mehr zu scheuen brauchen und sogar vieles von dem, was wir auf der großen Leinwand geboten bekommen, in den Schatten stellen.2

In dieser Arbeit möchte ich in etwas abgewandelter Form eine klassische Pilotfolgenanalyse der Serie Dexter durchführen. Ich werde mich hierbei nicht primär auf DEXTER (S01E01, USA 2006), sondern auf LIVING THE DREAM (LEBE DEINEN TRAUM, S04E01, USA 2009) beziehen. Während die vierte Staffel von vielen Zuschauern3 und Kritikern4 als einer der Höhepunkte der Serie empfunden wird, bietet mir dies außerdem - da fast alle auftretenden Figuren bereits eingeführt und ausführlich entwickelt sind - die Möglichkeit, die narrativen und dramaturgischen Strategien, die in einer Pilotepisode normalerweise oft von der Figureneinführung überschattet werden, genauer zu untersuchen.

Bevor ich mich mit der eigentlichen Episode beschäftige, möchte ich zunächst einige allgemeine Punkte der Serie ansprechen um die folgende Analyse in einen passenden Kontext zu setzen. Anschließend werde ich die Folge zur gezielteren Untersuchung in mehrere Teile untergliedern und daraufhin separat betrachten. Dabei werde ich einen verstärkten Fokus auf die Titel- und Anfangssequenz, den sich abzeichnenden Haupthandlungsstrang der Staffel sowie das Ende legen und bei Bedarf auf weitere Episoden verweisen.

1 Die Serie Dexter

Im Mittelpunkt der Serie steht der namensgebende Dexter Morgan (Michael C. Hall). Er ist hauptberuflich als forensischer Blutspurenanalyst bei der Polizei von Miami beschäftigt, doch verbringt einen großen Teil seiner Zeit auf andere Weise. Durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit verspürt Dexter immer wieder den unstillbaren Drang zu töten. Seinen Stiefvater Harry Morgan (James Remar) hilft Dexter dabei diesen Drang, den er später selbst als seinen ,Dunklen Begleiter4 bezeichnen wird, zu kanalisieren. Harry ist Polizeibeamter und lehrt Dexter den ,Kodex‘, der es ihm ermöglicht, sowohl seine Spuren zu verbergen als auch passende Opfer für seinen ,Dunklen Begleiter4 zu finden - meist Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe durch die Justiz entgehen konnten. So kann Dexter ein nahezu normales Leben führen, indem er sich nach außen hin eine Fassade aufbaut, die den Blick nach innen verwehrt. Harrys leibliche Tochter Debra Morgan (Jennifer Carpenter) ist wie ihr mittlerweile verstorbener Vater ebenfalls Polizeibeamtin in Miami. Zu ihr hat Dexter über die ganze Serie hinweg einen sehr engen Kontakt, doch bleibt ihr für die längste Zeit Dexters wahres Ich verborgen. Neben Debra ist wohl Rita Bennett (Julie Benz) die wichtigste Frau in Dexters Leben. Zu Beginn trifft er sich nur gelegentlich mit ihr, doch am Ende der dritten Staffel heiraten die beiden und erwarten ein gemeinsames Kind.

In ihrer erzählerischen Form ist Dexter ein Flexi-Narrativ5, da sie sowohl Elemente der series als auch der serials aufweist. Ersteres könnte man auch als Episodenserie bezeichnen, bei der jede Episode in sich abgeschlossen und von Folge zu Folge nur wenig bis gar keine Veränderung zu verzeichnen ist, während letzteres eine Fortsetzungsserie meint, bei der über mehrere Folgen oder gar Staffeln hinweg eine durchgehende Geschichte erzählt wird.6 Als Hybridform dieser beiden Serienkonzepte funktioniert Dexter wie folgt: In einer Vielzahl von Episoden spürt Dexter zunächst ein neues Opfer auf um es letztendlich in einem von ihm speziell dafür präparierten Raum zu töten. Dieses Ritual ist als immer wieder auftretende und variierte Standardsituation der Serie zu verstehen und „ließe sich als mise en abyme der festen Struktur jeder Episode lesen.“7

Bestünde Dexter lediglich aus diesem Element der series, würde sich sicherlich bald eine inflationäre Abnutzungserscheinung einstellen, da das Publikum auf längere Zeit das Interesse an einem sich stets wiederholenden Erzählmuster mit limitierten 8 Verlaufsmöglichkeiten verlieren würde.8 Daher verfügt jede Staffel neben diesem wiederkehrenden „Monster of the week“9 -Element über einen in sich geschlossenen Spannungsbogen, den Michael Cuntz bezogen auf die Staffeln 1 bis 3 wie folgt charakterisiert:

Dexter trifft jeweils auf eine vermeintlich vertraute Figur, die sich [...] jedoch nicht als Seelenverwandter, sondern als Antagonist entpuppt, den Dexter am Ende töten muss, um dessen Eigenschaften zu überwinden wie zu exorzieren und so in seiner persönlichen Entwicklung auf eine ,höhere Stufe ‘ zu gelangen.10

Diese Beschreibung trifft weitestgehend auch auf alle weiteren, im Besonderen aber auf die vierte Staffel zu. Denn auch hier meint Dexter in Trinity alias Arthur Mitchell (John Lithgow), der schon sehr lange erfolgreich Familienvater und Serienmörder in einer Person vereint, eine perfekte Form seiner selbst zu sehen. Während Dexter zunächst versucht, so gut es geht dessen Beispiel zu folgen, erkennt er jedoch bald, dass Arthur diese Synthese nicht so makellos gelungen ist, wie es anfangs schien. Um weiteres Übel zu vermeiden, tötet Dexter Arthur am Ende der Staffel, wodurch auch dieser Spannungsbogen zu demselben Ende wie die vorherigen gebracht wird.

Über diesen staffelinternen Spannungsbögen steht schließlich noch jene staffelübergreifende Erzählung, die sich zu einem großen Teil mit der Biographie Dexters11, oder - um es anders auszudrücken - der „humanization of Dexter 12 Morgan“12 beschäftigt. Während Dexter noch zu Beginn der ersten Staffel eher als emotionsloser Einzelgänger zu charakterisieren ist, durchläuft er im weiteren Verlauf der Serie beispielsweise als Ehemann und Vater eine Vielzahl von Entwicklungsstufen. Darüber hinaus sind in dieser oberen Ebene auch die Charakterbögen und -entwicklungen der einzelnen Nebenfiguren sowie alle weiteren abseits des staffelinternen Haupthandlungsstranges stattfindenden Ereignisse zu verorten.

Der Übergang zwischen diesen drei Ebenen - dem meist auf eine Folge begrenzten Töten eines passenden Opfers, dem über eine komplette Staffel hinweg erzählten Spannungsbogen zwischen Dexter und einem Hauptantagonisten sowie dem fortlaufend erzählten Leben in Miami - ist durchaus fließend und eine eindeutige Zuordnung oder isolierte Betrachtung nicht immer möglich. Ferner können zwei Ebenen sich kreuzen oder an einem bestimmten Punkt ineinander übergehen, wie dies beispielsweise bei Ritas Ermordung durch Trinity am Ende der vierten Staffel der Fall ist.

Die Vorteile einer solchen Hybridform aus series und serials sind offensichtlich. Während Gelegenheitszuschauer eher von dem innerhalb einer einzelnen Episode abgeschlossenen Spannungsbogen angesprochen werden, bedienen staffelinterne sowie denen noch übergeordneten Erzählstränge die Ansprüche eines langfristig 13 involvierten Publikums.13 Gleichzeitig werden durch diese Mischform die Nachteile der jeweils reinen Formen - die heutzutage jedoch nur selten zu finden und daher eher als die Extremwerte eines sich dazwischen befindenden Kontinuums an Hybridität zu verstehen sind14 - zu einem gewissen Grad beseitigt. So wird der bereits erwähnten Abnutzung einer sich immer wiederholenden Narration durch die Einbettung in eine fortlaufende Erzählung, die genügend Raum für Variation und Abwechslung bietet, entgegengewirkt.

Dahingegen erleichtert die Abgeschlossenheit einer einzelnen Staffel - im Gegensatz zu eher durchgängig fließend erzählten Serien wie The Sopranos, Breaking Bad oder Lost, bei denen das Staffelkonzept mehr produktionstechnische als inhaltliche Hintergründe zu haben scheint - sowohl den Einstieg in die Serie als auch das gezielte Schauen einzelner Staffeln. Der Zuschauer muss sich nicht direkt auf die gesamten Serie, was oftmals als zu große und abschreckende Zeitinvestition empfunden wird, einlassen und erhält so beispielsweise auch durch den ausschließlichen Konsum der Staffeln 1, 2, 4 und 6 ein befriedigendes Rezeptionserlebnis.

Die im Folgenden näher zu betrachtende Episode LIVING THE DREAM erstreckt sich über eine Dauer von knapp 52 Minuten und lässt sich strukturell grob in die nun aufgeführten Teile untergliedern. Die Folge beginnt zunächst mit einer fast dreiminütigen Zusammenfassung wichtiger vergangener Ereignisse, die dann in die Titelsequenz mündet. Der anschließende Hauptteil ist wie folgt in vier Akte unterteilbar: Akt I (ca. 12 Minuten) bietet nach einem einleitenden Teaser Einblicke in den gegenwärtigen Status Quo der Figuren. Mit dem Fund der eingangs ermordeten Frau beginnt wiederum der zweite Akt (ca. 12 Minuten). Das Auftreten Frank Lundys (Keith Carradine), einem FBI-Spezialisten für Serienmörder, der Dexter in Staffel 2 bereits auf der Spur war, kann als Midpoint 15 der Handlung gesehen werden. Anschließend folgt Akt III (ca. 10 Minuten), in dem Dexter unter anderem den Mord an Benito Gomez (Gino Aquino) vorbereitet. Im finalen vierten Akt (ca. 11 Minuten) wird schließlich sowohl Trinity als Hauptantagonist etabliert als auch Gomez von Dexter getötet. Mit dessen anschließendem Autounfall endet der Hauptteil und es folgt die Abspannsequenz.

2 Recap & Titelsequenz

Bei einem Recap (oder auch Previously On genannt) handelt es sich um die Rekapitulation vergangener Geschehnisse einer Serie, die für das Verständnis der folgenden Erzählung von Bedeutung sein werden.16 Dabei wird in äußerst kurzer und verdichteter Zeit unter anderem vermittelt, wo sich die verschiedenen Figuren derzeit aufhalten, welche Ziele sie verfolgen und in welcher emotionalen Verfassung sie sich gerade befinden. Im Falle von LIVING THE DREAM ruft das vorangestellte Recap beispielsweise folgende Punkte ins Gedächtnis: Dexter und Rita sind nun verheiratet, erwarten ein gemeinsames Kind und ziehen in ein größeres Haus in der Vorstadt; Debra, die einst mit Frank Lundy ein Verhältnis hatte, führt nun mit einem ehemaligem Informanten eine Beziehung und ist gleichzeitig auf der Suche nach der Wahrheit über Harrys undurchsichtiges Verhältnis zu seinen damaligen Informantinnen; Dexter hat sich durch seinen Entschluss, eine Familie zu gründen, zu einem Teil von Harrys , Kodex ‘ entfernt und wünscht sich nun, nachdem er seiner Rolle als Vater zunächst sehr unsicher gegenüberstand, nichts sehnlicher, als selbst einen Sohn großzuziehen.

[...]


1 Vgl. Blanchet 2011, S. 37ff.

2 Ebd., S. 37.

3 Vgl. Ranking (http://www.tv.com/shows/dexter/community/post/lets-rank-dexter-seasons-spoilers- 1372267832/) (Stand 16.03.16).

4 Vgl. Hoofe 2013.

5 Vgl. Lavery 2010, S. 46.

6 Vgl. Ebd. und Vgl. Schabacher 2010, S. 25.

7 Cuntz 2010, S. 181.

8 Vgl. ebd, S. 181f.

9 Lavery 2010, S. 46.

10 Cuntz 2010, S. 183.

11 Vgl. ebd., S. 184.

12 Lavery 2010, S. 46f.

13 Vgl. Blanchet 2011, S. 40.

14 Vgl. Schabacher 2010, S. 27.

15 Vgl. Midpoint (http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=3761).

16 Vgl. Recap (http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=304).

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346149138
ISBN (Buch)
9783346149145
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v540716
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Eine Analyse der Pilotfolge der Serie "Dexter"