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Der Weg des türkischen Gastarbeiters zum Mitbürger

Hausarbeit 2019 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa ab kaltem Krieg

Leseprobe

Inhalt

Einleitung und Definition
Definition Gastarbeiter

Kurzer geschichtlicher Abriss der türkischen Gastarbeiter
„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“
Rückkehrpläne? –lieber bleiben!
Schulbildung - Indikator zur sozialen Integration der Migranten
Sprache wirkt sich auf den Integrationserfolg aus
Freizeitsituation

Fazit

Literatur

Einleitung und Definition

Definition Gastarbeiter

Als Gastarbeiter werden Personen betitelt, die meist aufgrund wirtschaftlicher Nöte aus dem Heimatland auswandern, um für einen befristeten Zeitraum im Ausland zu arbeiten und zu wohnen (vgl. Pflegerl 1977, S. 117). Der Begriff löste den vorherigen Begriff „Fremdarbeiter“ ab, der zuvor in den 1960er Jahre in der Bundesrepublik entstand (vgl. Borelli 1973, S. 17).

Deutschland gilt nicht erst seit den Kriegen und der wirtschaftlichen Ausbeutungen dritter Länder der letzten Jahrzehnte als Einwanderungsland für Flüchtlinge. Viele, denen wir als Mitmenschen begegnen und die für manche als „Fremde“ gelten, leben eigentlich schon als Nachkomme in der 2. Oder 3. Generation in Deutschland (vgl. Pörksen 2000, S. 26). Die meisten türkischstämmigen Mitmenschen sind hier in Deutschland geboren, besuchten gemeinsame Kindergartenstätten und Schulen und wurden später zu Mitarbeitern, Arbeitgebern oder Angestellten. Sie prägen die Gesellschaft schon seit den 1960er Jahren. Doch was die Wenigsten wissen, ist dass sie selbst mal als eingeladene Gäste kamen und seither immer noch hier leben. Die Bevölkerung weist im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern keine Homogenität auf. Aufgrund dessen besteht die Herausforderung Deutschlands darin, unterschiedliche Interessen, angemessen in einem System mit zahlreichen Menschen aus verschiedenen Kulturen, zu vereinigt. Somit hat Deutschland eine spezifische Integrationsaufgabe, um als gemeinschaftlicher Lebensraum zu dienen. Doch viele Migranten hatten und haben, aufgrund von schlechten Erfahrungen in Form von Ablehnung durch Mitbürger, immer noch Angst, dass durch eine Integration kulturelle und religiöse Assimilation verlangt wird. Dies führte dazu, dass viele Mitglieder der türkischstämmigen Migrantengruppe weiterhin in Parallelgesellschaften lebten und der Integrationsprozess bis zum heutigen Datum stagniert. Auf der anderen Seite gibt es unter den Migranten viele Politiker, Literaten, Komödianten usw. Ebenso ist die Zahl an beruflich erfolgreichen Personen mit Migrationshintergrund, die ein hervorragendes Beispiel dafür darstellen, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen auf Basis der Toleranz und Gleichberechtigung miteinander leben können, groß.

Mit dieser Arbeit möchte ich zum einen der Frage nachgehen, welche Gründe für die Entscheidung auschlaggebend waren, den Wohnsitz in der Bundesrepublik beibehalten zu wollen und zum anderen, welche Faktoren notwendig sind, um die Identifizierung und somit Integration der türkischstämmigen Migranten in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen.

Kurzer geschichtlicher Abriss der türkischen Gastarbeiter

Deutschland hat eine lange Geschichte, was die Einwanderung von Nicht-Deutschen betrifft. Sie begann nicht erst mit den Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen der letzten Jahrzehnte, sondern schon in den 1950er 1960er Jahren (vgl. Kuhn 2005, S. 42). Die größte Migrantengruppe machte die der Gastarbeiter aus. Anders als Frankreich oder England waren die hergezogenen Migranten keine aus ehemaligen Kolonien, sondern hatten ihren Ursprung in den unterschiedlichsten Ländern. Die Bundesrepublik Deutschland vereinbarte am 20. Dezember 1955 mit Italien eine Anwerbervereinbarung, die dazu führte, dass sogenannte „Gastarbeiter“ das Land besiedelten. Mit weiteren Verträgen zwischen der BRD und den Ländern Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) stieg die Anzahl der ausländischen Bevölkerung von 1,2 auf 4,9 Prozent der Gesamtbevölkerung (vgl. Herbert 2001, S. 309). Im Jahre 1964 erreichte der einmillionste Gastarbeiter Deutschland und wurde mit einem Moppet, als Geste des Willkommens, beschenkt. Denn Deutschland war auf diese Menschen, die das Land in seiner wirtschaftlichen Blüte der Nachkriegszeit, mitaufbauen sollte. Die größte Gruppe der Gastarbeiter kam aus der Türkei. Sie machten ein Drittel der Gastarbeiter aus (vgl. ebd.). In den nächsten zehn Jahren gelangten weitere drei Millionen Gastarbeiter nach Deutschland. Eingesetzt wurden sie in den Bereichen der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau.

Doch die in den 1970er Jahren aufgrund der Ölkrise veranlasste Rezension in der Bundesrepublik, stagnierte der Ausbau. Auf die Konjunkturflaute reagierte die Bundesregierung mit einem Anwerbestopp der für Gastarbeiter. Viele Fremdarbeiter verloren die Anstellung und wurden aufgrund dessen aufgefordert, das Land zu verlassen. Viele gingen in ihre Heimat zurück, doch die Gruppe der türkischstämmigen Mitmenschen blieb und wuchs von 1,2 Millionen im Jahre 1978 und auf bis zu 1,5 Millionen drei Jahre später (vgl. Jung/ Niehr & Böcke 2001, S. 8). Dies ist auf die Familiennachzüge und der hohen Geburtenrate der Gastarbeiterfamilien zurückzuführen. Hierzu wurde im Jahre 1978 das Amt des „Beauftragten der Bundesregierung für die Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familienangehörigen“ geschaffen. Da bis zum heutigen Zeitpunkt eine große Anzahl an Migranten das Land erreichen und hier ein Leben beginnen, gib es das Amt immer noch.

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“

Mit diesem Zitat beschrieb der Zeitgenosse Max Frisch die Situation in den 1960er Jahren (vgl. von Oswald / Motte & Ohliger 1999, S. 163). Damit verleiht er den „Rufenden“ eine Art Verantwortung, sich um die gekommenen Menschen zu kümmern Denn die neue Heimat brachte nicht nur Chancen mit sich. Sie erwartete von den Migranten ebenso das Einleben in die hiesige Gesellschaft, wozu sie allein jedoch nicht in der Lage waren.

Die anfänglich unbemerkten Hürden, wie zum Beispiel Kommunikations-, Schul- oder Berufsschwierigkeiten, drängten sich immer weiter in den Vordergrund des alltäglichen Lebens der Migranten. Doch auch die BRD sah sich plötzlich einer ungeplanten Situation gegenüberstehen. Die ursprünglich nur zur Arbeit eingestellten „Fremden“ blieben und sollten/mussten nun zu Mitbürgern gleicher Rechte und Werte werden (vgl. Jung / Niehr & Böcke 2001, S. 16). Nicht nur die Regierung sah sich Herausforderung gegenüberstehen, denen sie nicht gewachsen war, sondern auch die Gesellschaft, die nun „neu“ zusammengewürfelt wurde. Denn die Türken brachten nicht nur eine neue Religion mit ins Land, sondern auch Bräuche und Traditionen, die den Deutschen vielleicht bisher nur aus Karl Mays Büchern bekannt waren. Viele sahen im „Muselmann“, aufgrund mangelnder Auseinandersetzung mit ihm, eine finanzielle und soziale Belastung, wodurch die notwendige Integration und gegenseitige Anerkennung ein Stück weit in die Ferne rückte und an ihre Stellen Frustrationen einkehrte (vgl. ebd. S. 24). Trotz der Furcht vor dem Unbekannten, blieben viele Zugezogene in der Bundesrepublik und arrangierten sich mit den Einheimischen.

Rückkehrpläne? –lieber bleiben!

Im Folgenden möchte ich die möglichen Ursachen durchleuchten, die wohlmöglich dazu führten, dass sich die anfänglichen Gastarbeiter zu Mitbürgern entwickelten.

Die Mehrheit der damals angekommenen Gastarbeiter entschied sich, entgegen ihrer ursprünglichen Planung, doch im Aufnahmeland zu bleiben. Aufschluss darüber gibt eine Repräsentativstudie der Bundesrepublik im Jahre 1989. Demnach fühlte sich die Mehrzahl der Befragten mit ihrem Leben in der Bundesrepublik Deutschland, unabhängig ihres Geschlechts, wohl. Wobei festzustellen ist, dass das Wohlgefühl eine Abhängigkeit zum Reisealter aufweist. 81 Prozent der Befragten mit einem Einreisealter von bis zu drei Jahren gaben an, sich ‚sehr wohl‘ bzw. ‚relativ wohl‘ zu fühlen. Zusammenfassend kann beurteilt werden, dass je jünger die Einreisenden waren, desto wohler fühlten sie sich im Einreiseland (vgl. Beer-Kern 1994, S. 29). Die Untersuchung ergab weiterhin, dass die Gruppe, die in der Bundesrepublik aufwuchs und zur Schule ging, sich am ehesten integrierte und mit der Gesellschaft identifizierte, sodass der Wunsch nicht auszureisen entstand. Konkludierend kann festgestellt werden, dass je stärker das Bedürfnisse in der Bundesrepublik zu bleiben, vorhanden war, desto eher konnte ein freiwilliger Wille zur sozialen Integration festgestellt werden. Wenn die Gastarbeitereltern einst nur zum Arbeiten hierherkamen, so wollen die Kinder eher zum Leben bleiben (vgl. ebd. S. 30). Aufgrund dessen, arrangierte sich die erste Generation mit dem Gedanken, die Kinder bis zum Erwachsenenalter zu begleiten, jedoch danach in die Heimat zurückzureisen. Auch der Bias ‚Berufstätigkeit‘ gab Aufschluss darüber, inwiefern sich die Gastarbeiter im Aufnahmeland Deutschland wohlfühlten, oder nicht. Diejenigen, die sich in einer schulischen bzw. beruflichen Ausbildung oder in einem Angestellten- oder Beschäftigungsverhältnis befanden, fühlten sich viel wohler als jene, die keine Perspektive bzw. Beschäftigung hatten. Dies gründete oft darin, inwiefern der Sprache beherrscht wurde, da ein Zusammenhang der Sprache und der Berufsmöglichkeit ergo Zufriedenheit abzuzeichnen war. Jene, die sich unwohl fühlten und die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgaben, wanderten bis in die 1980er Jahre zurück (vgl. ebd. S. 41).

Schulbildung - Indikator zur sozialen Integration der Migranten

Um in einem Land zu leben, reicht es nicht nur aus, den Willen dazu zu haben. Viel wichtiger ist die Bereitschaft, sich der Gesellschaft, den Werten und Normen zu öffnen und neue Aspekte kennen zu lernen. Im Folgenden möchte ich den Faktor Schulbildung darstellen und analysieren, inwiefern sich türkischstämmige Migranten diesen zunutze gemacht haben, um die persönliche Integration zu gestalten.

Die meisten Migrantenfamilien, die als Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen, waren selbst aus bildungsfernen Familien oder hatten gerade mal die Grundschule absolviert (vgl. Becker 2010, S. 12). So kam es, dass sie sich zu Beginn der Ankunft im Aufnahmeland, in einer sozial niedrigen Position befanden. Doch die meisten gingen den „Preis der Migration“ ein - erwarteten jedoch von ihren Kindern Aufwärtsmobilität, da ihnen diese aufgrund ihrer sprachlichen, sozialen und kulturellen Barrieren verwehrt blieb (vgl. ebd.).

Ein Schulabschluss ist der Grundstein dafür, um sozialen und ökonomischen Erfolg zu erlangen. Doch selbst einen Schulabschluss zu haben, bedeutet nicht, dass eine Ausbildung angetreten werden kann. Beispielsweise ist eines der Selektionskriterien betrieblicher Entscheidungsträger der Abschluss der Schulart und dessen Qualität. Daher kann nicht davon ausgegangen werden, dass ein Schulbesuch die Ausbildungschancen der Migranten automatisch erhöht. Denn schon der Schulort und die Schulart können die Wettbewerbsmöglichkeiten und Chancen in der Gesellschaft eingrenzen. Der Sozialwissenschaftler Bötticher (1989) stellte in seinen Untersuchungen fest, dass der Erfolg in der Schule in vielfältiger Weise von der sozialen Herkunft eines Lernenden abhängt. „Die Hierarchie der Schulform korrespondiert sehr häufig mir der Hierarchie der Berufe. Während Arbeiterkinder eher niedere Schulabschlüsse absolvieren, gehen die meisten Kinder von Beamten beispielsweise auf das Gymnasium.“ (S. 155). Dies weise daraufhin, dass die Chancen eines sozialen Aufstiegs zusätzlich erschwert gewesen seien.

Doch gerade diese Nachteile schienen die Antriebskräfte zu sein. So kam es, dass jene neuen Bürger, die beschlossen hatten nicht mehr zurück in ihr Heimatland zu gehen, nicht nur damit begannen, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, sondern auch die zukünftigen ihrer Kinder. Untersuchungen ergaben, dass die Migranteneltern hohe Bildungsansprüche an ihre Kinder haben, um aus der niedrigen sozialen und Ökonomischen Situation aufzusteigen (vgl. Kao & Tienda 1995; Vallet 2005). Sie erkannten relativ schnell, dass schulische und berufliche Ausbildung einen sozialen Aufstieg ermöglichen. Meist übertrugen sie ihre Vorstellung, die sie einst nach Deutschland führte, „etwas erreichen zu wollen“, auf die zukünftige Generation. „Mach du es besser!“ oder „Hab‘ du es mal besser als wir!“ sind typische Sätze, die den Ehrgeiz und die Arbeitsmoral vieler Einwanderer reflektierten. Es wird angenommen, dass die Eltern diese Erwartungshaltung ihren Kindern gegenüber eingenommen hatten, weil sie selbst den sozialen Aufstieg und die materielle Besserstellung nicht erreichen konnten (vgl. Stüwe 1982, S. 135). Somit projizierten sie ihre Hoffnungen auf ihre Kinder, trotz der Tatsache, dass diese mit der damaligen Ausgangslage schwer realisierbar waren (vgl. ebd.).

Als Begründung überhöhter Aspirationen werden die damaligen Informationsdefizite in Bezug auf die schulische und berufliche Bildung vermutet (vgl. ebd.). Viele türkische Gastarbeiter gingen von der Vorstellung aus, dass die notwendigen Kompetenzen in Deutschland sich zu denen in der Türkei analog verhalten würden. Das bedeutet, dass die Haltung: „Man kann alles erreichen, wenn man nur fleißig und diszipliniert genug daran arbeite“ eingehalten wurde. Doch, dass zusätzlich sprachliche, soziale und kulturelle Barrieren zu bewältigen sind, wurde kaum wahrgenommen. Einen weiteren Grund für die hohen Bildungsaspirationen sehen einige qualitative Forscher in den Erfahrungen der Migranteneltern in ihrer Heimat. Die meisten Gastarbeiter gaben an, dass sie selbst nicht die Möglichkeit bekamen, einen höheren Bildungsabschluss anzustreben. Eher musste sie schon früh arbeiten gehen oder im elterlichen Landbetrieb aushelfen (vgl. Becker 2010, S. 12).

Doch trotz der hohen Bildungsansprüche vieler Eltern, bleiben die Schulleistung vieler Kinder mit Migrationshintergrund bis heute eher im befriedigten bis mangelhaften Bereich (vgl. ebd. S. 16). Mögliche Gründe können die unzureichenden Sprachkenntnisse und die fehlende Motivation sein, Leistung aufgrund extrinsischer Motive zu erbringen. Hierbei könnte die persönliche innere Spaltung, sich selbst in keine Gesellschaft eingliedern zu können, und damit das Gefühl zu haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, eine große Rolle spielen (vgl. Fereidooni 2011, S. 25). Erschwerend kommt hinzu, dass die Eltern selbst, wenn überhaupt, meistens Analphabeten sind und somit nur über geringe Schrift- und Sprachkenntnisse verfügen. Dies führt dazu, dass die Eltern ihre Kinder im Schulalltag nicht unterstützen können (vgl. ebd. S. 30).

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Details

Seiten
13
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346159939
ISBN (Buch)
9783346159946
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539699
Note
Schlagworte
gastarbeiters mitbürger

Autor

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Titel: Der Weg des türkischen Gastarbeiters zum Mitbürger