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Der Thüringer Stammescharakter. Ein Konzept der NS-Zeit?

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen zum Verständnis des Konzepts 'Stammescharakter'
2.1. Entstehungsgeschichte der (Thüringer) Volkskunde
2.2. Stammescharakter; Volkscharakter/Nationalcharakter.
2.3. Thüringer Stammescharakter. Ein NS-Konzept Martin Wählers?

3. Die Thüringer Stammescharaktere
3.1. Nord- und Südthüringer
3.2. Ost- und Westthüringer
3.3. Gesamtes Thüringen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sind die Ausführungen des Thüringer Volkskundlers Martin Wähler, über den Thüringer Stammescharakter, wirklich ein Konzept der NS-Zeit? Dieser Frage soll in der vorlie­genden Hausarbeit nachgegangen werden.

Den genannten Punkt zu klären, erscheint insbesondere deswegen so wichtig, da ein Zu­treffen, der aufgestellten Behauptung bedeuten würde, dass ein wesentlicher Bestandteil der thüringischen Volkskunde aus den Idealen der Nationalsozialisten hervorgegangen ist.

Zunächst ist dafür jedoch herauszustellen, wie das wissenschaftliche Fachgebiet der Volkskunde überhaupt entstanden ist. Zudem gilt es zu erläutern, was der Begriff 'Stam­mescharakter' bedeutet. Dazu wird ihm der 'Volkscharakter'/'Nationalcharakter' gegen­übergestellt. Erst anschließend wird man in der Lage sein, die Leitfrage dieser Arbeit hinreichend beantworten zu können. Dabei stehen dann die Ansichten Martin Wählers und die Einflüsse, die von Außen auf ihn genommen wurden, im Fokus. Wählers eigene Sichtweisen, werdenjedoch durch Mithilfe der Texte von Steffen Raßloff und Andreas Mehlich, fortwährend zu überprüfen und zu hinterfragen sein.

Der zweite Teil dieser Ausarbeitung beschäftigt sich danach mit dem Stammescharakter der Thüringer, in der Zeit 1937-1940. Was sind typische Eigenarten; was charakterisiert sie?

Bevor sich ein Gesamtbild dieser Menschen ergibt, werden die Eigenschaften zuerst re­gional untersucht. Diese regionale Einteilung erfolgt nach Himmelsrichtungen, in Nord­Süd und Ost-West.

Abschließend steht das Fazit, mit begründeter Auswertung, der formulierten Frage. Ebenfalls beigefügt sind ein Literaturverzeichnis, sowie eine Erklärung über die Selbst­ständigkeit, bei Abfassung dieser Arbeit.

Aus Platzgründen wird es keine Ausführungen über die Volkskunde geben, so wie sie heute in Thüringen praktiziert wird. Allerdings wäre es ein durchaus interessantes The­mengebiet, für eine weitere Hausarbeit, zu beleuchten, wie der Charakter des Thüringer Volkes heutzutage wahrgenommen wird und ob er sich im Vergleich zur NS-Zeit stark verändert hat. Jedoch dürfte sich dies, als nicht gerade einfach erweisen, da es dazu noch wenig neue Wissenschaftslektüre gibt, wie auch Steffen Raßloff deutlich unter­streicht1. Es bliebe einem nichts anderes übrig, als auf die Grundlage der Volkskunde zurückzugreifen, nämlich die Feldforschung.

Die nachfolgenden Erörterungen stützen sichjedoch alle auf nachweisbare Forschungs­literatur.

2. Grundlagen zum Verständnis des Konzepts ’Stammescharakter’

Dieses Kapitel leitet den ersten Teil der Hausarbeit ein. Zudem legt es die Basis zur Aufarbeitung und Klärung, der ersten Leitfrage.

2.1. Entstehungsgeschichte der (Thüringer) Volkskunde

Volkskunde ist eine Wissenschaft, vom Lebens des Volkes, insbesondere des geistig-see­lischen Lebens, also dem Charakter. Die maßgeblichen Faktoren, um diesen zu erken­nen, sind Geschichte, Kultur, Politik, Wirtschaft und Soziologie2. Geographie spielt des­wegen nur bedingt eine Rolle, weil die Landesgrenzen eines Volkes äußerst wandelbar sind. Volkskunde zeigt des Weiteren auf, was wesensgemäß und wesensfremd für ein Volk ist3.

Die Wurzeln der Thüringer Volkskunde liegen in den Auswirkungen der industriellen Revolution, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Um diesem Vorgang entgegenzuwirken folklorisierte das Volk nämlich sein Landleben und idealisierte seine Heimat4. Durch die Industrialisierung und die Reichsgründung 1871, betrachtete sich Thüringen demnach als 'Dorfkultur'5. Dies war jedoch sehr paradox, gegenüber der immer weiter voran­schreitenden Modernisierung und somit vollkommen realitätsfern. Dennoch blieb man vehement bei seinem Standpunkt, sodass ein regelrechter 'Bauemwahn' entstand6. Den technischen Fortschritt, der mit städtischem Lebensstil einher ging, betrachtete man als schädliche Massenkultur. Man knüpfte daher an das Bild vom Bauernvolk an, dass sich in der Biedermeierzeit entwickelt hatte7. Um diesem Bild gerecht zu werden, kam es au­ßerdem zu einem Aufleben völkischer Bräuche und Feste, zu dem u.a. das Erntedankfest und der Maibrauch gehören8. Doch auch Bauernabende spielten eine zentrale Rolle, da man sich dort spezifisch zu kleiden hatte und sich dadurch die Bauemtrachten verbreite­ten9.

Natürlich gab es aber auch eine Gegenposition, die die Industrialisierung willkommen hieß. Das war in diesem Fall die Arbeiterschaft. Sie orientierte sich eindeutig an urba­nen Gepflogenheiten, was sich durch neues Konsumverhalten und andere Verhaltens­weisen ausdrückte10. Die Schere zwischen Bauern und Arbeitern ging also immer weiter auseinander.

Außer durch die vorhergehende Bauernschaft erhielt die Volkskunde nach dem 1. Welt­krieg einen weiteren Aufschwung, da man seine völkischen Grundlagen erhalten woll­te11. Daraus entstanden dann die Denkmuster eines 'Nationalcharakters' und einer 'Volks­seele'12, die im nächsten Kapitel noch hinlänglich erklärt werden. Man wollte nach der Niederlage seine Nationalität bewahren und wieder stärken. Besonders auf die ange­stammten Merkmale und 'rassischen' Grundlagen legte man Wert13. So standen ethni­sche, sprachliche und kulturelle Aspekte wesentlich mehr im Vordergrund als soziale und historische14. Ebenso wie zuvor in der Bauemkultur, galt es als wichtig, die Traditi­on zu bewahren, um den Kulturverfall durch die Massenkultur zu bremsen15.

In der Zeit des 2. Weltkrieges, vereinte die Volkskunde ihre größte Präsenz und Bedeu­tung, die sie bisher in der Geschichte inne hatte. Jedoch im äußerst fragwürdigen Sinne, der stark durch Martin Wähler geprägt wurde. Darauf soll aber erst zu einem späteren Zeitpunkt detailliert eingegangen werden.

Während der DDR wurde die Volkskunde in Thüringen völlig neu ausgelegt, nämlich auf die materielle und geistige Kultur des werktätigen Volkes16. Demnach lässt sich er­kennen, dass die Volkskunde immer so interpretiert wurde, wie es dem Weltbild derje- weiligen Staatsform entsprach.

Heute zentral für die Volkskunde des Bundeslandes, ist das Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt und die Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle Thüringens17. Außerdem gibt es seit 1998 endlich einen Lehrstuhl für Volkskunde und Kulturgeschichte, an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, was in der vorherigen Geschichte zunächst immer wieder abgelehnt wurde. Die Kombination dieses Faches ist deutschlandweit einmalig und sticht daher deutlich hervor.

2.2. Stammescharakter; Volkscharakter/Nationalcharakter

In diesem Abschnitt der Hausarbeit sollen die, in der Kapitelüberschrift genannten, Be- grifflichkeiten erklärt werden. Der Stammescharakter ist dabei vorangestellt, anschlie­ßend folgt der Volkscharakter/Nationalcharakter.

Martin Wähler fasst die Definition des Stammescharakters, in folgender Weise zusam­men:

„Unter Stammescharakter verstehen -wir das im Wechsel der Zeiten und Schicksa­le einigermaßen Beständige in der Wesensart eines Stammes. Der Charakter einer leib-seelischen Einheit, die wir als Stamm bezeichnen, hängt von der Rasse, dem Lebensraum, der Boden, Landschaft und Klima umfaßt [sic!], und der fortlaufen­den Einwirkung geschichtlicher und kultureller Kräfte ab. Er ist also nicht nur Erbe, sondern auch Ergebnis der Erziehung“18.

Wählers Erläuterung erscheint in den meisten Aspekten verständlich und plausibel. Le­diglich an dem Wort 'Rasse' dürfte man sich wohl stören. Ob er es bewusst in dem nega­tiven Sinne benutzt, unter dem wir er heute verstehen, gilt später zu klären. Ausdrücken möchte er mit diesem Begriff aber primär, dass er es als selbstverständlich ansieht, dass das Gliederungsprinzip eines Stammes als ein 'rassisches' angenommen wird. Dies ließe sich allein durch den sprachlichen Zusammenhang von 'Stamm' und 'Abstammung' her­leiten19. Zudem fühlen sich Stammesmitglieder miteinander artverwandt, da sie sich in ihrem Aussehen, Körperbau und in ihren Verhaltensweisen sehr nahe stehen und sich somit von anderen Landsleuten differenzieren, führt er weiter aus20. Die Physiognomie fällt also stark ins Gewicht, um einen Stamm zu bestimmen, weil sie sich durch Stetig­keit, über die Generationen hinweg, auszeichnet. Daraus ergäbe sich demnach wieder­um, dass äußerliche Stammesmerkmale mit 'Rassenmerkmalen' gleichzusetzen sind21.

Wähler glaubt des Weiteren daran, dass die 'Rasse' sehr eng mit den Umweltfaktoren zu­sammenhängt. Er behauptet nämlich, dass die Gene keine fertigen Eigenschaften dar­stellen, sondern auf bestimmte Umwelteinflüsse reagieren und dadurch veränderbar sind22. Damit liegt er auch unzweifelhaft richtig, wie Darwins Modell 'Survival of the fittest' beweist. Jedoch sagt er einerseits, dass die Umwelt verhältnismäßig wandelbar und somit nicht in erster Linie den zwangsläufige Faktor für den Stammescharakter dar­stellt23, andererseits wiederum, dass sich die Landschaft in ihrer Beständigkeit auszeich­net und somit sogar die Kraft hat, den Charakter zu prägen, oder gar zu verändern24. Die Umwelt ist für Wähler also in jedem Fall ein zu beachtender Faktor, nur in welchem Maße, darüber scheint er sich nicht gänzlich im Klaren zu sein.

Außerdem erklärungsbedürftig erscheint der Abschnitt in dem er davon redet, dass der Stammescharakter aber nicht nur Erbe ist, sondern auch aus Erziehung entsteht. Es wur­de bereits herausgestellt, dass die Eigenarten eines Stammes nicht nur aus ihren vererb­ten Genen hervorgegangen, sondern sie auch formbar sind. Dies geschiehtjedoch nicht nur durch die Natur, sondern auch durch die Kultur und Geschichte. Letztere Punkte werden außerordentlich durch große Persönlichkeiten geprägt. Wähler hebt an dieser Stelle beispielhaft Martin Luther und Kaiser Wilhelm I. hervor25. Diese beiden Männer waren Vorbild für ein ganzes Volk und verkörperten die kulturellen und geschichtlichen Ideale ihrer Zeit, die sich die einzelnen Stämme als Zielbild nahmen, woraus dann ein gemeinsamer Volkscharakter entstand26.

Man kann demnach sagen, ein Volkscharakter entsteht aus den gemeinsamen Idealen und Zielen eines Volkes. Dabei müssen die einzelnen Stämme des Volkes jedoch nicht zwangsläufig die gleichen Eigenschaften aufweisen. Martin Wähler bezeichnet das Ver­hältnis zwischen Stamm und Volk daher ganz richtig als 'irrational'27. Das Wesen eines Volkes ist keinesfalls eine bloße Summierung der einzelnen Stämme, vielmehr erwächst das Volk als Großes und Ganzes erst durch die vielen verschiedenen Stammesschläge28. Fürwahr ist es aber natürlich nicht leicht, diese Nuancen der Definition zu differenzie­ren. So kommt es auch, dass Wähler vom Historiker Steffen Raßloff vorgeworfen wird, sein Buch 'Der deutsche Volkscharakter', sei nichts anderes als die Aneinanderreihung von35 Stammescharakteren29.

Wirklich irreführend wirkt dann aber erst Wählers Unterscheidung zwischen Volkscha­rakter und Nationalcharakter. Er stellte die These auf, dass sich der Nationalcharakter der Deutschen bestimmen ließe, wenn man sie in geistigen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren mit anderen Ländern vergleicht30. Den Volkscharakter hingegen gewinne man jedoch besser, wenn man die Verschiedenartigkeit und die vielfältigen Ausprägungen der deutschen Stämme untereinander vergleicht31. Im Umkehrschluss geht daraus also hervor, dass Wähler das Volk und die Nation nicht als das Gleiche er­achtete, was einem dann doch recht merkwürdig anmuten könnte. Bei u.a. Steffen Raß- loff, war dies auch der Fall32.

Für diese Ausarbeitung ist es also grundlegend, dass zwischen Stammes- und Volkscha­rakter unterschieden, aber Volks- und Nationalcharakter als das Gleiche angesehen wird.

2.3. Thüringer Stammescharakter. Ein NS-Konzept Martin Wählers?

Nachdem nun im vorhergehenden Kapitel erklärt wurde, was mit dem Begriff 'Stam­mescharakter' gemeint ist, soll nun betrachtet werden, ob dieses Konzept Martin Wäh­lers nationalsozialistisch geprägt ist. Es ist auffällig, dass er bei der Konstruktion von einzelnen Stämmen immer wieder auf die 'Rasse' zurückkommt. Zudem sind auch die Begriffe 'Blut(-mischung)' und 'Boden' zentrale Motive, die immer wiederkehren. Daher musste sich Martin Wähler häufig mit der Anklage auseinandersetzen, er sei Nationalso­zialist. Auch heute noch, wird er kritisch hinterfragt und durchleuchtet. Einer derjeni­gen, die dies tun ist Andreas Mehlich.

Mehlich hat ebenfalls erkannt, dass die 'Blut-und Bodenideologie' fortwährend, wie ein roter Faden, durch Wählers Publikationen läuft33. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob Wähler sich der negativen Auswirkungen bewusst ist, die er damit auslöst. Wähler trat zwar 1937 der NSDAP bei, rechtfertigte dies jedoch damit, dass er es nur getan habe, weil seine Vorgesetzten ihm Druck machten und er sein Lehramt nicht verlieren wollte, wodurch er seine Familie in den finanziellen Ruin gestürzt hätte34. Zudem wollte er nicht ständig politischen Schikanen ausgesetzt sein35. Dass er unfreiwillig beigetreten war, bestärkte er, indem er noch im selben Jahr mehrere öffentliche Aussagen gegen das NS-Regime machte. Er beschwerte sich insbesondere stark über die Geschmacklosigkeit einiger anti-jüdischer Hetzlieder36. Daraufhin wurde sein bekanntes und weit verbreite­tes Werk 'Der Deutsche Volkscharakter' umgehend verboten37. Nicht zuletzt dadurch sah sich Martin Wähler als Opfer und Verfolgter, der NS-Organisationen38. Dennoch trotzte er der NSDAP weiterhin, indem er sich beispielsweise weigerte, seinen Schülern die NS-Ideologie im Unterricht beizubringen39. Des Weiteren sagte er aus, dass er die NS- Ansichten nicht mit seiner Religion und seiner Gewissensfreiheit vereinbaren kann40. Andreas Mehlich unterstellt ihm dabei kein politisches Kalkül, wie esjedoch einige an­dere Leute vermutlich tun mögen41. Völlig anders wirkt die Situation, als Wähler 1946­1950 an einer Oberschule in Erfurt unterrichtete. Dort stand deutlich der Vorwurf im Raum, er sei ein Nazi. Die Gründe dafür, waren die Dinge, die er gegenüber seinen Schülern in der Klasse äußerte. Er begann seinen Unterricht, der Behauptung nach, im­mer mit den Worten: „Ich bin kein Kommunist!“42. Außerdem meinte er, dass es keine Völkerfreundschaften, sondern nur individuelle Freundschaften gäbe und bezeichnete Polen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, abfällig als 'Polacken'43. Aus diesen Grün­den wurde ihm schlussendlich gekündigt und man vertrieb ihn aus Erfurt. Daraufhin musste er sich als politisch Verfolgter nach Berlin flüchten. Dort verstarb er schließlich, im Jahr 1953. Andreas Mehlich endet daher mit den Worten, dass es uns selbst überlas­sen bleibt, uns ein Bild von Martin Wähler zu machen44. Es gibt nachweislich viele wi­dersprüchliche Argumente zu Wählers politischer Gesinnung45. Somit lässt sich auch nicht eindeutig feststellen, ob das Konzept des Stammescharakters nun der NS-Ideolo- gie entsprungen ist, oder nicht. Aufgrund dieses immer noch vorhandenen Klärungsbe­darfes, wird eine zweite Meinung heran gezogen, nämlich die des bereits einige Male zitierten Historikers Steffen Raßloff.

Raßloff lastet Wähler wesentlich deutlichere Nähe zu den NS-Vorstellungen an. Er lobt zwar einerseits dessen großartige Lebensleistung, eine Deutsche Charakterlogie aufzu­stellen, andererseits ist ihm Wählers nationalsozialistischer Einschlag merklich zu stark46. Die Werke des Volkskundlers seien auch schon vor der Zeit des Nationalsozialis­mus völkisch durchdrungen gewesen und als vielgelesener Autor transportierte er diese Ideologie natürlich in die NS-Zeit47. Des Weiteren ist ihm anzulasten, dass er der 'Rasse­forschung', der NSDAP sehr enthusiastisch gegenüber stand und er sie gar als eine be­deutsame, neue Geistesbewegung bezeichnete48. Raßloff erkennt es demnach folgerich­tig korrekt, dass die 'Rassenlehre' Wählers Anschauungen nicht widersprach, sondern er sie im Gegenteil sogar schon, vor als auch nach der Machtergreifung, in seinen Haupt­werken zugrunde legte49. Jedoch räumt Raßloff ein, dass man ein wenig differenzieren sollte, zwischen radikalen Ansichten und dem wissenschaftlichen Aufgreifen, der be­kannten Vererbungslehre, welche Wähler auch einfach im Sinn gehabt haben könnte50. Wähler sei nämlich längst nicht so radikal, wie einige seiner Kollegen gewesen und ge­hörte auch nicht dem berüchtigten 'Saalecker Kreis' an, zu welchem die führenden Na­tionalsozialisten wie Hitler, Göring und Himmler zählten51. Er hebt zudem hervor, dass der Volkskundler sich nicht wie viele andere Forscher auf die 'nordische Rasse' bezog. Er sah wahrscheinlich im Stammesgemisch der Deutschen den Volkscharakter52. Da es naheliegend ist, Raßloff in dieser Ansicht zuzustimmen, wäre demnach geklärt, dass der deutsche Volkscharakter kein reines NS-Konzept ist. Folglich wären auch die einzelnen Stammescharaktere kein NS-Konzept, da aus ihnenja das deutsche Volk hervorwächst. Und tatsächlich positionierte sich Wähler in einem weiteren ganz entscheidenden Punkt gegen die Ideale der NS. Er verwarf den Gedanken, dass die deutschen Stämme in einer Kontinuitätslinie bis auf die Germanen zurückgehen und somit einen grundlegenden Punkt im Weltbild der Nationalsozialisten53. Auch in der Frage des Verhältnisses vom Stamm zur Großstadt wich er wieder ab. Die NS bevorzugte das Bauerntum und emp­fand Großstädte als Entartungen, während Wähler sie hingegen als Überlagerungsstellen verschiedener Stämme ansah, wodurch diese einen neuen Charakter bekamen54. Beson­ders das von den Nazis verschmähte Berlin, galt für ihn als Schmelztiegel aller Stämme zum exemplarischen Deutschen55. Ein bisschen kritisch wird Raßloff wieder in Bezug auf den Chauvinismus der 'arisch-nordischen Herrenmenschen', denn dieser sei zwar nicht vorherrschend in Wählers Texten, scheint aber zumindest durch, als er beispiels­weise betont, dass ein östlicher Einschlag Thüringens durch Sorben kaum gegeben ist56. Es sei jedoch niemals rassistische, antisemitische Hetze in seinen Werken zu finden und er habe auch keinen engstirnigen nationalistischen Geist57. Dennoch unterschieden sich, laut Raßloff, die Abweichungen zur nationalsozialistischen Weltanschauung im Großen und Ganzen nicht oft58.

[...]


1 Volkskunde im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. SteffenRaßloff. Erfurt: Landeszentrale fürpolitische Bil­dung Thüringen 2003 ( = Thüringen. Blätter zur Landeskunde). S. 4.

2 Wähler, Martin: Thüringische Volkskunde. Jena: EugenDiederichs Verlag 1940. S. 9.

3 Ebd.

4 Volkskunde im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. SteffenRaßloff. Erfurt: Landeszentrale fürpolitische Bil­dung Thüringen 2003 ( = Thüringen. Blätter zur Landeskunde). S. 1.

5 Thüringenbilder. Künstler entdecken das Volk. Hrsg. Marina Moritz und Jürgen Winter. Erfurt: Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt 2005 ( = Schriften des Museums für Thüringer Volkskunde). S. 4.

6 Ebd. S. 9.

7 Ebd. S. 6.

8 Ebd. S. 10.

9 Thüringenbilder. Künstler entdecken das Volk. Hrsg. Marina Moritz und Jürgen Winter. Erfurt: Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt 2005 ( = Schriften des Museums für Thüringer Volkskunde). S. 10.

10 Ebd. S. 9.

11 Volkskunde im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. Steffen Raßloff. Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen 2003 ( = Thüringen. Blätter zur Landeskunde). S. 3.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd. S. 3-4.

16 Ebd. S. 6.

17 Ebd. S. 8.

18 Wähler, Martin: Thüringische Volkskunde. Jena: EugenDiederichs Verlag 1940. S. 502.

19 Ebd. S. 13.

20 Ebd. S. 13-14.

21 Ebd. S. 14.

22 Ebd. S. 14.

23 Wähler, Martin: Thüringische Volkskunde. S. 15.

24 Ebd. S. 20.

25 Ebd. S. 19.

26 Ebd.

27 Ebd. S. 9.

28 Ebd.

29 Volkskunde im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. SteffenRaßloff. Erfurt: Landeszentrale fürpolitische Bildung Thüringen 2003 ( = Thüringen. Blätter zur Landeskunde). S. 6.

30 Wähler, Martin: Thüringische Volkskunde. Jena: EugenDiederichs Verlag 1940. S. 5.

31 Wähler, Martin: Thüringische Volkskunde. S. 5.

32 Raßloff, Steffen: Martin Wähler (1889-1953). Volkskundler im Spannungsfeld von Wissenschaft und völkischer Ideologie. In: Zeitschriftfür Volkskunde 102 (2006). S. 206.

33 Mehlich, Andreas: Martin Wähler. Regionalforscher, Dozent und Fachberater. Leben und Lavieren in den Systemen. In: Volkskunde in Thüringen. Beiträge zur Fachgeschichte. Hrsg, von Marina Moritz. Er­furt: Museum für Thüringer Volkskunde 2007 (= Schriften des Museums für Thüringer Volkskunde Er­furt). S. 45.

34 Ebd. S. 46.

35 Ebd.

36 Mehlich, Andreas: Martin Wähler. Regionalforscher, Dozent und Fachberater. S. 47.

37 Ebd.

38 Ebd..

39 Ebd. S. 48.

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Ebd. S. 49-50.

43 Ebd.

44 Ebd. S. 51.

45 Ebd.

46 Raßloff, Steffen: Martin Wähler (1889-1953). Volkskundler im Spannungsfeld von Wissenschaft und völkischer Ideologie. In: Zeitschriftfür Volkskunde 102 (2006). S. 195.

47 Raßloff, Steffen: Martin Wähler (1889-1953). Volkskundler im Spannungsfeld von Wissenschaft und völkischer Ideologie. In: Zeitschriftfür Volkskunde 102 (2006). S. 195.

48 Ebd. S. 201.

49 Ebd. 202.

50 Ebd. 203.

51 Ebd. 202-203.

52 Ebd. 207.

53 Ebd.

54 Ebd. 208.

55 Ebd.

56 Raßloff, Steffen: Martin Wähler (1889-1953). Volkskundler im Spannungsfeld von Wissenschaft und völkischer Ideologie. In: Zeitschriftfür Volkskunde 102 (2006). S. 209.

57 Ebd.

58 Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346152480
ISBN (Buch)
9783346152497
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v540229
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Volkskunde und Kulturgeschichte
Note
2,0
Schlagworte
konzept ns-zeit stammescharakter thüringer

Autor

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Titel: Der Thüringer Stammescharakter. Ein Konzept der NS-Zeit?