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Die Geschichte der Jugend. Die Anfänge der modernen Wahrnehmung der Jugend

Hausarbeit 2005 21 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Jugend?

3. Jugend im Mittelalter
3.1. Mittelalterliche Vorstellungen von den Lebensaltern
3.2. Rechtliche Quellen zur Jugend im Mittelalter
3.3. Die bildliche Darstellung von Jugend im Mittelalter
3.4. Die Familie im Mittelalter
3.5. Jugend in den verschiedenen sozialen Schichten
3.6. Generationenkonflikte im Mittelalter?

4. Jugend in der Neuzeit
4.1. Die Schule
4.2. Der Wandel der Institution Familie
4.3. Die Anfänge einer neuen Sicht auf die Jugend

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Geschichte der Jugend“ – ein weitläufiges und kaum fassbares Thema, das in einer Arbeit dieses Umfanges nicht erschöpfend behandelt werden kann. Jugend- was ist das überhaupt? Wann beginnt diese Lebensphase, wann endet sie? Welche Bedeutung hat sie im Leben eines Menschen und welche Werte werden ihr zugeordnet? Ist das heutige Verständnis von Jugend deckungsgleich mit dem vorangegangener Generationen?

Um einen sinnvollen Überblick zu ermöglichen soll das Thema entsprechend eingegrenzt werden. Zum einen in der zeitlichen Dimension: Behandelt wird der Zeitraum vom ausgehenden Mittelalter bis etwa zum 18. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt der Arbeit auf den gesellschaftlichen Entwicklungen der Neuzeit gelagert ist. Des Weiteren ist auch eine räumliche Begrenzung auf das europäische Gebiet im Sinne eines relativ einheitlich christlich geprägten Raumes nötig, da der kulturelle Hintergrund naturgegeben eine große Rolle in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen spielt. Aber auch thematisch ist eine Spezialisierung notwendig: Die Arbeit ist zentriert auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Jugend und den Vorstellungen, die die jeweiligen Zeitgenossen mit dieser Lebensphase verbanden.

Die Jugend ist eine Lebensphase, deren Abgrenzung zu Kindheit und Erwachsensein noch heute teilweise verschwommen scheint. Das war auch in der Wahrnehmung vergangener Jahrhunderte nicht anders und hängt vermutlich mit der individuell unterschiedlichen Entwicklung eines Menschen zusammen. Aus diesem Grund kann man das Thema „Jugend“ nicht behandeln ohne auch die Kindheit und das Erwachsensein anzusprechen. Ebenfalls ist es unmöglich, Jugend jenseits des gesellschaftlichen Gefüges zu besprechen, das diese Lebensphase entscheidend prägt: die Familie.

Die Forschung ist sich weitgehend darüber einig, dass der moderne Jugendbegriff etwa im 17. bis 18. Jahrhundert entstand. Daraus kann man schließen, dass zuvor eine andere Vorstellung von Jugend vorherrschte. Inwiefern veränderte sich diese Auffassung von Jugend und vor allem: warum?

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über die Entwicklung der Ansichten über die Phase der Jugend in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Moderne zu geben.

2. Was ist Jugend?

Man kann nicht selbstverständlich die heutige Wahrnehmung von Jugend oder auch Kindheit auf die Menschen früherer Jahrhunderte übertragen. Im Mittelalter lebte der Großteil der Bevölkerung unter Umständen, die kaum Schnittpunkte mit den Lebensbedingungen in der modernen Gesellschaft haben. Den Lebensbedingungen der Menschen im Mittelalter entsprangen auch ihre Ansichten über Jugend und Kindheit. Davon wird im 3. Abschnitt dieser Arbeit die Rede sein.

Zunächst aber zu der modernen Vorstellung von Jugend. Jugend wird heute als eine Lebensphase angesehen, die sich von der Kindheit und dem Erwachsensein stark unterscheidet. Gerade ihre bewusste Absonderung von diesen beiden anderen Lebensphasen ist für das moderne Jugendkonzept charakteristisch. Die Jugendphase wird, folgt man der Shell-Studie des Jahres 2002 auf das Alter von 12 bis 25 Jahren eingeschränkt[1] Es handelt sich bei der Jugend nicht bloß um einen Übergang zum Erwachsenwerden, vielmehr werden dieser Lebensphase eigene Werte zugeordnet. Jugend ist pädagogische Provinz, Moratorium und hat einen eigenen kulturellen Wert.[2] In unserer heutigen Vorstellung kommt der Jugendzeit die Entfaltung der Person, die sexuelle Reife, später die Berufs- und Partnerwahl und gleichzeitig die Übernahme sozialer Verantwortung zu.

Diese Einstellung gilt es im Folgenden mit der vorheriger Generationen zu vergleichen, dies jedoch nicht in wertender Weise. Vielmehr soll hinterfragt werden, warum Menschen in früheren Zeiten andere Vorstellungen mit „Jugend“ verbanden. Gleichzeitig soll in groben Zügen skizziert werden, welche Umstände und Entwicklungen das moderne Jugendverständnis bedingt haben.

3. Jugend im Mittelalter

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, ist in dieser Arbeit eine gewisse Einschränkung in zeitlicher Hinsicht vorgenommen worden: Die Arbeit setzt mit dem Mittelalter, genauer dem Spätmittelalter, ein. Der Verzicht auf die Darstellung der Jugend in klassischer Zeit hängt mit dem Schwerpunkt der Arbeit auf der Veränderung der Wahrnehmung der Jugend in der Neuzeit zusammen. Da das Mittelalter in gewisser Weise die Kontinuität kultureller Werte und Ansichten zwischen klassischer Zeit und Moderne unterbricht, soll in dieser Arbeit die Antike nicht behandelt werden. Trotzdem ist zu bemerken, dass in dieser frühen Zeit teilweise bereits sehr genaue Vorstellungen von Jugend bestanden.

In verschiedener Weise kann man aus mittelalterlichen Quellen schließen welche Vorstellung die Gesellschaft von Jugend und auch Kindheit hatte. Im Folgenden sollen einige dargestellt werden.

3.1. Mittelalterliche Vorstellungen von den Lebensaltern

Im Mittelalter gab es im Grunde zwei Systeme, die die Lebensalter darstellten und so auch Kindheit und Jugend in den Lebensverlauf einordneten:

Das eine entspricht den vier Jahreszeiten, wobei es wiederum zwei divergierende Vorstellungen gibt: in der einen wird die Kindheit durch den Frühling, die Jugend durch den Sommer, die Reife durch den Herbst und das Alter durch den Winter dargestellt. Dann wiederum gibt es Darstellungen, in denen Kindheit und Jugend gemeinsam dem Frühling entsprechen und daraufhin die Reife dem Sommer, das Alter dem Herbst und der Tod dem Winter zugeordnet werden.[3] Vor allem an der zweiten Einteilung erkennt man, dass die Grenzen zwischen Kindheit und Jugend in der mittelalterlichen Vorstellung anscheinend recht verschwommen waren wenn man diese beiden Lebensphasen so einfach kombinieren konnte.

Das zweite System ist aus der römischen Welt entlehnt. Es handelt sich um eine Sechser – oder Siebenereinteilung der Lebensalter: Die infantia dauert bis zum 7. Lebensjahr, die pueritia vom 7. bis zum 14. Lebensjahr, die adulescentia vom 14. bis zum 21. (28.) Lebensjahr und die juventus vom 21. (28.) bis zum 35. Lebensjahr. Es handelt sich um eine sehr genaue Einteilung, doch muss man hier auch bedenken, dass die Begriffe puer und adolescens im Sprachgebrauch des Mittelalters austauschbar waren.[4]

Aus den dargestellten Alterseinteilungen kann man schließen, dass es im Mittelalter bereits ein Bewusstsein für Jugend in dem Sinne gab, als dass sie sich vom Erwachsensein unterschied. Doch was unterschied in der mittelalterlichen Vorstellung den Jugendlichen vom Erwachsenen? Folgt man Ariès, so gab es Mittelalter keine klare Abgrenzung zwischen Erwachsenen und Kindern. Konnte das Kind ohne andauernde Fürsorge zurechtkommen, also etwa im Alter von sieben Jahren, wurde es übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, es verrichtete dieselbe Arbeit und trug dieselbe Kleidung wie die Erwachsenen. Das Kind oder der Jugendliche hatte keinen eigenen Lebensbereich und lernte innerhalb eines informellen Lehrverhältnisses von den Erwachsenen.[5] Aber trotz des abrupten Übergangs vom Kind zum Erwachsenen muss es ein Merkmal geben, das den Jugendlichen einerseits vom Erwachsenen unterscheidet und andererseits erlaubt, ihn mit dem Kind auf eine Stufe zu stellen, wie man es an der vorherigen Alterseinteilungen erkennen kann. Dieses Merkmal scheint der Grad der Abhängigkeit zu sein. Ein Jugendlicher ist abhängig, ein Erwachsener nicht. Hierzu ist noch das Durcheinander im Sprachgebrauch des Mittelalters und der Neuzeit zu bemerken: Das französische garçon bezeichnete Menschen, die sowohl sechs, dreißig oder vierzig Jahre alt sein konnten. Analogien kann man auch in anderen Sprachen finden. Das hängt damit zusammen, dass es sich bei diesem Begriff nicht um reine Altersbezeichnungen sondern zugleich um die Benennung des sozialen Status des Abhängigen handelte. Daraus kann man schließen, welchen sozialen Status der Jugendliche innerhalb der Gesellschaft hatte und zudem, dass Menschen, die ihr Leben in abhängiger Position verbrachten, der Jugend in diesem Sinne nie entkamen.[6]

Die Jugend unterscheidet sich also vom Erwachsensein und wurde als eine Zeit des Übergangs betrachtet, ihre Grenzen waren jedoch verschwommen. Den Anfang kann man auf das Alter von sieben bis acht Jahren festsetzten, den Zeitraum, in dem das Kind im Verständnis des Mittelalters erwerbsfähig wurde. Ab diesen Moment war es in die Welt der Erwachsenen integriert. Als eine andere Grenze für den Beginn der Jugend kann man für den deutschen Raum die Firmung oder Konfirmation als eine Art Ritual der Aufnahme in die Gemeinde, die Welt der Erwachsenen, ansehen. Das Einsetzen der Pubertät war nicht unbedingt, wie in der heutigen Gesellschaft, ein bedeutender Einschnitt im Leben eines Menschen, an dem man den Beginn der Jugend festmachen konnte. Die Kinder waren schon früh an die Geschlechterrollen der Erwachsenen gewöhnt. Sie mussten also nicht aus ihrer „asexuellen Kinderwelt“, in der Kinder der heutigen Zeit leben, in die Erwachsenenwelt übertreten.[7] Das Ende der Jugend kann man mit der Heirat und der Gründung eines eigenen Haushaltes festsetzen.

Zudem muss man bemerken, dass in der ländlichen Gesellschaft das Alter eines Menschen nicht unbedingt wichtig war. So wussten nur Wenige wie alt sie waren. Die soziale Einteilung auf dem Lande hing also weniger mit dem Alter als mit der gesellschaftlichen Funktion der Person zusammen. Die Kategorien Säugling, Kind, junge Männer und Frauen, Neuvermählte, Väter und Mütter, Witwer und Witwen, Alte und Verstorbenen hatten bestimmte Rollen in der Gemeinschaft.[8]

[...]


[1] http://www.shell.com/home/Framework?siteId=de-de&FC2=/de-de/html/iwgen/leftnavs/zzz_lhn12_6_2.html&FC3=/de-de/html/iwgen/about_shell/Jugendstudie/2002/jugendstudie2002_methodik.html (12.02.2006)

[2] Zinnecker, Jürgen: Jugend. In: Benner, Dietrich / Oelkers, Jürgen (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Pädagogik. Weinheim, Basel 2004. S.482-496. S. 483-485. Auf die genannten Begriffe wird in Kapitel 4.3. noch genauer eingegangen werden.

[3] Gillis, John R.: Geschichte der Jugend. Tradition und Wandel im Verhältnis der Altersgruppen und Generationen in Europa von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Weinheim, Basel 1980.

S.17.

[4] Pastoureau, Michel: Embleme, Attribute und Inszenierungen der Jugend in der mittelalterlichen Darstellung. In: Levi, Giovanni / Schmitt, Jean-Claude (Hrsg.): Geschichte der Jugend. Band I: Von der Antike bis zum Absolutismus. Frankfurt am Main 199. S.296-318. S.296.

[5] Ariès: Geschichte der Kindheit. S. 46.

[6] Ariès: Geschichte der Kindheit. S. 83.

[7] Gillis: Geschichte der Jugend. S. 22.

[8] Pastoureau: Jugend in mittelalterlicher Darstellung. S. 298.

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638492966
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v54001
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pädagogisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Geschichte Jugend Anfänge Wahrnehmung Mittelseminar Wandel Schule

Autor

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Titel: Die Geschichte der Jugend. Die Anfänge der modernen Wahrnehmung der Jugend