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Subkulturen im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Kommerzialisierung am Beispiel der HipHop Kultur

Hausarbeit 2006 31 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1. Was ist eine Subkultur – Definition und Eigenschaften

2. HipHop als hybride Kultur
2.1. Ethnologie und kulturelle Ursprünge
2.2. Die 4 Elemente
2.2.1. MCing
2.2.2. DJing
2.2.3. B-Boying
2.2.4. Graffiti und Writing
2.3. Musikalische Entwicklung
2.3.1. Oldschool – gelehrt von Kool Herc und Afrika Bambaataa
2.3.2. Newschool eingeläutet durch Def Jam Records
2.3.3. HipHop erlebt seine goldene Ära
2.3.4. Gangster-Rap und G-Funk als Salz in der Suppe
2.4. HipHop und soziales Engagement
2.4.1. Afrika Bambaataa und seine Zulu Nation
2.4.2. KRS One als Ikone des Consciousness-Rap
2.4.3. Black-on-black-crimes
2.5. Kulturelle Neukontextualisierungen

3. Der Mediendiskurs über HipHop
3.1. Kommerzialisierung als politisches Sprachrohr und Medientrend
3.2. Verlust unserer Werte

4. Schlussfolgerung

1. Was ist eine Subkultur – Definition und Eigenschaften

„In der Soziologie beschreibt der Begriff Subkultur kulturelle Teilbereiche innerhalb einer ausdifferenzierten Gesellschaft, mittels derer sich Menschen jeweils von der „dominanten Kultur“ (A. Giddens) abgrenzen. Nach dem Soziologen Anthony Giddens umfasst Subkultur „jedes Segment einer Bevölkerung, das von der umfassenderen Gesellschaft durch ihr kulturelles Muster unterscheidbar ist.“ Subkulturen dienen der Identitätsbildung, die sich über Religion, Ethnizität, Klasse, sexuelle Zugehörigkeit, Lebensstil und Anhängerschaft/Fantum definieren kann.“ [1]

Ende der sechziger Jahre wurde die Subkultur als eine Art „Gegenkultur“ angesehen, die sich mit ihren Werten gegen eine vorherrschende Kultur auflehnt und deren Normen in Zweifel stellt. In diesem Zusammenhang werden Subkulturen auch als „progressive Avantgarden“ [1] beschrieben.

Vor allem, und dies ist auch der Hintergrund dieser Arbeit, haben Subkulturen einen wesentlichen Einfluss auf den Selbstfindungsprozess von Jugendlichen. Musikstile wie HipHop oder Punk, mit denen viele heutzutage lediglich nur noch zwei Musikgenres verbinden, basieren auf dem Gedanke eines „umfassenden alternativen Lebensentwurf“[1], der sich eben nicht nur durch Musik, sondern auch durch Mode, Weltanschauung und einer eigenen Bildkultur identifiziert.

Da diese Kulturen jedoch nicht komplett von der Außenwelt isoliert sind, spielen äußere soziale wie auch kulturelle Einflüsse eine große Rolle bei der Entstehung, Veränderung und später der Annährung der Subkulturen an den Mainstream. Denn auch wenn die sogenannten Gegenkulturen immer größten Wert auf Authentizität und Glaubwürdigkeit legen, so lässt sich jedoch auch immer eine anschließende Kommerzialisierung in gewisser Weise nicht leugnen. Da diese Entwicklung besonders in der HipHop Kultur extreme Gegensätze und Kontraste wiederspiegelt, soll das Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Kommerzialisierung am Beispiel HipHop die Grundlage dieser Arbeit sein.

2. HipHop als hybride Kultur

Eine Kultur zu beschreiben fällt im Wesentlichen sehr schwer, vor allem wenn sie wie die HipHop Kultur eine hybride Beschaffenheit aufweist.

„Hybride Kulturen bezeichnen kulturelle Mischformen...“ ²

In diesem Zusammenhang spreche ich von den diversen Eigenschaften, die in dieser Kultur vereint sind, seien es Unterschiede in Nationalität, Rasse, Alter, Geschlecht oder Religion. Der Grundgedanke zählt hier.

HipHop entsprang dem Ghetto und ist fest in einen Kontext afroamerikanischer Historie verankert. Es wurde zur kulturellen Ausdrucksform der heranwachsenden Generation, denen in ihrem sozialen Umfeld kaum Artikulationschancen geboten wurden. Graffiti stellte für sie eine Chance dar, sich in den öffentlichen Raum einzuschreiben und Breakdance wurde für sie zu einem Weg, Ihren Körpern neue Ausdrucksformen zu verleihen. Die Rapper reflektierten in Ihren Songs wortgewandt vom Alltag auf den Straßen oder den Träumen eines B-Boys³ während die DJs den Rhythmus einer neuen Generation der Ghettojugend ins Vinyl kratzten. Diese vier so bezeichneten Elemente von HipHop wurden zwar erst später unter dem gemeinsamen Oberbegriff zusammengefügt, entstanden aber zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und in dergleichen Szene. Aufgrund dieser Voraussetzungen kann HipHop als kulturelle Bewegung verstanden werden, deren Hauptziel es ist, die Definitionsmacht über ihre von außen zugeteilte Identität zurückzuerobern.

„Eine eigene Sprache zu finden war das Anliegen fast jeden kulturellen Statements der Afroamerikaner. Jazz, R&B, Soul, Funk versuchten dies, aber es war der HipHop, der all diese Versuche aufnahm und deren Energien bündelte.“4

2.1 Ethnologie und kulturelle Ursprünge

Um ein Verständnis für die Entwicklung dieser Subkultur zu erlangen, bedarf es zunächst einmal einem Rückblick auf die Ursprünge und Herkunftsorte der HipHop Kultur. Dies ist von essentieller Bedeutung, um den Zusammenhang zwischen dem heutigen HipHop in seiner kommerziellen Form und dem damaligen HipHop als Mittel zum Selbstexpressionismus zu verstehen.

Wenn man sich mit den kulturellen Wurzeln der HipHop Kultur beschäftigt, darf die afroamerikanische Kultur als prägnantester Einflussfaktor und Grundstein dieser Lebenswelt nicht ausgelassen werden. So waren es leider zunächst menschenunwürdige Verhältnisse, in denen Afro-Amerikaner in den USA auflebten und die sie über Generationen hinweg in der Sklaverei ertragen mussten. So wurden in dem Zeitraum vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert Millionen von Afrikanern aus ihrer Heimat nach Amerika gebracht, um dort dem „weißen Mann“ die Arbeit zu erleichtern. Dies war jedoch unvergleichbar mit der Situation und Behandlung heutiger Arbeitskräfte, die afro-amerikanischen Sklaven erhielten kaum Lohn, mussten ihre ursprünglichen Namen ablegen und wurden oft nicht besser als Tiere behandelt. Darüber hinaus war ihnen jegliche Form der Selbstbestimmung, sowie die Ausübung ihrer kulturellen Traditionen und Rituale verboten worden – sie mussten sich schließlich gezwungenermaßen den Normen und Werten der weißen Vorherrschaft adaptieren.

Diese „weißen“ Regeln besagten auch, dass sich die Sklaven nun nicht mehr durch ihre afrikanische Muttersprache verständigen durften, sondern sich der der Weißen anpassen mussten. Um jedoch dennoch miteinander zu kommunizieren ohne dass dies von ihren „Besitzern“ nachzuvollziehen war, begannen sie während der Arbeit auf den Feldern eigens kreierte Lieder, so genannte work songs oder spirituals, zu singen.

“Im Wesentlichen verlief diese Kommunikation über das call-and-response-Prinzip, wobei ein Solist Botschaften übermittelte, welche vom Chor der restlichen Sklaven beantwortet wurden. Somit war eine interne Kommunikation möglich. Diese Methode findet sich auf unterschiedliche Weise in fast jeder afro-amerikanischen Musikrichtung wieder. Hieraus entwickelten sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte verschiedenste Formen afroamerikanischer Musikstile. Somit sind die „Vorläufer“ des Rap von 1930-75: Jazz, Blues, Reggae sowie Funk, Gospel und Rhythm and Blues. The Last Poets, die als unmittelbare Vorgänger der Rapper betrachtet werden können, formierten sich am 19. Mai 1968, dem Geburtstag von Malcolm X. Ihre Mitglieder entstammten zwar einem universitären, intellektuellen Umfeld, sie zielten jedoch auf keinen literaturwissenschaftlichen Diskurs über ihre Werke. Vielmehr stand die Kommunikation mit ihrem Publikum im Vordergrund, welches sie zum Nachdenken über ihre gemeinsame Lebenssituation anregen wollten.“ 5

2.2 Die 4 Elemente

Wie oben bereits erwähnt diente die HipHop-Kultur in erster Weise dem Selbstexpressionismus. Waren es früher die „work songs“ der Sklaven, so gab es seit Beginn der achtziger Jahre auch andere Formen der Kommunikation, mit denen sich vor allem Unterdrückte ein Sprachrohr verschafften. So beschreiben die Elemente MCing und DJing die musikalischen Aspekte der Kultur, während das B-Boying und das Graffitimalen die eher künstlerischen und artistischen Merkmale unterstreichen. Im folgenden möchte ich einen kurzen Abriss über die Eigenschaften dieser vier Säulen des HipHop geben. Daraus soll auch erkenntlich werden, dass HipHop kein Musikstil ist wie der Rap, sondern eine Kultur, die all diese Eckpfeiler in sich vereint.

2.2.1 Mcing

Als HipHop das erste Mal vor circa 30 Jahren auf den Basketball-Plätzen in den South Bronx und auf Haus Partys erblühte, beherrschten noch die MCs diese Welt. Diese Pioniere der HipHop Kultur lebten und starben nach einem Gesetz: Entweder bist Du original, wenn Du rauskommst oder Du lässt es besser ganz bleiben.

Der MC (Abkürzung für Master Of Ceremony) ist der Akteur auf der Bühne, der dafür verantwortlich ist, das Publikum zum tanzen zu motivieren und mit der Menge eine Interaktion aufzubauen. Dazu bedient er sich fast immer dem oben beschriebenem call-and-response-Prinzip.

„Ein MC handelt stets publikumsorientiert und muss über ein großes Maß an Ideenreichtum, Spontaneität, Sprachbegabtheit, Bühnenerfahrung und Flexibilität verfügen. Ein Rapper sollte sich auch als MC verstehen. Ursprünglich wurde das Rappen nur MCing genannt. Viele Rapper verwenden das Kürzel MC als Präfix vor ihrem Namen.“6

Es bedurfte für einen Rapper nicht vieler Utensilien, um mit seinem sprachlichen Können auf sich aufmerksam zu machen. So genügte es, wenn der Beat aus einem Ghettoblaster kam oder noch simpler, wenn ein Homeboy7 das Beatboxing8 beherrschte und dem MC somit einen „natürlichen“ Rhythmus vorgab. Darüber rappte der MC nun seine Ankündigungen, Wortspiele oder Metapher und versuchte damit wiederum, das Publikum in seinen Bann zu ziehen und seiner Meinung ein Sprachrohr zu vermitteln.

„HipHop ist einfach eine Reimsache. Du kannst verschiedene Sachen und Elemente in Deine Musik reinstecken und sie benutzen. Du kannst im einen Vers über etwas battlen und im nächsten Vers dann wieder über was komplett anderes. Du sprichst über Frauen im einen Teil, im nächsten dann über das Leben und dann über die Polizei im darauf folgenden Vers. Du siehst also, es gibt kein Limit für das, über was man battlet. Das Battle war eigentlich so die Grundlage im HipHop, mit dem alles anfing.“9

2.2.2 Djing

Das DJing stellt den Grundstein der Rap-Musik in den Siebzigern dar, in dem es für die ersten Breakbeats verantwortlich war. Die ersten Discjockeys fanden schnell heraus, dass sich mit zwei Plattentellern und einem Mischpult wesentlich mehr anfangen lässt, als eine Vinylplatte monoton ablaufen zu lassen. So markierten damals die Urväter des DJing wie Kool DJ Herc, Afrika Bambaataa und Grandmaster Flash aus der New Yorker Bronx das Territorium einer neuen Subkultur. Durch die ständige technische und persönliche Weiterentwicklung wurde der DJ zu einem nicht mehr wegzudenkenden Element auf jedem Live-Event.

„Im Mix kombinieren die DJs Geräuschmaterial verschiedener Schallplatten und manipulieren sie, ordnen sie in einen neuen Kontext ein. Diese Technik ermöglicht, sämtliche jemals auf Platten gepresste Geräusche zu nutzen und zu etwas Neuem zusammenzufügen, Elemente aus ihrem Kontext zu lösen und in einen neuen zu montieren. Dadurch entsteht ein Miteinander aus eigener Arbeit und einer weit ausdifferenzierten, mit Zitaten spielenden Verweiskultur. Dabei liegt das zentrale Moment allerdings nicht im Zitat an sich, sondern in der Montage, also der Kontextualisierung von Zitaten.“10

So waren es auch die Discjockeys, die alte Musik zum Material für neue Musikstils benutzten, welche die alten Trends auflösten, sie negierten, konservierten und in einen neuen Zusammenhang brachten. Der alte Song wird dabei nicht etwa auseinandergerissen, weil er in seiner originalen Version nicht geschätzt wird, sondern weil Elemente seiner selbst im Rahmen der DJ-Kreation besser zur Geltung kommen und eine neue Bedeutung gewinnen.

2.2.3 B-Boying

„Breakdance ist eine Tanzform, bei der man die Wurzeln parallel zu der frühen Geschichte der Menschen ziehen kann. Vor ca. 300 Jahren wurden afrikanische Bantu-Stämme aus Angola nach Brasilien verschleppt, die die Urform der Capoeira mitbrachten. Was aber ursprünglich ein ritueller Tanz war, entwickelten die Sklaven in kurzer Zeit zur einer effektiven Selbstverteidigungstechnik. Doch natürlich durfte diese Technik nicht frei erlernt werden, so tarnten die Sklaven diesen Kampf in einen Tanz begleitet von Trommeln und Gesang.“ 11

Darüber hinaus findet man in den 50er und 60er Jahren weitere Ursprünge. Da in diesen Jahrzehnten der Einwohnerzustrom rapide anstieg, trafen verschiedenste Einflüsse aus jeder Ecke des Globus auf engstem Raum aufeinander und hauchten mit ihrem Potential dem heutigen Breakdance seinen Atem ein. Dabei sind der Salsa, der Stepptanz, der African Dance und die Afrikanische Kultur generell, die asiatischen Kampfsportarten und das o.g. Capoeira die einflussreichsten Faktoren.

Als der Breakdance nach weiterer Entwicklung Anfang der 70er Jahre langsam von der HipHop Kultur aufgenommen wurde, entstand auch ein Konkurrenz-denken und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe wurde zum entscheidenden Merkmal. Formationen bildeten sich, um miteinander zu trainieren und gemeinsame Shows zu bestreiten. Die erste Breakdance Crew formierte sich Mitte der 70er, The Zulu Kings.

Der Tanz, der ursprünglich nur auf Fuß- und Beinarbeit fokussiert war, wurde von der neuen Generation durch akrobatische Elemente ergänzt. Eine der bedeutendsten Gruppen, die diese neuen artistischen Elemente einbrachten, war die Rock Steady Crew. Sie waren es auch, die dem Breakdance zu seinem großen Boom in den folgenden Jahren verholfen, indem sie in den Jahren 79/80 zahlreiche Shows aufführten und das B-Boying als Trend etablierten.

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638492867
ISBN (Buch)
9783640865451
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53990
Note
2,0
Schlagworte
Subkulturen Spannungsfeld Individualisierung Kommerzialisierung Musikbusiness

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