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Erziehung in Hermann Hesses "Glasperlenspiel"

Diplomarbeit 2004 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Eineitung

1. Stand der Forschung

2. Hintergründe

3. Erziehung bei Goethe – Novalis – Mann
3.1. Bildung und Erziehung
3.2. Erziehung bei Goethe
3.3. Bindung an die Romantik
3.4. Der Kollege und Freund

4. Perspektive der Erziehung im Glasperlenspiel
4.1. Institutionelle Erziehung
4.2. Die „pädagogische Provinz”
4.3. Das Menschenbild als Grundsätzliches
4.4. Der Lehrer als Meister, Diener und Opfer
4.5. Der Schüler als Individuum
4.6. Die Rolle der Musik und Meditation
4.7. Die fiktiven Lebensläufe als pädagogische Übungen

5. Excurs

6. Pflichtlektüre?
6.1. Die Begegnung
6.2. Lebensläufe

7. Zusammenfassung

0. Eineitung

In meiner Arbeit möchte ich mich mit den pädagogischen Gedanken im Hermann Hesses Werk „Das Glasperlenspiel” beschäftigen. In erster Linie untersuche ich die Rolle und Bedeutung der Erziehung, dann die daraus folgenden praxisbezogenen Erziehungsansätze.

„Das Glasperlenspiel” ist kein Werk mit rein pädagogischer Intention, wie z.B. das Früwerk „Unterm Rad” oder „Unterbrochene Schulstunde”. Diese Frühwerke haben die Schulerziehung und deren Grenzen als Hauptthema. Hesses Spätwerk enthält ein Gedankenkomplex. Es beschäftigt sich mit mehreren Hauptthemen, wie z.B. Geschichte, Musik, Schule, fernöstlicher Glaubensvorstellungen, Zeitkritik u.ä., und kann aufgefasst werden als eine Ausreifung der Hauptprobleme, ein Breviarium Hesses Lebenswerkes. Wir konzentrieren also auf die Erziehung und die damit zusammenhängenden Probleme.

Erziehung ist zu unserer Zeit wieder großer Bedeutung. In der Gesellschaft, im Schulalltag tauchen immer wieder heikle Fragen auf: Wie sollte man die nachkommenden Generationen richtig erziehen; ob das ganze, traditionelle Schulsystem diesem Ziel entspricht oder man andere Wege suchen soll – solche zeigen uns die alternativen Schulen europaweit.

Kann man aber als Erzieher „Das Glasperlenspiel” pädagogisch nutzen? Ich meine mit dieser Frage nicht, dass man das Werk als eine Art erziehungswissenschaftliches Handbuch betrachten sollte. Vielmehr meine ich damit, dass man in diesem literarischen Werk einem Ideenkomplex begegnet, das vieles in Frage stellt, viele Warnungen und auch offene Fragen enthält. Hesse macht das Katheder kaputt und von vielen wird ihm vorgeworfen, es nicht wieder und neu aufzubauen (Thomke, 2002: 123). Hesse beschäftigt dieser Bereich, auch weil er die negative Auswirkungen eines einseitigen, traditionellen Schulsystems lebens- und hautnah erfuhr, auch weil er selber Erzieher war, und nicht zuletzt weil er im „Glasperlenspiel” in der Tradition des deutschen Bildungsromans steht.

Das Glasperlenspiel ist Hesses Alterswerk, das u.a. nach H. Esselborn-Krumbiegel (1996: 17) alle wichtige Motive früherer Werke aufnimmt. So sehe ich in seinem Roman eine Fülle pädagogischer Gedanken, die uns - heutigen Lesern, Lehrern und Erziehern – keineswegs bloß utopistische Ideen überliefert, sondern – wie wir sehen werden – eine praktische und lebensnahe Pädagogie, nicht auf Grund wissenschaftlicher Abhandlungen aus dem Bereich der Erziehungswissenschaft, sondern eigene, literarisch geformte, und m.E. wohlgeformte, brauchbare pädagogische Gedanken.

Ich möchte also die pädagogischen Aspekte im Spätwerk untersuchen. Dabei wäre es wünschenswert, kurz die Begriffe „Bildung” und „Erziehung” zu klären, damit ich meinem Untersuchungsgegenstand markantere Konture geben kann. Im Blick auf die relevanten Elemente aus dem Leben des Schriftstellers wird es klar, warum Schule und Erziehung ihm zum Problem wurden.

Dann werden die intertextuelle Bezüge angesichts Hesses Schaffens und im literaturgeschichtlichen Kontext bearbeitet: Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre”, Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen” und Thomas Manns „Der Zauberberg” erweitern den Horizont.

Innerhalb Hesses Lebenswerk kann man diesbezüglich eine Entwicklung entdecken. Die frühere Werke kritisieren scharf die institutionelle Seite der traditionellen Pädagogie. Da denke ich vor allem an die Werke „Peter Camenzind”, „Demian”, „Unterm Rad”, „Unterbrochene Schulstunde”. „Narziß und Goldmund” weist schon eine differenziertere Auffassung auf, zuletzt „Das Glasperlenspiel” erweist sich als Synthese.

Erziehung hat im „Glasperlenspiel” verschiedene Perspektive bzw. Erscheinungsformen: Die institutionelle Seite der Erziehung ähnelt sich sehr der schulpädagogischen Wirklichkeit zu Hesses Zeit: ein von Hesse heftig kritisiertes Drill-Schulsystem ist auch für Kastaliens Schulen kennzeichnend. Es ergibt sich die Frage, ob Hesse es überhaupt für möglich gehalten hatte, die schulische Erziehung zu reformieren? Warum gibt er keine weisen Ratschläge durch diesen idealen Bildungsort, durch die pädagogische Provinz, wie man richtig das Schulwesen umbauen sollte?

Diese pädagogische Provinz, genannt Kastalien, hat eine interessante Rolle im „Glasperlenspiel”. Sie ist zuerst – wie gesagt – ein idealer Ort für Joseph Knechts Bildung und Erziehung. Kaum könnten wir uns eine hervorragendere Persönlichkeit als den hier erzogenen Protagonisten vorstellen. Dann wird ihre Gültigkeit bis zum Ende des Werkes stufenweise kritisiert und völlig in Frage gestellt. Das Amtverlassen Knechts ist eine sehr umstrittene Frage auch in der Fachliteratur.

Das Menschenbild von Hesse ist ein Tema, das vieles erklärt. Der Mensch bekommt in der Welt dualistische Prägungen. Was bedeutet die Zweiseitigkeit, das immer wieder auftauchende Motiv des Guten und Bösen, Geist und Natur, Welt und Kastalien?

Die Rolle der Erzieher, und die Persönlichkeit des Zöglings sind unentbehrlich, sie sind allwichtigste Komponente der Erziehung. Wie soll das nach Hesse aussehen? Gibt er hier praktische Anweisungen oder nur theoretische Grundlagen?

Eine besondere Rolle spielen im „Glasperlenspiel” die Musik und die Meditation, nichtdestoweniger die fiktiven Lebensläufe als pädagogische Übungen des Sich-Einfühlens. Die Rolle der Musik in der Erziehungswissenschaft ist zunehmend. Das Sich-Versetzen in eine andere Milieu ist heute in der Psychologie gewöhnlich.

Mein Themenwahl hat auch persönliche Gründe: Das Werk ist meine Lieblingslektüre; ich habe es mehrmals gelesen (in ungarischer Übersetzung kennen gelernt und Deutsch entdeckt). Ich finde immer wieder Stereotypen und Ähnlichkeiten in meinem Leben: Erziehungsweise des Vaterhauses, Kindheit und Jugend, Probleme mit der Ausbildung, autodidaktisches Lernen und planmäßiges Lesen bewegen mich sehr.

1. Stand der Forschung

Schon zu Hesses Lebzeit war die Kritik und auch das Publikum sehr polarisiert: Hesse lieben oder hassen. Inzwischen sind die Auseinandersetzungen wieder lebendiger geworden. Auch die Internationalen Hermann-Hesse-Kolloquien in Calw prägt diese Polarität: Der Schriftsteller Hesse wird entweder gewürdigt oder abgelehnt, kaum kann man eine neutrale Meinung bemerken (s. u.a. Michels 2003: 1ff und Philippi 2003: 1ff). Ich will „Feind” und „Freund” gleich behandeln und beide Meinungsgruppe miteinbeziehen.

Hesse wird immer wieder von der Kritik angegriffen, dass seine Werke literarisch nicht ganz anspruchsvoll oder überhaupt anspruchlos und misslungen seien (u.a. Thomke 2002: 111, Gottfried Benn, s. Decker 2002: 37). Die stärkste Kritik an Hesse stammt von Gottfried Benn: Er nennt ihn „unbedeutend”, einen „durchschnittlichen Entwicklungs-, Ehe- und Innerlichkeitsromancier – eine typisch deutsche Sache” (Chi 1976: 43).

Er hatte angesichts der Ausbildung wirklich große Schwierigkeiten, hat die Schule zwar unterbrochen, trotzdem viel gelesen und gelernt, auch wenn nur so, autodidaktisch; aber das ist überhaupt nicht minderwertig.

Der „poeta doctus” Thomas Mann äußerte sich über Hesses Dichtung in der Stimme der größten Anerkennung, das „Glasperlenspiel” sei gegenüber den „Wilhelm Meisters Wanderjahren” „eine geistige Dichtung, zwar romantisch verwuchert und arabeskenreich, aber doch völlig zusammengehalten, ein in sich ruhendes, kugelrundes Meisterwerk”, letztere aber „doch ein hoch-müde, würdevoll sklerotisches Sammelsurium” (Hermann Hesse. Thomas Mann, Briefwechsel, (1968): 103).

Bezüglich des Spätwerkes „Das Glasperlenspiel”, wofür dem Schriftsteller 1946 der Nobelpreis verliehen wurde, wird vor allem der Vorwurf des Eskapismus erwähnt (Krumbiegel 1996: 93). Danach sei das Werk ein wirkungsloses – und was dieses Wort auch impliziert: feiges – Zurückziehen in eine utopistische, rein geistige Festung der Welt Kastaliens.

Nach H. Thomke (2002: 111) sei das Glasperlenspiel eine „blutleere Allegorie”, ebensowenig helfe Tito ein Opfertod im pädagogischen Sinn.

Nichtdestoweniger heftig wurde der Roman aus feministischer Sicht kritisiert, auch seitens der Erziehung, er sei nämlich etwas mangelhaft, denn die Elitenschulen in Kastalien ausschließlich für Knaben eingerichtet sind, worauf Hesse – seiner mit Humor gewürzten Art voll entsprechend – antwortete:

Wenn in einer Dichtung nur von Männern erzählt wird, so sollte das von den Frauen nicht als eine antiweibliche Haltung angesehen werden. Eine Frau, die wirklich lesen gelernt hat […] wird an einem Kunstwerk niemals die Frage richten: warum es denn gerade diesen Stoff und nicht einen andern zum Inhalt habe. […] Und wenn es sie danach verlangt, wird sie ein Buch schreiben, in dem sie das gleiche Problem von den weiblichen Seite her darstellt. Jeder vernünftiger Mann wird ihr dafür nur dankbar sein. (Michels, Bd. 1 1973: 288)

Hesse schreibt in einem Brief an Rauscher, „Das Glasperlenspiel” würde aussprüchlich den Gelehrten geschrieben, es gebe genug Werke für nicht gebildete Leute (Michels Bd 1. 1973: 289). Aber eben die „gelehrten” Literaturkritiker schätzen in Deutschland sein Werk wenig, wie es z.B. von Michels bitter geschildert wird: „Teils ausgelacht, teils den sentimentalen Leserkreisen überlassen” (2003: 1).

G. W. Field in seinem Hesse-Kommentar (1977: 149) fasst die Fehler der Kritik zusammen. Es sei nicht die Aufgabe des Dichters, die Probleme des Lebens zu lösen, andererseits Knechts Tod lasse nicht nur negative Schlüsse zu. Dieser Meinung schließen wir uns an.

Finden wir einen Schlüssel in einem Brief von Hesse: „[Joseph Knecht] ist übrigens gar nicht poetisch erzählt, sondern ganz nüchtern wie eine sachliche Biographie” und die Welt von Kastalien muss vorgestellt werden als eine Welt von heute, „dort liegt die Absicht und die Wirkung meiner Dichtung” (Michels, Bd. 1 1973: 190)?

Man muss ohne weiteres mit V. Michels (2003: 16) übereinstimmen, falls wir die kulturgeschichtliche Tatsache, dass auch J. S. Bach, Van Gogh und Kleist lange nach ihrem Tod erst richtig verstanden und interpretiert wurden, vor Augen halten. Die Wissenschaft ist nicht allmächtig, auch die Literaturwissenschaft nicht – das lehrt uns übrigens u.a. Hesse im „Glasperlenspiel”.

2. Hintergründe

Zum nächsten Schritt muss das Werk und seine Entstehungsgeschichte kurz dargestellt werden. Meines Erachtens sind Leben des Schriftstellers und Entstehungsgeschichte für das richtige Interpretieren immer relevant. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse beeinflussen die dichterischen Darstellungen und geben über Ursachen und Definitionen Auskunft; vor allem aber beim „Glasperlenspiel”, wo schon das Zeitintervall 10-Jahre-Phase der Entstehung uns viel verrät und wo Zeitalter, Lebensschicksal des Autors und Werk so eng miteinander verknüpt sind.

Zur Zeit Hesses war die Frage der Erziehung wieder großer Bedeutung: Wegen Naziregime und Erziehungsauffassung der Nazis musste Kastaliens Pädagogie als utopistisches Symbol für wissenschaftliche und Bildungsfreiheit als Gegenpol gebildet werden.

Nach dem Ersten Welkrieg herrschte eine gesellschaftliche und auch kulturelle Krise. Dem Bürgertum tat es Leid, „die Auflösung traditioneller Werte” betrachten zu müssen. Neben diesem Verfall erneuerte sich ein Idealismus und man war überzeugt, dass die Krise durch „gesellschaftliche Leitbilder, von Eliten erzeugter, popularisierter und von einem Staat jenseits der Parteien verbürgter Sinn” durch die „Sehnsucht der Zeit nach einer Weltordnung” gelöst werden könnte (Langewiesche/Tenorth 1989: 112f). Aus diesem Hintergrung wird es klar, warum Erziehung und Bildung in der Zwischenkriegszeit so großer Bedeutung waren. Humanum ist auch ein Gegenpol zum Unordnung der Zeit des Weltkrieges. Die Nazipropaganda ersparte sich keine Mühe, auch Jugendlichen und Kinder zu sich und für sich zu erziehen. Sie wollte vor allem die Massen beeinflussen und es verlief bei den Jugendlichen durch Bewegungen (mehr dazu Langewiesche/Tenorth 1989: 20ff). Die nachwachsenden Generationen zu gewinnen, war wichtig für die Nazis.

In der Pädagogiegeschichte der Nachkriegszeit (Weimarer Republik) findet man folgenden pädagogischen Kontext: Lehrplan des Abendlandes, Persönlichkeitsprofile, Begegnungen großer Lehrer und Schüler (Michel/Michel 1994: 134).

Da darf man sich nicht ersparen, zu Hesses Biographie und Werk zurückzugreifen und relevante Elemente zu finden: Lektüre, Aufzeihnungen, Beweise aus anderen Werken seines Schaffens. In seinen autobiographischen Schriften erscheint die Problematik der Selbsterziehung sowie der Erziehung im Vaterhaus.

Erziehung – Kindheit und Jugend – haben Hesses Denken lebenslang beschäftigt. Das kann man nach dem ersten Durchlesen seiner Hauptwerke als Bilanz ziehen.

Hermann Hesses Werk – vor allem das Frühwerk: „Peter Camenzind”, „Demian”, „Unterm Rad” – durchdringt das Erinnern an Kindheit und Jugend. Er schildert sehr häufig die innere Vorgänge: Entwicklungen, Krisen in der Kinderpsyche. Er ist einer der wenigen Autoren, die die Kindheit genau und einfühlsam schilderten. Unter den unten betrachteten Werken ist vielleicht nur „Wilhelm Meister Wanderjahre” von Goethe zu nennen, das sich mit diesem Lebensalter tiefer beschäftigt. Es konzentriert sich aber weniger auf die Kinderseele und stellt kaum so genau als Hesse die Kinderseele dar.

Das ist kein Zufall. Der im Jahr 1877 in Calw, im nördlichen Schwaben geborene Autor wies schon als Kind eine auffallende Empfindlichkeit auf. Der Vater berichtete in einem Brief, dass er lange den Mond beobachte, auf dem Harmonium phantasiere und singe und Reime mache (Zeller 1996: 17).

Im Hesses Leben begannen die Krisen frühzeitig. Das Kleinkind musste schon früh hart erzogen werden, wie es in den Tagebücher der Mutter steht. Die strenge pietistische Eltern waren wahrscheinlich ungeduldig, sie reagierten auf die Probleme aufgeregt, sperrten Hesse ein usw. (Zeller 1996: 15f).

Die Eltern versuchten es, Hesse auf den evangelisch-theologischen Laufbahn zu bestimmmen, sie wollten ihn zum Pfarrer ausbilden lassen. Dazu führte damals in Württemberg eine strenge und – pädagogisch und dem Lehrstoff nach – einseitig eingerichtete Bildungsweg, ein Schulsystem, das Ausgangspunkt vieler Probleme wurde.

Im 1890 wurde Hesse nach Göppingen gebracht, um dort auf das Landexamen gründlich vorbereitet zu werden. Er bestand es 1891 und ging nach Maulbronn, in das Seminar. Dieses Seminar war eine der württembergischen Bildungseinrichtungen, die in Deutschland fast ohne Vergleich standen. Einerseits waren sie traditionelle, hochgeschätzte Eliteschulen, in die ausschließlich nach intellektuellen Leistungen ausgewählten Schüler aus Schwabenland aufgenommen wurden, andererseits – ihrem Bildungsideal nach – waren sie Träger humanistisch-protestantischer Traditionen mit einem sehr anspruchslosem, den katholischen Männerklöstern ähnlichem Lebensideal (Zeller 1996: 20ff). „Maulbronn ist geschildert in meinem Buch „Unterm Rad” […] [dort] fingen meine Nöte an” – schreibt Hesse 1923 in den „Biographischen Notizen” (Hesse 1993: 14). Diese Periode ist zuerst im Werk „Unterm Rad” in einem engeren Horizont, in dem der Vater-Sohn-Beziehung dargestellt und es enthält unmittelbare und erkennbare Anspielungen an Hesses eigene Familienverhältnisse (vgl. Ball: Hermann Hesse). Im „Glasperlenspiel” wird dagegen die Familie aus der Erziehung völlig ausgeschaltet, das Schulsystem spiegelt das Württembergische wider (Decker 2002: 152f) und wird viel neutraler als im „Unterm Rad” betrachtet – seine Rolle als Elitensiebe wird anerkannt.

Der – ausgenommen in Mathematik – durchaus gute Schüler konnte auch im Gymnasium Cannstatt nicht lange aushalten (siehe dazu Hesse 1993: 14), so dass er endlich seine ganze schulische Ausbildung aufgab und mit 17 Jahren berufstätig wurde.

Es bedeutete aber keineswegs ein Ende des Bildungsweges. Der Junge Mechaniker und später Buchhändler Hesse fing mit dem Selbststudium an. Er liest und studiert planmäßig die deutsche Literatur. Abbebildet werden diese freie Studien im „Glasperlenspiel”, wo eine relativ freie Studienzeit nach den strengen Schuljahren kommt.

Nur nach diesen biographischen Vorbemerkungen kann man die Erziehung im „Glasperlenspiel” besser verstehen, auch das, warum die Familie in ihm bei Joseph Knechts Werdegang fehlt: Es wurde die Vater-Sohn-Beziehung in eine Meister-Schüler-Beziehung umwandelt.

3. Erziehung bei Goethe – Novalis – Mann

3.1. Bildung und Erziehung

Zuerst sollten die Begriffe Bildung und Erziehung kurz erwähnt werden, wobei Bildung nach einigen Nachschlagwerken von Erziehung abzugrenzen sei. Erziehung beziehe sich auf die äußeren Kräfte: Lehrer, andere Schüler, vor allem aber Lernsituationen. Bildung sei dagegen eine innere Selbstentfaltung. (Epochen der deutschen Literatur - Band 2: Sturm und Drang. Klassik (c) 1999 Philipp Reclam jun., Stuttgart, und Directmedia Publishing, Berlin.; Brockhaus multimedial2000: Bildung, Erziehung)

In Hinsicht zu Hesses Glasperlenspiel wird diese Frage der Unterscheidung sehr wichtig. Denken wir an Hesses Auffassung über die traditionelle Erziehung und die Erziehung im Glasperlenspiel, wird es klar, dass auch bei ihm Bildung als innere Selbstentfaltung den Begriff Erziehung voraussetzt, wobei letztere eine Aufgabe einiger beteiligten Personen (vor allem Meister und Freunde) ist, die zur Bildung des Menschen, was als ideales Ziel aufgefasst wird, führt.

3.2. Erziehung bei Goethe

Unter Johann Wolfgang von Goethes Zeitgenossen waren die großen Reformer der Pädagogie. Da denkt man vor allem an Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi (Niedermeier 1998: 824). Der Gedanke „pädagogische Provinz” im „Wilhelm Meister Wanderjahren” steht nach meiner Arbeitshypothese mit dem des „Glasperlenspieles” im engen Zusammenhang.

Was sind aber die Ähnlichkeiten und wo findet man wichtige Unterschiede? Könnte man mit vielen Forschern sagen, dass „Wilhelm Meister” als Vorbild zum „Glasperlenspiel” betrachtet werden soll (u.a. Michel/Michel 1994: 163; Esselborn-Krumbiegel 1996: 92)? Ist dieser Zusammenhang bewusst oder nicht bewusst? Wie äußert sich Hesse selbst dazu?

Eins ist sicher: Hesse lehnt einen Vergleich bezüglich der Gestalt des Alt-Musikmeisters ausgespochen ab. In einem Brief an I. Halpert schreibt er: „Ich habe beim Musikmeister nicht am mindesten an Goethe gedacht […] in meinen Augen ist Goethe ein wesentlich anderer Charakter, […] vor allem aktiver” (Pfeifer 1990: 288; Michels 1973: 301).

Anderseits ist die Forschung einig, dass mindestens „die pädagogische Provinz” (ausgesprochen im Werk, S. 65) und die konträre Namenswahl (Knecht gegen Meister) einen bewussten Rückblick auf die Wilhelm Meister Romane vor allem auf die „Wanderjahre” voraussetzen. Beweise für die besondere Interesse an Goethe findet man sowohl in der Biographie als auch vom Autor selbst, z.B. das Goethe-Klassenjahrbuch in Maulbronn: „Er gründet eine Art Klassenjahrbuch für Goethestudien, muß es aber mangels geeigneter Mitarbeiter eingehen lassen” (Ball; vgl. Decker 2002: 97f). Hesse hatte m.E. ein ambivalentes Verhältnis zu Goethe, was in „Dank an Goethe” beschrieben ist: „Bei Goethe dem Dichter war viel zu genießen, aber nichts zu lernen. […] Dagegen war der Literat […] Goethe mir sehr bald ein großes Problem geworden.” (Hesse 1994: 269)

Das Ziel der Erziehung ist sowohl bei Goethe als auch bei Hesse in einem humanen, ganzheitlichen Menschenideal aufzufinden. Als Unterschied ist aufzufassen, dass während Goethe nach seinem klassischen Ideal den Menschen als Ganzheit zu bilden versucht und bei ihm Körper und Geist ausgeglichene, ja symmetrische Seiten des Ganzen Menschen sind, demzufolge seine ideale Erziehung im pädagogischen Provinz beide dieser Seiten erzielt und erzieht, (siehe die „berufsorientierte Erziehung” und die ganzheitliche Erziehung in „Arbeit, Spiel, Sport, Musik, Naturanschauung und Bildung” (Niedermeier 1998: 826) im Roman „Wilhelm Meister Wanderjahre”), sind im „Glasperlenspiel” beide als Gegenpole gegenübergestellt: Welt und Orden, Körper (=Natur) und Geist (=Wissenschaft) kämpfen in Hesses dualistischer Gedankenwelt, das Ziel ist aber doch ein Mensch nach dem klassischen Ideal; die kritisch-parodistische Grundhaltung des Werkes gegenüber der übertriebenen fachwissenschaftlichen Haarspaltung in Kastalien und die Tatsache, dass Knechts Entwicklungsweg gen Vollkommenheit dieser weltentfremdeten Geistigkeit auswärts führt, legen m.E. ein Zeugnis für die Akzeptierung des klassischen Ideals.

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Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638492515
ISBN (Buch)
9783640128006
Dateigröße
902 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v53936
Institution / Hochschule
Kodolányi János Föiskola
Note
sehr gut
Schlagworte
Erziehung Hermann Hesses Glasperlenspiel

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Titel: Erziehung in Hermann Hesses "Glasperlenspiel"